Review: Josh Pyke

Live at the Sydney Opera HouseJosh Pyke – „Live with the Sydney Symphony Orchestra“

Ich mag Josh Pyke. Der australische Songwriter trifft einen Nerv bei mir mit seinen poetisch-nachdenklichen Liedern. Hierzulande kriegt man nicht mal alle seine Longplayer in den Downloadstores, aber daheim down under ist er sehr beliebt. Seine Alben gehen dort meistens in die Top Ten, das wusste ich. Trotzdem habe ich seinen Status wohl unterschätzt. Ich hätte nicht geahnt, dass Josh Pyke in Australien einen solchen Stellenwert hat, dass das Sydney Symphony Orchestra auf ihn zukommen würde, um im berühmten muschelförmigen Opernhaus im Hafen seine Lieder mit Streichern, Flöten, Pauken und Trompeten umzusetzen.

Klar, so ein Auftritt mit Orchester ist so was wie ein Ritterschlag für einen Songwriter. Klar auch, dass Josh solche Dinge sagt wie „I love the idea of taking these songs that I’ve written alone in my bedroom to people who I’ve never met who completely rework them and reimagine them“ oder „Playing that sort of concert with an orchestra was something I always wanted to do, I think it’s most musicians‘ dream to hear their music in that cinematic context.“

Die Frage muss trotzdem erlaubt sein: Ist das auch wirklich für jeden Songwriter das Richtige? Als ich letztes Jahr Pykes jüngstes Album „But For All These Shrinking Hearts“ hier besprach, verglich ich ihn mit Badly Drawn Boy und Elliott Smith. Wie bei den beiden Songwritern liegt auch Pykes Charme nicht zuletzt oft in einem filigranen Minimalismus. Diese Songs einem vielköpfigen Orchester mit einem Bataillon aus Waldhörnern und einer Sitzreihe voller Cellisten in die Hand zu geben, das muss ja nicht unbedingt funktionieren. Man würde ja auch einem Transformer nicht unbedingt die Aufgabe übertragen, Stickarbeiten anzufertigen.  Oder, okay, näher dran, einem Maler monumentaler Öllandschaften eine schwunghafte Federzeichnung von Picasso auf 5 x 12 qm übertragen lassen.

Entsprechend finde ich, dass die oft bombastifizerende Umsetzung in der Tat nicht immer das Beste aus den Songs raus holt. Das Sydney Symphony Orchestra besteht aus 110 Ensemblemitgliedern – und die wollen nun mal alle was zu tun haben. Bei einem Song wie „Clovis’s Son“ führt das dann dazu, dass ein Teil des Orchesters die ambienten Hintergrundgeräusche simuliert, die im Original wohl aus dem Rechner kommen, während der andere Teil jede Gesangspause für Stakkato-Attacken aus Fideln und Glockenspiel nutzt. Gleichzeitig bleibt Josh Pykes sanft geschrubbte, in den Vordergrund gemixte Gitarre das Lead-Instrument, was ja schon irgendwie weird ist. Hier 110 Virtuosen an ihren klassischen Instrumenten, da ein strubbeliger Heini mit seiner Klampfe – und er gibt den Ton an? Auch bei „Middle Of The Hill“ wird das Problem offenbar. Ein Song, der als von seiner zurückhaltenden Reduktion LEBT, wird mit Tirili, Trara und Summsäusel zugekleistert wie eine hauchzarte Waffel, auf die man 30 cm Nutella schmierte.

joshpykeHaving said that – warum sollte man das nicht mal ausprobieren? Der Ziel dieser Übung war schließlich, den Songs mal eine andere Note abzugewinnen. Sie mal in Brokatkostümen zu verkleiden und zu gucken, wie das ausschaut. Gut, im Nachhinein wissen wir: Jeans und T-Shirt stehen ihnen besser. Aber es war schon auch nicht uninteressant, mal diese andere Variante zu betrachten.

Ich würde daher sagen: Wenn Josh Pyke bisher nicht auf eurem Zettel war, so hört euch den Mann bitte an – der Gute hat so einige wirklich herrliche Lieder verfasst. Wenn ihr dann zum Fan geworden seid, dann ist auch dieses Orchester-Album etwas für euch, denn es ermöglicht euch, eure Lieblingssongs in neuen Varianten zu hören. Als Einstieg in Joshs Werk würde ich aber dann doch empfehlen, zuerst auf eins seiner „normalen“ Alben zurück zu greifen. Denn die bringen Pykes Charakteristika und Stärken besser zum Vorschein als diese sicherlich interessante, aber eben untypische und nicht zwangsweise ideale Neuinterpretation.

Zum Abschluss noch ein paar Fakten: Das Konzert stieg am 30. April 2015, also wenige Monate vor der VÖ von Joshs fünftem Album „But For All These Shrinking Hearts“, das deswegen mit nur einem Song („Still Some Big Deal“) vertreten ist. Ansonsten verteilt sich die Songauswahl ziemlich fair über seine Diskographie: 3 Songs der „Feeding The Wolves EP“ (2005), je 4 von „Memories & Dust“ (2007) sowie„Chimney’s Afire“ (2008), 2 von „Only Sparrows“ (2011) und 3 von „The Beginning And The End Of Everything“ (2013)

Eine Grafik mit Song-Ranking mache ich diesmal nicht. Die Lieder sind alle prima, manche erfüllen sogar meine Ansprüche für meine rote „genius“-Einfärbung („Middle Of The Hill“ zum Beispiel, „The Summer“ oder „Leeward Side“). Aber ihre Umsetzung mag ich im Original normal halt lieber.

Insgesamt gebe ich… hmmm…. 7,0 Punkte.

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