Review: Kyle Craft

KyleCraftLP_Jacket_CoverKyle Craft – „Dolls Of Highland“

Zu den herrlichen Momenten für einen Musikfan gehört es, wenn aus dem Nichts ein Album auftaucht, eine Band, ein Sänger, eine Sängerin, die man vorher noch überhaupt niemals auf dem Schirm hatte – und wenn dieser Typ (in diesem ist es ein Typ) einen vom Fleck weg mit einem ganz eigenen, durchgeformten Sound erstaunt.

Den Namen Kyle Craft hatte ich noch nie gehört, als sein Album auf meinem Schreibtisch landete. Aber schon, was in der beiliegenden Bio zu seinem Debütalbums stand, war spannend: Kyle stammt aus einem Kaff am Mississippi im tiefen Süden der Staaten (Shreveport, Louisiana) und spielte als Kind am liebsten in den Sümpfen, wo er bevorzugt – ich zitiere hier sein Label Sub Pop – Alligatoren und Klapperschlangen fing. Weil er in einer streng gläubigen Familie aufwuchs, kam Kyle bis ins Teenageralter mit Rockmusik quasi nicht in Berührung, nur die Orgel in der Kirche hatte es ihm angetan. Mehr aus Zufall stieß er als Teenager im K-Mart auf eine Best Of von David Bowie und kriegte den Glamrock-Flash.

Alleine schon diese Vorstellung! Ein Teenager, der sich als Bowie der Sümpfe stilisiert!

Entstanden ist „Dolls Of Highland“ allerdings nicht im Süden, sondern in Portland. Kyle ist längst kein Teenager mehr. Ins regnerische Hipster-Mekka an der Westküste war er geflohen, als sein Leben im Süden zusammen gebrochen war: Kyle und seine Freundin hatten sich nach acht Jahren getrennt, seine Band hatte sich aufgelöst. (Ein wenig Googlen ergibt: Die Band hieß Gashcat, hatte sich in dem Örtchen Vidalia/Louisiana gegründet und war dann nach Austin, Texas gezogen. Gashcat veröffentlichten 2011 ein Album namens „Reunion“, spielten mehrfach bei SXSW und erspielten sich im US-Süden einen respektablen Namen, ohne aber je richtig durchzustarten.) Kyle brauchte eine Luftveränderung, einen Neustart. Er kam in Portland an mit kaum mehr als einem Zettel in der Hosentasche, darauf die Handynummer befreundeter Musiker, die er auf Gashcat-Tourneen kennen gelernt hatte. Die nächsten Monate pennte er bei diesen Freunden und nahm Demos auf, hieraus wurde schließlich „Dolls Of Highland“.

Kyle CraftDas klingt ganz schön dramatisch, richtig? Hier hat jemand eine Phase des ultimativen Herzschmerzes und der Verzweiflung durchgemacht, eine alte Haut abgestreift und wieder zu sich gefunden. Dieses Drama, man kann es hören auf „Dolls Of Highland“.

Man hört es in der theatralischen Stimme, mit der Kyle durch seine Songs kräht. Schön ist es nicht unbedingt, dieses Organ, aber packend. Dramatisch sind auch Kyles Gesangsmelodien, denn sie sind genau das: Melodien. Tänze über Wendeltreppen, aufwärts springend, abwärts purzelnd.

Diese Melodien fügen sich ein in Kyles dynamische Kompositionen, die meistens vom Klavier dominiert werden. Oben habe ich erwähnt, dass Kyle als junger Bowie-Fan speziell vom Glamrock geprägt wurde – entsprechend ist ein definitiver Glamrock/Glampop-Einfluss hier nicht von der Hand zu weisen. Viele Songs haben einen satten Boogie-, Blues- oder Stomp-Beat.
Allerdings: Glampop war doch immer cool, glitzernd, funkelnd und schön. Kyles Glam dagegen ist voller Tränen und Mississippi-Schlamm. Er singt nicht über Tigerladies in Raumanzügen – seine Figuren (die alle aus seiner Louisiana-Vergangenheit stammen) sind wie Kyle Gestrandete, am Abgrund Befindliche: Da gibt es die selbstzerstörerische femme falate „Lady Of The Ark“, das „Gloom Girl“, oder das Mädchen mit dem Namen „Berlin“, Stripperin in einer runter gekommenen Bar.

Das alles zusammen ergibt eine echt spannende Kombi. Einen wilden, manchmal derangierten Sound, der zwar mit den Mitteln des Glam arbeitet, aber Glam eher unterwandert als feiert. Klar beruft Craft sich auf viele althergebrachte Traditionen – „Balmorhea“ beispielsweise ist praktisch 1:1 „The Weight“ von The Band, nur mit ausgefranster Federboa. Trotz all dem hat er mit der speziellen Kombination all dieser Dinge, die er da in einen Topf geworfen und aufgekocht hat, seine ganz eigene Geschmacksrichtung geschaffen. Das alleine ist bemerkenswert – aber dass dabei auch noch echte, überdrehte Ohrwürmer mit Hitpotential entstanden sind, macht diese Platte zum kleinen Ereignis.

Ranking Kyle Craft

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