Review: Lush

Lush Blind Spot - EPLush – „Out Of Control“ EP

Jetzt fehlen eigentlich nur noch die Boo Radleys und die Pale Saints. Fast alle großen Shoegazer der frühen 90s feedbacken wieder: My Bloody Valentine, Ride, Swervedriver und Slowdive haben wieder zusammen gefunden, also könnte man denken, es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, wann auch Miki Berenyi und Emma Anderson wieder schimmerndes und gleißendes Licht aus ihren Gitarren scheinen lassen würden. Einen wichtigen Unterschied gab es aber doch: Lush, die Band, die mit ihren schwelgerisch transzendenten Tracks mit dem US-Ausdruck für die damalige Szene, „Dreampop“ nämlich, immer besser beschrieben wurde als mit „Shoegazing“, hatte sich Mitte der 90er ja nicht getrennt, weil es sich angebahnt hatte. Sie waren sogar auf ihrem Höhepunkt, landeten erstmals richtige Hits auf der Insel. Die Auflösung kam abrupt: Drummer Chris Acland erhängte sich, zumindest für Außenstehende kam das sehr überraschend. Für den Rest der Band war es danach unmöglich, weiter zu machen.

So steht die Wiedervereinigung von Lush (den neuen Posten als Drummer hat Justin Welch, einst bei Elastica, übernommen) unter einem anderen Vorzeichen als die ihrer Kollegen, die „nur“ alte Streitereien und Ego-Probleme ad acta legen mussten. Sie hat mit dieser EP auch eine andere Form angenommen: Viele der Rückkehrer aus der Ära – und hier geht es jetzt nicht nur um Shoegazer – spielen nur ihre alten Songs (Ride, Slowdive, The Wonder Stuff, JAMC). Andere schreiben auch wieder neues Material, aber erst nachdem sie wieder länger getourt haben (Blur, Swervedriver, Suede, Pixies, The Stone Roses(?)). Lush sind (wenn ich niemanden übersehen habe) die Ersten, die ihr Comeback mit neuen Aufnahmen einläuten.

Vier neue Songs, die mich – so ehrlich muss ich sein – beim ersten Hören leider eher enttäuschten. Warum?

lush vintageWeil Lush selbst die Messlatte extrem hoch gelegt haben mit ihren Veröffentlichungen in den frühen 90s. Dabei haben sie von Album zu Album eine Metamorphose hingelegt: Die ersten EPs, später zusammengefasst auf dem Album „Gala“ (1990), waren blendend, rauschend, blumig – sägende Gitarren, Sweetness and Light. Auf „Spooky“ (1992) bauten sie einerseits das transzendent träumerische Gefühl, zweitens die Popmelodien aus. „Spilt“ (1994) setzte diese Entwicklung fort – Lush waren wie ein Kirschbaum, dessen Stamm sich in drei Hauptäste teilte, die dann neue Blüten ausprägten: Auf „Split“ gab es Lushs bis dahin poppigste Single („Hypocrite“), ihre schwebend schwereloseste Nummer (das siebeneinhalbminütige „Desire Lines“) und ihr für mich strahlend-schönstes Lied, den Opener „Light From A Dead Star“. Ihre letzte Platte „Lovelife“ (1996) war dann was Anderes, weil Lush sich hier praktisch völlig auf den Pop-Ast konzentrierten. Es war die Zeit des Britpop, und die Hits „Single Girl“, „Ladykillers“, „Ciao!“ und „500“ rechtfertigten diese Entscheidung,

Was ich mit dieser Auflistung sagen will: Lush haben immer, von Album zu Album, ein bisschen neu geklungen. Ich wiederhole noch mal das Bild vom Kirschbaum: Mit jedem Jahr gab’s neue Blüten, die an den Ästen ausschlugen, die seit dem letzten Frühling (=Album) ein Stückchen gewachsen waren.

Nun hat der Baum fast 20 Jahre nicht mehr ausgeschlagen. Freuen sollte ich mich, dass sich wieder vier Knospen zeigen. Ich sollte nicht erwarten, dass der Baum gleich wieder in voller Blüte steht. Aber deswegen muss ich auch nicht so tun, als seien die neuen Songs besser, als sie sind.

Lush todayEs ist so: Die vier neuen Tracks erschließen kein neues Lush-Territorium. Sie checken erst mal, dass der Stamm wieder Harz führt, wenn man so will. Die neuen Knospen schlagen nahe am Stamm aus, nicht an der Krone. Hört man sie neben frühen Höhepunkten wie „De-Luxe“, „Scarlett“, „For Love“ oder „Ocean“, reichen die vier Neuen nicht an ihr Topmaterial heran.

Was nicht heißen soll, die EP sei ein Blindgänger: „Burnham Beeches“ ist eine flotte Popnummer, die den Faden der „Lovelife“-Ära aufnimmt. Den Text vom Song „Lost Boy“ wiederum kann man auf Ex-Drummer Chris anwenden und das geht schon nahe: „I should never have you left out of my sight – desperate to be beside you – I didn’t know I’d never see you again“. Nein, das ist schon ordentlich.

Mir ist aber auch klar, dass ich als Fan einen verdammt hohen bis unerfüllbaren Anspruch stelle, wenn ich erwarte, dass Lush nahtlos an ihren Spitzenleistungen ansetzen. Ein lange verletzter Sportler muss sich ja auch erst mal eingrooven, bis er wieder seine Bestzeit rennt. Aber hey – Blur, Suede, MBV und Swervedriver haben in den letzten Jahren gezeigt, dass man den alten Level sehr wohl wieder erreichen kann. Hoffen darf man also. An dieser Hoffnung rüttelt die EP nicht. Sehen wir’s so: Lush kommen wieder in die Gänge. Das reicht doch für den Anfang, oder?

Ranking Lush EP

Lush – Out of Control from Andersen M Studio on Vimeo.

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