Review: Public Access TV

public-access-tv-never-enoughPublic Access TV – „Never Enough“

Sie sind rar geworden, die New Yorker Bands. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Mieten auch in lange noch als Zentren der Boheme geltenden Gegenden wie Brooklyn heute so horrend sind, dass viele Musiker den Big Apple verlassen müssen und in ein Städtchen außerhalb ziehen oder sich gleich ganz in einem anderen US-Szene-Ort niederlassen.

Was natürlich extrem schade ist, denn die New York-Band hat eine ganz eigene Tradition im Rock’n’Roll. Die typische New York-Band, die schreibt peppige, schnodderige Songs, sie erfüllt dabei auch einen gewissen Art-Anspruch und sie trägt knallenge Jeans. Späte 60s: The Velvet Underground. Mitte der 70s: The New York Dolls, The Ramones, Television. Späte 70s/frühe 80s: Blondie, The Knack, Talking Heads. In den 2000ern: The Strokes, The Walkmen, Interpol, Yeah Yeah Yeahs, The Virgins, The Drums.

Public Access TV sind vermutlich nicht „die letzte New York-Band“. Aber hey, als Schlagzeile, um PATV interessanter zu machen, würde sich das doch gut anhören. Fakt ist, das Quartett um Sänger John Eatherley ist die Gruppe, die momentan die New Yorker Flagge am höchsten hält.

Dabei hatten die vier zuletzt mit einigen Problemen zu kämpfen: So wurde das Loft, das die Band im East Village als Wohn- und Proberaum nutzte, im März 2015 bei einer Gasexplosion zerstört (zum Glück waren Public Access TV nicht vor Ort, sondern auf Tour in Kalifornien). Auch der Plattenvertrag mit der Polydor, der ihnen letztes Jahr erste Aufmerksamkeit verschaffte, wurde bereits wieder aufgelöst. Das dritte und größte Problem der Band schließlich haben Public Access TV auf ihrer letzten Single „End Of An Era“ selbst auf den Punkt gebracht: „They say the kids don’t like Rock’n’Roll anymore.“ Gitarren sind einfach derzeit nicht so gefragt – da kann man dann, wenn’s blöd läuft, auch so krass hittige Songs wie PATV schreiben und trotzdem ignoriert werden.

Aber es muss ja nicht zwangsweise blöd laufen. Die zwölf Songs auf „Never Enough“ geben Anlass zur Hoffnung, dass Public Access TV noch Wellen machen. Denn es sind fast ausnahmslos Knüller, die in den Indie-Dissen der Welt ins Programm drängen werden.

Fast jeder dieser Songs könnte eine Single sein – in der Tat, mindestens fünf Songs des Albums wurden ja schon als Single voraus geschickt! Als da wären „Patti Peru“, „In Love And Alone“, „On Location“; „Sudden Emotion“ und kürzlich „End Of An Era“ – wobei speziell letzterer Song für mich einen absoluten Volltreffer darstellt. (Ich habe der Single einen eigenen Artikel gewidmet.)

Interessant ist der Fall von „Metropolis“, das bereits auf der „Public Access TV EP“ zu finden war, fürs Album aber umgeschrieben wurde: Die Zeile „I don’t wanna live in California, I’ll take New York any day“ war in der ersten Version des Songs nur im Outro zu hören. Man hat den Song umstrukturiert und diesen Part zum Refrain gemacht – was in der Tat perfekt funktioniert und sehr viel mehr aus der Nummer raus holt, die nun „I Don’t Wanna Live In California“ heißt – und nebenbei die Identifikation der Band mit New York noch mal extra rein reibt.

public-access-tvAnyway. Die Anwesenheit von so vielen Singles verrät ja schon, dass dieses Album eine kleine Hitparade ist. PATV berufen sich dabei speziell auf den NYC-Sound der späten 70s: Das Ganze ist sehr new-wavy, aber auch ein wir-sind-nun-mal-in-den-2000ern-Indierock-Filter liegt drüber. Will sagen: Die Lieder klingen nach Blondie, The Cars* oder The Romantics*, die Produktion mehr nach The Strokes, Weezer* oder The Orwells*

Soweit die Singles – was ist mit den neuen Titeln? Die fallen nicht ab, ganz im Gegenteil: Das schmissige „In Our Blood“ und das trocken-tanzbare „Evil Disco“ gehören sogar zu den absoluten Highlights der Platte. „Summertime“ mit seinem Saxophon und seinen Handclaps sorgt für Retro-Glam-Flair, „Careful“ nimmt zwar den Fuß vom Gas, im Albumzusammenhang ist das aber kein Fehler, denn an dieser Stelle braucht man mal einen Durchschnaufer. „Remember“ fällt durch seine grummelden Synthies auf und „Sell You On A Lie“ schließlich, mit seiner fast beatlesken Melodie, seinem stampfenden Beat und seiner überbordenden Instrumentierung (Bläser! Orgeln!) ist ein würdiges Finale.

Gibt’s was auszusetzen an „Never Enough“? Naja – muss man die Tatsache, dass das Rad hier nicht neu erfunden wird, an dieser Stelle wirklich erwähnen? Man müsste dann darüber streiten, ob der Ansatz „Wir- machen-‚Just What I Needed‘-Updates-für-heutige-Indie-Ohren“ als Raison d’Être für eine Band ausreicht. Die Diskussion aber muss man jetzt ja nicht vom Zaun brechen – man kann sich auch einfach freuen über eine so kurzweilige, knackige New Wave-Rockn’n’Roll-Platte, die der New Yorker Tradition echte Ehre macht. Wieder mal soll mir eine Zeile aus „End Of An Era“ das Motto vorgeben: „Turn it up, turn it up! It’s going to be alright!“

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* Ja, ich weiss, diese genannten Bands stammen nicht aus NYC – sollten sie aber!

Leider nur per VEVO: „End Of An Era

Leider nur per VEVO: „Sudden Emotion

 

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