Review: Richard Ashcroft

richard-ashcroftRichard Ashcroft – „These People“

Ein paar meiner facebook-Freunde haben sich schon beschwert. Ganz besonders dröge, zäh und einschläfernd sei es geworden, das vierte Soloalbum von Richard Ashcroft (wenn man „RPA & The United Nations Of Sound“ nicht mitrechnet) und sein erstes musikalisches Lebenszeichen seit sechs Jahren. Auf der Insel jubeln hingegen ein paar Reviewer, Ashcroft sei endlich wieder in Bestform und er zeige all den Songwritern, die nach ihm kamen, wo der Hammer hängt. Ed Sheeran, James Bay und Tom O’Dell könnten wieder nach Hause gehen.

Was stimmt denn nun?

Okay, zuerst mal: Die Pissnelken Sheeran, Bay und O’Dell dürfen nicht der Maßstab sein, an dem man einen Ashcroft misst. Nach Hause gehen dürfen die so oder so, ganz unabhängig von dem, was Ashcroft macht, der auch dann noch turmhoch über deren Banalitäten schweben wird, wenn er nur auf dem Klo die TItelmelodie von Biene Maja summt.

Aber zur Sache. Zu Richard Ashcroft.

Also: Wer „Gravity Grave“, „Blue“, Slide Away“, „History“, „Lucky Man“, „Sonnet“ und natürlich „Bittersweet Symphony“ in mein Leben gebracht hat, der wird für immer einen Stein bei mir im Brett haben. Dessen Album werde ich nicht zur Seite legen und abkanzeln, bloß weil es mich nach dem ersten Durchhören gelangweilt hat.

Richard Ashcroft hat seinen Status aber ja auch nicht, weil er so ein umwerfender Poet oder toller Sänger oder brillanter Songwriter ist – das kann er alles ganz gut, klar. Aber ein Star ist er, weil er eine solche Persönlichkeit ist. Eine echte Charakterfigur.

Das war er von Beginn an, schon mit 20, als die UK-Journaille ihn bereits nach den ersten 1992er Verve-Singles „Mad Richard“ taufte. Er behauptete in ersten Interviews nämlich felsenfest, fliegen zu können. Er hinterließ einen Eindruck bei den Schreibern, auch als die Band noch nahezu unbekannt war. Als er noch nicht mal seine charakteristische Stimme richtig ausgeprägt hatte – wirklich unverkennbar war sein Organ erst ab 1995, als „A Northern Soul“ erschien und Verve aus rechtlichen Gründen das „The“ vor ihren Namen platzieren mussten. Zu dem Zeitpunkt war Richard schon mal beinahe auf einer US-Tour an Dehydrierung gestorben, auch hatte er die Band schon das erste Mal getrennt und wiedervereinigt – sein Verhältnis zum ähnlich genialischen Gitarristen Nick McCabe war immer angespannt. Noel Gallagher schrieb in der Zeit „Cast No Shadow“ über ihn. Naja, 1997 kam dann „Bitter Sweet Symphony“, der Übermega-Hit, der The Verve auf eine komplett andere Ebene katapultierte und damit auch wieder ihr zweites Ende einläutete.

Vervollständigen wir das eben: Danach kamen drei Ashcroft-Solo-Alben, eine neue Verve-Reunion und das schräge „RPA & The United Nations Of Sound“, offiziell kein Solowerk. Alles Alben, die musikalisch nicht mehr bahnbrechend waren, aber immer mal wieder den einen oder anderen echten Burner lieferten. „Check The Meaning“ zum Beispiel, „Break The Night With Colour“, „Love Is Noise“ oder „Are You Ready“ waren schon stark.

rashcroftWill sagen: Klar, wenn man „These People“ an „Urban Hymns“ als Maßstab misst, ist es eine Enttäuschung. Aber wenn man es vergleicht mit „Human Conditions“ oder „Keys To The World“, ist es völlig okay. Meinetwegen, ein herausragender Mega-Hit fehlt. Dafür kann man zu „Out Of My Body“ mal tanzen, „They Don’t Own Me“ funktioniert als Beinahe-Kopie von „Lucky Man“ (was zwar nicht gerade originell ist, aber andererseits dafür sorgt, dass die Nummer an „Lucky Man“ unbezweifelbar nahe dran ist) und „Songs Of Experience“ stampft ordentlich auf. Okay, gerade im Mittelteil hat die Platte ihre Längen. Aber grundsätzlich ist es gut, Richard Ashcroft um uns zu haben. Denn es geht bei ihm doch letztlich weniger um die einzelnen Songs, als um Richard Ashcroft, die Figur.

Nach „Bittersweet Symphony“ war der dürre Wuschelkopf einfach als Type etabliert. Das Video – ein echter Klassiker – hat natürlich seinen Teil dazu beigetragen. Denn wie Ashcroft schnurgerade seinen Weg geht, das vergisst man nicht. Aber dieses Image aus dem Video – das war ja keine pure Projektion des Regisseurs. Das Ganze funktionierte ja nur, weil Ashcroft in der Tat ein schrägstmöglicher Vogel war: Charismatisch, spirituell, überempfindlich, engagiert, ambitioniert, auch ein bisschen pompös und durchaus mal unfreiwillig komisch.

Ich will nicht lügen: Speziell bei der „United Nations Of Sound“-Geschichte, da waren es die letzten zwei Eigenschaften, die in den Vordergrund traten. Andererseits, sie waren immer Bestandteil dessen, wofür Ashcroft steht. Das muss man mitnehmen, weil es ohne den tendenziellen Popanz und die Bereitschaft, sich auch der Lächerlichkeit preiszugeben, bei Ashcroft auch nicht die Spiritualität, die Sensibilität und das Charisma gibt. Das ist ein Gesamtpaket.

Manche finden es zum Beispiel unfreiwillig komisch, dass Richard auf der Single „Hold On“ ein Thema wie den arabischen Frühling ins Spiel bringt. „Daran verhebt er sich“ sagen sie. Ich wiederum meine: Das ist genau die Ambition, die einen Ashcroft auszeichnet. Scheissegal, wenn dann eine holprige Zeile wie „Until you get some pepper spray / the water canons on the way / Fighting on your own / Can turn your heart to stone“ dabei raus kommt – Richard VERSUCHT wenigstens, nicht nur die üblichen Banalitäten runter zu trällern.

Fazit also: Klar, wir haben von Richard Ashcroft schon Besseres gehört. „These People“ ist stellenweise überkanditelt, stellenweise vorhersehbar, stellenweise hölzern. Von „Bestform“ kann keine Rede sein. Dennoch ist Ashcrofts Rückkehr bei mir insgesamt willkommen. Denn mal ganz abgesehen von dem Nostalgiefaktor, der wohligen Assoziation, die das Hören seiner Stimme auslöst, wenn man sich in den 90s als erklärter Britpopper bekannte – die Musikwelt braucht solche Typen wie ihn. Ein Performer, der wegen seiner Großspurigkeit auch mal als Wichtigtuer dastehen kann, ist mir lieber als einer, der sich vor Wichtigkeit versteckt – denn davon gibt’s zur Zeit viel zu viele.

Ranking Ashcroft

Richard Ashcroft – This is how it feels from FLY THROUGH FILMS on Vimeo.

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