Review: Dinosaur Jr

Dinosaur CoverDinosaur Jr. – Give A Glimpse Of What You’re Not

Mir ist neulich ne perverse Idee gekommen. Ich könnte ja Dinosaur Jr scheiße finden! Einfach nur, um gegen das große Love-In anzustänkern! Einfach nur, um Ärger zu machen!

Alle jubeln über J Mascis, den alten Grummelklaus. Nonstop Konsens in der deutschen Musikmedienlandschaft. Was auch daran liegt, dass sie altert, die deutsche Rockjournaille. Die Leute, die vor 20 Jahren mit Mitte 20 beim Stone und beim ME saßen, sie sitzen immer noch da, nur sind sie jetzt alle Mitte 40 und älter. Und sie alle finden – das liegt in der Natur der Sache – noch immer genau das super, was sie super fanden, als sie sich im Alter zwischen 17-22 auf das festlegten, was ihr Ding war.

Ich zeige da nicht mit dem Finger auf Andere – ich weiss es selbst nur zu gut. Ich gehöre ja genau diese Clique. Ich bin komplett anfällig für Musik, die sich als Echo meiner Lieblingsplatten von ca 1988-1992 zeigt. Ich schmachte für die Neo-Baggy-Sounds von Jagwar Ma und erzähle allen, was für unantastbare Legenden die Stone Roses sind. Was ist das eigentlich für eine fixe Idee, zu erwarten, dass ein heute 20-Jähriger das nachvollziehen könnte? Warum sind die Stone Roses Legenden? Weil sie 1989 eine sehr gute Platte gemacht haben. Die halt genau den Sommer, der mein „Ich werde flügge“-Sommer war, geprägt hat. (Wenn das das Kriterium ist, wird Cro eines Tages von jemand zur Legende erklärt! Schüttelfrost!)

Jedenfalls, meine Generation glaubt, mehr Ahnung als all die anderen zu haben,  welche Musik zu akzeptieren ist und welche nicht. Deswegen freuen sich auch alle so übers Comeback der Beginner: Da waren wir eigentlich zu spät, aber mit denen konnten wir wenigstens noch was anfangen. Heute? Ist mein Draht zu den Kids durchgebrannt – diese Birne flackert nicht mal mehr. Die Vorbesteller-Charts von amazon sind voll mit deutschen Rappern, die mir so fremd (und auch komplett scheißegal) sind, wie meiner Oma My Bloody Valentine fremd waren. Aber wir, diese Generation, die so ca 1988 – 1992 Abi machte, wir dominieren halt Deutschlands Rockschreibe. Und drücken weiter unseren Geschmack durch.

Grummelklaus J MascisHerrjeh. Wieder vom Weg abgekommen. Also zurück zu Dinosaur Jr. Weshalb habe ich das oben alles geschrieben? Weil ich Bandfotos von Dinosaur Jr sehe und nicht um den Gedanken umhin komme: Wieso sollte sich ein Teenager nicht denken: „Was sind das für Oppas?“ Welche Relevanz können Dinosaur Jr für jemanden haben, der diesen Sommer sein Abi machte und den ich als LMU-Erstsemester ins Crisp locken will, wenn dort unsere neue Indie-Night läuft?

Geben wir uns also aktiv Mühe, nicht der Fanboy zu sein, der die Musik zum ersten Mal bei Hilli im Auto auf dem Weg zum Baggersee hörte. Der sich erst noch gegen die Gitarrensolos sträuben wollte (die waren verboten, denn Gitarrensolos = Metal. Pfui!) und sich an der nasalen Gniedel-Stimme von dem Sänger störte. Lange konnte der Junge sich nicht wehren. Wie hätten „The Wagon“ oder „Freak Scene“ einen nicht umhauen können? Zu viert ging’s aufs Konzert in München in der alten Theaterfabrik in Unterföhring (Alabama Kids als Vorband). Die Pinnwand mit dem Ticket mit dem „Green Mind“ Cover drauf machte mehrere Umzüge mit.

Alles egal jetzt! Tun wir so, als nähern wir uns von außen und gehen sogar negativ an die Sache ran. Suchen wir doch mal, was wir für Gegenargumente gegen Dinosaur Jr finden können!

Erstens mal: J, Murph und Lou wiederholen sich. Da tut sich ja nix Neues!
Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Ein unveröffentlichter Dinosaur Jr-Song taucht auf, der in einer Albumsession irgendwie vergessen wurde und nie auf der Platte landete, für die er gedacht war. Wir geben diesen Song einem Experten und er soll uns sagen, aus welcher Phase der Band er stammt. Aus den Anfangsjahren, Mitte bis späte 80er, SST? Aus ihrer Blanco Y Negro-Majorlabelzeit? Stammt er aus den ersten Phase der Reunion? Oder ist er brandneu, von der aktuellen Scheibe? Ok, ich traue mir zu, einen „Bug“-Song von einem „Where You Been“-Song unterscheiden zu können. Aber später? Dinosaur Jr ist mehr ein Markenzeichen, ein Sound, dafür bleiben die einzelnen Songs nicht mehr hängen. Sowas wie „Freak Scene“ oder „Start Choppin’“ oder „Take A Run At The Sun“ ist lange nicht mehr abgeliefert worden von den Dinosauriern, oder?

Und was will eigentlich Lou Barlow? Beschwert sich wieder, dass J Mascis und er nicht mal miteinander sprechen. Wenn das Verhältnis so schlimm und entwürdigend ist und du schon mal rausgeworfen wurdest, warum gehst du dann nicht selbst? Lou, deine Songs sind auch auf der Neuen nur dazu da, um mit ihrem Geplodder ein bisschen Abwechslung zu bringen und letztlich Js überragendes Talent hervor zu heben!!

So! Dampf abgelassen. Habt ihr mir das abgenommen? War nämlich gelogen.

„Give A Glimpse Of What You’ve Got“ ist eine großartige Platte. Sowieso. Nicht nur, weil ich gerade daheim bei den Eltern bin. Auf dem Balkon sitze, auf dem ich mit 19 saß. In einer Nacht, die eine Baggerseenacht gewesen wäre.

Dinosaur Jr klienErstens: J Mascis ist in absoluter Topform. Der wringt wieder Klänge aus dem Gitarrenhals, die halt außer ihm keiner da raus wringt. Und er macht das nicht aus Effektheischerei. Er macht das, weil das die Töne sind, die unser Unterbewusstsein mit seinem Unterbewusstsein connecten und die genau den richtigen stumpfen Schmerz und die Hilflosigkeit all das Schöne auf der Welt in Feedback kleistern.

Zweitens: Als ich sagte, bei den neuen Songs sei kein wiedererkennbarer Hit mehr dabei, war das natürlich auch Blödsinn. Schon der Opener „Goin’ Down“ (kann ein Dinosaur-Songtitel mehr nach Dinosaur klingen?) sägt mit einem Gitarrenriff rein, das einen aus den Pantoffeln haut. „Goin’ Down“ ist ein Cousin von „The Wagon“ mit besserem Intro und goldenen Hooks.
Und dann geht es auf diesem Level weiter. Die Single „Tiny“, unter ihrer Fuzzdecke ein Popsong mit famoser Melodie. „Be A Part“: ein bisschen vom Gas, dafür NOCH mehr Melodie, und wieder diese Gitarren! Ab da wird’s verschwommen – wir sind jetzt in J’s Universum, wir nehmen die Songs nicht mehr einzeln wahr, sondern das Album mehr als Gesamtgefühl. Weswegen die zwei Tracks von Lou in der Tat willkommen sind.

Naja, lange Rede, kurzer Sinn: Der Versuch, sich gegen Dinosaur zu wehren, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die machen zwar genau das, was sie immer taten, aber sie machen es so gut wie zu ihren aller-allerbesten Zeiten. Vielleicht SIND dies sogar ihre aller-allerbesten Zeiten!

Also, Kids – traut diesen grauen Waldschraten! Und traut diesem ergrauenden Berufsjugendlichen da am Laptop! Das ist ne große Band! Ich weiss nicht, ob Bonez MC (Wer?), Apecrime (Hä?) oder Herzog (Wtf? – alle drei in den Amazon Top Ten und ich KENNE die nicht und ich WILL es auch nicht!) Euch mehr über euer Leben im Jahr 2016 sagen. Aber ich hoffe doch, dass Dinosaur Jr nicht an euch vorbei laufen. Wenn nur wir +40jährigen auf dieser Band hängen bleiben, ist das Verschwendung.

Ranking Dinosaur Jr

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