Review: School ’94

Bound EPSchool ’94 – „Bound EP“

Manchmal muss ich mir hier leider selbst widersprechen. Es gibt eine Forderung von mir an Musiker, die ich hier schon beinahe mantraartig wiederholt habe: Ich wünsche mir immer etwas Individuelles. Etwas, das die Künstler für sich ganz allein wiedererkennbar macht. Sie sollen bitte mehr tun, als nur die anerkannten Regeln des Indie-Mikrogenres, das sie sich gepickt haben, zu befolgen.

Aber dann gibt’s manchmal eben die Bands, die man zwar ganz konkret einer Szene und einem Sound zuordnen kann, aber sie sind trotzdem richtig gut.

School ’94 sind so ein Fall. Einerseits kann man nicht behaupten, dass das, was das Quartett aus Göteborg macht, bahnbrechend originell ist. Andererseits: Der Sound, an dem sie sich orientieren und den sie nahezu ideal auf den Punkt bringen, den hört man zur Zeit nur selten.

Denn School ’94 hören sich an, als seien sie durch ein Zeitloch aus dem Jahr 1988 zu uns gereist: Ihr Indie bewegt sich zwischen Janglepop und Postgoth-Melancholia.

Es ist ein Sound, den man in den späten 80s viel zu hören kriegte. Grunge begann sich gerade erst zu entwickeln, Baggy war noch kaum zu erahnen, Shoegazing mit JAMC in den Kinderschuhen. Viele junge Bands waren auf The Smiths, The Cure und Echo & The Bunnymen geprägt und übernahmen deren Soundelemente in verschiedenen Mischungsverhältnissen. School ’94 hätten perfekt in diese Ära gepasst, denn sie übernehmen Simon Gallups Wendeltreppen-Bassläufe (The Cure) und Will Sergeants schwerelose Gitarrenklänge (Echo & The Bunnymen). Mit der Stimme ihrer Sängerin Alice Boteus klingen sie tatsächlich, als sänge Harriet Wheeler von den Sundays bei the House Of Love in ihrer Creation-Ära.

Diesen Sound hat das Quartett aus Göteborg im Dezember 2014 mit ihrer „Like You EP“ bereits ziemlich perfektioniert. Eineinhalb Jahre danach liefern sie wieder ein halbes Dutzend Songs ab: Die „Bound EP“

sch94Los geht’s mit „Common Sense“ – ein Song, der auch auf „Like You“ hätte stattfinden können – oder auf „Reading, Writing and Arithmetic“. Ich unterstelle Sängerin Alice Boteus keine Absicht, aber sie kriegt das Sehnsüchtige und das Warmherzige, das Harriet Wheeler in ihrer glockenklaren Stimme hatte, 1:1 hin.

Der Titelsong „Bound“ bringt dagegen Neues ins Spiel. Die Drums stampfen wuchtig, die Gitarre sägt auf eine Weise rein, wie wir’s bisher von diesen Schweden nicht kannten. Der Cure-mäßige Basslauf und Alices Stimme sind jedoch zwei rote Fäden, die „Bound“ fest im School ’94-Sound vertauen.

Next: „Outside“. Wieder ein Song, der zum Janglepop tendiert. Nice.
Das folgende „My So Called Life“ nimmt Tempo raus. Sieh an, Balladen können die Göteborger also auch. Steht ihnen gut. Der Flange-Effekt auf der Gitarre gibt dem Song was transzendentes. Das schnellere „With This Happiness“ ist dann die flotteste und poppigste Nummer der EP,  „We Turned Out To Be Lovers“ schließlich schaltet erneut in den träumerischen Balladenmodus. Der Song beginnt leise, baut sich auf und liefert letztlich den emotionalen Höhepunkt der sechs Lieder.

Tja. Nach 21 Minuten und 35 Sekunden ist die Sache vorbei und war so richtig schön. School ’94 bleiben dem Sound ihres Debüts einerseits treu, bauen ihn andererseits aus. Keine Frage: Die finden ganz erkennbar ihren Weg.

Nun muss ich noch mal über die Sache mit der Originalität nachdenken. Es ist ja so: Im Jahr 2016 fällt mir keine junge Band ein, die noch so klänge wie School ’94. Ich weiss auch keine aktuelle Sängerin, die ich mit Alice Boteus verwechseln könnte. Die Referenzpunkte wiederum, mit denen ich die Schweden vergleiche, sind fast 30 Jahre alt – viele meiner heutigen Freunde und Freundinnen waren da noch nicht mal geboren und haben von diesen Bands bestenfalls vom Hörensagen etwas mitgekriegt. Wer sagt uns denn, dass sich School ’94 tatsächlich bewusst an ihnen orientieren? Vielleicht kennen sie diese Einflüsse gar nicht oder nur unbewusst – und selbst wenn, wäre es nicht auch irgendwie fast schon originell, sich auf eine so heute vergleichbar obskure Szene zu berufen?

Tja, darüber kann man jetzt mal diskutieren. So oder so – die Songs der Schweden sind wirklich fein, die Stimme von Alice kann einen beim Zuhören ganz schön packen und stagnieren tun sie auch nicht. Okay, was noch fehlt, ist der herausragende Knaller. Ein Hit, den man unbedingt auf dem Indie-Dancefloor auflegen muss. Bisher stellen die vier ein paar schöne Titel fürs Warmup-Programm, die nächste Stufe zündet noch nicht.
Dennoch macht das alles in allem sechs erfreuliche Tracks und eine sehr gelungene zweite EP.

Ranking Affinity School

(von der ersten EP:)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s