Review: The Last Shadow Puppets

Everything You've Come To ExpectThe Last Shadow Puppets – „Everything You’ve Come To Expect“

Schon faszinierend, wie Trends sich drehen. Als „Suck It And See“ erschien, wollten alle die Arctic Monkeys vom Sockel stoßen. Das Album kam bei Presse und Publikum viel schlechter weg, als es war. (Meine Vermutung ist ja immer noch, dass es eigentlich die Enttäuschung über den miesen Vorgänger „Humbug“ war, die sich verspätet äußerte.) Aber nach dem gefeierten „AM“ waren sie in der UK-Presse ein paar Monate lang wieder unfehlbar.

Dieser Tage erschien nun das zweite Album von Alex Turners dekadentem Hobby: The Last Shadow Puppets. Das smarte bis schlaubergerische Duo, das sich der Arctic Monkeys-Sänger mit seinem besten Kumpel Miles Kane leistet. Aber: Auf der Insel ist Turner ist wieder in Ungnade gefallen. Ihr müsst mal die Kommentare unter der Rezension im Guardian lesen: Nur HATE. Weil Turner sich angeblich zuletzt zu amerikanisch gab (ausgerechnet der Autor der Zeile „You’re not from New York City, you’re from Rotherham!“), weil er sich in Interviews zuletzt superarrogant gezeigt haben soll, was auch immer. Turner kriegt also krassen Gegenwind, so kurz nach „AM“. Vielleicht, weil die Briten offenbar ihre Denkmäler immer regelmäßig vom Sockel stoßen müssen, aus Prinzip?

Puppets-Kollege Miles Kane ist alles andere als unschuldig dabei. Der macht eine Menge Leute richtig wütend. In der Deutung seiner Gegner ist Kane ein talentfreier Typ, ein Andrew Ridgeley, der in Turners Seitenwagen sitzen darf. Als solcher sollte er sich möglichst brav in seiner Rolle als Sidekick fügen, aber sich keinesfalls für den großen Zampano halten. Was aber als gesetzt gilt – Kane leistete sich bei der Promoarbeit für diese Platte ein schlimmes PR-Disaster: Er grub mit schlüpfrigen Bemerkungen die Interviewerin vom SPIN Magazine an. Sie hängte dies zur Strafe in ihrem Artikel an die große Glocke und entfachte damit einen Shitstorm, der im englischen Sprachraum die Release so überschattet, dass sie kaum zu retten ist.

Wie der Wind sich drehen kann. Als das Debüt der Last Shadow Puppets vor acht Jahren erschien, da wurde es eine freudige Überraschung empfangen: Ein cinematisches Werk voller Streicher im Stile von Scott Walker, von dem Frontmann der angesagtesten jungen Band („Wie, das kann der auch?“) und seinem mysteriösen Kumpel! Hey, hör die das mal an!

last shadow puppetsHeute dagegen? Wird das Duo, zumindest im UK, als die Kombi des abgehobenen Rockstars aus LA und seinem peinlichen Trittbrettfahrer wahrgenommen. An so eine Platte geht man gleich viel negativer ran. Entsprechend mies fallen viele Kritiken des Albums auf der Insel aus.

Das aber ist natürlich nicht fair. „Everything You’ve Come To Expect“ hat viele Stärken.

Musikalisch haben sich Kane und Turner diesmal nicht nur bei Scott Walker bedient, sondern den Bogen weiter gespannt. Schwelgerischer Bombast-Pop, der sich nicht auf die 60s oder 70s festlegt, sondern in beiden Ären den James Bond-Soundtrack hätte liefern können, steht auf der edel marmorierten Speisekarte. Owen Pallett ist wieder als Arrangeur der Streicher an Bord und liefert Oscarwürdiges ab. Nicht immer greift alles ineinander, aber oft genug. So entstehen eine Handvoll großer Songs, angefangen von der Britpop-Mitschnips-Nummer „Aviation“ bis zur getragenen Schluß-Schmonzette „The Dream Synopsis“.

Dazu dürfen wir ja eins nicht vergessen, was manchmal offenbar inzwischen für selbstverständlich genommen und kaum erwähnt wird: Alex Turner bleibt zur Zeit der wohl beste Texter für Songs in englischer Sprache. Wie elegant er formuliert! Es ist ja nicht nur die gewitzte Wortwahl, es sind nicht nur die feinsinnigen Bilder, es sind nicht nur die cleveren Handlungsbögen seiner Stories und es ist nicht nur seine Fähigkeit, seine Worte sogar klanglich kunstgerecht zu kombinieren – es ist, dass er all das gleichzeitig auf die Reihe bringt! Also ernsthaft, die Texte der Last Shadow Puppets lesen sich fast wie Gedichte!  Gedichte, die von mondänen Frauen und smarten sexy Gaunern handeln, die sich gegenseitig um den Finger wickeln.

Also ernsthaft, liebe neue Last Shadow Puppets-Hater – wenn euch die zwei Typen auf den Sack gehen, fair enough. Aber dass deswegen ihre Platte mies sein soll? Das ist einfach sachlich falsch.

Ranking Last Shadow Puppets

The Last Shadow Puppets "Bad Habits" from Matt Egan on Vimeo.

The Last Shadow Puppets – Everything You've Come To Expect from Factory Studios on Vimeo.

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