Review: Paul Draper

Paul-Draper-PRPaul Draper – „EP One“

Und noch ein Comeback. Von jemandem, der wirklich mal richtig lange in der Versenkung verschwunden war. Paul Draper war der Kopf von Mansun. Mann, was habe ich Mansun geliebt!
Von dieser Band habe ich sogar sämtliche B-Seiten gesammelt! In einer Zeit, in der die UK-Musikindustrie Fans wie mich gnadenlos molk, mit immer neuen Songs, Remixen und Akustikversionen verteilt auf CD1 und CD2 und 7“! Ich wusste, ich werde ausgenutzt, aber ich machte mit, denn ein neuer Mansun-Song, der war es immer wert!

Wir müssen dafür zurück in die zweite Hälfte der 90er. Die ersten Singles des Quartetts aus Chester hatten damals einen ziemlich Oasis-mäßigen Drive, deswegen standen sie schnell im Blickpunkt. Noch war Britpop superduper angesagt.

Mansun entpuppten sich dann aber sehr schnell als weit mehr als nur die nächsten Oasis-Klone. Schon ihre dritte Single war ein karg-windiges Stück über Entfremdung und Isolation („Wide Open Space“), ihre vierte („„Stripper Vicar“) ein frecher Stampfer über einen Pfarrer mit schrägen sexuellen Neigungen (dazu man muss sagen, das dies in der Zeit, als Dinge wie der katholische Mißbrauchskandal in der Öffentlichkeit noch nicht thematisiert wurden, noch ein echter Tabubruch war).

Mansun_-_Attack_of_the_Grey_LanternAb da wurden Mansun erst richtig sonderbar. Ihr erstes Album „Attack Of The Grey Lantern“ stürmte im Frühsommer 1997 dennoch auf die #1 der UK-Charts. Trotz eines siebenminütigen orchestralen Einstiegs, trotz einer Nummer wie „Taxloss“, die klang wie die Chemical Brothers in einer Besenkammer. 1997, das war auch das Jahr von „OK Computer“, „Be Here Now“ und „Urban Hymns“. Wer alle drei Alben mochte, war bei „Attack Of The Grey Lantern“ genau richtig, denn Mansun verbanden die Artyness von Radiohead mit der Grandezza von The Verve und der wuchtigen Albernheit, die Oasis in dieser Phase ihres Schaffens an den Tag legten.

Mansun_sixDanach wurden Mansun nur noch abgefahrener. Veröffentlichten einen Cembalo-Walzer als Single („Closed For Business“). Legten schnell ein zweites Album namens „Six“ (1998) nach, das so gespickt war mit Zitaten und Anspielungen aus Literatur, 60s-Brit-TV und Verschwörungstheorien, dass man wochenlang darin eintauchen konnte, um trotzdem nicht alles zu entziffern. „Six“ sorgte damals für viel Kopfschütteln. Die einen feierten es ab, die anderen belächelten es als „Indie-Prog“. „Six“ verkaufte weit weniger Exemplare als der Vorgänger – aber wer bei Mansun an Bord blieb, war jetzt nicht nur Fan, sonder glühender Verehrer.

Little_Kix_MansunDeswegen war es für die Fanbase enttäuschend, als Mansun auf ihrem dritten Album „Little Kix“ (2000) zurück ruderten und einfach nur ein ordentliches Gitarrenalbum ablieferten. Ganz ohne tibetanische Tempelsänger, Acht-Minuten-Flamencos oder Freejazz-Techno auf der Nasenflöte. Die Luft war raus, das merkten Mansun selbst, als die Sessions für ein viertes Album stagnierten. Dass sie sich trennten, ging im neuen Strokes/White Stripes/Vines/Hives-Hype unter.
Danach waren sie alle erst mal wie vom Erdboden verschluckt. Auch die nachträglichen Release des unfertigen vierten Albums „Kleptomania“ (2004) inklusive Best Of und Raritäten wurde nur von Fans bemerkt.

2006 ging Paul mit der Nachricht an die Öffentlichkeit, dass ihm bei den Aufnahmen zu „Kleptomania“ ein bösartiger Tumor an einem Finger diagnostiziert und entfernt worden sei. Aufgrund der Operation an der Hand konnte er damals monatelang keine Gitarre spielen. Danach trat er wieder sehr sporadisch als Producer oder Co-Songwriter in Erscheinung.

Trotzdem, Mansun, insbesondere „Six“ wurden nicht vergessen. Sie wurden zu so einer richtigen Kultband. Als ein begeisterter Fan im August 2014 eine „Mansun Convention“ in Chester organisierte, kamen hunderte Fans und zwei Coverbands spielten auf. Das zeigt ja wohl ihre Besonderheit. Ich meine: Haben wir etwa jemals von einer Echobelly-Fan-Convention gehört? Selbst Blur, Oasis oder Supergrass haben keine Fan-Conventions, oder?

Aber jetzt habe ich wieder ewig über die Vorgeschichte ausgeholt, aber noch kein Wort über die neuen Songs verloren. Ich wollte eben unterstreichen: Es gibt Leute, für die ist die Tatsache, dass sich Paul Draper endlich zurück meldet, DIE große Sensation des Musikjahres 2016.

So. Nu aber die Musik. Drei neue Songs und ein Remix umfasst die „EP One“.

paul draperLos geht’s mit „Feeling My Heart Run Slow“. Ein dynamischer Track, vorangetrieben mit einem industriell pumpenden Beat, der mich an Black Onassis erinnert, die zweite Band vom Ex-Kasabians Chris Karloff. Auch The Cooper Temple Clause (die ihrerseits wiederum große Mansun-Fans waren) hätten zu ihrer Zeit einen Track in dieser Art machen können. Es ist also Indierock mit elektronischer Komponente, wie er modern war, als Mansun aufhörten. Was zugegebenerweise vor 13 Jahren war. Aber hey – ich bin aus dem Alter raus, dass ich Sounds nach „up-to-date“ oder „veraltet“ beurteile. Sounds und Songs sind gut oder nicht, alles läuft im Kreis, und was heute nach gestern klingt, klingt morgen nach jetzt. Oft genug jedenfalls. Wie auch immer, der Song selbst ist durchaus typisch Mansun. Er hätte gut auf die „Seven EP“ gepasst, die einst zwischen „Attack…“ und „Six“ erschien, zu Tracks wie „K.I.S.S.I.N.G.“ oder ,Everyone Must Win“.

Es folgt „No Ideas“ (befasst sich das Lied mit dem Thema Writer’s Block? Lange genug haben wir schließlich warten müssen…). Der Track beginnt als Piano-Ballade, nach einer Minute etwa setzen auch Drums, Gitarren, Bass etc ein. Es gibt Gastauftritte: Nicht nur von der Sängerin The Anchoress, sondern auch von Steven Wilson(!). Dem Gott der Progrocker himself! Tja, da zahlt es sich im Nachhinein wohl aus, dass man „Six“ damals schon „Indie-Prog“ nannte. Paul Draper veröffentlicht seine neue Musik nämlich auf KScope, Steven Wilsons Garten Eden des Progrock.

Track 3 ist die poppigste und flotteste Nummer: „The Silence Is Deafening“. Ein Song, der als eine der B-Seiten der „Little Kix“-Ära eine gute Figur gemacht hätte. (Das ist kein Diss – ein paar B-Seiten, z.B. „Black Infinite Space“ oder „Decisions, Decisions“, waren die besten Mansun-Songs dieser Zeit)

Zum Abschluss gibt’s noch einen Remix von „Feeling My Heart Run Slow“. Er stammt von The Twilight Sad, der schottischen Postpunk-Band. Die hatte ich bisher nicht unbedingt als Remixer auf dem Zettel, aber vielleicht sollten sie das öfter machen. Sie lassen den Song Song sein, zerpflücken ihn nicht bis zur Unkenntlichkeit, wie so manch anderer Remixer. Statt dessen geben sie ihm mit elektronischen Drums und leicht ange-goth-ten Keyboardflächen einen neuen Synthpop-Dreh mit auf den Weg. Sieh an – diese Version gefällt mir sogar ein bisschen besser als das Original!

Okay. Was sagen wir jetzt zu dem Ganzen? Erst mal: Für einen alten Mansun-Fan ist es eine riesige Freude, Pauls Stimme und seinen Stil endlich mal wieder hören zu können.
Eine neue Höchstleistung ist es noch nicht – aber ich vergleiche das mal mit dem Comeback eines lange verletzten Lieblingsspielers, der nach dem Kreuzbandriss zum ersten Mal in der 75sten Minute wieder eingewechselt wird: Man erwartet von ihm noch keinen Dreierpack und keine Kabinettstückchen. Der Mann soll jetzt erst mal verletzungsfrei die nächste Viertelstunde überstehen, sich wieder eingrooven, keinen Bock schießen und hier und da andeuten, dass er nichts verlernt hat. So gesehen gibt mir die „EP One“ das, was ich hören wollte. Paul Draper steht wieder auf dem Platz und er scheint noch eine Menge drauf zu haben. Jetzt hoffen wir mal, dass die Momente der Magie sich dann auch wieder einstellen.

Ranking Affinity Draper

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