Review: the fin.

The fin. – „Through The Deep EP“

Eine der ganz großen Freuden des Musikfans ist es, auf eine prima Band zu stoßen, die man noch nullnicht auf dem Schirm hatte, die einem dann plötzlich in den Schoß fällt, bereits völlig perfekt ausgeformt.

Nicht, das The fin. – so schreiben sie sich, mit kleinem f und Punkt – eine brandneue Band sind. Gegründet haben sie sich 2010. Dass es ein paar Jahre dauerte, bis sie international wahrgenommen wurden, hat aber einen positiven Nebeneffekt: Sie haben in den Jahren ihren eigenen Sound ausgeformt.

Es ist so: The fin. kommen aus Kobe. Japan. Wenn ich das richtig verstanden habe, sind sie auch in ihrem Heimatland keine Stars. Denn zwar ist dort westliche Musik sehr gefragt, aber die soll dann auch von Westlern kommen. Von japanischen Acts erwartet man eher, dass sie Musik in landeseigenen Genres macht, wie J-Pop oder Visual Kei. Dass nun eine japanische Band westlichen Indiepop macht und auf Englisch singt, ist unüblich und wird eher mit Befremden zur Kenntnis genommen. (Naja, das ist zumindest das, was ich so lese, beim Versuch, mich über The fin. schlau zu machen. Ich bin natürlich kein Experte in der japanischen Indie-Szene. Wenn jemand mehr weiss, ich freue mich unten über Kommentare!)

Offenbar gibt es bestimmte Regeln, die man Bands in Japan mit auf den Weg gibt, um es zu schaffen. Zwei Jahre lang haben The fin. dieses Regelbuch ziemlich genau befolgt, aber kamen keinen Schritt vorwärts. Dann sagten sie: „Für uns funktioniert das nicht, wir probieren es anders.“ Sie machten drei Wochen Urlaub in Europa und danach war ihnen klar: Sie wollten ihren eigenen Weg gehen und sich nicht mehr kümmern, was in Japan mit ihnen passiert, sondern lieber internationale Hörer suchen. 2014 machten sie dann eine erste EP und ein erstes Album auf den weltweiten Downloadstores verfügbar. In diesen Wochen nun traten sie in Brighton beim „Great Escape“-Showcase-Festival auf und spielten ein paar Shows in Paris und London. Zu diesem Anlass erschienen fünf brandneue Lieder. Die „Through The Deep EP“, um die es hier gehen soll.

Als Einflüsse nennen The fin. u.a. Bands wie M83, Washed Out und Phoenix. Sounds, die man in ihrem Indiepop zweifelsfrei wiederfindet: The fin. klingen sophisticated und stylish, sie verwenden bildhübsche, durchdachte Sounds. In ihrer Arbeit ist  eine kristallklare Popvision erkennbar.

Was jedoch ganz anders ist als bei den West-Bands, sind ihre Strukturen. Ihr Songaufbau.

Seit den Beatles (und früher) haben unsere Lieder ihren bekannten Ablauf: Es gibt Strophen und Refrains. Wer besonders motiviert ist, haut vielleicht eine Bridge vor die Refrains und integriert eine Middle-Eight nach Refrain Zwei.

thefinAuch the fin. haben in ihren Songs verschiedene Gesangsparts, die man als Strophe und Refrain identifizieren kann, wenn man will. Aber das heisst nicht, dass diese Parts in der üblichen Reihenfolge stattfinden. Vielleicht kommen erst nur Strophen, dann nur Refrains. Vielleicht aber ist Teil Zwei des Songs auch mal einfach komplett anders als Teil Eins. Was sich wiederum garantiert immer ändert, ist die Schichtung der Sounds, die unter dem Gesang liegen. Da arbeiten wie die Japaner wie manche Dance-Musiker – Im Verlauf des Songs kommen neue Tonspuren bzw. Instrumente rein, frühere setzen aus. Manchmal kommt eine frühere Tonspur zurück, manchmal nicht. So changieren ihre Songs permanent. Es ist richtig spannend, da einfach nur zuzuhören.

Nehmen wir mal als Beispiel hier Track 2, „Divers“.
Der beginnt mit einer ein- und ausfadenden Synthie-Spirale, die man als Ambient bezeichnen kann. Einzig Handclaps sorgen für ein bisschen Takt.
Bei Sekunde 30 setzt Yuto Uchino mit seinem Gesang ein. Nennen wir es die Strophe.
Bei Sekunde 50 ändert er die Melodie, sagen wir Refrain dazu, und erstmals macht sich der Bass bemerkbar.
Bei 1:10 übernimmt der Bass plötzlich die Führung, indem er zum Rhythmusinstrument wird.
Als der Gesang bei 1:30 wieder einsetzt, fügt der Bass sich zurück in die Nebenrolle. Der Gesang wiederholt Strophe und Refrain.
2:10 – Break! Bis auf einen pulsierenden Beat und einen One-Note-Synthie ist alles weg.
2:20 Bis hierher sind wir vier immer gleichen Akkorden gefolgt – aber der One-Note-Synthie legt nun eine neue Stimmung vor, einfach nur, indem er zwei Töne ändert.
2:30 Der Gesang setzt wieder ein, eine dritte Melodie. Refrain 2, sozusagen.
2:50 Während Yuto seine Melodie beibehält, setzt der Bass wieder ein, diesmal spielt er einfach nur Viertel. Aber, wichtiger: auch eine Gitarre ist erstmals dazu gekommen. Sie spielt eine Phoenix-artige rhythmische Loop. Auch mit an Bord: ein synthetischer Drumbeat: Tchhhh! Plötzlich ist der Song groovy!
Und von hier an behält der Song einfach die drei folgenden Minuten lang alles bei und die einzige Veränderung ist eine zweite Gitarre, die mit zunehmender Intensität ins Klangbild schimmert, je länger der Song dauert.

Hui. Da mitzulesen, war bestimmt langweilig. Aber hat man mitgekriegt, was ich sagen wollte? Man kann das Lied einfach nett an sich vorbei plätschern lassen, das kann man auch. Aber wenn man auf den Aufbau mal achtet, ist der so unorthodox, dass es schon fast durchgeknallt ist! Ist das nicht super?

Bei anderen Bands lobe ich gerne Ohrwürmer. The fin. sind keine Band der ins Ohr gehenden Melodien. Aber in diesem Falle ist das gar kein Problem. Denn was die Japaner auf ihrer „Through The Deep EP“ auszeichnet, ist, wie ausgefeilt sie ihre Sounds schichten und was für nuancierte Stimmungsänderungen sie damit erzielen.

Wir haben hier eine echt spezielle Band vor uns. The fin. werden uns vermutlich keine Hits für den Indie-Dancefloor liefern, dafür ist das, was sie machen, zu subtil. Aber wenn man in der Stimmung für subtile, stylishe Musik ist, liegt man bei diesen Japanern genau richtig.

 

Ranking Affinity fin

p.s. Was Vergleiche angeht: Ich habe mir noch ein paar Namen notiert, an die Sänger Yuto mich manchmal erinnert: Jonathan Donahue (Mercury Rev) und Jonas Bjerre (Mew). Die Klänge der Band wiederum riefen kurioserweise bei mir lauter Franzosen in Erinnerung: Phoenix und M83 wurden ja schon genannt, aber ich musste auch Tahiti 80, Fugu und das „Sad Disco“ Album von Rhesus denken.

von den früheren VÖ’s:
(diese Songs sind catchier und auch konventioneller als das neuere Material. Aber nicht weniger fein.)

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