Review: Lydia Loveless

Lydia Loveless RealLydia Loveless – „Real“

Eine Platte, mit der ich erst noch richtig warm werden muss. Aber ich werde mir Mühe und Lydia Loveless mehrere Chancen geben, denn der Vorgänger „Somewhere Else“ war fantastisch.

Wer ist Lydia Loveless? Eine Singer/Songwriterin aus Columbus/Ohio, die für ihre 25 Jahre schon auf eine ganz schön lange musikalische Karriere zurück blicken kann. Sie war 15, als sie ihr erstes Album aufnahm und als nu.Country-Wunderkind präsentiert werden sollte. Allerdings, die Platte erschien nach Komplikationen dann erst vier Jahre später, im Jahr 2010. Da hatte Lydia sich von ihrem Produzententeam freigeschwommen und erkannte sich in den Aufnahmen nicht mehr wieder (man macht nun mal zwischen 15 und 19 einen Entwicklungssprung). Als nächstes legte Lydia daher mit „Indestructable Machine“ eine umso frechere Platte hin, auf der sie sich als aufmüpfige Göre präsentierte, die dem Feiern mit Alkohol und Jungs zugetan war.

Die folgende „Boy Crazy“ EP (2013) und vor allem das angesprochene „Somewhere Else“ (2014) verbreiteten dagegen eher Katerstimmung. Lydia war sehr unverblümt in ihren Texten: Auf „Really Wanna See You“ ruft sie betrunken einen verheirateten Ex an, „Head“ feiert die Freuden des Cunnilingus, „Wine Lips“ erzählt eine kecke Anmache beim Schulball. Aber Lydia konnte auch richtig ernst: „Everything’s Gone“ erzählte von der Zwangsversteigerung ihres Elternhauses und dem resultierenden Gefühl der Entwurzelung. Vielleicht exemplarisch: „Verlaine Shot Rimbaud“, das sich auf die reale Beziehung der beiden französischen Dichter bezog: „Verlaine shot Rimbaud cause he loved him so – and honey that’s how I love you. Verlaine shot Rimbaud, cause he loved him so, and honey that’s how I wanna go“ sang Lydia dort und offenbarte sich als eine dieser Personen mit überbordenden, ins Extrem ausschlagenden Gefühlen.

Und nun heisst die neue Platte „Real“ und verspricht, wirklich ganz besonders ehrlich zu sein. Na, das kann ja heiter werden.

Ach ja, zur Musik: War Lydias Sound zu Beginn fest im Country verwurzelt, mit einer Prise Alternative Rock, so verschob sich das Verhältnis zwischen den beiden Stilen seitdem von Album zu Album. „Real“ setzt nun diesen Trend fort. Keine Fiddle, kein Banjo sind zu hören – nur vereinzelte Steel Guitar erinnert auf dieser Indierock-Platte noch daran, dass die Gute diesem Genre entspringt.

lydia-lovelessWas die extra „real“en Texte angeht – ich habe eher das Gefühl, dass es hier weniger extrem zugeht als auf „Somewhere Else“. Es gibt dafür einen persönlichen Hintergrund: Lydia ist inzwischen verheiratet, mit Ben Lamb, dem Bassisten ihrer Band. Was nicht heisst, dass jetzt alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Nein, wie Beziehungen nun mal sind, haben die beiden ihre guten und schlechten Zeiten – und wenn schlechte Zeiten passieren, schreibt Lydia drüber. Man kann sich nur vorstellen, wie weird das auf Konzerten sein muss, wenn die Sängerin ihrem Liebsten, der neben ihr am Bass steht, gesteht, wie verfallen sie ihm ist, aber im nächsten Moment an den Kopf wirft, wie bitter er sie enttäuscht, eifersüchtig macht oder desillusioniert.

„When I met you, honey, i thought I found release and that we could stay together. But paradise is only for the weakling, no one goes to heaven“ singt sie in „Heaven“. Auch eine Zeile wie „I’ll have to take a few, so I won’t talk back – I guess it’s gonna be one of those days“ (aus „Same To You“) spricht nicht gerade von Harmonie. Demgegenüber stehen Liebesbekundungen wie „Marry me, there’s nowhere in the world I would rather be“ (aus „Bilbao“) oder „How can a love like this exist, feels more perfect with every kiss“ (aus „“Out On Love“).

Textlich hält Lydia also weiter nicht hinterm Berg – und sie findet wie zuvor starke Worte und Bilder. Dabei scheint sie mir – auch wenn sie extreme Gefühle artikuliert – runter gekommen zu sein im Vergleich zu „Somewhere Else“. Ich meine, diesmal singt sie nicht davon, dass sie (siehe „Verlaine Shot Rimbaud“) auf ihren Partner schießen will vor lauter Liebe. Dennoch, die Texte sind weiter gut, nachvollziehbar und miterlebbar.

Deswegen noch mal zur Musik. Ich sehe ein, dass Loveless nicht länger auf die Country-Punk/Americana-Schiene festgelegt werden will. Wenn sich ihr eigener Geschmack vom Country löste, ihr die ewigen Vergleiche mit Loretta Lynn und Neko Case aus dem Hals hängen, und sie lieber als 90s-Alternative/Guitar-Power Pop-Sängerin weitermachen möchte (was allerdings ebenfalls zu vergleichen führen wird, von Fiona Apple über Liz Phair und Natalie Merchant bis zu Kristin Hersh), so respektiere ich das.
Was meinen persönlichen Geschmack angeht, finde ich’s ein bisschen schade. Weil es im Bereich des Alternative Rock eben schon einen Haufen dieser emanzipierten, aber auch gefühlsbetonten Sängerinnen gibt. Im Country, auch im alt.Country, gibt es davon weniger – also ich jedenfalls kenne keine. Lydia Loveless opfert hier nicht nur einen Sound, den ich wirklich herausragend fand, sondern auch ihr Alleinstellungsmerkmal.

Letztlich ist „Real“ eine sehr gute Platte, die das wilde Auf und Ab in turbulenten Beziehungen wirklich treffend und bewegend auf den Punkt bringt. Aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass dieses Album mich ähnlich packt wie „Somewhere Else“, das eine für meine Ohren noch hemmungslosere und originellere Achterbahnfahrt war.

Ranking Lydia Loveless

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