Single Review: Temples

certainty-singleTemples – „Certainty“

Es ist immer gut, einem Song ein paar Durchläufe zu geben.

Ich war gespannt wie viersieben Flitzebogen auf die Rückkehr der Temples, aber „Certainty“ gab mir aufs erste Hören nicht das, was ich erwartete. Nach dem prima Debütalbum „Sun Structures“ hatten sich die vier aus Kettering 2013 als Psychedelia-Britpopper etabliert – und ich wäre superhappy gewesen, wenn sie genau da weiter gemacht hätten. Wenn sie noch so ein Rickenbacker-Riff wie den „Shelter Song“ oder wieder so einen Glam-Stomp wie „Keep In The Dark“ hingelegt hätten.

Statt dessen beginnt „Certainty“ nach dem trockenen Drum-Intro mit einer elektronischen, wubbernden one-note-Bassline, aus der ein Blossoms-mäßiges Ohrwurm-Instrumentalriff entspringt. Im folgenden Wechselspiel aus Gitarren, Bass und Moogs kann man schier nicht unterscheiden, was Saiten und was Synths sind – ein typischer Tame Impala-Move, eigentlich.

Das alles könnte man auch zweifelhaft finden. Blossoms sind im UK gerade die heißeste neue Band und Tame Impala galten auch nicht gerade als unhip in den letzten Jahren. Dass sie sich da mitten rein werfen, anstatt uns einfach „Shelter Song 2“ zu geben, da könnte man den Temples schon unterstellen, da sei Trendhopping im Spiel.

Aber okay, der Beat ist gut und die Intro-Hookline, die klingt wie die Titelmelodie aus einem französischen Krimi der 70er Jahre – und das ist definitiv cool! Hören wir das Ganze noch mal.

templesBeim dritten oder vierten Hören schlägt der anfängliche Abstand in Euphorie um. Wie wahnsinnig clever das arrangiert ist! Achtet mal auf die Strophen! Auf die völlig irrationale (und deswegen so famose) Bassline! Darauf, wie sie beim zweiten Durchlauf der Strophe viel mehr squelchy klingt! Achtet auf die Pauken, auf all das, was da passiert!

Sänger James Bagshaw hat sich zu dem Song bereits konkret geäußert: „Bei der Produktion ging es sowohl um Schichtung als auch Reduktion: Die Strophen mussten die pumpende Bewegung des Bass betonen, die Melodie ans Ambiente angepasst werden. An den Refrain sind wir dagegen komplett gegensätzlich heran gegangen, haben ihn Klangschicht um Klangschicht angedickt.“

Klingt uninteressant theoretisch, aber achtet mal drauf beim Hören – genauso auf seine Ausführungen zur Instrumentierung: „Es gibt eine Vermischung aus Moog-Bass und echtem Bass, und der Song switcht permanent zwischen synthetischen und analogen Sounds. Die Gitarren spiegeln die Synthies, und umgekehrt.“

Ich finde es superspannend, dass eine Band erstens so analytisch an ihre Songs rangeht, dass dann zweitens dabei nicht etwas gewollt konstruiertes, sondern so verspielt-experimentelles wie „Certainty“ dabei heraus kommt – und das dann drittens auch als peppiger Hit funktioniert.

Und so muss ich dann sagen: Ich mag mir eine Wiederholung des „Sun Structures“-Sounds gewünscht haben, aber dies ist sogar noch besser! Und was die „Sind-das-jetzt-Gitarren-oder-sind-das-Moogs?“-Klänge angeht: Okay, Kevin Parker hat damit auf „Currents“ zwar angefangen, aber Temples machen ja hier keine Kopie, sondern sie geben der Sache ihren eigenen Dreh mit. So soll’s sein, wenn man sich beeinflussen lässt: „Currents“ wird nicht als Vorbild begriffen, das Temples nachäffen, sondern als Inspirations-Impuls, von dem aus sie loslegen.

Alles in allem: Richtig, richtig stark. Jetzt bin ich erst recht gespannt, wie sie das auf dem zweiten Album, das im Januar erwartet wird, weiter ausbauen.

fotocredit: Ed Miles

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