Interview: Oscar

Header OscarDas Debütalbum des Londoner DIY-Songwriters und Producers Oscar ist jetzt auch schon über zwei Wochen draußen – klar wollte ich mein Interview eigentlich pünktlich zur Veröffentlichung von „Cut & Paste“ transkribiert haben. Immerhin, gestern saß ich ein paar Stündchen im Zug und konnte die Abschrift abschließen. Ein Telefongespräch, das außerordentlich viel Spaß gemacht hat. Hoffentlich kommt das beim Lesen rüber!

Hello?

Hallo, Henning hier vom piranha Magazin, Deutschland. Spreche ich mit Oscar?

Ja, das bin ich.

Prima, wie geht’s?

Danke gut – dir?

Ganz okay, danke. Kalt ist es hier. Der Frühling will einfach nicht kommen. 

Da habe ich mehr Glück, hier in London scheint die Sonne.

Oscar_-_Cut_and_PasteDu hast einen deutschen Namen, Oscar Scheller. Du hast deutsche Vorfahren, schätze ich?

Ja, meine Familie ist jüdisch-deutsch.

Sprichst du auch ein wenig deutsch?

Leider nein, haha. Ich würde es total gerne tun. Ich finde, Deutsch ist eine wundervolle Sprache.

Na, da stimmen aber nicht viele Leute zu.

Ich weiss! Aber wenn ich Musik höre, die auf deutsch gesungen wird, klassische Musik zum Beispiel, finde ich immer, dass es toll klingt. Und wenn man in einer Sprache so singen kann, muss sie doch auch schön sein.

Finde ich auch. Als Deutscher habe ich ja zum Beispiel auch sehr romantische Momente auf deutsch erlebt. Und die waren schön. Da wurde nicht gebellt und befohlen wie im Klischee.

Das glaube ich sofort. Es kann bestimmt sehr romantisch sein auf deutsch.

Aber reden wir über dein Album. „Cut & Paste“ hast du es doch bestimmt genannt, weil du deine Songs auf diese Weise am Computer kreierst?

Ja, es hat damit zu tun, dass ich meine Musik so erarbeite – aber so denke ich auch über Musik. Ich nehme verschiedene Genres, verschiedene Äras, verschiedene Momente aus meinem Leben  und füge sie zusammen. Das ist die Philosophie des Samplens, schätze ich. Man macht ein Patchwork aus seinen Einflüssen, es ist ein Ausschneiden und Kleben. „Cut & Paste“ fasst wirklich sehr viel zusammen.

Werden wir dich beim Musik machen eher mit einer Gitarre in der Hand antreffen oder vor deinem Laptop?

Haha,ha! Wahrscheinlich sogar eher vorm Laptop!

Macht es für dich einen Unterschied beim Schreiben, ob du die Gitarre in der Hand hast, oder ob du vorm Rechner sitzt?
Das Klischee wäre ja, dass Gitarrespielen instinktiver und körperlicher ist. Weil man es mit dem Arm macht, mit den Fingern. Es ist etwas Körperliches, wenn man seinen Arm über die Saiten schwingen läßt. Wogegen man am Laptop eben nicht so unmittelbar und damit nachdenklicher arbeitet.
Nun gut – ich denke mal, man kann das heute mit einem Gerät wie dem Ipad nachahmen. Die „digital natives“ erleben ihr Laptop vielleicht heute so unmittelbar wie frühere Musiker die Gitarre.

Hmm. Ich denke mal, je weiter sich die Technologie entwickelt, desto mehr wird es möglich sein, mit einem technologischen Gerät ähnlich instinktiv und aus dem Bauch heraus umzugehen wie mit einem klassischen Musikinstrument. Es muss ja dabei nicht mal so ums Körperliche gehen. Sondern mehr um die Geschwindigkeit, in der der Gedanke und die Technologie sich treffen können und sich manifestieren im kreativen Prozess. Für mich ist ein Laptop eigentlich genauso ein Instrument, wie es die Gitarre ist. Aber ist dennoch eine sehr unterschiedliche Erfahrung. Man befindet sich in einem ganz anderen Headspace. Mit der Gitarre zu schreiben, ist, wie du sagst, etwas primitiver und rhythmischer. Die Melodien, die dabei entstehen, sind zum Beispiel anders, denn sie sind zweifellos von der Gitarre beeinflusst. Sie orientieren sich schon irgendwie unterbewusst am Rhythmus der Armbewegung. Wenn ich auf der Gitarre schreibe, wird alles etwas kantiger. Wenn ich dagegen am Keyboard oder auf dem Laptop schreibe, wird alles softer. Das betrifft die Melodien, und es betrifft auch die Texte. Eigentlich habe ich all meine Liebeslieder und all meine Balladen alle auf dem Piano geschrieben oder am Laptop. Die Songs, die etwas mehr punky sind, sind alle auf der Gitarre geschrieben.

Oscar sq1Interessant. Wir müssen und also nur das Album anhören und können erkennen: Aha, langsamer Song, auf dem Keyboard geschrieben. Schnellerer Song, auf der Gitarre. 

Ja, denke ich schon.

Welche Songwriter bewunderst du?

Lionel Bart. Er hat das Musical „Oliver“ geschrieben, und viele andere. Brian Wilson von den Beach Boys, Kurt Cobain von Nirvana… wer noch…

Die Frage kommt mit der Folgefrage: Was hast du dir bei diesen Leuten abgeguckt? Womit ich nicht sagen will „kopiert“ – aber man erkennt ja gewisse Kniffe und Tricks und versucht, sie ebenfalls anzuwenden.

Ich denke, bei Lionel Bart sind es die Akkordwechsel und die Art, wie diese zu Veränderungen der Melodie führt. Das hat mich sehr beeindruckt – wie er von Dur schnell zu Moll springt, das ist fast schon sein Markenzeichen. Bei Kurt Cobain ist beeindruckt mich, wie er Popmusic und Grunge verknüpft hat. Dass er so unglaublich eingängige Songs geschrieben hat, aber die trotzdem nicht süßlich waren. Bei Brian Wilson sind es einfach die Harmonien, und die vielschichtige Produktion, diese Wall Of Sound. Die hat ja wirklich viele Musiker beeinflusst.

Interessant. Den Musicalautor kannte ich gar nicht. Das geht bestimmt vielen deiner Hörer so – denn du wirst ja im Schallplattenladen am ehesten im Indie-Fach eingeordnet. 

Das stimmt wohl, ja.

Ist auch der Storytelling-Aspekt von Musicals für dich ein Einfluss?

Hmm. Ich weiss nicht, inwieweit ich ein Geschichtenerzähler bin. Ein bisschen vielleicht. Ich denke aber, der größere Einfluss sind die Arrangements. Die sind ja sehr klassisch bei Musicals. Da gibt es Songs, die die Definition eines Songs schlechthin erfüllen. Jeder gleich mitsingen kann und man behält sie sofort im Kopf. Da ist Lionel Bart ganz klassisch – und auch sehr britisch. Man kann sagen, er ist ein typisch britischer Songwriter. Und das versuche ich zu übernehmen – nicht buchstäblich so, dass ich Musicals schreiben will, aber ich möchte gerne diese Atmosphären hinkriegen. Diese Ohrwürmer zum Mitsingen, diese Tradition der britischen Dancehalls. Es wären tolle Popsongs, die Songs aus „Oliver“. Auch wenn sie nie in die Charts kamen.

Ich mag es, wenn mir in Interviews etwas Neues gezeigt wird. Den guten Mann werde ich nachher googlen und mir mal mehr anhören.

Oh, da wirst du deinen Spaß dran haben. Auch weil es ja sicher Videos gibt von den Songs aus „Oliver“, und dann hat man auch ein bisschen was fürs Auge. Ein bisschen visuelle Stimulation.

Was macht für dich einen guten Song aus? Welche Elemente hat ein guter Song?

Was einen Song gut macht… ist das Gefühl, das er dir gibt. Klar, das ist sehr wenig konkret, weil es ja auch viele Gefühle gibt, die man versuchen kann, zu vermitteln. Ansonsten finde ich, ein Song sollte eine Auflösung haben. Ein guter Refrain, das wäre eine solche Auflösung. Ein Payoff. Ein guter Song ist etwas, womit man als Hörer etwas verbinden kann und bei dem man mitfühlen kann.

Das heisst, die technischen Dinge, der Aufbau sind nicht so wichtig, wichtiger ist der emotionale Level?

Ich meine, da gibt es natürlich verschiedene Sichtweisen. Man kann einen Song konventionell angehen mit der Struktur Strophe-Bridge-Refrain. Das ist ein bisschen altmodisch, aber das bedeutet auch, dass viele Menschen es verstehen können. Weswegen ein klassischer Aufbau immer funktioniert. Aber es kann natürlich auch passieren, dass ein Song dich einfach erwischt, und du kannst gar nicht erklären, wo das jetzt her kam, das Lied hat dich einfach gepackt. Es gibt diese zwei Sichtweisen, und ich versuche immer, sie auszubalancieren.

Was ist es dann normalerweise, was dich dazu bringt, einen Song zu schreiben?

Ich schätze mal, einfach, dass ich mir Dinge durch den Kopf gehen lasse, die mir passiert sind. Das ist meistens die Inspiration, sich hinzusetzen und einen Song aus etwas zu machen. Aber oft genug höre ich einfach nur Musik, oder vielleicht schaue ich mir Kunst an, und das weckt eine Idee in mir. Manchmal parkt die Idee nur im Unterbewusstsein und sie kommt dann zum Vorschein, wenn ich am Instrument sitze oder etwas anderes schreibe. Vieles ist unterbewusst.

Inzwischen hast du auch eine Liveband.

Mm-hmm.

Den Bandmitgliedern hast du bis jetzt deine fertigen Songs präsentiert. Wird sich das ändern, wenn ihr als Band länger zusammen seid? Denkst du, die Band könnte sich einbringen und Songs entstehen im Proberaum – oder soll sie das gar nicht? Weil es die Essenz, die Oscar, den Künstler, ausmacht, verdünnen würde?

Ich glaube, wenn wir zu diesem Zeitpunkt etwas ändern würden… dann wäre es ablenkend. Ich habe jetzt meine Arbeitsweise gefunden, und sie funktioniert gut für mich. Ich bin auf meine gute Formel gestoßen, sozusagen, mit der es läuft – und warum sollte ich jetzt etwas ändern? Ich würde es aber auch nicht kategorisch ausschließen wollen. Ich denke mal, es hängt von der Band ab, davon, wie gut sie als Schreiber sind. Ich habe noch nicht so viel drüber nachgedacht, denn noch gilt das Ganze ja auch nicht wirklich als Band. Ich werde als Solist wahrgenommen, der auch eine Liveband hat.

Ich finde es einfach interessant, dass Solisten heutzutage vielfach die Bands verdrängen. Ich nehme als Beispiel immer die letzte BBC Shortlist – da war nur noch eine einzige Band vertreten, alle anderen Kandidaten waren Solisten.

Hmm.

Es ist verständlich, warum diese Entwicklung stattfindet. Man kann eben heute am Laptop die Dinge im Alleingang machen – ob man Lieder schreibt wie du oder man ein elektronischer Dancemusiker ist oder ein Rapper. Es gibt ja auch die Theorie, dass dies ein Zeichen dafür ist, dass die Gesellschaft mehr und mehr ichbezogenen wird. 

Oscar sq2Hahaha!

Du bist anderer Meinung?

Nein, ich bin nur überrascht. Das ist eine interessante These, die durchaus ihre Berechtigung hat. Man muss sich ja nur mal umgucken und sich anschauen, wie alle nur noch mit sich selbst beschäftigt sind, im Alltagsleben in der Stadt. Ich war neulich im Louvre in Paris, ich wollte mir die Mona Lisa anschauen – und ich kam in den Raum und alle Besucher wendeten dem Bild ihren Rücken zu!! Sie drehten sich weg vom Gesicht der Mona Lisa. Warum? Weil sie alle Selfies machten! Selfies mit der Mona Lisa! Das fasst doch alles zusammen, was zur Zeit in der Gesellschaft passiert, oder?

Was natürlich bedeuten kann: Wenn wir alle egobezogener und isolierter werden – dann sprechen uns vielleicht auch die ichbezogenen und isolierten Künstler mehr an.

Hmm. Oha! Das ist ein sehr guter Punkt. Ich glaube, die technologische Entwicklung, durch die man ja auch permanent kommuniziert – sie verstärkt manchmal das Gefühl des Alleinseins umso mehr. Man ist ja fast nie mehr allein, weil man immer mit irgendjemandem in Kontakt steht. Für manche Leute ist es regelrecht eine Befreiung, mal ganz alleine zu sein. Für mich ist es auf jeden Fall so. Ich bin froh, wenn ich mal meine Zeit ganz für mich alleine habe. Ich wertschätze das sehr. Aber es ist in der Tat so, heute ist jeder zuerst mal sein eigener Promoter. Man wird heute auch dazu ermutigt, sich selbst zu promoten. Auf dem heutigen „Markt“ ist das fast schon eine Notwendigkeit.

Eine Kollaboration hast du ja immerhin auf dem Album: „Only Friend“, das Lied, das du mit Marika Hackman singst. Ist das eine Zusammenarbeit? Oder hattest du den Song schon fertig und sie sang nur deinen Text?

Ja, so war’s. Eigentlich hatte ich sogar eine andere Sängerin für das Lied im Auge, auch eine Freundin von mir – aber sie macht heute komplett andere Musik. Für sie hat es nicht mehr gepasst, dieses Lied zu singen. Dann war Marika die erste, die ich anrief, ob sie übernehmen möchte. Sie kannte ich ein bisschen – nicht so, dass ich sagen kann, wir waren Freunde, aber wir kannten uns von ein paar Parties, auf denen wir uns unterhalten haben. Tja, sie kam vorbei, hat eingesungen, und es war perfekt, magisch.

Ich las, dass du zwischendurch in einem größeren Studio warst für die Aufnahmen, aber dass der Charme deiner DIY-Aufnahmen verloren ging. Was kannst du uns dazu erzählen? 

Ich glaube, es ist eine echt große Sache für viele Künstler, vom DIY-Projekt ins große Studio zu wechseln, auch wenn man nicht so oft darüber redet. Dieser Übergang kann sehr unangenehm sein – und er kann für dem musikalischen Charakter des Sounds dieser Person sehr abträglich sein. Denn wenn du etwas in einem kleinen Raum machst – dann hat es den Klang von diesem Raum. Alleine schon, wie viele Fenster der Raum hat, macht etwas aus, weil die Fenster mitschwingen, wenn du spielst, und du den Klang darauf abstimmst. Dann gehst du ins Studio und willst deine Songs nachspielen – und oft genug kommen sie nicht ans Original ran, oder sie fühlen sich einfach verkehrt an – sie sind nicht mehr im Gleichgewicht. Auch kriegt man zu viele Möglichkeiten, zu viele Ablenkungen – und man lässt sich ablenken und wird desillusioniert. Das jedenfalls war meine Erfahrung im großen Studio. Ich glaube, ich war noch nicht bereit fürs große Studio. Ich hatte mich als Künstler noch nicht weit genug entwickelt, oder als Producer, um in der Lage zu sein, wirklich das Ruder zu übernehmen und Im Studio alles unter Kontrolle zu haben. Aber die muss man haben, diese Kontrolle. Also, ja, ich fand es ganz schön schwierig. Aber ich freunde mich mit dem Gedanken wieder an. Die nächste Platte würde ich schon gerne in einem Studio aufnehmen. Ich denke, jetzt könnte ich so weit sein. Aber es ist auf jeden Fall so: Man kann leicht den Charme und die Identität seiner Musik verlieren, wenn man alles zu sauber macht, zu leblos. Es ist sehr wichtig ein paar kleine Makel zu behalten.

Das hätte ich fragen wollen, ob das trotzdem in der Zukunft ein nächster Schritt sein kann. Es könnte ein interessanter Wandel sein und wenn man in ein paar Jahren deine Diskographie anschaut, sagt man vielleicht: Okay, das war ein Wendepunkt.

Ja, da stimme ich zu. Es würde sicher völlig anders klingen und das könnte ja auch etwas Gutes sein.

Ich habe gelesen, du hast einen ganz frühen Song namens „Told You So“ der so quasi dein erster Durchbruch war.

Stimmt, ja.

Dieses Lied nun gar nicht auf dem Album. War es dir zu alt, hast du dich zu weit davon weg entwickelt?

Das ist das komische mit frühen Songs – sie stammen einfach aus einer Zeit, die lange her ist. Ich fand das, was ich in dem Song sagte, irgendwie nicht mehr für mich relevant. Ich schätze mal, ich habe mich weiter entwickelt? Ich finde, ich habe heute einfach Lieder, die besser sind. Außerdem: Natürlich ist der Song über jemand bestimmten. Und es kann schwierig sein, so alte Gefühle wieder hervor zu holen.

Ich las diesen Artikel, da sagte der Autor, der Song sei so quasi deine Erkennungsmelodie. Wenn das so ist, war es ja fast mutig, ihn fürs Album zu ignorieren.

Nun, es gibt die Überlegung, dass ich noch mal auf den Song zurück komme. Dass ich ihn vielleicht noch mal neu überarbeite. Für dieses Album hat er nicht gepasst. Aber das Lied ist ja nicht verschwunden, und ich kann mich ja noch mal damit befassen. Da ist nichts in Stein gemeißelt.

Vorhin habe ich dich gefragt, was einen guten Song ausmacht. Gibt es für dich auch Dinge, die für Dich einen Song mies machen? Denen du aus dem Weg gehst?

Haha. Was würde ich vermeiden? Ich würde nicht über Politik schreiben. Überhaupt würde ich nicht über Dinge schreiben wollen, die ich nicht selbst erlebt habe. Ich finde es schwierig, regelrecht unnatürlich, über etwa zu schreiben, das ich nicht aus eigener Erfahrung kenne – und ich bin nun mal nicht besonders politisch interessiert. Wenn ich einen Song über David Cameron schreiben würde, dann wäre das sehr bemüht. Ich fände das auch nicht interessant oder inspirierend. Das also würde ich schon mal vermeiden. Was sonst macht einen Song noch schlecht? Hmmm. Jodeln, wahrscheinlich?

Und das sagst du einem Bayern!

Hahaha, Sorry.

Wenn du es schwierig findest, politische Musik zu schreiben – findest du es auch schwierig, politische Musik zu hören? Nehmen wir mal Bobby Gillespie bzw Primal Scream. Ihm ist es ein dringendes Anliegen, Stellung zu beziehen und entsprechend kommen seine politischen Texte auch aus dem Herzen.

Hmm. Ich weiss, ich bin zu politischen Musikern bestimmt unfair. Nicht alle verdienen es, abgetan zu werden. Aber es war bei mir auf der Art School einfach so: All die Typen, die sich als Aktivisten aufgespielt haben und die was bekämpfen wollten – die fand ich alle persönlich nervtötend und uninteressant. Ich bin da einfach ein bisschen eingefärbt von meiner persönlichen Erfahrung. Aus meiner schulischen Erfahrung glaube ich vielleicht auch, dass ich keinen großen Unterschied mit meiner Musik ausmachen kann. Ich habe damals sehr wohl ein paar mal versucht, mich aufzulehnen – nicht politisch, es ging da mehr um festgefahrene Dinge in unserem Institut – und ich hatte dabei nie Glück. Irgendwann kam ich an den Punkt, dass ich sagte: Okay, dann kümmere ich mich halt nur noch um das, was ich gut kann, und mache mein Ding. Das ist es für mich, so einfach ist das.

Okay – als nächstes erzähle uns etwas Unerwartetes über dich! Man hat ja ein bestimmtes Bild von dir als typischer schüchterner, sensibler Singer/Songwriter. Aber vielleicht hast du ja eine ganz andere Seite! Vielleicht bist du ja heimlich, sagen wir, ein Kickboxer! 

Lustig, dass du das sagst! Als ich so zwischen 13 und 16 war, habe ich in der Tat Kickboxing betrieben!

Echt jetzt?!

Ich bin sogar richtig, richtig gut geworden! Mein Verein wollte, dass ich im Leichtgewicht für sie antrete! Aber meine Mom hat dann dafür gesorgt, dass ich aufhöre. Wegen meinen Händen. Sie wollte nicht, dass ich mir dauerhaft die Hände schädige, damit ich auch in Zukunft Klavier spielen kann und solche Sachen.

Okay – jetzt muss ich natürlich fragen: Was sind die Gemeinsamkeiten von Kickboxing und Songwriting?

Hehe. Also, man braucht Rhythmus! Und man braucht Timing! Und man muss die richtige Balance zwischen hart und weich lernen. Das, glaube ich ist wichtig, speziell in der Musik, um Kontraste schaffen zu können. Doch, die zwei Dinge kann man definitiv vergleichen!

Haha! Nächstes Thema: Ich stelle normal keine Fragen zu Mode – aber wenn man deine Bilder sieht, kommt man nicht dran vorbei: Du hast ein Faible für bunte Sweater. 

oscar2Ja!

Ich habe Bilder von dir gesehen mit einem Union Jack-Sweater, mit einem Star Spangled Banner-Sweater, mit diesem knallbunten Teil, das du bei SXSW anhattest… das ist also dein Ding.

Ja! Ich mag Muster, ich mag bunte Farben, ich mag Pop Art – und ich mag es, fast selbst wie ein Pop Art Gemälde herum zu laufen. Ich mag es auch, wenn Dinge auffallen und sich was trauen – wenn man sie sieht und man sich mit ihnen befassen muss. Ja, das ist es.

Auffällig ist es, auf jeden Fall. Das ist ziemlich schlau. Man erinnert sich gleich an die Bilder. Wenn jemand entschieden hätte, das zu deiner „CI“ zu machen, dann wäre das eine gute Idee gewesen.

Mmmh! Ja. Dabei hat es sich ganz natürlich ergeben. Mode hat mich immer interessiert – und sie tut es weiterhin. Und es ist eine Sache mehr, mit der man Spaß haben kann. Sich aufzubrezeln macht doch Spaß!

Haben dir schon die ersten Fans selbstgenähte oder gestrickte Sweater geschenkt?

Haha! Noch nicht! Aber hey, wenn das passieren würde, wäre das super. Ich würde total darauf abfahren, einen Sweater von einem Fan zu bekommen!

Außerdem muss es sowas eigentlich an deinem Merchandise-Stand geben! So einen riesigen Oscar-Sweater im Blau deines Albumcovers!

Oooh, auch das ist eine gute Idee! Aber das wird sicher eine Menge kosten. Das kann man wahrscheinlich nicht produzieren, der Kosten wegen.

Noch eine Sache, die ich gelesen habe: Du bist Vinylsammler und kramst gerne in Plattenläden. Dabei suchst auch gerne Obskures. Was war denn die letzte Platte, die du dir gegönnt hast?

Die letzte Platte, die ich mir gegönnt habe, das war… lass mich gucken, ich sitze nämlich gerade vor meinem Plattenstapel: Das war „The Universal Togetherness Band“ – so heißen die. Sie waren – lass mich auf die Info schauen – sie waren sowas wie eine Studentenband. Super Platte. Die Band kam aus Chicago. Also, hier: Sie waren die offizielle Band der Uni Chicago. Aber sie haben auch eigene Songs geschrieben und die heimlich aufgenommen. Und dann haben sie ein Album gemacht. Die Platte hier ist eine Neuauflage vom Label Numero Group. Die finden dauernd solche Raritäten zum Wiederveröffentlichen.

Was war denn der beste Fund, den du je gemacht hast?

Der beste Fund, das ist das blaue Weezer Album. Die habe ich gefunden, ich weiss gar nicht mehr wo. Es ist nämlich eins der limitierten High Fidelity Remastered Vinyle. Davon gibt’s nicht viele, aber ich habe eine gefunden. So eine tolle Platte, und sie KLINGT umwerfend.

Und damit komme ich auch schon zu meiner letzten Frage! Zum Schluss frage ich immer nach einer Anekdote – und da frage ich immer: Was war das verrückteste Konzert, das du je gespielt hast? 

Ha! Das war auf einem Steampunk-Hardcore-Free Jazz-Festival. In einem kleinen Park, in den vielleicht 500 Leute passen – also, er war winzig. Ich spielte am frühen Nachmittag, so zwischen zwei und drei Uhr. Mein Publikum bestand aus einer Familie mit drei Kindern und den Betreiber einer Sandwich Bar am Platz, auch die schauten zu. Das war wohl die schrägste Erfahrung, die ich je gemacht habe. Und es hat mir überhaupt keinen Spaß gemacht. Es war echt schlimm.

Es ist aber auch echt schräg, dich ausgerechnet für ein Steampunk/Free Jazz – Dingens zu buchen.

Genau, das Lineup war extrem schräg. Es war auch nichts Offizielles. Es war so, dass mir jemand sagte: Hey, mein Kumpel kümmert sich um dieses kleine Festival, und du solltest dort unbedingt spielen! Das war vor meinem Plattenvertrag, bevor ich ein Management hatte, vor allem. Deswegen sagte ich: „Klingt super!“ Denn damals war ich froh über jede Chance, live zu spielen! Aber ich hatte ziemliche Kosten für diesen Auftritt, dann wurden wir nicht mal bezahlt, und die ganze Erfahrung war schlimm.

Okay, aber das nennt man wohl „Rites Of Passage“. Ich glaube, jede Band muss da nun mal durch. Die frühen Shows, zu denen keiner kommt – diese Erfahrung muss einfach jeder Musiker machen, diese Sporen muss man sich verdienen.

Bestimmt. Wir haben auf jeden Fall viel gelernt.

So, ich habe 29 Minuten meiner 30 Minuten verbraucht. Wir waren typisch deutsch effektiv!

Ha, sehr charakteristisch von dir!

Ich bin ganz beeindruckt von mir selbst! Na prima, vielen Dank für deine Zeit, das Interview hat mir viel Spaß gemacht und ich glaube, ich habe einiges über dein Album gelernt! 

Danke, das freut mich zu hören!

Na dann viel Erfolg für das Album und für deine Tour!

Vielen Dank! Sehe ich dich auf einem unserer Konzerte?

Ich glaube, München steht vorerst nicht auf deinem Tourplan, richtig?

Hmm, das kann sein.

Also, wenn deine Tour ein „second leg“ kriegt, dann bestimmt! 

Ok great! Na dann hoffe ich, dass es bis dahin auch in München wieder sonnig ist!

Ganz bestimmt! Vielen Dank, Bye!

Take care, bye!

Ein Gedanke zu „Interview: Oscar“

  1. Vielen Dank für das Oscar Interview, Henning!!! Ich hab ihn letztes Jahr bei SoundCloud entdeckt, als ich nachts in einem „Nichts geht mehr“-Stau auf der Autobahn stand. Ich hab ihm über FB geschrieben dass ich seit zwei Stunden „I try to forget you“ höre und laut mitsinge. Das fand er gut, und jetzt stehen zwei Vinyls und ein Selfie von Oscar in meinem Plattenregal 🙂
    Wie findest du die Platte? Hören wir mal was von ihm von dir am DJ Pult?

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