Review – The Avett Brothers

True SadnessThe Avett Brothers – „True Sadness“

Ihren großen Wurf landeten The Avett Brothers 2009 mit ihrem Album „I And Love And You“. Ihre erste Platte auf einem Majorlabel sowie mit Producer Rick Rubin hinter den Reglern war ihr großer Aufstieg raus aus den Americana/alt.Country-Kennerkreisen. Ab jetzt waren sie eine der größten Bands ihres Genres. Höhepunkt war damals ihr Auftritt bei den Grammy Awards 2011: Die Macher der Show wollten damals der großen Wiederauferstehung des Folk Rechnung tragen, also luden sie Ur-Folkmeister Bob Dylan sowie die Hit-Folkies Mumford & Sons gemeinsam auf die Bühne. Dazu durfte noch ein Vertreter der Americana nicht fehlen – und dass man die Avett Brothers pickte, nicht etwa Ryan Adams, die Band of Horses oder Jason Isbell, zeigt den Stellenwert, den die Durchstarter aus North Carolina zu dem Zeitpunkt hatten. Man rechnete damit, dass sie das nächste Mega-Ding des Folk Rock würden.

Fünf Jahre später käme wohl kein Grammy-Producer darauf, die Avetts wieder in solcher Gesellschaft zu positionieren. Nicht, dass ihre letzten beiden Alben gefloppt wären – nein, sowohl „The Carpenter“ (2012) als auch „The Magpie and The Dandelion“ (2013) gingen in die Billboard Top 5. Die zwei Alben zementierten zweifellos den Status der Avetts als eine der größten Bands der erweiterten Americana.

Was allerdings nicht stattfand, das war der Durchbruch über die Genregrenzen heraus, den man prophezeit hatte.
Will sagen: Jeder von uns hat (mindestens) ein Mädel im Bekanntenkreis, das sich nicht doll für Musik interessiert, aber sie LIEBT Annenmaykantereit und die Mumfords. Genauso kennt jeder von uns Typen, die sich selten Platten kaufen, weil sie mit Pearl Jam und den Red Hot Chili Peppers für immer über die Runden kommen. 2011 glaubte man, dass all diese Leute sich bald Avett Brothers-Platten in die Sammlung stellen würden. Dass sie die Rock-Typen genaus kriegen könnten wie die Folk-Girls. Aber es ist 2016 und die Avetts haben diese Leute noch nicht erreicht. Keine Frage, die ca 200.000 Stück, die „The Magpie & The Dandelion“ in den USA verkauft hat, sind extrem respektabel. Aber man glaubte eben mal, die Avetts würden bald in den Millionenbereich stürmen.

Noch was: Eigentlich sind „The Carpenter“ und „The Magpie…“ quasi nur ein Album. Beide Platten entstanden zur genau gleichen Zeit, bei den gleichen Sessions. Statt ein Doppelalbum draus zu machen, entschied man jedoch, die Songs auf zwei Longplayer zu verteilen und in kurzem Abstand auf den Markt zu bringen. Das Ergebnis war, dass beide Platten die Band also im genau gleichen Stadium ihrer Entwicklung zeigten und sich im Ton stark ähnelten.

Was bedeutet das für „True Sadness“? Erstens, dass dies die ersten frischen Studioaufnahmen der Band seit den Carpenter/Magpie-Sessions sind. Zweitens: Dass vielleicht nicht unbedingt ein krasser Druck da war, jetzt gefälligst endlich den Crossover zu schaffen (live hat die Band in den Staaten eine hohe Zugkraft und sie trägt sich wirtschaftlich so gut, dass man auf sieben Mitglieder erweitert hat) – aber der Wunsch, diesbezüglich mal in die Richtung zu agieren, ist von Labelseite unter Garantie mal nebenbei fallen gelassen worden.

avett brothersUnd ohne ihnen jetzt unterstellen zu wollen, dass die Avett Brothers es auf diesem Album wirklich krass darauf anlegten, ihren Appeal zu erweitern, um Rockfans, Popfans sowie Anhängerinnen sentimentaler Balladen abzuholen – sage ich doch: Wäre dies ihr erklärtes Anliegen gewesen, wäre die Platte nicht anders ausgefallen, als „True Sadness“ ausgefallen ist.

Das geht mit der ersten Single los: „Ain’t No Man“ fällt mit der Tür ins Haus. Mit dem stampfenden Beat von „We Will Rock You“ (nur leicht beschleunigt) powert das Lied rein und bleibt beim Wesentlichen. „Ain’t No Man“ besticht mit der Schlichtheit eines Abzählreims. Die Avetts klingen hier, als wären sie eine Chain Gang aus dem Film, die angekettet beim Schienenbau einen Gospel schmettert. Er ist verdammt plakativ, der Song, und er ist verdammt ein Hit. Es ist der Song, der all die Mumfords-Fans abgegriffen hätte, hätten die Avetts ihn nur schon 2012 an den Start gebracht. Aber es ist nicht zu spät: Ich bin mir sicher, die Indiedissen 2016 können diesen Track nicht ignorieren.

Die zweite Single „Satan Pulls The Strings“ geht nicht weniger direkt zur Sache. Diesmal sind die Kings Of Leon-Fans das Ziel. Die Avetts brezeln rein, wie wir’s selten bei ihnen hören. Auch wenn Fiddle und Banjo eine tragende Rolle behalten: Dieser Song sollte ihre Eintrittskarte in die Rock-Radio-Playlists sein.

Und wenn sie diesen Fuß dann in der Tür haben, können sie mit dem Titelsong des Albums das Wohnzimmer betreten. „True Sadness“ ist ein Midtempo-Gitarrenpopsong, der Tom Petty- und Americana-Freunden auf den Leib geschneidert ist.

Das ist nicht alles: Das mexikanisch angehauchte „Victims Of Life“ klingt, als spielten die Avetts hier mit der Band von Speedy Gonzalez. „Smithsonian“ ist die Sorte Folkpop, wie Fans der Lumineers ihn verstehen. Klar dürfen auch ein paar feine Balladen nicht fehlen, „I Wish I Was“ oder „Fisher Road To Hollywood“ beispielsweise. Den Abschluß de Albums schließlich bestreitet ein Walzer: „May It Last“ fährt ein Orchester auf und landet zwischen Disney-Soundtrack und Oasis-wenn-sie-ausarten („Whatever“ oder „All Around The World“).

Ist das nun der Versuch der Gebrüder Avett, möglichst viele Fans flächendeckend anzusprechen, oder ist dies einfach nur eine konsequente Weiterentwicklung einer Band, die beim neunten Album neue Wege geht?

Es ist ja eigentlich egal, das Ergebnis ist so oder so das gleiche: Nach den beiden eher gleichförmigen Vorgänger-Alben zeigen die Avett Brothers hier so viel Bandbreite, dass einem die Ohren schlackern. Sie machen Radau wie nie, sie verhelfen dem Pop zu seinem Recht wie nie, sie holen die Streicher raus, sogar die Castagnetten und auch mal den Synthie, aber behalten auch die Lieder, die klingen, als seien sie bei Kerzenlicht eingeflüstert worden.
Das macht „True Sadness“ zu einem Album, das hie und da ein bisschen verquer klingen kann, aber nie langweilig wird – und das mit einem hohen Hitfaktor klotzen kann. Ich bin mir sicher: Wenn ich im Herbst wieder im Club auflege, werden der eine oder andere Track dieser Platte Pflichtprogramm. Der Angriff der Avetts auf die breite Masse, er ist mit dieser Platte wieder angeblasen. Und das ist völlig in Ordnung so.

Ranking Avetts

The Avett Brothers – Ain’t No Man from skp on Vimeo.

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