Review: Split Seconds

Rest & RelocationSplit Seconds – „Rest & Relocation“

Ui ui. Erwachsener Gitarrenpop.
Es gibt die Zeit, da sind wir jung und alles liegt noch vor uns und alles wird mal uns gehören und wir werden’s uns nehmen, verdammt noch mal, wir werden die Schurken schlagen und das Girl kriegen und im Schloß wohnen und sie werden uns zujubeln, wir werden’s reissen und wir hören Oasis und grölen mit, cause tonii-iii-ght I’m a Rock’n’Roll Star!

Dann kommt die Zeit, da sind wir nicht mehr ganz so jung. Einiges liegt noch vor uns, wir wollen sehr wohl noch was erreichen. Aber seien wir ehrlich, von ein paar Dingen sollten wir uns verabschieden. Wir lernen, dass die Lebensmodelle unserer Eltern wohl auf uns nicht mehr per Schablone zu übertragen sind. Wir suchen unseren Frieden in dem uns gesteckten Rahmen, wir machen es uns häuslich in der Nische, in der wir uns wenigstens nicht verbiegen müssen. Es ist ein Prozess des sich-Abfindens, bei dem sich das Einleveln in eine zen-gleiche, friedliche innerliche Ruhe und das Pflegen einer immanenten Melancholie nicht widersprechen, sondern Hand in Hand gehen. Man ist nicht wirklich enttäuscht über nicht erreichte Ziele, man lächelt viel mehr gnädig über das frühere Ich mit seinen unrealistischen Erwartungen.

Sean Pollard ist ein gutes Stück jünger als ich, aber ich behaupte, auch er ist an diesem Punkt in seinem Leben. Das war in den letzten Jahren auf seine Band Split Seconds fokussiert. Die war in Perth, West Australien, zu richtigen Lokalhelden aufgestiegen. Vor vier Jahren zog man deshalb mit Sack und Pack nach Melbourne, um die australische Szene mit den tollen Storytelling ihres extrem starken Debütalbums „You’ll Turn Into Me“ im Sturm zu nehmen. Nur, das passierte nicht. Sean singt drüber, in „Relocation Blues Pt. 2“: „I know our album was grower. I didn’t know it would grow so slow and no one outside Perth would even bother.“ Sein Ton ist dabei nicht der des desillusioniert Enttäuschten, sondern ein selbstironisches Grinsen. Auch ist da ein determinierter Trotz: Wir machen so weiter mit der Band, auch im Teilzeitjob „cause if you don’t do nothing, you don’t feel nothing (…) and if you don’t feel nothing, you can’t start something“.

Den Pt1 vom Relocation Blues gibt’s auch, er eröffnet das Album, auch hier singt Sean nicht bitter, sondern augenzwinkernd vom Scheitern seiner Band. „We arrived in the beginning of winter, so unprepared for the cold. Also unprepared for indifference – nobody came to our shows. And our publicist became a cheese delivery man, delivering cheese in his delivery van.“ Das ist clever und sympathisch formuliert. Das ist prima erzählendes Songwriting.

„Rest & Relocation“ wäre aber ein uninteressantes Album, würden uns die Split Seconds nur von ihrem Bandleben erzählen. Auch wenn in der Gruppe viel passierte seit 2012 (zwei Bandmitglieder gingen zurück nach Perth gingen, ein neuer Gitarrist, gebürtiger Brite, kam an Bord), die anderen sieben Songs befassen sich nicht mit ihrer Karriere. Gleich bleibt jedoch: Pollards Auge als feiner Beobachter und seine Fähigkeit, diese in gewitzte Texte umzusetzen, ist immer wieder der Trumpf ihrer Songs.

split seconds bandAls Musterbeispiel hierfür nehme ich mal den letzten Song „She Hit You“. Dieses Lied singt Sean einem alten Kumpel, der an der Sorte Liebeskummer leidet, die man schon post-seperative Depression nennen muss. Fast jede Zeile möchte man aufschreiben, so gut ist der Text mit seinen cleveren Wendungen und Andeutungen (wie aus den streetsweepers und den weed-dealers aus der ersten Bridge in der zweiten Runde beefeater und jeep-dealer werden, ist schon brillant). Sean erkennt die Situation, zeigt Mitleid, baut auf, gibt seinem Gegenüber aber auch den nötigen Tritt in den Hintern: „You’ve got the tools now to be a much better man, you got the inside track, but you don’t have a plan. Nobody’s blaming you, but maybe it’s time they do“. Ich sage mal: Das ist doch die hohe Kunst des Songwritings, oder? Eine persönliche Geschichte nachvollziehbar auf den Punkt bringen, durch clevere Worte sowie durch fein gewählte Töne. Man hört den Song und erkennt vielleicht sich selbst, vielleicht einen Bekannten wieder. Man ist ein paar Minuten eingetaucht in der Welt des Songs. Man hat nachgedacht, man hat etwas gefühlt.

Es gibt weitere Beispiele, wo Sean Pollard bzw. die Split Seconds geradezu McLennan-esk den Ton zwischen Ohrwurm-Gitarrenpop und einfühlsamem/nachfühlbarem Erzählen treffen. Die Nachbetrachtung einer früheren Romanze („Young Adults“), der One-Night-Stand, der nicht sein musste („I Am Not A Thirsty Man“), der freundliche Büro-Flirt („Meet Me After Work“). Immer dabei: der unaufdringliche Charme und der Hauch Melancholie des Erwachsenwerdens, den ich in den ersten Absätzen oben erwähnte. Deswegen ist die große Versprechung aus dem zentralen Liebeslied „No Dramas“ auch: „No dramas, only smooth sailing, only everything you need and then some. No dramas, if you stick with me in time.“ 

Tja. Vor ein paar Jahren wäre das nicht das gewesen, was mich als feuriges, grandioses Eroberungs-Statement überzeugt hätte. Aber ich sagte ja schon, es ist erwachsener Pop, den Sean Pollard und seine Split Seconds machen. Es steckt eine gewisse Weisheit und Ruhe darin, die man sich eben über Jahre erst aneignet. Falls ich hier auf dem Blog auch Leser haben sollte, die unter 20 sind, sehe ich total ein, wenn sie diese Art des Songwritings extrem langweilt. Ich aber finde es herrlich, dass die Split Seconds ihre Nische so famos ausfüllen. Hoffen wir, dass die Band sich weiterhin von Melbournes Gleichgültigkeit nicht unterkriegen lässt und dass sie weltweit genug Liebhaber findet, die diese Sorte Gitarrenpop zu schätzen weiss.

Ranking Split Seconds

frühere Songs:

Von der „Neil Young & Dumb EP“ (2014)

Von „You’ll Turn Into Me“ (2012)

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