Review: Jack River

Jack River – „Highway Songs #2“ EP

Man hat früher ja auch immer Lieblingslabels gehabt. Wo zum Beispiel „Creation“ drauf stand, das war normalerweise prima, weil Alan McGee leidenschaftlich und geschmackssicher unterwegs war. Aktuell lautet das Zauberwort „I Oh You“ und stammt aus Sydney. Johann Ponniah heisst der Mann, der down under als Trüffelschwein unterwegs ist und uns einige der tollsten australischen Bands zutage gefördert hat. DMA’s, Snakadaktal (leider schon getrennt) und City Calm Down gehören zu meinen Spitzenfavoriten der letzten Jahre, und auch wenn ich in Sachen Punkpop/Grunge weniger versiert bin, kann ich doch erkennen, dass DZ Deathrays, Bleeding Knees Club und Violent Soho hier ganz weit vorne sind. Was ich sagen will, ist: Wenn Johann Ponniah jemanden signt, dann sollte man sich das anhören. Jack River ist die Neue auf I Oh You.

Ein Mädel namens Jack? Holly Rankin hatte zwei Schulfreundinnen, als Teenager gab man sich zum Spaß Piraten-Alter Egos und Holly war eben Jack River. Ich finde es schon mal sympathisch, dass dieser Name überdauert hat – zumal: Shakey Graves hat eine ganz ähnliche Geschichte, da gaben er und eine Gruppe Kumpels sich gegenseitig Gruselnamen. (Das hat mit Jack River nichts zu tun, ist aber eine coole Assoziation.)

Was macht sie denn, die gute Jack? Sie ist eine Singer/Songwriterin. Und jetzt stehen wir wieder vor dem üblichen Problem: Erklären, warum der eine Singer/Songwriter prima ist und der andere nicht, obwohl beide doch in der gleichen Disziplin unterwegs sind und alles auf einer Gitarre angefangen hat.

Machen wir’s einfach: Jack River schreibt in der Tat starke Songs. Lieder, die mit eleganten Melodien ins Ohr gehen, deren Texte gewandt formuliert sind, die stimmig arrangiert sind und die, das ist das wichtigste, Geschichten erzählen und Situationen so auf den Punkt bringen, dass man sie als Hörer miterlebt.

Die Worte „Fleetwood“ und „Mac“ sind eine Krücke geworden – in den letzten Jahren hat man alles, was irgendwie nach Seventies-Poprock klang, vorsichtshalber gleich erst mal mit Fleetwood Mac verglichen. Der erste Song hier, „Palo Alto“, ist einer der wenigen, der diesem Vergleich standhält. Da höre ich tatsächlich eine junge Stevie Nicks, die ein Liebeslied voller Fernweh und Verlustangst zum Besten gibt. Fernweh, denn Jack singt zwar „We’re driving to Mexico from Palo Alto“, Palo Alto war in dem Fall aber ein Gebäude in Sydney und man war unterwegs zum Bondi Beach). Verlustangst,  weil hier das Gefühl einer Liebe eingefangen wird, deren Ende man schon kommen sieht. Die Zeile „I won’t know where to go if your love hurts me“ ist ein Killer.

jack-river„Head To Stars“ ist einfacher gestrickt, es ist einfach eine Akustikgitarrenballade mit ein bisschen Keyboards und versteckter E-Gitarre. Aber auch hier ist die Melodie fein und der Text interessant. Jack schrieb den Song mit 17. „ Ich war in einer kaputten Beziehung. Ich erinnere mich an den Abend, ich saß am Strand, sah in den Himmel und wartete auf Sternschnuppen. Dabei fiel mir auf: Wenn man eine Sternschnuppe sieht, erlebt man ihr Ende. Mir wurde klar, dass ich für diese Person nicht verglühen wollte.“ (so erzählt der Website Yen)

„Talk Like That“ ist ein zweites Highlight. Im steten, brodelnd dahin schleichenden Modus einer weniger technologischen Lorde singt Jack ein Lied der Sorte „unerwiderte Liebe“. Jack beobachtet ein anderes Mädchen, wie sie um ihren Schwarm herum scharwenzelt. Aber es ist nicht die reine Eifersucht, sondern auch Trotz und eine Art Stolz, der sie singen lässt: „I won’t talk like that, I won’t dance around you, I won’t move like that“. Jetzt sagt mir, ihr habt das noch nicht erlebt – dass die Person, die ihr gerade super findet, von jemandem angegraben wird, den ihr peinlich und durchschaubar findet, so dass ihr euch sagt: „Näh, nicht mit mir! Mich da jetzt einzumischen, das ist ja regelrecht unter meiner Würde.“ Niedergeschlagen, dass euer Objekt der Begierde euch nicht wahrnimmt und auf die andere Person offenbar reinfällt, seid ihr trotzdem. Hatte diese Situation schon ihr Lied? Sie hat es jetzt.

Unerwiderte Liebe ist auch das Thema von „Dreamgirl“, aber unerwiderte Liebe ist nun mal ein eine unerschöpfliche Mine für Popsongs. Hier reagiert Jack ganz anders. „I lie awake at night, thinking about your dreamgirl“ singt sie bemerkenswert fröhlich. „In another place, in another time, you could have been mine. […] If you find her, it’s okay. I’m talking about your dreamgirl.“  Die Frage ist, ob wir ihr das so abnehmen sollen oder ob die zur Schau gestellte Happyness nicht erst recht eine Besessenheit kaschiert. So oder so, auch wieder ein Song, der einen auf eine Reise ins Innere mitnimmt.

Zum Schluß gibt’s noch eine Coverversion. „Nothing’s Gonna Hurt You Baby“ von den New Yorkern Cigarettes After Sex ist zweifellos ein feines Lied, das von Jack hier schön Mazzy Star-esk umgesetzt wird.

Umrahmt werden einem Intro und einem Outro – auf die ich hier nicht weiter eingehe. So oder so stellt sich mit „Highway Songs #2“ nicht nur ein vielseitiges neues Talent auf der Indiepop-Bühne vor, sondern jemand, der schon auf seiner ersten EP ein paar echte Knüller liefert. Musikalisch ist dies nicht revolutionär, klar, es ist Gitarrenpop, der sogar im Radio laufen könnte, in einem Sender, der Boy oder die Cardigans spielt – oder der „Gypsy“ von Fleetwood Mac noch im Programm hat. Aber der Punkt ist hier, dass die Sydneysiderin eine gute Kommunikatorin ist. Sie hat einen präzisen Zugang zu ihrer Gefühlswelt und sie formuliert ihre inneren Analysen so clever in prägnante und diese Emotionen unterstreichende Popsongs um, dass man als Hörer diese Gefühle schließlich wieder mit aufnimmt. Wenn man das kann, macht man starke Musik.

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