Review: White Lies

white-lies-friendsWhite Lies – „Friends“

Der letzte Text auf diesem Blog ging über die Kaiser Chiefs und ihre Versuche, am Ball zu bleiben, trotz massiver Einbrüche nach 2008/2009. Es ist eine Karrierekurve, die sich bei vielen englischen Bands spiegelt. Nach dem großen Indieboom von 2005-2008 waren Gitarren auf der Insel erst mal massiv out und fast alle Acts wurden in Mitleidenschaft gezogen. Selbst große Namen wie Bloc Party oder Franz Ferdinand spielen seitdem nur noch in der zweiten Liga, andere wie z.B. Hard-Fi oder The Feeling sind noch tiefer abgestiegen. Nun ist es natürlich nicht korrekt, künstlerischen und kommerziellen Erfolg gleichzusetzen. Aber wenn man als Band existieren will, braucht man von letzterem zumindest ein gewisses Maß, um überhaupt über die Runden zu kommen.

Auch die Frage „Was machen wir beim nächsten Album neu und anders?“ ist eine, die man sich aus künstlerischen Gesichtspunkten sowieso stellen sollte. Aber wenn der Karrierepfeil nach unten zeigt und man das Steuer herumreissen will, ist es auch aus kommerziellen Gründen eine Notwendigkeit, sich ihr zu widmen. Die Kaiser Chiefs haben sie radikal beantwortet, indem sie sich einem kompletten Reboot unterzogen haben. Die White Lies gehen nicht so weit, aber sie haben sich auf ihrem vierten Album zumindest umorientiert.

Auch hier erst mal ein Blick zurück: Das Trio aus London hat einen definitiven Song, der sein weiteres Schaffen in den Schatten stellt. „To Lose My Life“ erschien wie das gleichnamige Album im Januar 2009. Der Januar ist traditionell ein release-schwacher Monat, insofern mag es getäuscht haben, als die Platte von 0 auf 1 in die UK-Charts ging. Aber dieser Einstieg war ein Paukenschlag und alle horchten auf. In jenem Jahr war „To Lose My Life“ dann absolute Pflicht im Atomic-Set und auch die weiteren Singles wie „Death“ oder „Farewell To The Fairground“ zogen immer. Obwohl es mit UK-Indie bereits massiv abwärts ging, die White Lies mit ihrem dunkelpoppigen Sound in der Mitte zwischen Interpol/Editors auf der einen und Killers auf der anderen Seite waren die Ausnahme der Regel und sowas wie die UK-Hype-Band der Saison.

Diesen Schwung haben sie jedoch auf ihre beiden folgenden Alben nicht mitnehmen können. Musikalisch traten sie beim Nachfolger „Ritual“ (2011) auf der Stelle, ohne noch mal einen Hit im Köcher zu haben. Mein Bezugspunkt ist ja immer der Atomic Dancefloor – während „To Lose My Life“ angesagt blieb, fegte man mit der neuen Single „Bigger Than Us“ die Tanzfläche leer und erntete nur fragende Gesichter. Es war beim Debüt schon so, dass der White Lies-Sound ziemlich durchschaubar, bombastisch und bierernst angelegt war. Aber da hatten sie die Ohrwürmer geliefert, wegen derer man darüber hinweg sehen konnte. Auf „Ritual“ blieben die aus.

Was das dritte Album „Big TV“ (2013) angeht – da war ich regelrecht positiv überrascht. Vielleicht waren meine Erwartungen weit herunter geschraubt, aber dieses Album konnte für meinen Geschmack mit dem Debüt durchaus mithalten. Was sich in Verkaufszahlen allerdings nicht spiegelte. Die White Lies verloren ihren Plattenvertrag bzw. bekamen keine Verlängerung.

whiteliesWas für ein Band natürlich eine Zäsur ist. Da fragt man sich: „Wollen wir weitermachen? Wenn ja, WIE?“ Harry McVie, Charles Cave und Jack Lawrence-Brown entschieden sich, die Sache in die eigene Hand zu nehmen. Ein neues Album auf eigene Kosten und nach eigenem Zeitplan aufzunehmen und damit neue Labels zu suchen und nicht etwa erst ein Label zu finden und dann von Geldgebern, Zeitplänen und Vorstellungen von außen beeinflusst zu werden.

Vielleicht ist mit dieser Entscheidung eine gewisse Lockerheit gekommen. Denn was bei „Friends“ als erstes auffällt, ist dass die Düsternis sich aufgehellt hat. Zweitens: Die Band setzt heute mehr auf Synthies und 80s-Pop als je zuvor, so sehr, dass sie manchmal sogar in die Tackiness abrutschen („Hold Back Your Love“). Okay, auch das ist nicht der originellste Schritt, 80s-Revival  wird uns seit über einem Jahrzehnt um die Ohren gehauen. Aber das darf man hier gerne mal egal finden, denn als Wiedergänger von Wang Chung und Men Without Hats sind die White Lies auf jeden Fall drolliger, als als ewige mit-U2-Pathos-den-Tod-herauf-Beschwörer.

Okay, die Frage ist, ob die Fans, die dem Trio bisher die Stange gehalten haben, nicht vielleicht gerade diesen Beinahe-Goth-Aspekt der Band als ihr herausragendes Feature sahen. Gut möglich, dass eine lightere White Lies-Variante nicht überall mit offenen Armen empfangen wird. Ich aber finde für meinen Teil, dass ihre Kurskorrektur eine gelungene ist. Ich kann mir sogar erstmals seit Langem wieder vorstellen, einen Track der Band auf den Indie-Dancefloor zu feuern (bald, bald ist es hoffentlich so weit – doch, wirklich, das CRISP kommt!), ohne damit Tänzer zu verjagen.

Es wird abzusehen bleiben, ob die White Lies mit dieser Platte ihre Karrierekurve wirklich wieder nach oben biegen können. Aber als Versuch, die Dinge mal ein bisschen anders anzugehen und beim vierten Album mal wieder ein bisschen Schwung in die Sache zu kriegen, ist „Friends“ schon mal geglückt.

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