Review: Operators

operators Blue WaveOperators – Blue Wave

In diese Platte habe ich riesige Hoffnungen gesetzt. Denn wo „Dan Boeckner“ drauf steht, da ist immer was Gutes, manchmal was Umwerfendes drin.

Wir lernten den Kanadier mit der schneidenden Stimme, dem immer ein Stück Scheitel ins Gesicht hängt, als Co-Frontmann von den arty Indierockern Wolf Parade kennen. Gleichzeitig hatte er auch das Duo Handsome Furs am Laufen, hier machte er mit seiner damaligen Ehefrau Alexei Perry kantigen Synthpop mit politischem Subtext und sexy Bildsprache. Genau als Wolf Parade eine Pause einlegten (dieses Jahr ist wieder was geplant), trennte sich auch das Ehepaar und damit die Handsome Furs, aber Dan stand nur sehr kurz ohne eigene Band dar. Sein Kumpel Britt Daniel von Spoon gründete gerade seine Zweitband Divine Fits und lud ihn ein, mitzumachen.

Alle drei Bands hatten ihre genialen Momente: In Wolf Parade gab Boeckner sowas wie das poppige Gegengewicht zum etwas überkomplizierten Spencer Krug (wenn ihr dessen ziemlich unanhörbares Solowerk kennt, wisst ihr, was ich meine), Handsome Furs hatten so einige brilliante Stücke, zu denen man gleichzeitig tanzen, diskutieren und, ähem, mit einer netten Bekannten über die Matratze robben wollte. Das Gesamtwerk der Divine Fits (ein Album, zwei Singles) wiederum war von der ersten bis zur letzten Note fantastisch. Intelligenter Indierock, mitreissend und edgy.

Nur einen Nachteil hatten die Divine Fits: Britt Daniel hat ja noch seine Hauptband Spoon. Die, was toll ist, auch von Album zu Album ein Indie-Ideal abliefern – „They Want My Soul“ (2014) war ja auch große Klasse. Aber Dan stand mit Britts Rückkehr zu Spoon wieder ohne Band da. Er machte das beste draus: Dan übernahm aus den Divine Fits Drummer Sam Brown, rekrutierte eine Keyboarderin (eine Lady, die sich nur Devojka nennt) und gründete daraus die Operators.

Auf dem Papier sieht das so aus: Aha, eine Mischung aus Divine Fits und Handsome Furs. Das kann man sich im Ohr schon richtig vorstellen. Das klingt so peppig und kantig, dass man schon Fan ist, bevor man einen Ton gehört hat.

In der Tat, so klingen sie dann auch, die Operators. Das ist dirty synthey New Wave, mit eingängigen Intros und flirrenden Riffs vom Keyboard, mit zackigen Rhythmen und ordentlich Kunsthall auf den Drumpads. Gitarren sind hier nicht ausgeschlossen, aber spielen gegen die synthetischen Sounds nur die untergeordnete Rolle. Darüber: Dans Stimme, die ich ein mal mehr als „schneidend“ bezeichne, weil mir kein besseres Wort für dieses Organ einfällt, denn Boeckner klingt immer wie jemand, der mit einem Laserstrahl durch Stahl fräst oder mit einem Dolch durch Fleisch. Es ist eine Stimme wie eine Klinge. Boeckner wirkt immer wie jemand, der sich gerade noch kontrolliert, obwohl er innerlich gleich platzt. Es steckt eine unglaubliche Spannung in seiner Art, zu singen.

operatorsbandphotoWas alles Zutaten für ein potentiell phänomenales Album sind. Leider haben Dan & Co bei dem Ganzen dann doch etwas vergessen: Die Hits. Zwei, drei Hits wären gut.

Hits? Henning, du klingst ja so wie ein Plattenfirmen-Wichser! So nach dem Motto: „Ich hör die Single nicht!“ Was ist los hier?

Sorry! Also noch mal, „Blue Wave“ ist ein gutes Album. Es hat einen kohärenten, schlüssigen Sound, ist in sich geschlossen, es hat Schmiss, es hat Power, es hat Rhythmus, die Band hat Persönlichkeit. Trotzdem ist es nicht so toll, wie ich es mir erhofft habe. Und nachdem ich drei Tage damit verbracht habe, der Platte intensiv zu lauschen und mich zu fragen, was ich verdammt noch mal daran auszusetzen habe, bin ich eben zu dem Schluss gekommen: Hits.

Ich habe mir das Ding jetzt sieben Mal angehört, aber könnte (bis auf „Cold Light“, das vorab vor ein paar Wochen erschien) keinen der Refrains aus dem Kopf singen oder summen. Das bedeutet wohl: Dies ist ein Album ohne richtige Single, dafür mit zehn Album-Tracks.

Ok, keiner davon ist schlecht. Keiner langweilt oder nervt oder lässt zur Skiptaste drücken. Die Titel sind auch im Tempo variabel, jeder hat seine eigene Zackigkeit. Wenn ich die Operators mit den klangverwandten The Faint vergleiche, mag ich „Blue Wave“ in der Summe wohl sogar lieber als jedes von deren Alben, denn The Faint haben immer ein paar Aussetzer auf ihren Longplayern. Aber sie haben halt auch die Hits. „Danse Macabre“ hatte „Agenda Suicide“, „Wet From Birth“ hatte „I Disappear“, „Fasciination“ hatte „The Geeks Were Right“ – den Knüller, der die ganze Sache mit sich nach oben zog. Den Song, den man auf dem Atomic-Dancefloor pumpte.

Ich meine, alleine die Vorstellung: Divine Fits, tanzbar, mit mehr New Wave – da denkt man sich doch: „Okay, für die nächsten Monate habe ich auf jeden Fall mindestens drei Songs, die ich jedes Mal beim Auflegen Vollgas raushaue!“ Doch so ein Titel ist hier nicht drauf.

Jetzt könnte man sagen: „Hör die die Platte noch ein paar Mal an, dann kristallisiert sich der Hit schon raus!“ Aber wenn ich die Nummer in der Indiedisse spielen soll, dann kann ich sie nicht so oft spielen, bis sie sich auch beim Publikum rauskristallisiert hat! 19 mal den Dancefloor räumen, damit er beim 20sten Mal dann angenommen wird? No way José.

Anyway. Dan Boeckner. Operators. Das ist ne gute Band. Ein guter Sound, ein interessanter, kantiger Typ. Ihr Album ist echt gut. Ich habe es mir halt im Voraus nicht nur „echt gut“, sondern begeisternd großartig ausgemalt. Und wenn ich ein kleines bisschen enttäuscht klinge, soll das bitte nicht zu negativ verstanden werden.

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