Review: James

cover_cov_lgJames – „Girl At The End Of The World“

„James auf Kurs zur UK-Nummer Eins!“ jubelt NME.com heute. Na, wenn das kein Anlass ist, sich ihrem neuen Album zu widmen! Auch wenn man die Schlagzeile natürlich nicht ernst nehmen darf – im Bericht wird konkretisiert, dass die Indie-Veteranen aus Manchester zum Zeitpunkt der Erstellung der „Midweek Charts“ erstaunlich knapp hinter Adele liegen. Aber: Die Fans von James sind ja alle gleich zur VÖ am Freitag und Samstag in die Läden gerannt. Wenn Adele sie inzwischen überholt hat, bleibt das auch so. Eine Nummer Eins wird’s garantiert nicht.

Troztdem, dass James überhaupt so weit vorne liegen (und damit die am gleichen Tag erschienenen Primal Scream offenbar easy toppen), das sagt ja doch eine Menge aus darüber, wie sehr Tim Booth und seine Jungs auf der Insel noch geliebt werden – und dass, obwohl sie zu keinem Zeitpunkt ihrer ewigen Karriere je wirklich als cool galten!
Nicht zu Mitte der 80s, als sie zwar daheim in Manchester als Helden gefeiert wurden, man in London aber noch die Nase rümpfte: Dieser uncoole Sänger mit seinem Lockenkopf, der so überdreht rumhampelte und cheesy Hippiekram sang, wurde in der Haupstadt immer belächelt. Selbst in den frühen der 90s, als James ihre größten Hits wie „Sit Down“ oder „Sound“ landeten, liefen sie eigentlich gegen den Zeitgeist. Damals feierte man grummelde Grunger in Holzfällerhemden – aber der Trompeter(!) von James tobte im Blümchenkleid und Tim Booth machte „Wuhuhuhu!“ wie ein Indianer! Mitte der 90s passte ihr Sound dann endlich mal perfekt in den Trend, denn es regierte der Britpop. Aber selbst da galten James trotz später Hits wie „She’s A Star“ nicht als fresh. Denn da waren sie einfach schon zu lange dabei.

Aber das Ganze hat einen Riesenvorteil für James: Wer nie cool und credibil war, muss sich nicht krampfhaft bemühen, cool und credibil zu bleiben. Der hat eine gewisse Narrenfreiheit – und diese Narrenfreiheit nutzen die sieben auf ihrem vierzehnten Album.

Die Platte ist ganz schön quatschig. Es sind Momente drauf, bei denen langt man sich an den Kopf. Immer wieder stellt man sich als Hörer oft die Frage: „Kann man das bringen?“ Aber das Schöne ist, dass James sich genau diese Frage nie stellen.
Was prima ist, denn sehr viele style-bewusste Bands fragen sich das permanent. Aber die Frage „Kann man das bringen“ macht ängstlich und engstirnig! Sie bremst! James? Die wollen einfach nur spielen. Die probieren auch auf dem Vierzehnt-ling neue Dinge aus. Manches geht in die Hose. Das ist okay, denn anderes klappt.

Song Nummer 1 zum Beispiel – der funktioniert! „Bitch“ ist Krautrock. Ein straighter Motorik-Beat, eine repetitive Bassline, ein zwei-Akkorde-Mantra, erst nach über zwei Minuten öffnet Tim Booth seinen Mund, um „I’m in love with the freedom of speech“ und „I’m just a bitch“ zu proklamieren, der oide Hippie. Krautrock – das haben James noch nicht gemacht! Aber sie können’s!

James_band_lg„To My Surprise“ dagegen ist völlig anders. Das ist eine Gitarrenpopnummer mit der Betonung auf POP, mit einem plakativen Refrain, der den James-Cheese-Faktor hochfährt.

Cheese gibt’s auch, sogar noch dicker aufgetragen, auf der Single „Nothing But Love“, einem folkigen Mitklatsch-Schunkler. Diese ersten drei Songs aber zeigen schon: Wir springen von Krautrock zu Britpop zu Schunkelfolk? Dies ist eine Platte mit Bandbreite!

So geht’s denn auch weiter: „Attention“ arbeitet einen pulsierenden Laptop-Beat und Gitarren, die im Verlauf des Songs von akustisch zu breiig mutieren. Zum Schluss klingt dieser Titel, als jammten The Postal Service mit einer Shoegazeband. „Dear John“ betont die Synthies – der Instrumentaltrack erinnert mich an „Circus“ von Erasure, of all bands. Warum ist der Song dann mein Lieblingslied auf der Platte? Das muss an Tims Gesangsmelodie liegen, die ist hinreißend.

Ansonsten gibt’s auf der Platte noch: die leichtfüßige Ballade („Feet Of Clay“), den 4-to-the-Floor-Trance-Rocker („Surfer’s Song), den Indiedisko-Zucker („Catapult“), den zu langen Bombast-Stampfer („Move Down South“), den lustigen New Wave-Boogie („Alvin“), die „Lei-la-lei“-Mitsingnummer („Waking“) und den etwas zu pathetischen Popsong („Girl At The End Of The World“). Puh!

Alles in allem eine kunterbunte Mischung. Ein Album, für das man als Band schon ein bisschen hanebüchen sein muss, um es sich zu trauen – erst recht, wenn man schon bei Nummer 14 steht. Das macht es aber auch zu einem erstaunlich kurzweiligen Longplayer. Wie oben gesagt: James sind eine Band, die verdammt uncoole Dinge bringen kann, und die bringt sie hier zuhauf. Das aber kann auch eine Stärke sein – weil die glorreichen Sieben sich nichts scheissen, gehen sie hier mit einer Spiel- und Experimentierfreude an die Sache, von der sich manche Debütanten eine Scheibe abschneiden könnten.

Ganz ehrlich, bevor ich die CD einlegte, stellte ich mir die Frage „Wer braucht die denn noch?“. Ich habe so einige James-Platten in meiner Sammlung, war aber nie der Mega-Fan. Ich erwartete, eine traurige Sammlung müder Kopien ihrer alten Hits zu bekommen, nicht aber eine Combo, die  hörbar vor Ideen und Ehrgeiz sprüht. Das macht das Album auf jeden Fall zum Erfolg, trotz des einen oder anderen Cheese-Moments – für die wir James aber ja nun mal kennen und fast auch ein bisschen lieben.

Ranking James

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