Interview: Miike Snow

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Im August waren Miike Snow auf ihrer Tour im Technikum in München – ich nutzte die Gelegenheit, um mit Andrew Wyatt und Pontus Winnberg (Christian Karlsson war nicht dabei, er tourt mit seinem zweiten Projekt Galantis) unseren piranha-Fragebogen namens „Bloß nichts über Musik“ durchzuspielen.

Ein „normales“ Interview zu ihrem letzten Album „iii“ gab’s hier ja schon – aber ich mag diese Fragebogen-Interview besonders gerne, weil sie in sehr interessante Richtungen abdriften können und uns Seiten der Bands zeigen, die wir normal nicht zu Gesicht bekommen. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Miike Snow vor ihren Konzerten besonders gerne in den Tourneestädten durch Second Hand-Läden und Antiquitätenmärkte stöbern? Als ich vor der Halle auf die Band warte, kommt Andrew Wyatt mit einem Taxi vorgefahren und entnimmt dem Kofferraum ein postergroßes, flaches Paket. Hat er ein Bild gekauft? Ich erfahre mehr, als ich in den Backstageraum geführt werde und mich als der heutige Interviewer vorstelle. Als ich mein Aufnahmegerät anschalte, erzählt Andrew seinem Bandkollegen Pontus gerade von seiner neuen Errungenschaft…

Andrew Wyatt: … und jetzt haben sie es mir in Bubblewrap eingepackt, das heißt, jetzt nehme ich’s einfach mit. Ich muss keine Versandgebühren zahlen. Das Ding ist auch superleicht.

Pontus Winnberg: Wow. Verstehe.

Andrew: Ich muss nicht nur keine Versandgebühren zahlen, sondern auch nicht diese Extra-Gebühren, die ich hätte zahlen müssen, wenn ich das über einen Internet-Händler bestellt hätte.

Pontus: Super!

Du warst einkaufen? Ich habe dich ankommen sehen mit zwei Paketen. Das eine davon schien… ein Bild gewesen zu sein?

Andrew: Ja, ich habe eingekauft. Eine Designerlampe und einen Spiegel habe ich gekauft. Einen Badezimmerspiegel. Art-Deco, aber man kann seine Zahnbürste und seinen Zahnputzbecher abstellen, es hat so eine kleine Ablage integriert für die Körperpflegemittel – und den habe ich für 150€ gekriegt!

Macht ihr das in jeder Stadt, dass ihr nach Schnäppchen jagt?

Andrew: Muss man ja! Das Tourleben hat so viele Nachteile, dass man sich auch erlauben muss, auch seinen Nutzen aus den positiven Seiten zu ziehen.

Pontus: Normalerweise haben wir Fahrräder mit im Gepäck dabei, aber die sind gerade in Amerika. Das macht alles viel leichter. Wenn man einen Club spielt wie diesen, der nicht total außerhalb der Stadt liegt, macht es total Sinn, mal eben mit dem Fahrrad in die Stadt zu fahren. Da kann man sich in einer Stunde sehr gut beschäftigen.

Ihr könnt die Mieträder ja auf euren Rider schreiben lassen. Dass der lokale Promoter sie vorbereiten lässt.

Pontus: Das ist ne gute Idee!

Die Shout Out Louds tun das meines Wissens.

Pontus: Ja?

Andrew: Lass uns das auch machen! Danke! Super Idee.

So – beginnen wir mit unserem Fragebogen. Wobei ich finde, das eben passt schon dazu. Denn wenn ihr uns hier erzählt, dass Miike Snow vor ihren Konzerten die Kunstläden und Flohmärkte ihrer Tour-Orte besuchen, dann ist das ja schon so ein Einblick in die Band, den man normal nicht kriegt – und darum geht es hier ja.

Andrew: Cool. Danke.

So, unsere erste Frage ist immer: Was ist euer Drink?

Pontus: Hmm – auf dieser Tour würde ich sagen, es ist der Mix, den Andrew immer mit dem Juicer macht. Verrätst du ihm dein Rezept?

Andrew: Aber klar: Ingwer, genug Ingwer, dass es fast eine Hand groß ist. Eine Zitrone, eine Limette, vier grüne Äpfel – und ein Kopf Palmkohl.

Und das kommt alles in den Juicer.

Andrew: Genau.

Ihr seid an dem Punkt in der Karriere einer Band,…

Andrew: … an dem wir uns gesund ernähren. Haha, das hast du schon eine Million mal gesehen, was?

Pontus: Kein Jameson’s, keine sonderbaren Umschläge, in denen sich sonderbare Substanzen befinden.

Ich bin in meinem eigenen Leben ja an einem ähnlichen Punkt. Ich radle jetzt am Wochenende, statt feiern zu gehen.

Andrew: Yeah. Wenn die grauen Haare in deinem Bart auftauchen, das ist der Punkt, an dem das los geht.

Pontus: Lustigerweise habe ich darüber neulich auch mit Sebastian gesprochen: Man gewinnt dem Morgen heute mehr ab als dem Abend. Sebastian ist auch ein Musiker aus Stockholm.

Aber die Beobachtung stimmt! Ich liebe die Morgensonne!

Andrew: Genau!

Und ich bin superfroh, wenn ich keinen Kater habe!

Pontus: Yeah! Richtig – Man will den Morgen fast nicht verpassen! Und man hat Spaß an seinen morgendlichen Prozeduren. Man packt seine Sachen früh zusammen und geht brav ins Bett, damit man…

Andrew: … vor dem Flieger wach ist.

Pontus: Genau, haha.

Tja, das ist aus dem Rock’n’Roll geworden. Deswegen ist Christian Karlsson wohl nicht mehr auf euren Tourneen dabei, was?

Pontus: Hahaha!

Andrew: Genau, haha!

Pontus: Haha, ich glaube, seine Touren mit Galantis sind in der Tat wilder.

Andrew: Gerüchte, Gerüchte!

Pontus: Natürlich. Aber sie sind auf jeden Fall mehr ein Party-Train als das, was wir machen.

Davon hatte ich natürlich keine Ahnung, ich hatte nur nen Witz gemacht.

Pontus: Also, was ich so mitbekommen habe, und was man sich so erzählt, geht es bei ihm mehr ab.

Jedenfalls bringt uns das zu unserer zweiten Fragebogen-Frage: Was ist euer Rezept gegen den Kater?

Pontus: Das klingt jetzt vorbereitet, aber es ist wahr: Sport. Wenn man sich mies fühlt, muss man sich halt überwinden, laufen zu gehen, Rad zu fahren oder ins Fitnessstudio zu gehen. Man sollte viel schwitzen und viel Wasser trinken. Klar, manchmal, wenn man zu sehr pusht, wird einem übel. Aber zur Zeit machen wir ja wie gesagt eh nicht so wild Party.

Vielleicht sollte ich das auch mal versuchen. Die Sache ist halt die, ich kann mich bei einem Kater immer zu nichts aufraffen.

Pontus: Auf Tour gibt es halt nur zwei Möglichkeiten – jedenfalls gilt das für mich. Entweder, man gibt sich voll dem Laster hin – oder man muss diszipliniert bleiben. Deswegen muss ich auch jeden Tag auf Tour trainieren. Ich weiss nämlich, wenn ich nur an einem Tag nachlasse, dann komme ich ganz raus aus dem Tritt. Ich muss auf jeden Fall ein bisschen tun, jeden Tag. Aber jeder hat sein eigenes Ding. Ich glaube, das Leben auf Tour muss man methodisch angehen, mit einer Technik. Radfahren ist eine Möglichkeit. Es könnte auch Tennis spielen sein – auch das tun wir. Oder: Geh in jeder Stadt in ein Museum! Selbst wenn man nur 25 Minuten vorbei schauen kann – auch gut. Hauptsache, du tust es!

Es gibt ja hier auf dem Gelände ein Kartoffel-Museum, habt ihr das gewusst?

Pontus: Echt? Hahahaha!

Andrew: Ein KARTOFFEL-Museum?!?!

Doch, echt! Auf diesem Gelände stand früher eine Fabrik für Kartoffelprodukte. Kartoffelpüree, Pommes Frites…

Pontus: Wir mussten gerade lachen, weil wir diesen Kumpel haben, er ist Lichttechniker und auch immer auf Tourneen unterwegs. Er nennt die Mädchen, die immer bei Bands backstage abhängen, „Potatoes“.

Ah, okay.

Pontus: Du verstehst, was ich meine.

Nächste Frage: Gibt es eine Speise, die ihr nicht ausstehen könnt?

Andrew: Karotten. Besonders wenn sie zerkocht sind.

Weil sie sich so blöd anfühlen beim Essen?

Andrew: Ich weiss nicht, ich hab die einfach nie ausstehen können. Und es gibt ja so einige Sachen, die man als Kind nicht ausstehen konnte, die man aber anfängt zu lieben, wenn man älter wird. Karotten gehören nicht dazu. Die hasse ich immer noch.

Pontus: Also, verabscheuen ist ein hartes Wort. Aber ich habe mich nie mit Süßkartoffeln anfreunden können. Die gibt es nun mal nicht in Schweden – und deshalb kann ich sie nicht einordnen. Ich finde immer, ihr Geschmack macht keinen Sinn in den Gerichten, in denen sie drin sind.

Ich habe sie für mich erst vor zwei, drei Jahren entdeckt. Aber ich mag sie.

Andrew: Ich LIEBE Süßkartoffeln!

Pontus: Wo es mir genauso geht, das ist Kürbis. Es ist nicht so, dass ich Kürbis übel finde. Aber er macht für mich einfach keinen Sinn. Es ist vielleicht zwei Mal in meinem Leben passiert, dass ich gesagt habe: Okay, das ist ein guter Zusammenhang für diesen Geschmack.

Ich kann dir einen prima Süßkartoffel-Mango-Curry zaubern. Da passt sie perfekt.

Andrew: Süßkartoffeln sind echt super, wenn man sie überbäckt. Du musst sie erst kochen, dann ganz dünn schneiden – die Scheiben musst du dann ganz leicht brulieren, nur ganz oben – ach ja und vorher muss weißer Käse zwischen die Scheiben. Das brulierst du dann, nur die oberste Oberfläche. Und das passt dann perfekt zu einer Hühnerbrust, oder ähnlichem Geflügel.

Das klingt aber kompliziert. Da sollte man sich einen Koch ins Haus kommen lassen.

Andrew: Nein, das ist nicht so schwer. Nur, dass die Scheiben dünn werden, ist wichtig. Das kriege sogar ich hin.

Nächste Frage: Wofür gebt ihr das meiste Geld aus?

Pontus: Leider Musik-Equipment.

Na, wenigstens verdient ihr damit auch das meiste Geld.

Pontus: Das ist wahr.

Andrew: Aber es stimmt schon, Dinge fürs Studio, da kommt einiges zusammen. Ob es Möbel sind, oder Verkabelung, Geräte – auf jeden Fall hat es immer mit Musik zu tun, wenn wir viel Geld ausgeben.

Pontus: Stimmt.

Und was war eure überflüssigste Anschaffung?

Andrew: Gleiche Antwort – Studio-Zeug.

Pontus: Die Menge an Geld, die ich schon in Studios gesteckt habe! Da ist garantiert viel verschwendet worden. Das ist auf jeden Fall das, was jemand aus meiner Familie antworten würde. Man selbst glaubt ja immer, dass man ein bestimmtes Gerät dringend braucht.

Es ist wahrscheinlich ein Trial-and-Error-Ding, oder?

Andrew: Ich habe auch echt viel Geld für Klamotten verschwendet.

Pontus: Echt? Ich gebe praktisch gar nichts für Kleidung aus. Ich muss mich regelrecht dazu zwingen, Klamotten kaufen zu gehen.

Andrew: Inzwischen nicht mehr. Aber früher, da habe ich echt schon eine Menge richtigen Scheiß gekauft.

Ganz anderes Thema: Wie hieß euer erstes Haustier, und was war es für eins?

Pontus: Das war ein Dalmatiner, und er hieß Satíe, wie der französische Komponist.

Andrew: Meins war ein norwegischer Elchhund namens Skål. Wir hatten zwei, Skål und Loki.

Bist du auch in Skandinavien aufgewachsen, oder warum ist das alles so nordisch?

Andrew: Nein, wir hatten einfach immer nur norwegische Elchhunde.

Und die kriegten dann auch norwegische Namen.

Andrew: Genau.

Hast du vielleicht norwegische Vorfahren?

Andrew: Nicht, dass ich wüsste. Wenn, dann über den Umweg England. Weil ja ein großer Teil von Britannien von Wikingern besiedelt wurde.

Es ist also nicht so, dass ihr über die Hunde eine Verbindung zur alten Heimat gepflegt habt, oder so.

Andrew: Nein nein, nicht dass ich wüsste. Ich muss mal einen Test machen lassen, wo meine Vorfahren herkamen.

Deine dunklen Haare sprechen ja nicht gerade für den Norden, eher Südeuropa.

Andrew: Iberisch, würde ich schätzen. Andererseits bin ich auch voll der Hüne. Irgendein Mix aus der iberischen Halbinsel und Schotte, ist mein Tipp. Ich weiss nicht.

Pontus: Ich kann auch was Griechisches erkennen.

Andrew: Das glaube ich aber nicht.

Pontus: Nein?

Andrew: Ich glaube, da ist viel Schottisch drin. Die Familie meines Vaters ist zum großen Teil schottisch. Aber die Schotten, das waren ja Kelten, und die kamen von der iberischen Halbinsel. Die Iren und die Basken sind sich zum Beispiel sehr ähnlich. Habe ich zumindest gelesen.

Pontus: Und in Amerika vermischt sich dann eh alles.

Andrew: Stimmt. Ich könnte von überall her kommen.

Was war denn der mieseste Job, den ihr je hattet?

Pontus: Ich habe als Kind im Postamt gearbeitet. Was schon ganz okay war, aber ich würde das heute nicht mehr wollen.

Andrew: Ich war der Wärter eines Skilifts. Ich saß den ganzen Tag alleine in meinem Häuschen und wartete darauf, dass jemand aus dem Lift fiel. Und dann musste ich ihn anhalten. Das war sehr langweilig.

Pontus: Gab es den Moment, wo du dachtest: Mann, das ist so langweilig, hoffentlich fällt mal wieder einer?

Andrew: Nee, ich war mehr so im Halbschlaf. Ich musste mich immer zwingen, wach zu bleiben. Wie, wenn man nachts Auto fährt. Das war mein Geisteszustand.

Welchen Sport könnt ihr?

Pontus: Keinen. Naja, ich versuche, nicht mehr völlig entsetzlich in Tennis zu sein. Und ich komme so langsam an den Punkt, wo ich nicht mehr völlig schlecht bin.

Ja, du hast erwähnt, dass ihr auf Tour Tennis spielen geht. Bucht ihr das im Voraus?

Pontus: Es ist so ein bisschen ein Ritual für uns. Allerdings haben wir auf den aktuellen Konzerten einen Ersatzdrummer auf der Tour dabei. Der Drummer, der normalerweise mit uns spielt – er ist gerade daheim bei seinen Kindern – der pusht uns immer, dass wir Tennis spielen gehen sollen. Das erste, was er nach dem Aufstehen sagt, ist: Lass uns einen Tennisplatz buchen! Weil er diesmal nicht dabei ist, habe ich auch kein Tenniszeug mitgenommen. Ich brauche ihn, damit er mir in den Hintern tritt.

Ist das der Drummer, der auch bei Amason Mitglied ist?

Pontus: Ja!

… die ich sehr mag! 

Pontus: Echt?

Ich stehe auf Amason! Als ich mein Interview mit Andrew hatte, fragte ich ihn noch: Hattest du keine Angst, dass Pontus für Amason Miike Snow links liegen lässt?

Pontus: Wir machen jetzt aber sogar Sachen gemeinsam! Andrew war jetzt auf manchen Amason-Shows dabei!

Ich habe euch mal in Dänemark gesehen. Beim SPOT-Festival.

Pontus: Ach, das ist ja ewig her!

Ja, das war wohl noch eine sehr frühe Show.

Pontus: Das war so eine verrückte Show! Dann warst du einer von den sieben, die es sich angeschaut haben?

Wie viele Leute im Publikum waren, weiss ich nicht mehr. Sicher nicht viele.

Pontus: Oh Mann, was haben wir für ein Aufhebens gemacht, um zu dieser Show zu fahren!

Das SPOT-Festival ist ein Showcase-Festival für dänische und skandinavische Bands…

Andrew: Verstehe.

Da wird man als Journalist dann eingeladen und hat eine große Liste von Bands vor sich, die man noch nicht kennt. Ich las „mit Mitgliedern von Dungen und Miike Snow“ im Info-Zettel und dachte mir, das schaue ich mir an. Hat mir gut gefallen.

Pontus: Die Show war ja auch okay, aber wir sind gefahren wie blöd. Durch ganz Schweden sind wir gefahren, den ganzen Tag – und dann spielt man 22 Minuten, und darf die ganze Nacht wieder zurück fahren.

Andrew: Ach nee.

Pontus: Aber das Konzert war gut, Und jetzt weiss ich, dass wir wenigstens eine Person happy gemacht haben.

Wobei ich gestehen muss: Ich hab’s nicht sofort kapiert. Ich fand die Show nett, aber gepackt hat es mich nicht beim ersten Mal. Dafür habe ich ein bisschen gebraucht.

Pontus: Ja, das kann ich nachvollziehen.

Erst, als ich ein paar Tage später zu Hause war und online noch mal die Bands gecheckt habe, hat es mich plötzlich umgehauen.

Die nächste Frage ist: Habt ihr einen Lieblingssportclub?

Pontus: Habe ich. Das ist der Göteborger Fußballverein GAIS.

Das ist der, bei dem Ebbot Lundberg im Stadion sang, richtig?

Pontus: Genau! Die haben auch ein Benefiz-Album, für das ich einen Song beigesteuert habe. GAIS ist der Arbeiterverein in Göteborg. Wenn du meinen Hintergrund hast, dann muss man einfach GAIS-Fan sein. Auch wenn ich keine Ahnung habe, ob sie gerade gewinnen oder verlieren. Aber ich habe meinen Töchtern GAIS – T-Shirts gekauft. Es geht mehr darum, wo man sich zugehörig fühlt. Von der Fußballkultur her.

Andrew: Das einzige Team, bei dem ich was empfinde, sind die New York Knicks. Weil das das Team ist, das ich mir als Kind gerne angeschaut habe – ich stand als Kind auch total auf Basketball. Aber ihr aktuelles Management, das hat mich schon so oft aufgeregt – der Verein gehört jetzt einer Firma namens Cablevision, und naja, ich mag einfach den Vibe dort nicht mehr.

Welches Buch lest ihr gerade?

Pontus: Sehr langsam, weil ich nie die Zeit finde, lese ich ein Buch über Stalin, über die Nachbeben des Krieges und wie er alle früheren Gegner bestrafte und umbringen ließ. Ich finde es interessant, weil es kein Thema ist, über das viel gesprochen wird.

Gegner in der Sowjetunion?

Pontus: Nicht nur. Auch außerhalb.

Andrew: Wie jetzt – so mit KGB-Agenten, die in anderen Ländern Menschen killten?

Pontus: Ja. Aber so weit bin ich in dem Buch noch nicht. Es geht um seine Rache gegenüber allen Personen, die irgendwie mal gegen ihn waren.

Andrew: Ich lese „Profit over People – Neo-Liberalism in den 1980ern“ von Noam Chomsky. Ein bisschen nerdy, aber okay. Es kam in den späten 90ern raus…

und es hat bestimmt viel vorweggenommen von dem, was wir heute sehen?

Andrew: Ja, genau.

Pontus: Ich habe auch einen ganzen Stapel Chomsky-Bücher, aber ich komme einfach nicht dazu, sie zu lesen. Man denkt sich immer: „Das klingt echt interessant, dafür muss ich mir mal Zeit nehmen…“

Andrew: …und dann stellt man es wieder ins Regal. Genau so.

Ich weiss natürlich, dass Chomsky ein verdammt schlauer Mann ist, und dass ich das alles lesen sollte – aber man ist nicht oft in der Stimmung dazu.

Andrew: Das Gute daran ist – irgendwie fühlt man sich gut dabei, wenn man liest, was die Neoliberalen für fürchterliche Menschen sind. Manchmal, wenn man auf Tour ist, dann fühlt man sich ein bisschen unwohl. Und komischerweise gibt einem diese Schlechtigkeit etwas, dass man sich selbst gut fühlen kann. Manchmal schaue ich mir auch Noam Chomsky-Vorträge oder seine Gespräche auf youtube an. Und irgendwas daran beruhigt mich.

Pontus: Ich glaube, es ist so: Wenn man jemandem zuhört, der einen sehr schlauen und neuen Blick auf die Dinge hat die passieren – das beruhigt einen, selbst wenn das, über was er spricht, fürchterlich ist.

Andrew: Das Beruhigende ist, dass da jemand ist, der in der Lage ist, all den Bullshit zu durchschauen und die Wahrheit zu sehen. Ich glaube, Chomsky hat einen riesigen, riesigen Einfluss auf die Welt. Früher waren seine Bücher nur in den spezialisiertesten Spezialisten-Läden zu kaufen, auf Colleges. Heute können die Leute so viel leichter darauf zugreifen – und sie tun’s. Die Occupy-Wall Street-Bewegung, die in der Bernie Sanders-Kampagne weiter lebte, fußt nicht zuletzt auf seinen Analysen.

Pontus: Was ich so cool finde, ist, was er einem für neue Einblicke und Perspektiven auf die US-Politik gibt. Ich als Schwede kenne mich da ja weniger aus. Dass er einem erklären kann, dass die Sanders Kampagne eine Art „New Deal“-Politik ist – dann kann ich hergehen und diesen Faden nachverfolgen, und dann lerne ich darüber wieder was Neues. Er ist auch superwichtig für die jüngere Generation – zu der ich mich nicht zähle – aber die jüngere Generation braucht diese Perspektive, damit sie sehen: Es war nicht immer so, wie es heute ist. Gerade, weil jetzt all diese Rechtsaußen-Bewegungen aufkommen, die sich auf die Vergangenheit beziehen. Die erzählen einem immer „Früher war alles besser“ – aber niemand checkt, was tatsächlich abgeht. Das zieht sich durch, von der schwedischen Rechten zu Donald Trump zu Le Pen – alle reden von früher.

Andrew: „Make America Great Again!“ Wenn du willst, dass es den Leuten allgemein wieder gut geht wie in den 50ern, dann musst du Sanders wählen, du Depp!

Pontus: Genau! Außerdem scheinen wir den Kampf gegen die Dummheit zu verlieren, durch all diese Anti-Establishment-Bewegungen. Dieser Glaube, dass alles, was irgendwie etabliert scheint, deswegen schlecht sein muss.  Deswegen wird dann auch gegen die Presse geschossen…

… die doch eigentlich eins der Mittel sein sollte, um die anderen Entwicklungen einzudämmen.

Pontus: Genau. Eigentlich gab es da mal ein Sicherheitsnetz, das auch sicherstellte, dass die korrekten Informationen verbreitet werden. Heute ist es immer mehr so, dass die Leute ihre Weltsicht auf Gerüchten aufbauen.

Wobei ich glaube, dass die Bevölkerung den Informationskrieg gewinnen kann.

Pontus: Ich hoffe das.

Das Internet hat jeden Einzelnen vernetzt und macht alle Informationen zugänglich. Die gesamte Welt wird gebildeter. So kann das 1% nicht für immer alles manipulieren.

Pontus: Die Frage ist, wie der Umschwung passieren soll. Bernie Sanders ist ein super Typ und es war sehr wichtig, dass seine Bewegung so viel zum Thema ins öffentliche Gespräch gebracht hat. Der wichtigste nächste Schritt dieser Kampagne aber muss sein, das Ganze von der Person Bernie Sanders abzukoppeln. Es muss eine Bewegung werden mit mehreren Stimmen, denen die Menschen zuhören können. Diese Bewegung kann durchaus von einer bereits etablierten Bewegung ausgehen. Jetzt sind wir etwas ausgeartet, Sorry.

Dann komme ich doch mal zum Fragebogen zurück und der Frage: Habt ihr irgendwelche Phobien?

Andrew: Nicht, dass ich wüsste. Höhen sind okay, Fliegen… ich habe keine der üblichen Phobien, nein.

Dann ist die nächste Frage: Wenn ihr jemandem ein Denkmal bauen könntet, wer wäre das, und wie sähe es aus?

Pontus: Denkmäler können unheimlich sein, finde ich. Da würde ich eher drauf verzichten.

Andrew: Clive Davis, man.

Clive Davis… den Namen kann ich jetzt gerade nicht einordnen.

Andrew: Der Vorsitzende von Arista Records.

Pontus: Er gilt als der mächtigste Mann im Musikbusiness.

Andrew: Er hat Mariah Carey gesignt, Mann!

Pontus: Janis Joplin war sein erstes Signing!

Gibt es da nicht eine Geschichte? Janis Joplin soll einem Labelboss auf seinen Schreibtisch gepinkelt haben – war er das?

Andrew: Auf jeden Fall möglich.

Pontus: Er ist der Jabba The Hut der Musikindustrie.

Andrew: Die Frage ist ja auch, wie groß das Denkmal werden soll. Bei Clive Davis sollte es auf keinen Fall die Lebensgröße überschreiten. Ansonsten könnte man Bob Dylan eins bauen – der ist ja nicht wirklich ein Mensch. Er ist mehr ein Gespenst, ein Geist. Von einem anderen Planeten.

Nächste Frage dann: Wenn ihr Godzilla wäret, was würdet ihr kaputt machen?

Andrew: Kann man wirklich etwas auf sichere Weise kaputt machen? Das nukleare Arsenal der Welt müsste natürlich zerstört werden. Andererseits: Das nukleare Arsenal hat Godzilla erst geschaffen.

„I’m your father!“

Andrew: Genau, haha.

Pontus: Mir fallen leider nur doofe Antworten ein.

Andrew: Reality TV. Aber wie macht man das kaputt? Das weiss ich nicht. Ich würde…

Pontus: Ich weiss keine Antwort. Ich würde ein paar Tage darüber nachdenken müssen.

Ohne was kämet ihr nicht klar?

Pontus: Meine Kinder. Es gibt ein paar Sachen, ohne die fiele es mir schwer. Aber ohne meine Kinder – no way.

Jetzt noch: Was war der sonderbarste Ort, wo ihr je wart?

Andrew: Für mich gibt es da nur eine Antwort. Ich war mal in diesem Nachtclub in Djakarta, der dort dem Militär gehörte. Er war also voll mit Generälen.

Wie bist du da denn rein gekommen?

Andrew: Über einen Freund von mir, der in New York einen Club geführt hat. Er hatte später einen Club in Djakarta. Hat er inzwischen nicht mehr. Aber ich war mal in Djakarta und habe mich mit ihm getroffen, und er hat uns die Stadt gezeigt. Wenn du in Djakarta einen Club führst, dann musst du zwangsweise deine Verbindungen zum Militär haben, denn die kontrollieren da alles. Es ist ja angeblich ein muslimisches Land, weisst du? Mit Gesetzen, die von der Scharia beeinflusst sind. Aber geh mal in einen der Clubs dort, die zum Militär gehören! Das erste, was passiert, ist, dass dich eine Frau begrüßt, die gekleidet ist wie ein Banker auf der Wall Street. Die bringt dich letztlich in eine Ecke, wo all diese Mädchen sitzen. Die sind alle zwischen 14 und 17 Jahren alt – und sie alle haben Nummern. Und du musst diejenige aussuchen, die du haben möchtest, die Nummer schreiben sie auf und dann bringen sie dich zum Kassier. Als wären diese Mädchen Hotdogs in der Auslage beim Lebensmittelladen! Ich meine, klar, dass ich das nicht gemacht habe! Aber was für ein kranker Ort das war! Er war acht Stockwerke hoch, und in jedem Stockwerk gab’s was anderes durchgeknalltes. Die Mitte hatte man ausgeschnitten – das heißt, der Hauptsaal war acht Stockwerke hoch. Der Innenraum war 25 oder 30 m hoch! Und mittendrin hing eine riesige Statue – von einer nackten Frau, die auf einem Drachen ritt. Das war mal ein verdammt kranker Ort!

Aber echt – von all den Antworten auf diese Frage, die ich bisher gekriegt habe, war das echt die sickste. 

Andrew: Glaube ich gerne.

Okay – damit ist meine halbe Stunde jetzt um. Ich glaube, ich habe sehr interessante Antworten von euch gekriegt und wir haben einen Einblick von Miike Snow gekriegt, den wir mit reinen Musikfragen nicht bekommen hätten. Danke für eure Zeit! 

Pontus: Ach, sehr gerne!

Andrew: Super, danke fürs Kommen!

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