Review: Elephant Stone

elephant-stone-coverElephant Stone – „Ship Of Fools“

Jeder kennt die Frage: Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Ein ähnlicher Fall ist die Sache mit Psychedelia und indischen Instrumenten.

Als sich das Genre in den späten Sechzigern entwickelte, war das auch die Zeit, als weltweit die Hippies – an prominentester Stelle natürlich die Beatles – indische Philosophien für sich entdeckten. Die neuen indischen Einflüsse, die sich die Westler bei ihren Gurus holten, landeten in der Folge auch ihrer Musik. Das „Zwoing Doing“ der Sitar, das „Niiieöörrh sschrrrrrng“ der Esraj, die handgetrommelten Tablas, all das wurde zur charakteristischen Klangfarbe dieser Stilrichtung. Ein Beispiel, das jeder kennt, wäre „Norwegian Wood“ – aber es waren nicht nur die Beatles, die damals indische Instrumente einsetzten. Auch sind sie seitdem nicht verschwunden. Immer, wenn jemand seinen Sound ein bisschen mystifizieren will, wird an der Sitar getwoinkt. George Harrison hat in seiner Solokarriere weiter auf diese Töne gesetzt, Kula Shaker haben sich zu Britpop-Zeiten auf diese Weise als Hippie-Throwbacks dargestellt, auch Paul Weller oder Noel Gallagher greifen immer mal wieder auf dieses Klangbild zurück.

Und jetzt meine Frage: Verwenden all die Musiker diese Instrumente deshalb, weil ihre Sounds das verschwurbelte Reise-auf-dem-fliegenden-Teppich-Ding nun mal klangmalerisch so perfekt darstellen? Oder stellen diese Instrumente das verschwurbelte Reise-auf-dem-fliegenden-Teppich-Ding auch deshalb so perfekt dar, weil wir nach Jahrzehnten der Psychedelia längst darauf konditioniert sind, mit diesen Klängen automatisch Om, Transzendenz und Hare Rama zu assoziieren?

Wie auch immer, der Punkt ist: Es gibt eine Tradition der indischen Instrumente in der britischen Gitarrenmusik, seit den Sixties bis heute, und die wird weiterhin aufgegriffen. Sogar von Nicht-Briten. In diesem Falle von Kanadiern.

elephant-stone-band-sqIn Kanada gibt es eine substantielle indische Minderheit, die immerhin 3,8% der Bevölkerung ausmacht. In Toronto haben sogar 10% der Einwohner indische Wurzeln. Prominente Indo-Kanadier sind zum Beispiel Ian D’Sa von Billy Talent oder der Comedian Russell Peters. Auch Rishi Dhir von der Band Elephant Stone aus Montreal ist indischer Abstammung.

Bei den Worten „Elephant Stone“ wiederum denkt jeder Indie-Fan zuallererst an die Stone Roses. Und, ja, bei der Band Elephant Stone steckt genau das drin, was der Bandname und der Name ihres Sängers vermuten lassen: Es ist Britpop mit indischem Flavour.

Weil all das so plakativ ist, habe ich Elephant Stone, ehrlich gesagt, nicht wirklich zugetraut, mich ein ganzes Album lang überzeugen zu können. Man ist da einfach ein bisschen argwöhnisch mit der Zeit. Wenn man die Prämisse einer Band mit so wenigen Worten ausdrücken kann, heißt das nämlich oft, dass entsprechend wenig Tiefe da ist. Zum Glück belehrt mich „Ship Of Fools“, das bereits vierte Album von Elephant Stone, eines Besseren.

Ja, man kann die Formel „Britpop + Indien“ auf alle elf Songs anwenden. Aber alle elf Songs finden ihren eigenen Twist und holen was anderes aus der Grundsubstanz heraus.

Los geht’s mit „Manipulator“, das auf satte beinahe-Industrial-Beats und verzerrten Bass setzt – was den Text, der sich wütend gegen demagogische Politiker stellt, stimmig untermalt. Die zwei folgenden Songs entfernen sich zwar noch nicht weit von diesem Klangbild, finden aber Wege, es zu variieren, mit stampfendem Rhythmus („Where I’m Going“) bzw Popmelodie („Cast The First Stone“).

„Photograph“ – eine Art 2016er-Update von „Strawberry Fields Forever“ und die 70s-Rockpop-Nummer „See The Light“ gehen dann schon in zwei ganz andere Richtungen.

Die indische Komponente wurde auf den bisherigen Songs übrigens noch sehr zurückhaltend eingesetzt. „Run, Sister, Run“ ist dann die Ballade, in der die Sitar eine Hauptrolle bekommt – zuerst als Counterpart der Gesangsmelodie, später als Protagonist des Instrumentalparts.

Next: „Love is Like A Spinning Wheel“ – eine 70s-Softpop-Nummer im Fleetwood Mac/Phoenix-Style, die ca. ab 3:40 zum Tribut an „Let It Happen“ mutiert. Auch fein.

Es folgt „Andromeda“. Ich habe mich ein bisschen gewundert, dass dieser Song als Single vorausgeschickt wurde, da er sich eher zähflüssig dahin schleppt. Im Albumzusammenhang macht sich „Andromeda“ als Tempowechsel dagegen sehr stimmig. Auch „The Devil’s Shelter (feat. Alex Maas)“ war bereits eine Vorab-Single, aber hier kann ich die Wahl sofort nachvollziehen. Der Song hat einen satten Beat, der sogar auf den Dancefloor einlädt – ganz ehrlich, ich habe Alex Maas deswegen sogar für einen Remixer oder DJ gehalten (Timo Maas Bruder vielleicht?), bevor ich ihn googelte. Alex Maas ist aber in der Tat Mitglied der Psychedelic-Band The Black Angels aus Austin, Texas.

Zwei Songs haben wir noch – und die loten zwei Extreme der Band noch mal aus: „Silence Can Say So Much“ zeigt die leise, melodische Seite. Sagen wir’s so: Wenn es das Album „Ravi Shankar plays ‚Deserter’s Song’s‘“ gäbe, dies wäre ein Outtake.

„Au Gallis“ geht dagegen noch mal richtig ab. Dies ist ein Song, den man mit seinem schnellen Kraut-Motorik-Beat im DJ-Set direkt nach Kasabians „Reason Is Treason“ spielen könnte. Es regieren Verzerrung, Power und französische Robo-Vocals (Elephant Stone stammen aus Montreal, nicht zu vergessen).

Kannst mal sehen. Zwar trifft die simple Beschreibung „Britpop mit Sitar & Co“ weiterhin aufs ganze Album zu, aber dennoch haben Elephant Stone es geschafft, uns 45 Minuten lang aufmerksam bei der Stange zu halten. Sie haben den oben genannten Rahmen voll ausgeschöpft, hier und da sogar darüber hinaus geschaut und elf Songs abgeliefert, die einem Indie-Fan abwechslungsreich auf hohem Level Spaß machen. Sauber.

elephant-stone-ranking(fotocredit Elephant Stone oben: Bowen Stead)

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