Review: The Ocean Party

The Ocean Party – „Restless“

Vor, uh, einigen Jahren, als ich noch Student war und im Nebenjob im Haus der Kunst Tickets abriss oder neben Gemälden rumstand, da gab es dort eine Ausstellung des US-Künstlers Frank Stella. Stella hatte ganz streng begonnen, mit extrem reduzierter Minimal Art. Schwarze Bilder mit weissen Linien, nur rechte Winkel. Dafür war er berühmt geworden. Aber mit den Jahren kam eben doch Farbe in seine Malerei, die rechten Winkel wurden spitz und stumpf und irgendwann zu Kurven und Spiralen, und am Ende waren seine Werke dreidimensionale Tohuwabohus aus Formen und Farben. Hätte man ein Frühwerk von Frank Stella neben ein Spätwerk gehängt, niemand hätte es für möglich gehalten, dass das der gleiche Künstler war. Aber wenn man von Raum zu Raum ging, und diese Metamorphose verfolgte, machte es völlig Sinn. Ein Element nach dem anderen veränderte sich, und am Ende hatten die Skulpturen aus Kurven und Farben und die flachen schwarzen rechtwinkligen Gemälde ihre unzweifelhafte Verlinkung.

Was hat das alles mit The Ocean Party zu tun? Der superschnellen, aus Wagga Wagga stammenden, aber lange schon in Melbourne ansässigen Band, die mal wieder nur neun Monate für ihr inzwischen bereits sechstes Album gebraucht hat?

Auch bei dieser Band kann man von Platte zu Platte den nächsten Schritt erkennen. Angefangen haben die Jungs fast so reduziert wie Frank Stella in seiner schwarzen Phase. Sie machten breiigen, aber extrem lässigen Janglepop, den man gleich mal mit der Dolewave-Movement assoziierte.

Seitdem kann man The Ocean Party beim Aufwachsen zuhören. Da sie außerhalb Australiens noch immer nicht Fuß gefasst haben und keine internationalen Touren spielen, die sie monatelang auf Reise schicken würde, hat die zum Sextett angewachsene Band Zeit, sich wirklich nur aufs Schreiben und Aufnehmen von Songs zu konzentrieren. Was zur Folge hat, dass sie im Takt von acht, neun Monaten ihren aktuellen Zustandsbericht in Form eines neuen Albums vorlegt. Und mit jeder neuen Platte wird ihr Sound ein bisschen klarer, werden ihre Songs ein bisschen pointierter, die Instrumentierung ein bisschen aufwändiger, die Arrangements ein bisschen vielschichtiger.

ocean-partyWenn man beispielsweise das Instrumental Break im Titelsong „Restless“ hört – sanft schnurrendes Saxophon, Jazz-Akkord-Klavier, eine dichte Keyboard-Schicht, Wendeltreppen-Basslauf, Kontra-Gitarrenmelodie, satt-lineare Drums – dann kann man kaum glauben, dass das die gleichen Jungs sind, die mal das knorrige „In A Knot“ zusammen stöpselten. „Teachers“ hat einen 5/4-Takt! Wer hätte von diesen LoFi-Kids je so einen Mucker-mäßigen Move erwartet?

Aber: Bei all der gestiegenen musikalischen Expertise ist die Band sich treu geblieben und sie zeigt sehr wohl noch die linkischen, wonky Qualitäten ihrer frühen Songs. Das wäre nämlich das, was schade wäre: Wenn The Ocean Party, wie sie immer professioneller werden, auch konventionellere Songs schreiben würden. Das ist zum Glück noch nicht so. Auch die Beinahe-Popsongs dieser Band wie „Back Bar“ oder „Better Off“ klingen nicht nach Indie von der Stange, sondern nach persönlichen Melbourner Geschichten.

Das Genre Dolewave hat man (auch ich) immer als „Mischung aus Pavement und Go-Betweens“ beschrieben. Je mehr Alben The Ocean Party machen, desto mehr verschwindet das Pavement-Element aus ihrem Sound – und auch die Go-Betweens sind mehr im Geiste da als im tatsächlichen Klang. Die Band, an die ich mich zu meinem Erstaunen am ehesten erinnert fühle, sind The Cure. „Pressure“ zum Beispiel löst in meinem Gehirn Assoziationen sowohl an deren frühe „Three Imaginary Boys“ -Ära, als auch an die Popsongs von „Kiss Me Kiss Me Kiss Me“ (wie „Catch“ und „Just Like Heaven“) hervor. Der Unterschied ist natürlich, dass The Cure immer eine innere Aufgewühltheit vertonten, während unsere Melbourner Boys reflektiert und schmunzelnd rüberkommen.

Letztlich ist „Restless“ ein weiterer Schritt in der Entfaltung dieser feinen, feinen Band, die mit jedem Album ein bisschen nuancierter wird. Ich hoffe ja fast, dass die keiner entdeckt und nach Europa oder in die USA holt, damit wir weiter in so kurzen Abständen neue Alben kriegen, die uns auf dem Laufenden halten. Bis The Ocean Party irgendwann bei filigran ziseliertem Barock-Chamberpop angekommen sind – mit dem sie immer noch südaustralische Stadtmelancholie vertonen werden.

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