Review: Glass Animals

Glass Animals How To Be A Human BeingGlass Animals – „How To Be A Human Being“

Diese Platte wird im nächsten piranha, meinem Dayjob also, das „Album des Monats“.

Aber was die Meinung von unserem Magazin ist, muss ja nicht automatisch meine persönliche Meinung sein. Ich bin jedenfalls nicht unbedingt Fan von den Glass Animals. Naja, aber ich glaube auch nicht, dass sie den Titel „Album des Monats“ unverdient erhalten haben – es macht schon Sinn, diese Platte hervor zu heben, weil es eine Platte ist, die einschlagen kann.

Aber gut. Bevor ich zu der Platte was sage, hole ich noch mal kurz aus.
Ich glaube, das Riesenproblem des Insel-Indie immer noch ist, dass man sich dort immer noch nicht von der „Indie Landfill“-Phase erholt hat. Muss ich das noch mal erklären? 2005-2007 waren goldene Jahre des UK-Indie: Franz Ferdinand, Bloc Party, Maximo Park, The Kooks, später Arctic Monkeys, sie landeten Hit um Hit. Was wie immer bedeutete, dass zig Nachahmer-Bands auf den Plan traten und der Markt so mit minderwertigen Kopien überschwemmt wurde, dass man diese Schwemme „Landfill“ nannte und der Sound an sich in Verruf geriet. Gitarren waren über Jahre verpönt. Und wer heute auf der Insel eine Band gründet, fühlt sich verpflichtet, zu beweisen, dass man mit „Indie Landfill“ nichts zu tun hat.

Viele englische Bands zwingen sich nun, uns zu zeigen, wie anders und schlau sie sind, damit man sie nur ja nicht mit den Pigeon Detectives verwechselt. Deswegen gibt es Rumgniedel-Bands wie Alt-J oder hektische Dynamik-Unterbrecher wie Everything Everything. Nun nennt mich primitiv, aber die Songs dieser Schlauberger-Bands packen mich niemals so, wie Lieder es tun, deren Refrains man betrunken mitschmettern kann und deren Aussage man versteht, ohne verklausuliert-fragmentarische Andeutungen durchsteigen zu müssen.

Glass Animals sind halt genau so eine unnötig überkomplexe  Band. Ach, ich wünschte mir, ich fände sie cool. Dann könnte ich zum Beispiel die Bandbreite der verwendeten Instrumente loben – ich meine, die ersten Töne dieser Platte sind (nagelt mich nicht drauf fest, aber es klingt zumindest so) Chimes, eine japanischen Koto und Kastagnetten. Nach ein paar Sekunden dieser Kombi setzt ein Urwaldbeat ein.
Das fände ich ja supergern ideenreich und clever kombiniert. Leider finde ich’s aber nur nervig bemüht. Das Ganze erreicht mich nicht, das ist das Problem. Ich glaube nämlich durchaus, dass ein satter Beat und eine schräge Klangkombi mich flashen könnten – wenn der Song insgesamt stimmig ist und alles ineinander greift.
Weil mich die Songs der Glass Animals aber nun mal nicht packen, finde ich ihre Arrangements deshalb überkanditelt und affig. Für mich ist das Blendwerk, mit dem sie kaschieren wollen, dass ihr Kern nicht so doll ist. Und ich habe den Verdacht, dass die Kausalkette in dieser ganzen Sache in die andere Richtung läuft.

Genauso geht’s mir übrigens bei Alt-J. Aber gut, viele meiner Freunde LIEBEN Alt-J. Haben die sich alle blenden lassen oder bin ich der, der’s nicht peilt?

Glass AnimalsZurück zu Glass Animals. Die haben mit ihrem ersten Album „Zaba“ schon eine Menge Fans gesammelt. Nun wird erwartet, dass sie mit dieser zweiten Platte die nächste Stufe nehmen und so richtig was reißen.
Es lässt sich ja auch vielversprechend an: Die ersten Singles von „How To Be A Human Being“, „Life Itself“ und „Youth“ nehmen das bisherige Klangkonzept der Band, aber legen ein bisschen mehr Schub drunter, Das, was ich vorhin als „Urwaldbeats“ bezeichnet habe, diese übertrieben ausgefeilte Percussion, die macht diese Songs tatsächlich tanzbar. Diese Tracks erfüllen quasi die Rolle von Alt-Js (da sind sie wieder!) „Left Hand Free“ – es ist Artpop, der auch in der Indiedisse den Dancefloor füllen kann. Eine Kerbe, in die auch „Pork Soda“ schlägt. Dieser Song erinnert mich irgendwie an Yeasayer – das ist auch so eine Band, die gerne mal vorsichtshalber um drei Ecken zu viel denkt, dabei sind ihre direkten Tracks ihre besten (siehe „Reagan’s Skeleton“ oder „Silly Me“).

Naja. Manchmal, wenn Glass Animals so neunmalklug rumstöpseln, stoßen sie auf feine Melodiefetzen und kombinieren sie zu Gesamtstücken, bei denen auch ich zähneknirschend zugeben muss, dass mir das Endergebnis gefällt – mein Favorit „Mama’s Gun“ ist so ein Fall. Aber dann wieder gibt’s Momente, wo man nur konsterniert den Kopf schüttelt.
Immerhin, die Jungs regen mich nicht so auf, wie mich Everything Everything aufregen. Diese Kollegen will ich am liebsten durch den Fleischwolf drehen – bei Glass Animals rolle ich nur immer wieder mit den Augen und denke mir: „Musste das jetzt sein?“

Also, ich habe nix gegen Artpop an sich. Guckt euch dEUS an – was für Götter! Die benutzen doch auch dauernd unkonventionelle Instrumente! Manchmal jazzen sie, manchmal brezeln sie rein und ihre Songs sind voller unerwarteter Brüche, Richtungs- und Farbwechsel. Aber bei dEUS hat man halt das Gefühl, dass alles stimmig ist und im Sinne der Geschichte steht, die sie mit dem Song erzählen wollen.
Es ist ein unterbewusstes Empfinden und keins, das ich mit Fug und Recht begründen kann – aber den Glass Animals unterstelle ich, dass sie nicht im Sinne ihrer Songs denken, wenn sie sie so aufplustern. Die fände ich sehr viel souveräner, wenn sie öfter mal stecken lassen würden und ihre Songs einfach vorwärts gehen ließen, ohne dass sie hier einen Piep und dort einen Blubber und da einen Schmirgel und dort ein Rumpeldipump einbauen müssten.

Aber gut, der Erfolg von Alt-J hat uns gezeigt, dass es da draußen ein Verlangen nach Indie-Pop gibt, der lieber ein Türmchen zu viel anbaut, als der geraden Linie zu folgen. Es ist sicher so, dass „How To Be A Human Being“ bei einer Menge Leute offene Türen einrennen wird. Mich läßt’s halt eher kalt. Aber das Leben wird weitergehen.

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