Review: The Strokes

Future Present PastThe Strokes – Future Present Past EP

Erinnert ihr euch, was ihr im Sommer vor 15 Jahren gemacht habt? Mit welchen Freunden wart ihr unterwegs, mit wem wart ihr zusammen, was war euer Job, wo wart ihr im Urlaub? „Wie sollen wir uns daran erinnern, Henning?“ Ich geb’ euch einen Tipp, damit es euch leichter einfällt: Der Sommer 2001 war der erste Sommer der Strokes. Zack, ist es da. Die Strokes waren ein Erdbeben. Sofort weiss ich genau, wo ich die „The Modern Age EP“ gekauft habe – in Hamburg, im Saturn: Wir waren auf dem Weg nach Dänemark für einen Kurzurlaub. In Hamburg hatten wir Station gemacht und in der gigantischen CD-Abteilung des Handelsriesen gab’s doch tatsächlich ein Exemplar der CD, über die der NME so begeistert schrieb und an die ich in München einfach nicht ran kam.

Mit diesem Punkt, an dem ich meine Assoziationen fixieren kann, erinnere ich mich auch sofort genau: Wer war damals meine Freundin, mit wem hingen wir ab, wo gingen wir hin. Klar bin ich mit ihr nicht mehr zusammen. Einige Freundschaften aus der Zeit bestehen noch und sie werden bestehen bleiben, wenn auch anders als damals. Das Meiste läuft nur noch über facebook – wir sind nicht mehr in der gleichen Stadt und die Distanz, sie wächst halt doch mit, tja, der Distanz. Viele der Leute von 2001 aber sind aus meinem Leben verschwunden. Man hat sich verändert in den 15 Jahren. Vielleicht nicht mal radikal, aber genug, um halt nicht mehr die gleiche Basis zu haben, die man vor 15 Jahren miteinander hatte.

Jetzt stellt euch mal vor, jemand würde von euch verlangen, dass ihr weiter mit euren vier besten Freunden/Freundinnen aus dem Jahre 2001 abhängt. Nicht nur das, sondern dass ihr gefälligst genauso viel Spaß haben sollt wie damals. Und dass ihr den gefälligst den auch verbreiten sollt!

Was ich sagen will, ist: Mei, ist die neue Strokes-EP mies. Mei, ist die lustlos.

Was auch deswegen sonderbar ist, weil doch eine gepflegte Langeweile und eine gewisse abgehobene Lustlosigkeit immer das war, woraus die Strokes Elektrizität gewinnen konnten. Aber Julian Casablancas klingt nicht mehr innerlich aufgekratzt genervt, sondern nur noch gelangweilt genervt und müde.

Und ich kann’s voll verstehen. Mit seiner Platte als Julian Casablancas & The Voidz hat er vor ein paar Jahren gezeigt, dass er heute viel lieber unanhörbare Gniedel-Röhr-Grummel-Scheißmusik machen würde. Warum soll er da immer seine Kumpels von 2001 aufs Neue zu sich zitieren? Zumal, mit dem Label „Cult Records“, das er gegründet hat, hat er die Erschaffung guter Strokes-Platten inzwischen clever an Mexikaner outgesourcet.

Aber mei. Da sind all die Fans, die neue Strokes-Platten wollen. Da ist das Geld, das man mit Strokes-Shows auf Festivals verdienen kann (das Julian und Albert Hammond Jr als Kinder aus superreichen Familien nicht brauchen, aber vermutlich fühlt Julian sich durchaus verpflichtet, dass auch Nikolai Fraiture, Nick Valensi und Fab Moretti sich nicht die A&P-Nutella aufs Brot schmieren müssen). Da ist wahrscheinlich schon auch die Hoffnung, die Magie des ersten Albums würde  irgendwie noch mal auftauchen, wenn man’s wieder und wieder versucht.

Also rauft man sich halt alle Jahre wieder zusammen und versucht, sich und der Welt vorzumachen, dass man noch Bock aufeinander hat. Weil die Welt nicht zulässt, dass die Strokes sagen: „So, wir trennen uns. Bringt ja nix“. Also gibt man Zeichen: Man macht jahrelange Pausen, man sabotiert die eigene Promotion, indem man sich weigert, Interviews zu geben, neue Fotos machen zu lassen und auf Tour zu kommen. Aber immer noch fragt die Welt: „Wann kommt was Neues von den Strokes?“ Selbst dann, wenn Albert Hammonds Soloalbum ihr letztes gemeinsames locker toppt.

Also gut, die Songs. „Drag Queen“. Cooler trockener Drumbeat, schönes Joy Division-Intro. Aber dann beginnt Julian zu singen, und alles ist so… halbherzig. Julian nölt nur rum wie ein Trinker vor der Tanke, die ihm keinen Rotwein mehr verkauft und hofft, dass das als Attitüde rüber kommt. Ich meine, der Refrain – das soll ein Refrain sein? Ab 3:35 ist es nur noch Verachtung.

Song 2: OBLIVIUS. Keine Frage, Albert Hammond Jr gibt sich Mühe. Er rifft mit bestem Willen, regelrecht übermotiviert, überkompliziert. Julian zieht er damit nicht aus seiner Grube.

Aber als man schon aufgeben will, kommt „Threat Of Joy“ mit einem fröhlich-leichten vintage Strokes-Riff, angenehm unbemüht und okay genug, dass er auf „Room On Fire“ ein hinterer Album-Track hätte sein können.

Also gut, es ist zu früh, sich von den Strokes zu verabschieden. Außerdem, meine Meinung ist nur meine Meinung und es wird genug Leute geben, die die Strokes so vergöttern, dass sie über alle drei neuen Songs jubeln. Aber stellt euch mal vor, Julian, Albert, Fab, Nicolai und Nick wären als Debütanten mit diesen drei Songs aufgetaucht statt mit den drei Liedern von „The Modern Age“ (mit auf der EP waren auch die Urversionen von „Last Night“ und „Barely Legal“). Meint ihr echt, dann wäre so ein Hype losgegangen?

Also, ich will die Strokes ja nicht abschreiben! Ich wünsche mir doch, dass sie famose Musik machen! Aber man muss sich wohl damit anfreunden, dass die Luft raus ist. Egal, dass diese neue EP so plötzlich veröffentlicht wurde, dass es spontan schien und voll pro-aktiv. Denn hey, ich meine, dass sie wieder zusammen im Studio waren, das war doch bekannt, noch bevor das letzte Soloalbum von Albert Hammond Jr rauskam! Sollen diese drei Songs das ganze Ergebnis dieser 2015er-Sessions gewesen sein? Auch das spräche nicht für eine Zukunft der Strokes.

Ich würde mich freuen, wenn ich mich irre. Aber viel Hoffnung macht mir „Future Present Past“ nicht.

Ranking Affinity Strokes

p.s. Ach ja, es gibt noch nen Fab Moretti-Remix von „Oblivius“, der sich anhört, als hätte man die Boxen ins Aquarium gestellt. Na dann.

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