Vinterview: Jagwar Ma

Vinterview Header Jagwar MaIch freue mich schon wie ein paniertes Wienerschnitzel mit extra Kroketten aufs zweite Album von Jagwar Ma, juhu! „Every Now & Then“ erscheint am 14.10. – und für mich soll das Anlass sein, im Archiv zu kramen und mein Interview mit Frontmann Gabriel Winterfield hervor zu holen. Den hatte ich 2013 zur VÖ ihres Debüts am Telefon. Hier also alles, was man wissen muss über die Sydneysider – damit wir alle gut vorbereitet sind, wenn die Aussies uns im Oktober wieder auf den Dancefloor zerren!

Hello?

Hallo, hier ist Henning, aus München. Spreche ich mit Gabriel?

Tust Du, ja! Wie geht’s?

Prima, danke. Dir?

Super!

Du bist gerade in London?

Bin ich, ja.

Und wird London heute überrannt von Deutschen?

… weiss ich nicht? Sollte das so sein?

Na, du machst Dir wohl nicht viel aus Fussball. Nun gut, du bist Australier.

Ja, bin ich. Also, ich habe nicht viel Ahnung, Ich gehe mal davon aus, es geht um irgendwas mit der Premier League?

Nein, die Champions League! Morgen steigt das Finale in London, aber zwei deutsche Vereine haben sich qualifiziert. Wenn Du also auf Horden in roten Trikots triffst, sind das Leute aus München. Aber tragen sie gelb-schwarz, sind sie aus Dortmund.

Ah, Dortmund. Dann bist Du vermutlich für München, wenn Du von da kommst?

Naja, ich supporte hier in München die Stadtrivalen.

Aber wieso das denn?

Weil ich halt ein konträrer Heini bin, vermutlich!

Ja, haha, warum auch nicht.

Mei, es ist halt so. Ich glaube, man sucht sich den Club nicht aus, den man unterstützt. Mein Verein stand irgendwann in meiner Tür wie eine kranke Katze und zog bei mir ein. Jetzt bin ich eben Anhänger der ewig Unterlegenen, was will ich machen?

Ah, ich kenne das. Mein Kumpel ist ein Tottenham-Fan. Und das habe ich so weit mitgekriegt, dass Tottenham nie so richtig was gewinnt. Dass sie es nicht in die Champions League geschafft haben, habe ich mitbekommen. Aber ich habe nicht mitgekriegt, wer es denn jetzt geschafft hat.

Lass uns weiter über Fussball reden, denn deswegen habe ich angerufen!

Ja, haha!

Natürlich habe ich wegen Eures tollen Albums angerufen, das ich sehr, sehr mag!

Oh, du magst es!

Aber natürlich.

Oh, cool, das ist so cool! Deutschland hat einen festen Platz in unserem Herzen, nicht nur, weil wir natürlich den Song namens „Backwards Berlin“ auf der Platte haben. Berlin, das ist natürlich eine umwerfende Stadt!

Du warst wohl noch nicht in München!

Doch, war ich!

Ja?

Ja, da war ich zehn! Meine Auntie ist aus München! Mein Onkel hat eine Deutsche geheiratet. Ich habe ihre Familie kennen gelernt und alles. Aber höre ich hier heraus, dass es da eine Rivalität gibt?

Ja, schon. Aber natürlich mehr so im Spaß.

Verstehe. Ja, das ist in Australien mit Melbourne und Sydney genauso. Aber das ist cool.

Ich sag Dir, was ich ganz besonders mag an der Platte: Also, ich bin 42. Und das heißt: Eine sehr wichtige, prägende Zeit in meinem Leben, das war, als ich so ca 20 war. Und das war die Zeit der Bands, mit denen ihr heute alle verglichen werdet. Happy Mondays, Stone Roses, „Screamadelica“, sogar die Soup Dragons, EMF… 

Ja, ja!

Sind das Bands, die ihr auch gehört habt? Oder lernt ihr sie jetzt erst kennen, wo man Euch dauernd damit vergleicht?

Also, wir haben sie natürlich gekannt. Es ist schwer, diese Bands nicht zu kennen. Aber ich bin 23. Ich habe also nichts davon erster Hand miterlebt. Ich denke, wenn man in die Vergangenheit guckt, dann tut man dies mit einer rosa Brille. Und klar, wenn wir auf diese Zeit zurück blicken, dann war das eine tolle Ära für Musik. Wir lieben auch eine Menge HipHop aus der Zeit. Ich meine, der Beat von „Man I Need“, der ist direkt davon inspiriert, dass wir viel Beastie Boys gehört haben. Und hat der Gedanke auch gefallen, weil wir live zu dritt auftreten, als Trio, so wie die Beastie Boys. The Power Of Three!

Jedenfalls, ich mag die Vergleiche zu den Bands, die du genannt hast, das ist auf jeden Fall schmeichelhaft. Aber ich glaube auch, dass noch etwas mehr hinter dem steckt, was wir machen. Ich möchte mir gerne einbilden, dass ich ein anders singe als Shaun Ryder – ich meine, der rappt fast, er MC’t. Aber sie sind cool, sehr cool, die Happy Mondays.

Für mich als jemand, der damals groß wurde, ist es natürlich interessant zu hören, was Dich als Jungen an dieser Ära anspricht. Bringt ihr die Baggy Flares zurück?

Also, ich mag die Gelöstheit. Als ich 15 war, da redeten alle nur von den Strokes und den Horrors, von all diesen Indiebands. Ich spielte damals auch selbst in einer Indieband, und Jona spielte auch in einer. Ich mag aber dieses Schwingende – das fehlte dort. Dieser Swing, den auch viele 60s-Bands hatten. Selbst in den 50s gab es so einiges, das diesen Swing-Beat hatte, ziemlich schwarz, ziemlich roh, und ich möchte einfach mehr Musik hören, die von dem 4/4-Ding abweicht. Etwas, das loser ist, lockerer, das gefällt uns. Grooves. Wir mögen Grooves.

Andererseits lieben wir Techno genauso. Wir waren in Deutschland, wir sind nach Berlin gegangen, wir hatten einen irren Spaß im Berghain, und auf dem Rückweg im Auto sagten wir uns: Lass uns einen Song machen, nur mit Kick. Kick Kick Kick Kick, nur die vier. Und wenn ich drüber singe, dann gebe ich dabei auch gleich die Rhythm Section. Das sollte sehr straight nach vorne gehen und total auf den Beats basieren. Also, Techno lieben wir auch.

Ich fragte mich, ob ihr Tänzer seid. Ob man Euch im Club auf dem Dancefloor antrifft.

YES!

Denn auf den „Funky Drummer“-Beat kann man einfach so famos tanzen.

Ja! Ich LIEBE das! Also, okay, wenn eine Band spielt, dann stehe ich eher mit meinem Bier in der Hand weiter hinten und beobachte. Aber wenn ich in einem Club bin, dann werde ich ganz sicher auf dem Dancefloor zu finden sein. Ich liebe das, zu DJs zu tanzen. Weil es wohl auch das ist, was man soll, keine Ahnung.

Wenn man Dance-Producern diese Frage stellt, kriegt man erstaunlich oft zu hören: „Ich gehe zwar in Clubs, aber ich stehe am Rand und tanze nicht mit.“   

Jona ist mehr der Producer bei uns. Ich bin der mit der Gitarre und dem Gesang und den Texten, und ein bisschen Bass spiele ich auch. Jona macht den ganzen Rest – aber er ist genauso ein Tänzer. Wir gehen in den Club, sitzen mit unseren Drinks an der Bar, und dann gehen wir und tanzen eine Runde, und dann geht’s wieder an die Bar. Ich mag beides.

Eure Songs jedenfalls, die zwingen einen geradezu, auf den Dancefloor zu gehen. 

YEEAH!

Die packen Dich am Arm und zerren Dich auf die Tanzfläche!

Ich mag das Gemeinschaftliche! Gestern habe ich ein Interview gehabt und sollte die Frage beantworten: Was rätst Du den Leuten auf einem Festival? Ich sagte: Mach dein Handy aus! Scheiß auf dein Handy! Lauf nicht rum und such nach Netz, ignorier das alles, nimm einfach die Freude mit, dass Du unter Leuten bist! Facebook und Twitter können warten! Genieß das Festival! Jimi Hendrix ging damals auf die Bühne und er sagte – es war so die Zeit des Vietnamkriegs, die generelle Stimmung war nicht gut – er sagte: Denkt nicht übers Gestern nach, nicht übers Morgen, es geht nur um heute Nacht! Habt heute Nacht Spaß! Das mag ich, das ist echt cool!

Ihr seid nun zwei Australier in Europa. Für mich sieht es gerade so aus, als sei Australien der Himmel der Musik – alle Städte haben so lebendige Szenen! Perth mit Tame Impala und Co, Melbourne, von dort kommt alles mögliche, Sydney mit Modular und Co, Brisbane mit all den Studentenbands – ich habe mir angewöhnt, regelmäßig australische Musikwebsites zu checken. Da kann man wöchentlich großartige Leute entdecken! Wenn also Australien im Moment so dermaßen durch die Decke geht, ist es da überhaupt notwendig, nach Europa zu gehen, um vorwärts zu kommen?

Ich denke schon – die europäische Musikhistorie ist doch eine ganz andere. Überhaupt, dass es hier viel mehr Historie gibt, das wirkt auf uns sehr anziehend. Keine Frage, Australien landet gerade so einige Treffer, es gibt so einige coole Bands im Moment. Ich weiss nicht warum. Ich schätze, es ist, weil wir momentan so scheiße im Sport sind. Wir waren mal richtig gut in Cricket und Fussball und Rugby, so vor zehn Jahren etwa. Wenn man sich anguckt, was es vor zehn Jahren an Bands gab, das war wenig. Jetzt haben all die nerdy Musikkids das Kommando übernommen und die Statistiken im Sport gehen in den Keller, haha!

Das ist ne interessante Parallele – die hat noch niemand gezogen! Ich habe diese Frage natürlich zuletzt mehreren australischen Bands gestellt. Üblicherweise hört man: „Durch das Internet sind wir nicht mehr so abgeschnitten vom Rest der Welt, wie wir es früher waren.“  

Yeah. Das wirkt wahrscheinlich mit rein. Aber ich bin ja der Meinung, das Abgeschnitten-Sein auch was für sich hat. Ich mag die Isolation als kreativen Motor. Ich habe nie in einer WG gewohnt, ich habe immer als Einzelgänger mein Ding gemacht. Und ich mag das, dass Australien irgendwie getrennt ist vom Rest der Welt. Kreativ gesehen ist es gut, seinen eigenen Freiraum zu haben. Dass wir das Internet jetzt haben, bedeutet letztlich, dass man beizeiten in sein eigenen Kämmerchen gehen kann, wo man sich nicht darum kümmert, was der Rest der Welt macht, was gerade angesagt ist und was cool ist und so – aber wenn man fertig ist, dann kann man sagen: Alles klar, hier ist es, mein Zeug, und ich hoffe, dass es Euch gefällt! Dann kann man gucken, was passiert. So lief es zweifellos mit uns, oder mit Tame Impala, und mit vielen anderen Bands. Ich kenne Kevin (Parker, Tame Impala), und ich weiss, dass er sehr viel als Eigenbrötler arbeitet, wie ein Weltraumspaziergänger, ganz für sich alleine. Das ist eine gute Sache! Außerdem ist Australien auch einfach ein wirklich schöner Ort!

Ich habe auch gehört, dass Ihr euer Album in einer Scheune auf dem Land in Frankreich aufgenommen habt, mehr oder weniger. Das klingt interessant, was gibt es darüber zu erzählen? Wie seid ihr darauf gestoßen?

Naja, ein Freund von Jono, aus Sydney, er hatte dort einen Bauernhof. Ich meine, wir hatten natürlich einen großen Freundeskreis in Australien und da eine Menge Jobs gemacht. Von all dem wollten wir uns mal trennen, damit wir uns komplett fokussieren konnten – und es stellte sich sogar als billiger heraus, all unser Zeug in ein paar Koffer zu packen, rüber zu fliegen nach Frankreich und dort die Platte aufzunehmen. Aber es war Wahnsinn, es war mitten im Nirgendwo, das war nicht in Paris, nicht in Lyon. Es war ca drei Stunden südlich von Paris, der nächste Ort hieß Loches, da war der nächste Bahnhof. Also wirklich im Nirgendwo, da haben wir unser Studio aufgebaut. Jona hatte ein paar Kanäle gekauft aus einem alten NEVE Mischpult, wir haben also einfach vor Ort unser Studio aufgebaut und losgelegt.

Wow – ich hatte jetzt gedacht, ihr hättet in einem bereits vorhandenen Studio aufgenommen, das halt eben in der französischen Provinz war.

Also, es gab einen Raum, der schon ein bisschen entsprechend für Aufnahmen ausgebaut war, denn unser Kumpel Sam steht auch auf Musik, hatte auch seine Kurse in Engineering belegt. Er hatte also schon etwas aufgebaut, aber das war nicht viel größer als ein Wohnzimmer. Aber ich hatte neulich das große Glück, Daft Punks Studio zu besuchen, wo sie sie ihr erstes Album machten – und das ist auch echt bescheiden, dieser ganz kleine Raum. Unseres war so ähnlich, wir haben halt in diesem Zimmer aufgenommen.

Gibt es lustige Geschichten von den Aufnahmen? Ich meine, zwei Kumpels auf dem Land in Frankreich, ihr habt ja sicher nicht nur aufgenommen, sondern auch anderweitig Zeit verbracht.

Was haben wir sonst so getrieben? Viele Filme haben wir geschaut, und – das war witzig. Es ist ein ziemlich großes Haus, und wirklich sehr isoliert. Es ist kein Chateau oder so, dazu ist es zu herunter gekommen, die Duschen waren nicht so doll – aber es ist groß und abgelegen. Und wir guckten „The Shining“ und wir haben uns natürlich total daran erinnert gefühlt, in diesem Haus. Und das war ein Fehler, diesen Film zu gucken, weil wir danach wirklich Schiss hatten. Ich bin schlafen gegangen und Jona rief an und er meinte „Ich habe so richtig Angst!“ und ich sagte „Ich auch!“ und er fragte: „Kann ich in dein Zimmer kommen“ und ich war echt froh darüber. Er saß dann bei Kerzenlicht mit bei mir auf dem Bett und wir spielten Musik, bis es besser war. Das war echt witzig. Man kriegt schon ein bisschen Lagerkoller, ich habe mir zum Beispiel auch einen echt langen Bart stehen lassen, und ich habe noch nie Bart getragen vorher. Und wir haben wohl wochenlang nur unsere Pyjamas getragen. Am Ende war das alles echt ziemlich verrückt. Aber es war super!

Also habt ihr eben doch den Baggy Look zurück gebracht!

Ja, da hast Du wohl recht, mit unseren Schlafanzughosen! Unabsichtlich!

Die Atmosphäre in den Studios kann man auf der Platte hören. Diese Gelöstheit ist auf jeden Fall rüber gekommen.

Yeah! Ich weiß ja nicht, wie Dinge wie „Vibes“ so funktionieren, aber ohne Frage muss doch dein Umfeld die Musik beeinflussen, die du machst. Wenn man Joy Division hört, dann denkt man doch zwangsweise an ein kaltes Lagerhaus in Manchester! Das Jagwar Ma Album klingt sommerlich und warm, weil wir in einem Bauernhaus waren, im Sommer! Das hat sicher auf die Platte gefunden. Aber gut, andererseits, wir sind nun mal Australier, wir gehen oft an den Strand, wir lieben die Beach Boys, das steckt in uns, so oder so.

Aber Australien ist schon Eure Homebase, verstehe ich das richtig? Ich hatte vorher gelesen, dass Jona schon mit den Foals im Studio gearbeitet hat, darum dachte ich, er lebt in Europa?

Nein, das war in Australien. Als die Foals in Australien tourten, blieben sie hinterher noch eine Weile da, und Jona hat unten ein Studio, in dem sie ein bisschen herum spielten. Nur so Pre-Production-Zeug, ein bisschen Jammen, Ideen sammeln. Wir haben ein paar dieser Jams aufgenommen, so war das. Die Frage, was momentan unsere Base ist, die ist schwer zu beantworten, denn zuletzt waren wir sehr viel in Europa. Vermutlich war ich mehr hier, als ich zuletzt in Australien war. Vermutlich ist England gerade unsere Basis, aber ich lebe jetzt seit ziemlich langer Zeit aus dem Koffer.

Mich hat es überrascht, als Du vorhin erzählt hast, dass du erst 23 bist. Ich habe mich natürlich ein bisschen vorbereitet und gelesen, dass Ihr vorher in anderen Bands wart – Du warst in der Band Ghostwood, Jona war Mitglied der Lost Valentinos. 

Stimmt. Ich war 16, als ich bei Ghostwood war.

Eben, das dachte ich mir, du musst ja superjung gewesen sein.

Ja, ja, war ich. Und Jona war damals wohl 21. Er ist ein bisschen älter als ich.

Ihr habt damals schon gemeinsame Shows gespielt.

Haben wir, ja. So haben wir uns kennen gelernt und sind Freunde geworden. Wir hatten gemeinsame Tourneen, und Jona und ich, wir mochten die gleichen Filme, und wir saßen immer backstage gemeinsam rum und spielten zusammen Gitarre. Wir beide hatten Fender Jaguars, da kommt jetzt der Bandname her. Ja, so war das, wir guckten Filme und spielten Gitarre vor den Shows – und als unsere Bands an ihrem natürlichen Endpunkt angelangt waren, hingen wir weiterhin gemeinsam rum. Einmal traf ich ihn zum Essen und ich hatte ein paar Demos meiner neuen Songs, die waren sehr 60s-Garagenband-mäßig. Jona wiederum hatte all die Beats, an denen er arbeitete, unter dem Namen Jaguar Paw.  Wir spielten uns gegenseitig unser Zeug vor und schlossen diesen Deal, nach dem Motto: „Jona, wenn Du mein Zeug ordentlich aufnimmst, dann singe ich auf deinen Tracks!“ Hand drauf, gut. Dann gingen wir ins Studio und bearbeiteten beides gleichzeitig, und das Ergebnis war, dass letztlich alles so klang, als käme es von der gleichen Band. Ich sang ja auf seinem Zeug, und er produzierte meins. Dann machten wir den Song „Come Save Me“, das war eins von Jonas Liedern, ich habe ihn gesungen und ein paar Zeilen vom Text hinzugefügt. Das war vor einem Jahr etwa.

Kann ich dann annehmen, dass ein elektronischer Track wie „What Love“ von Jona stammt – ein Titel wie „That Loneliness“ aber, der klar ein Song ist, von Dir?

Manchmal, ja. Es ist wohl richtig, zu sagen, dass diese Platte zwei Persönlichkeiten hat. Wenn man uns gemeinsam interviewt, ist glaube ich schnell offensichtlich, wer was in die Platte einbringt. Gleichzeitig haben wir in den letzten beiden Jahren natürlich unsere Geschmäcker gegenseitig beeinflusst. Jona war natürlich auch durchaus vorher schon Fan der Sixties, er verehrt Phil Spector und Joe Meek, solche Leute, Hendrix natürlich. Ich wiederum hatte letztes Jahr das große Glück, Aphex Twin zwei mal live zu sehen. Den kannte ich davor gar nicht richtig – gerade mal „Windowlicker“. Inzwischen aber habe ich Techno gepeilt – vor allem, nachdem ich im Berghain war. Dabei waren wir dort komplett nüchtern! Wir waren in Berlin, weil wir uns am Vorabend Radiohead angeschaut haben. Am nächsten Morgen standen wir um 9 Uhr früh auf uns gingen ins Berghain. Wir saßen an der Bar und tranken Mineralwasser. Wi guckten den DJs zu – und als ich reinkam, da spielten sie gerade „Flash“ von Green Velvet. Ich hatte den Song so noch nie war genommen, der Moment war eine echte Erleuchtung, ich werde ihn nie vergessen. Zu dem Zeitpunkt war die Platte so etwa zur Hälfte fertig. Ich meinte nur zu Jono: Jetzt habe ich’s verstanden, total! Ob jetzt „What Love“ Jonos Song ist oder meiner, das kann man gar nicht so genau sagen, es geht letztlich hin und her, es ist ein Geben und Nehmen.

Die Tatsache, dass ihr vorher schon in den Bands Ghostwood und Lost Valentinos wart, wirkt die sich auch anderweitig aus? Ich meine: Gibt es zum Beispiel Fehler, die ihr mit den früheren Bands gemacht habt und die ihr heute deshalb vermeiden könnt? 

Aaach – ich glaube nicht, dass wir damals unbedingt Fehler gemacht haben. Wr waren halt extrem jung. Aber die Erfahrungen, die wir machten, waren umwerfend. Es ist wie bei allen Dingen – man lernt immer etwas. Was Jagwar Ma anging, hatten wir ja auch keinen fixen Modus Operandi. Wenn überhaupt, dann waren es die anderen zwei Bands, bei denen mehr nach Planung ablief. An die anderen Bands haben wir gar nicht erst gedacht, wir machten nur einfach Musik, eineinhalb Jahre lang. Wir ließen den Dingen einfach ihren Lauf, denke ich.

Ich wusste gar nicht, dass du so jung warst, als du in Ghostwood spieltest. Naja, dass erklärt, warum ihr damals einen Song über Pokemon-Sammelkarten geschrieben habt.

Haha, ja. Naja, ich war in der High School.

Gibt’s auch auf diesem Album unerwartete Song-Themen?

Hmm, lass mich nachdenken… ich überlege gerade, worum all die Songs gehen. Tja, da sind wir wohl erwachsener geworden. Da geht’s viel um Beziehungskram… naja, „Did You Have To“ war ein bisschen sonderbar, weil er für jeden von uns eine verschiedene Bedeutung hat. Aber es gibt noch einen Song, der nur als Bonustrack erscheint, namens „Somersault“. Den haben wir weggelassen, weil wir fanden, dass das Album sonst zu lange geworden wäre. Jedenfalls, der Bonustrack heisst „Somersault“ und der Text geht um Kindheitserinnerungen aus Sydney. Als Kind war ich immer ein kleiner Typ, und ich bin immer vom Pier mit einem Salto ins Meer gesprungen. Das war das, womit ich versuchte, die Mädchen zu beeindrucken. Meine Platscher waren nämlich nie groß genug, ich musste mir was anderes aussuchen. Aber Songs über Videospiele gibt’s keine auf dem Album.

Zum Song „Man I Need“ – gab es die Person in echt, die zu dir sagte: „You’re not the man I need“?

Ähem… das war mehr eine imaginäre Konversation. Da gab es dieses Mädchen, von dem ich mich trennen wollte. Ich habe in diesem Song quasi zusammengefasst, was ein Mädchen zu mir zu der Zeit wohl gesagt hätte. Ich habe diese Beziehung damals quasi in Sydney liegen gelassen. Ich behauptete, wir wären nur kurz in Europa, für sechs Wochen, aber ich blieb dann 8 Monate weg. Es war meine Schuld, dass das kaputt gegangen ist. Aber ja, das habe ich irgendwie in dem Text zusammen gefasst. Ich mag das Lied aber. Als wir es neu geschrieben hatten, klang es noch sehr camp. Ich musste an Diana Ross & The Surpremes denken. Es war noch aus der Sicht der Frau geschrieben, die sagte „Du bist nicht, was ich brauche“. Wir mussten das Ganze dann so drehen, dass es klang als käme es von einem Typen.

Nachdem ihr jetzt so lange in Europa lebt, habt ihr schon europäische Eigenheiten übernommen? Fußballfans seid ihr ja schon mal nicht geworden bisher. 

Nee, nicht wirklich, Lass mich nachdenken. Nicht wirklich, glaube ich. Wie sagt man: Du kannst den Jungen aus Sydney holen, aber Sydney nicht aus dem Jungen?

Ja, das sagt man über so manche Stadt. Was zeichnet denn einen typischen Sydney-er aus?

Ein Sydneysider? Weiss nicht, wahrscheinlich sind wir einfach ziemlich locker und relaxt? Was ich witzig finde: In Australien spricht man uns immer darauf an, wie unglaublich britisch unsere Musik angeblich klingt. Im UK erzählt man uns dagegen immer, wie australisch unsere Musik klingt. Wir hängen einfach zwischen den Welten, schätze ich. Jeder in Sydney würde sagen, so wie wir ausschauen und uns kleiden, das sei europäisch. In Europa erzählt man uns, wir seien sowas von typisch australisch…

Meine halbe Stunde ist nun gleich vorbei – zum Abschluss frage ich imer gerne nach der Anekdote. Meine Frage ist: „Was war eure bisher verrückteste Show“? 

Hmmm – also, was verrückt war, das war unsere erste Show überhaupt. Die spielten wir in Holland, in Nijmegen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir gerade mal „Come Save Me“ als Video veröffentlicht. Wir kriegten dieses Angebot, und wir fanden, das sei eine gute Gelegenheit, um mal auszuprobieren, wie das Ganze live so funktioniert. Aber dann waren bei dieser ersten Show gleich mehr als 2000 Leute da! Von denen uns niemand kannte. Naja, jedenfalls, das war natürlich eine sonderbare Erfahrung. Ich schickte Fotos zurück nach Sydney und die sagten nur „Was geht denn DA ab?! Seid ihr Rockstars, und hier weiss es keiner?“ und wir so: „…nicht wirklich.“

Habt ihr in der Größenordnung mit euren früheren Bands in Australien schon gespielt?

Och, so 500 bis 1000 Leute, das war so das, wenn’s hoch kam.

Auch nicht auf Festivals?

Doch, ja. Wir spielten das eine oder andere Festival damals, das war natürlich cool.

Der Stand der Dinge ist jedenfalls, dass eure alten Bands wikipedia-Seiten haben, aber Jagwar Ma hat noch keine.

Das stimmt, da müssen wir uns wohl mal drum kümmern. Aber es gibt ja auch noch nichts über uns zu erzählen! Alles ging bei uns jetzt so schnell, wir hatten ja noch gar keine Möglichkeit, zurück zu schauen. Die Biographie der Band würde bisher mal etwa fünf Sätze betragen.

Ich habe eine Rezension eures Albums auf einer australischen Website gelesen, und in den Leserkommentaren standen Dinge a la: „Wie, die Lost Valentinos gibt’s nicht mehr?!“

Ja, das stimmt, keine unserer Bands hat je offiziell verlautbart, dass man sich getrennt hätte. Wir sind nur einfach unserer Wege gegangen. Wir sind auch immer noch sehr gut befreundet. Ich werde in London nachher ein Ex-Mitglied von Ghostwood treffen, das jetzt auch hier lebt. Auch einer von den Lost Valentinos ist inzwischen in London gelandet. Alle machen irgendwie Techno oder spielen in Shoegaze-Bands – ich habe gar nicht das Gefühl, dass wir uns je getrennt hätten. Aber die Valentinos und Ghostwood hatten ein Baby und sie nannten es Jagwar Ma.

Alles klar – vielen Dank, das hat Spaß gemacht. Ich hoffe, dass München in Bälde auf eurem Tourplan steht?

Hoffentlich! Einen Plan habe ich noch nicht gesehen, aber ich möchte wirklich gerne zurück kommen!

Na dann hoffen wir mal drauf – noch mal alles Gute fürs Album, vielen Dank & Bye! 

Bye!

Jagwar Ma // Come Save Me from Andrew Lancaster on Vimeo.

Jagwar Ma ‚The Throw‘ from PHOTOPLAY FILMS on Vimeo.

Jagwar Ma – Man I Need [Official Video] from PIASGermany on Vimeo.

JAGWAR MA // UNCERTAINTY (Extended cosmic outro) from Dave Ma on Vimeo.

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vom kommenden Album:

Jagwar Ma // OB1 [Official] from Marathon Artists on Vimeo.

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Ghostwood und Lost Valentinos:

Ghostwood – Red Version from Modular People on Vimeo.

Ghostwood – Rest My Soul (2009) from Toto MacDonald on Vimeo.

‚SERIO‘ // Lost Valentinos from Dave Ma on Vimeo.

Lost Valentinos – Thief from etcetc on Vimeo.

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