Review: Pixies

pixies-head-carrierPixies – „Head Carrier“

Es gibt Leute, die sagen zum heutigen Lineup grundsätzlich: „Ohne Kim Deal sind es nicht die Pixies. Ohne Kim sollten die gar nicht erst auf die Idee kommen, neue Musik zu machen.“ Eine Frage habe ich an diese Leute: Was, Bitteschön, ist denn eure Alternative?

Wir sind uns einig, die Pixies vor der Trennung bzw Reunion sind unantastbare Legenden. Ach was, keine Legenden, sie sind Heilige. Sie haben das Genre Alternative Rock nicht geprägt, sondern geboren. Ich weiss noch den Moment, als ich zum ersten Mal „Bone Machine“ hörte. Die trockenen Drums von Dave Lovering. Die kreischende Gitarre von Joey Santiago. Der völlig derangierte Frontmann Black Francis, sein irres Gekläffe, der abstruse Text. Der stoische Bass von Kim Deal, ihre in diesem Sandsturm steinkalt lässige zweite Stimme.. Wie bahnbrechend das mal war, dafür gibt es gar keine Worte. „Surfer Rosa“ und „Doolittle“ bleiben zwei der umwerfendsten Rockalben aller, aller Zeiten. „Come On Pilgrim“ klingt immer noch wild, auch „Trompe Le Monde“, damals schwierig, entpuppte sich über die Jahre als Hammer, sogar„Bossanova“, zu seiner Zeit eher der Durchhänger, ist immer noch voller genialer Momente.

Ich habe mich gefreut, als die Pixies sich Anfang der 2000er wieder vereinigten. Ich gönnte es ihnen, dass sie jetzt endlich von ihrem Ruhm profitieren konnten. Nicht, dass sie zu ihrer ersten Inkarnation nicht okay erfolgreich gewesen wären – ich erwischte sie damals noch im Circus Krone. Aber der Circus Krone ist nicht die Olympiahalle oder die Parkbühne Wuhlheide. Letztgenanntes Open AIr-Venue konnten sie erst mit der Reunion buchen und auch in den USA waren sie endlich zum Begriff geworden. Das war doch toll, dass die vier sich wieder zusammen gerauft hatten und jetzt endlich die Ernte ihrer Saat einfahren durften.

Sie tourten dann lange und immer wieder. Irgendwann gab es die wiedervereinigten Pixies länger als die vor der Trennung. So lange, dass Black Francis es irgendwann albern fand, nur von vergangenem Ruhm zu leben. Dass er entschied: „Eine aktive Band, die schreibt auch Songs und die veröffentlicht auch Alben.“ Es passierte leider, dass man sich mit Kim Deal auseinander lebte. Dass sie sich weigerte, an den neuen Songs mitzuarbeiten. Auch da kann ich die anderen drei nicht dafür verurteilen, dass sie sich schließlich gezwungenermaßen entschieden, ohne Kim weiter zu machen.

pixiesEins war dabei immer klar: Mit ihrem so perfekten Back-Katalog Schritt zu halten, das würde schwer werden. Als die Pixies diese Musik in den späten 80ern erfanden, waren sie damit allein auf weiter Flur. Inzwischen war ihr Sound von vielen anderen Bands als Einfluss aufgenommen oder sogar einfach nur kopiert worden. Er Teil der Hörgewohnheiten geworden, so dass es unmöglich war, dass er noch mal so eine revolutionäre Wirkung würde entfachen können. Das merkten die Pixies ja sogar schon in den frühen 90ern, als „Bossanova“ und „Trompe Le Monde“ nicht mehr erschrecken konnten.

Mich hat die Reaktion vieler Leute aufs erste Post-Reunion-Album „Indie Cindy“ daher ziemlich genervt. Einige (Pitchfork zum Beispiel) traten die Platte in den Dreck, dafür, dass sie zwangsweise niemals mehr „Doolittle“ sein konnte, was aber jedem hätte klar sein müssen. Und es gab eine laute Fraktion, die Black Francis, Joey Santiago und David Lovering das Musikmachen ohne Kim Deal quasi verbieten wollte.

Womit ich wieder auf meine Frage oben zurück komme: Was ist denn die Alternative? Wollt ihr ihnen befehlen, dass sie sich trennen? Oder: Die Pixies dürfen weiter touren, aber keine neuen Songs schreiben und für immer als ihre eigene alternde Parodie die Lieder singen, die sie mit Anfang 20 geschrieben haben? Ein ewiges Groundhog-Day-Leben führen, dazu verurteilt, weil sie mal genial waren? Natürlich hat Kim Deal eine tragende Rolle bei den Pixies gespielt, natürlich fehlt sie. Aber hey, sie ist gegangen. Und die anderen drei haben ein Recht darauf, sich davon nicht ihre Existenz kaputt machen zu lassen.

Wenn sie ein neues Album versuchen wollen, dann lasst sie doch machen! Welchen Schaden richtet eine neue Pixies-Platte denn an, selbst wenn sie mies ist? Werden die genialen Alben dadurch denn schlechter? Werden sie nicht. Aber wenn wir Glück haben, sind ein paar neue Pixies-Songs sogar richtig gut anzuhören!

Es gab dann auch echt fetzige, feine und freche Songs auf „Indie Cindy“. Klar, es gab keinen Überraschungseffekt. Aber die Platte ist viel besser als ihr Ruf.

Immerhin, die Reaktionen auf „Head Carrier“ sind im Vorfeld erheblich fairer. Generell wird in den Reaktionen, die ich bisher las, erkannt, dass „Head Carrier“ 12 knackige Songs enthält, die in 35 kurzweiligen Minuten den Pixies keine Schande, sondern sogar oft richtig Spaß machen. „Um Chagga Lagga“ zum Beispiel ist ein albern-anarchisches Radau-Viech, das tatsächlich viel frühen Pixies-Spirit in eine Coladose presst und schüttelt. „Plaster Of Paris“ und „Talent“ sind gleichzeitig Ohrwürmer und flitzige Poppunk-Nummern. „All The Saints“ hat eine herrliche Surfbaladen-Melodie (vgl „Havalina“ oder „Andro Queen“). Am meisten geschrieben wird über „All I Think About Now“, gesungen von Neu-Bassistin Paz Lenchantin, das nachträgliche Tribut/Friedensangebot an Kim Deal, wobei ausgerechnet dieser Song nicht mein Favorit ist, weil seine Akkordstruktur sich meiner Meinung nach zu stark an „Where Is My Mind“ orientiert.

Anyway, „Head Carrier“ ist eine schmissige und schnittige Indierock-Platte. Die Riffs, die Melodien, der Crunch ergeben ein rundes Ganzes. Klar ist kein Song drauf, der den Impact von „Hey“  oder „River Euphrates“ oder „Gigantic“ oder „Bone Machine“ oder „Break My Body“ oder „Monkey Gone To Heaven“ oder „Here Comes Your Man“ oder „Debaser“ oder „Gouge Away“ haben wird. Aber das zu erwarten, das wäre einfach vermessen. Vergleichen wir die neuen Pixies mit den alten, können sie nicht mithalten – das liegt in der Natur der Sache. Vergleichen wir sie mit dem, was die Indiewelt 2016 bietet, sind sie gut mit dabei. Das galt auch schon für „Indie Cindy“ – vielleicht mögen die Leute, die die Platte zu früh verteufelt haben, nachträglich mit ihr noch mal ihren Frieden schließen?

8,0 Punkte – Grafik folgt

Pixies – Tenement Song from Pixies on Vimeo.

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