Review: Catfish & The Bottlemen

The RideCatfish & The Bottlemen – „The Ride“

So ist das dann. Da bereitet man sich vor, endlich mal wieder einen satten Verriß zu schreiben. Obwohl ich das hier eigentlich selten mache. Nicht weil ich alles toll finden will, aber ich komme ja nicht mal dazu, all die Platten abzuhandeln, die ich super finde! Ich meine, das PJ Harvey Album ist zum Beispiel umwerfend, aber ich kam bisher einfach nicht dazu, es hier gebührend zu behandeln. Warum soll ich da Alben, die ich mies finde, vorher meine Zeit schenken?

Aber Catfish & The Bottlemen sind eine Band, die mich nervte. Ihr erstes Album hat mich vor zwei Jahren so extrem gelangweilt, dass ich beim ersten Hören schnell desinteressiert zu skippen begann und den Silberling bald auswarf, um ihn fortan zu ignorieren. Umso erstaunter war ich dann, als ich las, dass diese Sammlung banaler Songs ohne bemerkenswerte Features und Inhalte in England eine Viertelmillion mal über die Ladentische gegangen war und das Quartett auch in den USA alle Tourneen ausverkaufte. Sie sind eine richtig fett große Indieband geworden, Catfish & The Bottlemen. Aber offenbar mit genau dem Indie, den ich verabscheue: Musik, der jegliche Dornen, Kanten und Reibeflächen fehlen, die einfach nur dem Klischee-Indie-Schema folgt. Diese Heinis mussten eingekürzt werden! „So nicht!“ wollte ich zur zweiten Platte sagen und sie als willkommenen Anlass nehmen, noch mal die Werte zu pushen, die Indie meiner Meinung nach haben soll: Persönlichkeit, Originalität, Struppigkeit. Ich wollte erklären, dass ein 08/15-Indiegitarrenalbum eigentlich genau das Gegenteil dessen ist, was Indie sein sollte.

Aber jetzt höre ich die Platte durch… und finde sie völlig okay. Teilweise sogar voll gut. Nanu?

Der Vorwurf auf der Insel gegen C&TB lautet, sie seien eine „Meat & Potatoes“-Band. Die Band fürs Alltägliche also. Hausmannskost. Das ist nicht mal unbegründet, denn mondän oder irre oder innovativ sind die Waliser aus Llandudno ja wirklich nicht. Aber was man ja nicht vergessen darf: Auch Meat & Potatoes kann man perfekt hinkriegen. Und ich kann, da ich mich jetzt mal mehr mit ihren Songs beschäftigt habe, verstehen, warum der Wels und die Flaschenmänner ihren Fans etwas bedeuten.

Es stimmt: Man kann, wenn man es will, die Texte von Sänger Van McCann flach finden. Ich meine, er benutzt Wörter wie „Fagbreak“ (Kippenpause). PJ Harvey würde das nicht machen. Morrissey würde das nicht machen. David Bowie würde das nicht machen. „Fagbreak“ fällt in dem Song „Soundcheck“. Ein Titel, der keine Metapher ist – es geht in der Tat um einen Bandsoundcheck. Was wiederum dem Rezensenten des Guardian negativ aufstieß. Wie kann man so was Schlichtes schreiben?

Catfish picAllerdings: Es geht ja doch nicht wirklich um den Soundcheck selbst. „I raced through the soundcheck just to meet you on your fagbreak“ ist eine Liebeserklärung. Und zwar eine sehr konkrete. Sie handelt von einem ganz konkreten Moment: Die Band hatte Soundcheck, Van beeilte sich, damit er seine Liebste treffen konnte. Nur um mit ihr eine zu rauchen. Und dann hat er ein Lied drüber geschrieben. Klar, andere Texter abstrahieren da oder benutzen ihre Phantasie, um das nicht ganz so profan wirken zu lassen. Wahrscheinlicher: Sie schreiben über sowas erst gar nicht. Van aber macht doch echt aus so einem kleinen Moment einen Song – und das finde ich nicht nur auf seine Weise originell, ich finde es auch sympathisch und authentisch. Wir wissen ja, dieser Moment hat stattgefunden. Wer würde sich sowas ausdenken?

Und das ist es letztlich, das Geheimnis, das McCanns Texte auszeichnet, egal wie simpel die Worte sind, die er verwendet. Man nimmt ihm das ab, was er sagt, weil es komplett ungestellt ist.

Ich meine, wie viele Typen singen eine Zeile a la „I’d do anything for you“? Wenn man sowas hört, schaltet man längst auf Durchzug. Hohle Blablabla-Phrase. Wenn nun McCann singt „If it means we get through, you know I’m up for anything“ („Anything“) dann sagt er ja nichts anderes. Doch man nimmt es ihm tatsächlich ab! Weil er es so real formuliert. Hui.

Solche Texte verlangen dann geradezu, dass sich die Musik nicht verspult aufplustert. Ein durchs Wahwah-Pedal gejagtes Cembalosolo wäre hier Themaverfehlung. Deswegen greift auch der Vorwurf nicht, dass Catfish & The Bottlemen mit ihrem althergebrachten Gitarre/Bass/Drums/Gesangs-Sound, der vom Britpop-Schema nicht abweicht, nicht innovativ genug sind.

Okay, es gibt Bands, die bessere Ohrwürmer drauf haben. The Kooks zum Beispiel, an deren Sänger Luke Pritchard Catfishs Van McCann immer wieder erinnert, haben zweifellos die besseren Hooks. Aber das Formale haben C&TB schon drauf. Alle Songs haben Strophe, Bridge, Refrain, Middle Eight, sind komplex durchstrukturiert. Mit dem Übergang von der Strophe zur Bridge kommt normal auch ein Rhythmuswechsel, ebenso zum Refrain. (Man vergleiche diese ständigen Shifts in der Dynamik mal mit all den tausend Bands, die die gleichen vier Akkorde aus dem Intro auch in der Strophe verwenden (aber da dann garantiert die Gitarre aussetzen lassen) und den ganzen Song durch auf dem gleichen Bukk-Tschack-Beat bleiben. DAS ist banales Songwriting!)
Also: Klar, was C&TB machen, ist auch nicht neu. Aber die können schon was.

Tja. So schaut’s aus. Ich wollte Catfish & The Bottlemen eigentlich so richtig einen mitgeben, aber statt dessen hat die Band bei mir voll gewonnen. Jetzt heisst es wohl: CD-Kisten durchkramen und das Debüt noch mal entstauben. Denn die neue Beweislage erfordert vermutlich eine Revision meines vorschnellen Urteils von 2014.

Ranking Catfish

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