Review: Kaiser Chiefs

kaiserchiefsstaytogetherKaiser Chiefs – „Stay Together“

Macht’s gut, Kaiser Chiefs.

Eigentlich bin ich eine treue Seele. Ich halte Bands lange die Stange. Ich erlaube ihnen, mal ein mieses Album zu machen und höre mir die nächste wieder mit offenen Ohren an. Auch den Kaiser Chiefs bin ich ewig zur Seite gestanden. Aus Nostalgie. Aber jetzt trennen sich unsere Wege.

Erinnern wir uns an bessere Tage: „Employment“ (2005) war einfach eine Platte, die uns eine wahnsinnig gute Zeit bereitete. Was für Hits! „I Predict A Riot“, „Oh My God“, „Every Day I Love You Less And Less“, „Modern World“ – die prägten nicht nur eine Atomic Saison, sondern sie blieben unkaputtbar. Sie holten Britpop-Euphorie auf den Dancefloor zurück, man musste einfach mitfeiern.

Okay, an „Ruby“ hatte man sich dann schnell satt gehört. Zumal das zweite Album „Yours Truly, Angry Mob“ (2007) daneben einfach keinen weiteren Song bot, an den man sich heute erinnert. Bei „Off With Their Heads“ (2008) war es dann schon so, als hätte die Welt die Kaiser Chiefs vergessen. Ich aber habe mir die Platte damals schön gehört. Ich wollte nicht, dass etwas mies ist, das doch sogar von Mark Ronson produziert war. Ich fand, „Never Miss A Beat“ und „Good Days, Bad Days“ seien nicht schlechter als die Hits vom Debüt, aber den Atomic-Dancefloor machte man damit genauso leer wie mit „Little Shocks“ (in meinen Augen ihr bestes Lied seit „Employment“) von „The Future Is Medieval“ (2011). Inzwischen waren die Aktien der Kaiser Chiefs tief gefallen, aber so ging es ja jeder Indie-Gitarrenband auf der Insel. Ich erwischte die fünf aus Leeds mal wieder live, sie hauten eine echt begeisternde Hitparade raus und ich entschied, weiter ihr Cheerleader zu bleiben.

Dann stieg auch noch ihr Songwriter, Drummer Nick Hodgson, aus. Das machte die Übriggebliebenen zu Underdogs, denn jetzt standen ja alle Chancen dagegen, dass es mit ihnen noch mal aufwärts gehen würde. Ich fand es deshalb okay, dass Sänger Ricky Wilson nun als Juror zu „The Voice UK“ ging. Mein Argument: Wenn er denn den Kids da draußen zeigen konnte, dass auch Indie-Wege zur Popstar-Existenz führen könnten und er ein Gegengewicht zur lackierten Juhu-Popwelt gäbe, wäre das kein Sellout, sondern er könnte sogar eine Rolle als unser Agent auf der anderen Seite einnehmen. Ich freute mich, dass Rickys neue TV-Prominenz ihr fünftes Album „Education, Education, Education and War“ (2014) zurück auf die UK-Nummer 1 katapultierte und ich fand, hey, dafür, dass ihr Haupt-Autor nicht mehr dabei war, waren „Meanwhile Up In Heaven“ und „Coming Home“ doch erstaunlich okaye Songs. Ich meinte es gut. Ich wollte keiner von denen sein, die die Band hängen ließen.

Ricky Wilson ist inzwischen bei „The Voice UK“ ausgestiegen. Aber das Mainstream-Publikum, das er mit der Show erreicht hat, das wollen die Kaiser Chiefs behalten. Deswegen ist „Stay Together“ ihr Pop-Album geworden. Die Songs ließen sie sich von Brian Higgins vom Producer-Team Xenomania schreiben und produzieren – dem Mann, der vor ein paar Jahren als Svengali hinter Sugababes, Girls Aloud oder The Saturdays ein Segment des Chartpop prägte. Keine Frage, Xenomania hat das Genre Pop sicherlich in eine intelligentere, progressivere Richtung bewegt. Aber die Zeiten, in denen die Production Company die Speerspitze des neuen Pop war, die sind, uuh, auch schon über ein Jahrzehnt her.

kaiserchiefsWas ja nichts heißen muss. Einer meiner Kumpels findet die neuen Kaiser Chiefs V2.0 als erklärte Popband klasse. Aber ich bin nun mal ein Indie-Heini. Mir tut’s weh, wenn ich die Band mit standardisierten Beats statt richtigen Drums höre, mit standardisiertem Studio-Sounds statt Gitarren, mit dem ewigen „Millenial Whoop“ statt „Whhoooooh“s vorm Refrain.

Okay, ich sehe ein, die Gitarren der Kaiser Chiefs, die waren ja längst genauso standardisiert, nur halt für die Indiewelt. Ich sehe ein, dass die Band dringend ein Update brauchte, weil sie im Kreis lief. Ich sehe ein, dass eine weitere typische Kaiser Chiefs-Gitarrenplatte niemandem mehr was gebracht hätte. Ich sehe ein, dass es auch ein Befreiungsschlag ist, zu sagen: „Scheiß auf Indie-Credentials – wir gehen jetzt aggressiv auf die Popcharts!“

Aber ich darf jetzt auch sagen: „Sorry, das ist nicht mehr meine Welt. Sorry, das gefällt mir einfach nicht!“ Ich höre privat keine Katy Perry und keine Ellie Goulding – weil das einfach nicht das ist, was ich mag. Ich werde jetzt nicht anfangen, solche Musik zu hören, weil „Kaiser Chiefs“ drauf steht. An der Single „Parachutes“ gibt es NICHTS, das mich irgendwie anspricht. Das ist mir zu geleckt, zu poliert, zu tausendmal gehört.

Dabei bin ich ja gar kein Mensch mit grundsätzlicher Pop-Phobie – mit, sagen wir, Robyn, frühen Icona Pop, Rex The Dog oder Kate Boy konnte ich immer was anfangen. Aber es ist ja nicht so, dass die Kaiser Chiefs sich gleich in der Spitzengruppe der Neues-Terrain-Erschließer wiederfinden würden. Sie bewegen sich auf dieser Platte irgendwo im mittleren Durchschnitt.

Was bedeutet, dass es neben ein paar Totalausfällen sogar Momente gibt, die auch ich voll okay finden kann. „Why Do You Do It To Me“ zum Beispiel: Da klingen die elektronifizierten Kaiser Chiefs mehr nach New Order-Albumtrack als auf Hitparade gebürstet. Auch der Quasi-Titelsong „We Stay Together“ hat einen Refrain, der echten Zug entwickelt.

Tja. Je länger ich das Album höre, umso sicherer bin ich mir, dass es absolut das Richtige war für die Kaiser Chiefs, diesen Schritt zu gehen. Dass sie mit einer weiteren Gitarrenplatte endgültig im Morast stecken geblieben wären und ich an einem solchen Album vielleicht sogar noch weniger Spaß gefunden hätte als an „Stay Together“, das mir wenigstens zwischendurch mal was gibt.

Aber nichtsdestotrotz: Ricky Wilson & Co haben sich hiermit zum Pop verabschiedet. Das war ihr gutes Recht. Aber es bedeutet, dass ich ihnen auch keine sentimentale Loyalität mehr schuldig bin. Dass ich mir nicht mehr einreden muss, ihr neues Material sei okayer, als es ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mir „Stay Together“ noch mal freiwillig anhöre. (Okay, wenn ich ehrlich bin, kann ich mir genauso wenig vorstellen, „Education, Education, Education and War“ noch mal am Stück zu starten.)

Macht’s gut, Kaiser Chiefs. Wir hatten gute Zeiten. Aber die letzten Jahre haben wir nur versucht, den Funken unserer früheren Jahre noch mal zu entfachen, ohne dass es klappte. Euer Abgang hat mir das erst so richtig vor Augen geführt. Jetzt hoffe ich, dass ihr mit euren neuen Partnern glücklich werdet.

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VEVO-Video: Kaiser Chiefs „Hole In My Soul“

2 Kommentare zu „Review: Kaiser Chiefs“

  1. Du tust mir leid. Weil Sie nicht in der Lage sind zu genießen, und stattdessen entscheiden, in Ihrer Melancholie zu sterben. Du warst nie ein echter Fan, erst jetzt merkt man es. Ich bin dankbar, dass ich vor ein paar Monaten die Kaisers kennengelernt habe. Weil ich keinen voreingenommenen Geist habe und ich rückwärts navigieren kann. Vielleicht kann ich, wenn ich die ganze Diskographie höre, Ihre bittere Frustration verstehen. Aber ich habe meine Wahrheit. Und die KC wird einige Fans verlieren, aber sie werden hunderte mehr gewinnen, so wie ich. Ich glaube nicht, dass sie dich vermissen, ehrlich.

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    1. Danke fürs Feedback, ich freue mich immer drüber, auch wenn’s negativ ist. Tja, was dieses Kaiser Chiefs-Album angeht, da sind wir wohl verschiedener Meinung.
      Widersprechen muss ich auch, wenn du sagst, ich könne nicht genießen. Lies dir hier ein paar Texte durch und du wirst sehen, dass auf meinem Blog meistens Schwärmerei und Begeisterung zu finden ist. Ich würde meine Freizeit ja nicht für diese Arbeit an dieser Seite verwenden, wenn ich nur lästern wollen würde. Nein, meistens geht’s darum, Lieblingsmusik zu bejubeln.
      Zum Punkt: „Du warst nie echter Fan“ – ich glaube nicht, dass Fan sein bedeutet, dass man einer Band auf ewig unkritisch gegenüberstehen muss.
      Aber ich freue mich auch, dass du eine Lieblingsband gefunden hast und so viele Emotionen mit ihr verknüpfst, dass du sie verteidigen willst. So soll’s sein.
      Klick hier doch ruhig noch ein bisschen rum, vielleicht entdeckst du ja Bands, die dir gefallen. Denn ich betreibe diese Seite nicht, um Negatives zu verbreiten, auch wenn dieser Text mal ausnahmsweise ein Verriss war. Meine eigentliche Hoffnung ist, mit diesem Blog auf gute Bands aufmerksam zu machen. Alles klar, rock on!

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