Dann doch lieber die Bunnymen

no echoÄhem. Ein paar Tage danach auch von mir ein Wort zum Echo. Obwohl ich mir den Quatsch nicht angeschaut habe und es nie tun würde. Aber man kriegt ja alleine durch den Facebook-Feed seiner Freunde was mit und die eine oder andere Häme-Kritik liest man dann ja doch.

Also gut. War es offenbar mal wieder eine totale Katastrophe. Die Rückständigkeit und Provinzialität der deutschen Musikindustrie bzw. ihrer Kundschaft wurde mal wieder der Welt präsentiert (als wenn’s so wäre – KEINE internationale Publikation zuckte mit der Wimper – und dass, obwohl’s einen Skandal-Echo für Frei.Wild gab, was doch gefundenes Fressen gewesen wäre: „Neo-Nazi Band Receives German Music Award!“).

Ansonsten war ein Sieger peinlicher als der Andere – ich will mir die Liste der Gewinner gar nicht erst anschauen, um nicht am Leben zu resignieren. Entsprechend verheerend ist das alljährliche Echo auf den Echo. Facepalms galore.

Aber mei. Was erwartet ihr denn? Der Echo ist kein Kritikerpreis, sondern ein Award, der Jahr für Jahr die erfolgreichsten, meistverkaufenden Künstler (ähem) auszeichnet. Das ist sein riesiges Problem.

Den Echo braucht niemand, weil man die Zahlen schon hat. Weil vorher schon feststeht, wer gewinnt – was soll die Farce der Nominierungen, die künstlich Spannung schaffen soll? Ein Echo bestätigt nur, dass jemand viel verkauft hat – aber das bedeutet nichts.

Denn das gemeine Publikum, es ist nun mal kackblöd und hat den beschissensten Geschmack von allen. So elitär, das kategorisch zu behaupten, dürfen wir sein. Weil’s ein Fakt ist.
Wenn Michelin-Sterne auch nach dem gleichen Muster vergeben würden, so würde der BigMac jedes Jahr zur „Besten Mahlzeit“ gekürt werden. Würde man Journalismuspreise nach diesem Motto verleihen, die Bild-Zeitung könnte sich vor Preisen nicht retten. Dass Quantität nicht gleich Qualität ist, sollte niemandem was Neues sein. Aber beim Echo hat man sich nun mal entschieden, Quantität auszuzeichnen.

Man hat damit lästige Diskussionen abgestellt, die nach Preisverleihungen sonst immer entstehen. „Hat X den Preis verdient? Warum wurde Y die kalte Schulter gezeigt? Wer ist diese voreingenommene, nasehohe Jury überhaupt?!“ etc.
Diskussionen, wie es sie bei den Grammies immer gibt. Erinnert euch an 2011, als Arcade Fire das „Album des Jahres“ gewannen und die Twittersphere explodierte – einige Leute fühlten sich persönlich beleidigt, weil sie die Sieger nicht kannten und schrieen „Foul!“ Dieses Jahr räumten Tame Impala bei den BRIT Awards die „Internationale Band des Jahres“ ab und Adam Clayton von U2, so heißt es, machte sich ein bisschen zum Affen, weil er Kevin Parker und Band noch nie gehört hatte.
Aber es sind genau solche Diskussionen und Stories/Gerüchte, die eine gute Preisverleihung ausmachen! Man muss doch am nächsten Tag drüber reden wollen! Wenn hinterher nicht irgendwer sauer ist und sich ungerecht behandelt fühlt, lief was verkehrt! (Okay, auch über die Echos wurde geredet, das muss man ihnen lassen. Lästerei, Häme und Fremdschämen. Aber das können die Echo-Macher ja auch nicht gewollt haben.)

Habt ihr die große Erfolgsgeschichte in den USA in den letzten sechs Monaten mitgekriegt? Country-Fuzzi Chris Stapleton ist vom Nobody zum Millionenseller geworden. Warum? Weil er bei den AMCs, den „American Country Awards“ als nahezu Unbekannter nominiert war, in gleich vier Kategorien. Vor der Show fragten alle: „Wer ist dieser Typ? Nie gehört!“ Nach der Show hatte Stapleton bei seinem Auftritt, bei dem er eigentlich nur die Nebenfigur von Justin Timberlakes Country-Ausflug sein sollte, alle an die Wand gesungen und alle vier Preise mit nach Hause genommen. Am nächsten Tag war seine Platte in den Läden ausverkauft. Seitdem ist sie nicht aus den US-Top Ten verschwunden.

Es sind solche Stories, die einen Kritikerpreis wichtig machen. Die Country-Insider der AMC-Jury hatten sich für Chris Stapleton begeistert und sich getraut, ihn auszuzeichnen, obwohl das Publikum noch nicht an Bord war. SO etwas macht eine Preisverleihung zu einem Event, dem man Beachtung schenkt.

Dem Echo schenkt man keine Beachtung, außer um sich aufzuregen. Über die Gülle, die man zu hören bekommt, über die Hackfressen aus der Musikindustrie, wie sie sich selbst beweihräuchern (und ich sage das als jemand, der ja durch seinen Job irgendwie zur Musikindustrie dazu gehört), über die Vorhersehbarkeit der Preise und darüber, dass fucken Frei.Wild eine Bühne kriegen.

Fucken Frei.Wild. Aber selbst schuld. Das Problem haben sich die Echos selbst ins Haus geholt. Sie haben sich mit ihrer Entscheidung, Zahlen auszuzeichnen, die Hände gebunden. Vor ein paar Jahren hat man erlebt, in was für eine aussichtslose Situation man sich da manövriert hat: Da hatte man die Südtiroler Band (die sich, klar, oft offiziell distanziert hat, aber nun mal von Rechten gehört wird und den Molotows auf Asylantenheime werfenden Anteil der Gesellschaft repräsentiert) erst nominiert, aber dann nach dem Aufschrei einiger Bands und Teilen der Öffentlichkeit die Nominierung zurück gezogen. Bessere PR für Frei.Wild hätte es gar nicht geben können. Denn durch die Disqualifizierung durften sie sich in der Tat offiziell benachteiligt und diskriminiert fühlen. Perfekt, wenn man die „Alle-sind-gegen-uns“-Wagenburg als Verkaufsmodell entwickelt hat.

Dieses Jahr hat keine Band mehr im Vorfeld aufgeschrieen und boykottiert, weil fucken Frei.Wild ihren Echo abholen durften. Man hat resigniert. Man hat versucht, es einfach zu verdrängen. Aber ich sage euch was: Frei.Wild werden auch in der Zukunft Echos abräumen. Weil sie verdammt viele Platten verkaufen. Denn es wird weiter verdammt viele Arschlöcher in Deutschland geben, die sich nicht davor ekeln, dafür Geld auszugeben. Frei.Wild werden also Jahr für Jahr ihre Bühne in der ARD bekommen – und wenn’s nicht Frei.Wild sind, werden andere Skandalbands nachrücken, werden Schlagertussis und banalster Mainstream abgefeiert. Die Echos werden ein Affront gegen den guten Geschmack und alles, was die Zivilisation erreicht hat, bleiben.

Es gibt letztlich nur eine Lösung, die ist, diese klägliche Farce zu ignorieren bzw zu boykottieren. Das sollten alle tun, die damit auch nur entfernt was zu tun haben. Musiker, aber auch Labelleute, Managements etc mit Rückgrat sollten prinzipiell nicht hingehen. Hey, selbst die Hallentechniker und die Caterer sollten an dem Tag zu Hause bleiben. Fernsehsender müssen sich weigern, die Grütze weiter zu übertragen und wir dürfen hinterher kein Wort drüber verlieren, nicht mal lästern und abkotzen. Der ganze Scheiß muss für die Zukunft totgeschwiegen werden. Damit dieser Preis endlich genau die Bedeutungslosigkeit erfährt, die ihm zusteht.

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