Review: Laakso

Laakso Grateful DeadLaakso – „Grateful Dead“

Dieses Comeback ist schon eine kleine Überraschung. Okay, sie hatte sich durch drei Singles in den letzten Monaten angekündigt. Trotzdem hatte man bis zu deren Auftauchen nicht mehr mit einem vierten Album von Laakso gerechnet. Nicht mal ich glaubte daran – dabei habe ich mal ihren Drummer Lars Skoglund getroffen, als er bei den Shout Out Louds aushalf. Lars, der auch für Lykke Li trommelt, war sich vor drei Jahren schon sicher: „Eines Tages machen wir noch ein Laakso-Album! Das Kapitel ist noch nicht abgeschlossen, versprochen!“ Er klang aber eher wie ich, wenn ich sage: „Eines Tages fliege ich noch mal nach Australien, dabei mache ich ein Foto von mir in Geelong und schreibe drunter: ‚I’ve been everywhere, man!‘“ Man spricht von einem Wunschtraum, an den man nicht echt glaubt. Was man an Lars Versicherung aber erkannte, war: Diese Band war für ihre Mitglieder weiter eine Herzensangelegenheit.

Trotzdem, das letzte Album des Quartetts („Mother, Am I Good Looking?“) ist nun mal inzwischen neun Jahre alt und auch wenn der Song „Västerbron“ ein SWE-Hit wurde, wäre es ja geflunkert, wenn man erzählen würde, dass die Band zwischen 2003 und 2007 so supererfolgreich gewesen wäre. Die Kritiker in Schweden, die mochten Laakso – und man darf sagen, dass die Band Achtungserfolge landete. Aber eine große Nummer waren sie nicht.

Markus Krunegård dagegen, der ist eine große Nummer in Schweden. Kaum, dass der Laakso-Sänger eine Solokarriere mit Songs auf schwedisch begann, startete er durch. Sein Debütalbum „Markusevangeliet“ wurde ein Hit von der Größenordnung, dass sie ein halbes Jahr nach VÖ „Deluxe“-Version mit Bonustracks nach sich zog. Die Single „Jag är en Vampyr“ wurde sogar bei uns im Atomic-Programm zum Stammgast. Für Markus Krunegård, den Solisten, läuft’s seither prima in Schweden. Vier weitere Alben erschienen bisher – es schien einfach keinen Grund für Markus zu geben, seinen erfolgreichen Alleingang für seine wenig beachtete alte Band zu unterbrechen. (Okay, aber Markus leistete sich gerne Nebenprojekte, nicht zuletzt ein gemeinsames Album mit Adam Olenius von den Shout Out Louds als We Are Serenades, 2011.)

Keinen Grund außer der Tatsache, dass Laakso eben sehr wohl eine besondere Band waren. Ich stelle das Quartett in eine typisch schwedische Indiegitarren-Tradition zu Bands wie Broder Daniel, Timo Räisänen, Niccokick, Bad Cash Quartet und Hästpojken: Bands, die ihre Gefühle so extrem von innen nach außen kehren, dass es schon fast manisch-depressiv rüber kommen kann. Indierock, der nur „himmelhoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt“ zu kennen scheint. Bei diesen Bands singen immer Typen, deren Stimme fröhlich Purzelbäume fernab aller Tonleitern schlägt – sie klingen entweder wie weinende Ziegen oder wie krakeelende Kinder, die gerade von der Schaukel springen. Bei all dem vergessen diese Bands nie ihren skandinavisch-lakonischen Humor. Ich meine, das erste Laakso-Album von 2003 hieß „I miss you, I’m pregnant“. Ein Titel, bei dem man gleichzeitig kichern und mitfühlen muss.

LaaksoAber Laakso waren bei all dem schon wirklich extrem. In ihrer bekanntesten Single „Västerbron“ sang Markus nicht nur vage von Selbstmordgedanken, sondern von einer ganz konkreten Stockholmer Brücke: „Västerbron I hate walking on you / it’s six in the morning you make me think of falling / Västerbron you show me such great heights / I’m out of my mind you make me think that I could fly if I tried.“ Laakso waren mir wegen dieser Grenzüberschreitungen innerhalb des personal space auch immer ein bisschen ungeheuer.

Aber seitdem sind neun Jahre vergangen und Markus, der in „Västerbron“ noch singen musste „I got her address and I had to say hey sorry I’m homeless“ hat zum Erfolg und vielleicht ja auch zu ein wenig innerem Frieden gefunden. Oder?

Nun, Laakso machen immer noch (bzw. wieder) flotten, schrammeligen, vereinzelt fast punkigen Gitarren-Indiepop. Aber in der Tat, Laakso Mk2 schlagen nicht ganz so nach oben und unten aus – so wirkt es jedenfalls auf mich.
Das, was sie auszeichnete, bleibt im Kern dennoch erhalten. Das Manisch-Depressive, es ist nicht verschwunden. Gefühle, sie werden transportiert. Trauer: „So Happy, So Sad“ (gibt es einen Laakso-igeren Songtitel?) mit seinem Refrain „If I knew back then it would be our last time I would have told you what I felt, what I felt for you“. Selbstaufgabe, Abgabe der Kontrolle und folgende Enttäuschung des Vertrauens in „True Believers“ („Into the night we were chasing danger, into the night, gave my keys to a stranger“). Extreme Antipathie gegen jemanden in „Fall Down“ („I wanna see you fall down! I wanna see you FALL DOWN!“). Aber auch echte Freundschaft: „Everybody’s changing, so are we, so am I but when I look into your eyes it’s always summertime“ singt Markus im Song „Breaking Up With Friends“. (Hmm. Ist der Titel trügerisch oder habe ich den Text falsch verstanden?)

Das alles macht „Grateful Dead“ zu einem prima Indierock-Album mit breitem Emotionsspektrum. Nervös zappelig im Sound, gewitzt und traurig im Text. Laakso setzen damit ziemlich nahtlos wieder dort an, wo sie vor der Pause aufgehört haben. Dass sie, wie ich schrieb, auf mich weniger extrem scheinen als vor dem Break, heisst nicht, dass sie stumpfer geworden wären, sondern, dass sie nicht mehr so übersteuern, nicht mehr über die Schmerzgrenze hinaus pegeln. (Es kann aber auch bedeuten, dass ich mich in den Jahren an den Sound und Markus Krunegårds Style gewöhnt habe und er mir nicht mehr so extrem vorkommt wie damals, als Laakso mir neu waren)
So oder so: Ein gelungenes Comeback, dem ich zutraue, dass mehr mit ihm passiert als mit Laaksos etwas übersehenen früheren Alben. Vielleicht verhilft die Neue den Vorgängern ja noch mal zu einem neuen Leben.

8,4 Punkte (Grafik folgt)

Laakso früher:

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