Review: Peter Björn and John

PBJ-BP-AlbumPeter Björn & John – „Breaking Point“

Das Kuriose an Peter Björn & John ist nicht, dass sie ihren Welterfolg „Young Folks“ nie wiederholen konnten. Es ist, dass sie überhaupt je einen Welterfolg gelandet haben.

Ich hole mal wieder aus, okay?
Ein Job, den man als Musikjournalist manchmal kriegt, ist das Schreiben dieser Kurzbiografien, die von Plattenfirmen mit dem neuen Album einer Band mitgeliefert werden. 2006 gab es noch die V2 und Curt, der damals für das Label arbeitete, fragte mich, ob ich einen Text zu Peter Björn and John übernehmen könne. Ich war überrascht. Denn ich kannte Peter Björn and John und ich hätte nicht gedacht, dass sie einen internationalen Vertrag kriegen würden. Nicht weil ich sie nicht mochte – aber ich dachte einfach, die würden sich doch nicht verkaufen.
Ihre ersten beiden Alben hatten schließlich selbst in ihrer Heimat nur wenig Eindruck hinterlassen. Ich hatte sie mir im Internet bestellt, weil Björn Yttling damals auch Live-Keyboarder der Caesars war und ich wissen wollte, wie seine eigene Band klang. Sie klang nett. Ein bisschen garagig wie die Caesars, aber subtiler, unspektakulärer. Manche ihrer Lieder waren durchaus flott. „I Don’t Know What I Want Us To Do“ legte ich immer mal wieder im Atomic auf. Die drei schrieben gute Songs, aber das war erkennbar ein Liebhaber-Ding. Und jetzt waren sie auf dem Label von Bloc Party und the Cribs?

Ich legte es also ein, ihr Album „Writer’s Block“. Track 1, Track 2. Ganz fein, ok. Dann kam Track 3. Und ich wusste Bescheid. Ich spielte den Song noch am gleichen Wochenende im Atomic.

„Young Folks“. Die Leute jubeln heute noch, wenn man das Lied mal wieder ausgräbt. Besser gesagt, sie jubeln wieder. Denn zwischendurch kam der Boy/Girl-Song mit der fröhlich gepfiffenen Hookline allen auch zu den Ohren raus. Spätestens, als Nena ihre unsägliche deutsche Version veröffentlicht hatte. „Young Folks“ war (mal abgesehen von Nenas D-No.1) nirgendwo ein Mega-Chart-Hit, aber er hielt sich ewig. Er machte drei unscheinbare Studiomusiker aus Stockholm zu sowas wie Stars.

Nun ist es so: Die Beschreibung von Peter Morén, Björn Yttling und John Eriksson als subtil-clevere, aber nicht aufs Spektakel setzende Indie-Songwriter, die war ja weiterhin korrekt. Einen zweiten, ähnlich allgemein zugänglichen Song wie „Young Folks“ hatten sie nicht im Programm. Es war nicht so, dass „Young Folks“ nicht zu ihnen passte oder abwegig für sie war. Aber es war, wie wenn ein Kind Löcher im Sand buddelt – und in einem davon stößt es zufällig aufs Grab von Tut-Ench-Amun.

Peter Björn and John haben danach fröhlich weiter ihre Löcher im Sand gegraben. Es waren feine Löcher. Aber die Leute begannen zu fragen: „Wo ist das nächste Pharaonengrab?“ Erwartungen wurden enttäuscht. Nachdem ihr Album „Living Thing“  (2009) keinen Hit hatte, trennte sich das Label Wichita von ihnen. Nachdem „Gimme Some“ (2011) keinen Hit hatte, trennte sich das Label Cooking Vinyl von ihnen.

Nun gut. Kein Label zu haben, ist für PB&J kein Problem. Die Band ist prima vernetzt. Björn Yttling zum Beispiel ist gefragter Producer, der nach seinen Erfolgen mit SWE-Acts wie Lykke Li, Moneybrother und Shout Out Louds auch mit internationalen Acts wie Primal Scream und Franz Ferdinand arbeitete. Und dann gibt’s da natürlich INGRID, das Stockholmer Label, gegründet speziell um Künstlerinteressen zu vertreten, u.a. von Miike Snow, Lykke Li, Robyn, Teddybears und eben PB&J. Da lag es nahe, die neue Platte eben dort zu veröffentlichen.

Aber noch mal zum Thema „der große Hit“. Während ich nicht glaube, dass sich das Trio je Gedanken darum machte, einen Welterfolg zu landen, als es sich gründete – so hat die Sache sie nach „Young Folks“ wohl doch auch nicht losgelassen. Es wäre ja auch nur natürlich, wenn man sich als Musiker in dieser Situation Fragen stellt wie: „Was haben wir damals eigentlich richtig gemacht?“ Oder „Kann man einen Hit auch erzwingen? Gibt es eine Formel?“

Auf „Breakin’ Point“ wollen Peter, Björn & John es also noch mal wissen. Sagen wir’s so: Sie rücken mit Baggern und Bohrtürmen an, mit einem Archäologen-Team und Satellitenbildern. Jetzt wird im Sand nicht nur gegraben, das Areal wird umgepflügt. Wollen wir doch mal sehen, ob da unten nicht noch eine Grabkammer liegt!

PBJP B & J haben sich für die Platte mit Hitgaranten zusammen getan. Mit Autoren wie Greg Kurstin (der Lieder für Adele schreibt, für P!nk, Lilly Allen, Ellie Goulding, Beck, Sia und mehr) und Emilie Haynie (Lana del Rey, Bruno Mars). Mit Producern wie Paul Epworth (Coldplay, U2, Florence & The Machine und mehr), Patrik Berger (Robyn, Icona Pop, Charlie XCX) und Pontus Winnberg (Miike Snow, Amason) – wobei letztere Teil der INGRID-Connection sind.

Das Ganze kann man jetzt zynisch finden. So a la: „Jetzt landen wir wieder einen Hit, wenn’s sein muss mit der Brechstange – Pfui, das ist ja das Gegenteil von Indie!“

Ich will den drei aber gar nicht unterstellen, dass sie dies nur aus kommerziellen Gesichtspunkten taten. Ich glaube, dass die Herren sehr wohl erstens sich selbst und ihre Popstar-Qualitäten sowie zweitens die Funktionsweisen der Musikbranche realistisch genug einschätzen können, um zu wissen, dass man sowas nicht erzwingen kann. Aber: Wenn man sich diesen Gedanken erst mal macht – und sein eigenes Werk nicht auf ein zu hohes Podest stellt – dann kommt ja auch eine musikalische Neugierde auf: Nach dem Motto: „Was passiert wohl, wenn wir uns mal auf Teufel komm raus auf Hit bürsten lassen?“

Tja, was passiert, ist eine Platte, die sich zwischen die Stühle setzt. Denn das, was P, B & J wirklich können, das ist nun mal charmantes, aber auch ein bisschen verquastes Songwriting. Wird aber ein linkischer Typ mit Bierbauch zum Ladykiller in dem Moment, in dem man ihn in ein Superhelden-Kostüm steckt? Eher nicht. Eher wirkt er im eng anliegen Trikot erst recht tolpatschig, weil dieses Outfit seine Ungelenkigkeit und seine Plautze noch hervorhebt.

Entsprechend sonderbar geht’s los mit „Dominos“. Ein Song, der klangtechnisch massiv in Richtung Miike Snow forciert wurde. Mit verzerrten Vocals, geflangte-tem House-Klavier und Gastsänger Andrew Wyatt (das ist er doch, oder?) klingt die Nummer wie ein Outtake von „Happy To You“ – wäre sie nicht im Kern eben ein ungrooovy Indiepop-Stück. In Kombination klingt das, naja, mindestens schräg. Ich kann mir zwar vorstellen, dazu betrunken im Club jauchzend mit dem Popo zu wackeln. Aber nüchtern in der Küche kratze ich mich am Kopf.

Das folgende „Love Is What You Want“ hat eine starke Melodie. Es ist ein tune, wie es im Buche steht. Aber auch hier sorgt die überpoppige Produktion mit ihren radiofreundlichen Computerbeats dafür, dass viel Charme verloren geht.  Auch „Do Si Do“ verfehlt sein Ziel. Der durchgehende, regelrecht schlagermäßige Bumm-Tschack-Beat nervt so sehr, dass die feine Streicher-Hookline ins Leere geht.

Weiter: „What You Talking About“. Dieser Song ist okay. Auch hier stört der straighte Beat ein wenig, aber dieser Titel hat einen Refrain, der im Ohr bleibt und funktioniert als flotte Popnummer. Nicht zuletzt, weil Peter Morén im Text so richtig über jemanden ablästert – der Kontrast zwischen seinen zänkischen Zeilen und der lustigen Popmelodie gibt dem Song eine Reibung, die mir gefällt.

„Breakin’ Point“ könnte dann einerseits der zynischste Versuch sein, den Erfolg von „Young Folks“ zu wiederholen, denn auch dieses Lied bedient sich einer gepfiffenen Melodie als Intro und Hookline. Andererseits: Abgesehen davon erinnert uns der Song zuallererst daran, dass Björn Yttling die Alben von Lykke Li ist produzierte. Vom Rhythmus und von den Sounds her (außer dem Pfeifen und, eh klar, der Stimme) könnte dieser Song von „Youth Novels“ stammen. Bisher das Highlight der Platte, auch und gerade weil es der Song ist, der (trotz der Pfeif-Hooks) am wenigsten auf Radio NRJ gebürstet wurde.

„A Long Goodbye“ beginnt sonderbarerweise mit der Bassline von Blondies „Heart Of Glass“, nur beschleunigt. Von da ab wird die Nummer zu einem wenig bemerkenswerten Indiepop-Brei. „Nostalgic Intellect“ dagegen gewinnt wieder: ein richtiges Ohrwurm-Fest.

Auch „In This Town“ kommt auf die gute Seite, denn diese spritzige Nummer verlässt sich ebenfalls nicht auf Produktionstricks und funktioniert ganz ohne solche Sperenzchen als Sensibelchen-Indiepop, wie wir ihn z.B, vom „Our Ill Wills“-Album der Shout Out Louds kennen (das damals von WEM produziert wurde? Genau, Björn Yttling).

„Hard Sleep“ hinterlässt bei mir nicht weiter Eindruck, weder positiv noch negativ. „It’s Your Call“ forciert’s dann wieder zu sehr. Der Song an sich wäre wohl okay, aber hier wird er durch die Klangschablone von Robyn gepresst und endet, naja, als nicht besonders doller Melody Club-Song. (Ich mag Melody Club, aber die haben auch einen Trashfaktor, der nötig ist) Auf „Between The Lines“ hält sich die Produktion dagegen angenehm zurück, zum Vorteil für den Song.

Zum Schluß gibt’s dann noch mal ein Highlight. „Pretty Dumb, Pretty Lame“ beginnt mit der Gitarre von Cornershops „Brimful Of Asha“ und hoppelt fröhlich zum Mitschnipsen dahin. Aber es ist der Text, auf den man achten muss. Denn der ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema Erfolg: „Hey, don’t let it get to your head. Hey, others can do it instead“ singt Peter und er scheint einen Popstar anzusprechen, der sich für den Größten hält: „So you think you can hit the sky, if you feed the machine that the industry drives – is it worth all the souls you destroy on the ride?“
Aber man muss kein Genie sein, um den Rückschluss zu ziehen: Peter, Björn & John stehen Ruhm und Erfolg weiterhin distanziert gegenüber. Sie freuen sich, Musik zu ihrem Job gemacht zu haben (“You complain to the press that you’ve been under stress – but every 9 to 5 is stress, and for less!“) und berühmt zu sein, geht ihnen am Arsch vorbei: „People call you a star – that’s pretty dumb, pretty lame!“

Das macht diesen letzten Song noch mal zum Schlüsselstück des Albums. Denn für mich beweist er, was ich oben schon mal als These aufgestellt habe: Peter Björn und John haben dieses Album, das manche zweifellos als ihre zynische kommerzieller Sellout-Platte betrachten werden, nicht gemacht, um endlich wieder Stars zu werden. Stars zu sein, das finden sie pretty dumb und pretty lame.
Ihre Songs mal in die Hände gefragter Producer zu geben, ist viel mehr ein Experiment, das sie sich erlauben, weil sie nun mal ein paar Leute kennen, das einfach mal ausprobieren wollten und ihre Songs ihnen nicht zu schade sind dafür.

Dass das Endergebnis eine Platte ist, die „all over the place“ ist – ohne stimmigen Zusammenklang, mit ein paar echten Aussetzern, aber auch prima Highlights – geschenkt. Das haben sie billigend in Kauf genommen, behaupte ich. Letztlich ist „Breakin‘ Point“ keine gute und keine schlechte Platte, sondern eine mit, naja, breiter Streuung, was die Qualität der Songs angeht.

Ach ja, eins noch: Nein, das neue Pharaonengrab haben sie hier nicht aufgetan. Was man wohl als Beweis sehen kann, dass man einen Hit nicht erzwingen kann. Dass man für einen Song wie „Young Folks“, der bei Millionen Menschen „Klick“ macht, immer noch ein Quantum Magie benötigt, auf das man nicht mal als Autor selbst Einfluss hat. Auch das ist doch eine nette Botschaft, die wir aus „Breakin’ Point“ mitnehmen können.

Ranking PBJ

Peter Bjorn And John – What You Talking About? from Peter Bjorn And John on Vimeo.

Peter Bjorn And John – Breakin‘ Point from Peter Bjorn And John on Vimeo.

Peter Bjorn And John – Dominos from Peter Bjorn And John on Vimeo.

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