Review: Beyond The Wizard’s Sleeve

soft bounce wizards sleeveBeyond The Wizard’s Sleeve –
„The Soft Bounce“

„Die Leute hören keine Alben mehr durch, sie hören nur noch einzelne Tracks“ wird seit langem schon behauptet. „Ihre Aufmerksamkeitsspanne reicht nicht mehr aus, um eine dreiviertel Stunde lang die gleiche Stimme hören zu wollen.“ Da sollte man ja eigentlich denken, dass die Chemical Brothers in den 90ern schon die perfekte Lösung gefunden haben: Das Album, das sich ganz von selbst wie ein Sampler anfühlt. Weil es extrem variable Tracks vereint, instrumentale und gesungene, die wiederum mit verschiedenen Gastsängern. Seit „Exit Planet Dust“ sind die beiden Londoner DJs so verfahren, eine Menge sehr unterschiedlicher Top-Hits haben sie dabei gelandet. Ihr Modell ist seitdem aber erstaunlich selten nachgeahmt worden.

UNKLEs „Psyence Fiction“ (1998) fiele mir als eines der wenigen Beispiele ein, auch „Nonsense In The Dark“ von den Filthy Dukes (2009) – wie die Chemicals ein Londoner DJ&Remix-Duo . Nun gibt’s eine neue Platte für dieses schmale Plattenfach, und einmal mehr stammt sie von einem Londoner DJ-Team, das auch durch seine Remixe für Indiebands in den Vordergrund gereten ist. Beyond The Wizard Sleeve sind Erol Alkan (lange DER UK-Vorzeige-Indie-DJ, inzwischen Resident in der Fabric) und Richard Norris vom Elektronik-Duo The Grid. Beides keine jungen Hüpfer mehr, aber dafür große Allrounder und Kenner mit viel Insiderwissen in allen musikalischen Schubladen.

Natürlich ist dies nicht 1:1 ein Chemicals-Album. Norris und Alkan haben sich was ausgedacht bei dieser Platte, sie möchten Electronica und Psychedelia auf neue Weise kombinieren. „Das haben die Chemicals doch mit ‚The Private Psychedelic Reel‘ von ‚Dig Your Own Hole‘ perfektioniert!“ ruft ihr vielleicht aus – und habt Recht. Aber das heisst ja nicht, dass man diese Verflechtung nicht in anderen Tempi und Farben noch mal durchspielen kann.

BTWS tun’s – mit mal mehr, mal weniger Erfolg.
Den Opener „Delicious Light“ zähle ich zu den Erfolgen. Aus einem sanften Einfaden wird eine aus 80s-Bass und Krautmotorik angetriebene Mischung aus Death In Vegas „Dirge“ und Kasabians „Reason Is Treason“. Das hat Zug.

wizards sleeveBei „Iron Age“ dagegen bin ich mir auch nach mehrmaligem Hören immer noch nicht scher, was ich davon halten soll. Ist dies eine geile Verschmelzung von Hawkwind-Pre-Metal und Blipz’n’Chitz? Oder klingt es doch mehr wie eine Wolfmother-Nummer, zu der Kinder mit Spielzeug-Lasern durchs Zimmer toben? Mir ist das offen gesagt zu gimmicky. Es ist übrigens Blaine Harrison von den Mystery Jets, der da die singende Rocksau mimt, aber nicht hundertpro überzeugend.

„Creation“, der nächste Track, gesungen von Jane Weaver und Hannah Peel, geht mir dann so richtig auf den Sack. Ich war nie Freund von Easy Listening-Soft Jazz im Matt Bianco Style, da helfen auch keine Rechnersounds – und dieses Gesäusel ertrage ich keine weitere „Half a Minute“ mehr.

Erlösung kommt in Form von Euros Childs. Der Ex-Frontmann der Gorky’s Zygotic Mynci war immer ein König der traumhaften Melodien, und er liefert eine solche ab. Wizard’s Sleeve müssen nicht mehr tun, als da einen Hintergrund drunter zu legen, der nicht zu sehr ablenkt, und das tun sie.

Ihr seht schon: Auch wenn „Psychedelia“ und „Electronica“ drüber steht, dieses Album spickt durch die Genres wie eine Flipperkugel auf Speed. So geht’s weiter mit „Diagram Girl“, einer Kombi aus New Romantic und Popgaze, wie man sie auf M83-Alben findet und „Black Crow“, der Sorte Pop Noir, auf die sich auch die von Trentemøller produzierten Däninnen Darkness Falls sich spezialisiert haben.

Ab jetzt kehren BTWS dem Song den Rücken. Wir hören noch 7 Minuten Sphärenklänge („Tomorrow, Forever“), einen Versuch in Sachen „m b v“-delica („The Soft Bounce“), Kirmesorgeln from Space („Finally First“), ein kurzes Engelsstimmen-Zwischenspiel („Triumph“) und zuletzt einen Erzähler, untermalt von Unterwasser-Staubsaugern („Third Mynd“). Tja, ich schätze mal, wenn ich Kiffer wäre, könnte ich diese zweite Hälfte der Platte zu schätzen wissen. So? Meh.

Trotzdem: Insgesamt ist das ein spannendes Album – sonst hätte ich es ja auch nicht gepickt, um drüber zu schreiben. Wizard Sleeves Versuch, Psychedelia nicht über einen reinen Retro-Nachbau, sondern als Update mit den heutigen technischen Mitteln ins neue Jahrtausend zu bringen, ist mal mindestens sehr ambitioniert. Das Endergebnis liefert ein paar Fails, aber auch ein paar Volltreffer, und die waren diesen Versuch allemal wert.

Ranking Wizards

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