Interview: Miike Snow

Miike Snow interview Header

Seit beinahe zwei Wochen auf dem Markt: „iii“, das dritte Album des schwedisch/amerikanischen Trios Miike Snow. Eine Band, die ich lange schon toll finde. Weil sie den Rahmen erweitern. Pontus Winnberg und Christian Karlsson waren bekanntlich schon als Pop-Producer supererfolgreich (Britneys „Toxic“ stammt – abgesehen von den Vocals -von ihnen), als sie den amerikanischen Sänger und Songwriter Andrew Wyatt trafen. Zu dritt zimmern sie fröhlich drauflos und bedienen sich in der Historie der Musik genauso wie in ihrer Zukunft. Trotzdem wäre es zu „iii“ inklusive dem Megahit „Genghis Khan“ fast nicht gekommen. Das erzählt uns Andrew alles am Telefon…

Hello?

Hello! Wie geht’s?

Jetzt prima! Du hast mich gerade aus der Warteschleife gerettet!

Ah, ok. Na ich hoffe, da liefen nicht Miike Snow!

Nein, nein! Das war dieser „Marvin Gaye“ Song. Also kein Lied von Marvin Gaye, sondern dieser Hit, der ihn im Refrain nennt.

Oh nein! Den hasse ich!

Ich bin ihm bisher aus dem Weg gegangen, aber jetzt habe ich ihn gehört und kann ihn bereits nach einer halben Minute nicht ausstehen.

Ja, der ist fürchterlich, haha. Das war in den letzten Monaten ein Riesenhit in den Staaten, aber es war echt mein Hass-Lied. Das ist die Sache mit Popsongs: Entweder sie berühren dich so, dass du weinen möchtest, oder du willst dich umbringen vor Wut. Neulich hörte ich einen Popsong, da hätte ich weinen können vor Glück: Der neue Flume-Song, der mit Kai. DAS ist ein perfekter Popsong.

Flume kenne ich, aber die Nummer kenne ich noch nicht.

Echt, ich hätte fast geflennt, so gut ist der Song!

Aber jetzt zu euch! Ihr seid auch eine Popband, die Gefühle auslöst. Bei euch will man euphorisch mittanzen, aber ihr gebt dem Hörer auch was zum Denken mit.

Na hoffentlich. Ich hoffe, das ist so.

Ich finde schon. Was ihr macht, ist Pop. Aber halt tiefgründiger als das, was normal im Radio läuft.

Was vermutlich der Grund ist, warum man uns dort nicht spielt, haha!

Ist das so? Ich kriege das nicht mit, ich höre normal nie Radio.

Naja, ist nicht ganz wahr. Unsere aktuelle Single, die läuft echt richtig gut in den Radios.

… und aufgrund des tollen Videos ist der Clip doch bestimmt auch viral gegangen.

Ja, die Nummer kommt gut an.

miike_snow_iiiDazu aber später. Zu eurer neuen Platte! Normal frage ich gerne: ‚Was sind für euch selbst die Unterschiede zwischen Album 2 und 3?’ Aber diesmal habe ich meine eigene Theorie, die ich gerne anbringen würde.

Okay, leg los!

Also: Zuletzt wart ihr alle mit anderen Projekten beschäftigt. Du hast ein Soloalbum gemacht, Christian machte elektronische Musik mit Galantis und Pontus hat seine Seventies-Band Amason gegründet. Als ihr euch dann wieder gemeinsam eingefunden habt – hat da jeder Erfahrungen aus der „Nicht-Miike Snow-Zeit“ mit in die neue Musik einfließen lassen?

Das stimmt zwar – aber ich glaube, uns ist in der Zeit der Trennung vor allem noch mal so richtig klar geworden, warum wir als Miike Snow gemeinsam Musik machen sollten. Wir überschneiden uns bei einer Sache: Wir alle lieben Hooks. Wir lieben Catchiness. Wir mögen clevere Popmusik, die man beim ersten Hören schon durchsteigen kann.

Es war cool, die anderen Dinge zu machen, weil uns klar wurde, dass Miike Snow nicht das Projekt sein wird, in dem jeder von uns alle seine Wünsche unterbringen kann – aber es führte uns vor Augen, was wir gemeinsam haben und warum wir zu dritt in einer Band sein sollten. Ich glaube, das kann man an der Platte hören. Ich glaube, an der ersten Platte konnte man das auch hören, denn das war die Platte, an die keinerlei Erwartungen gestellt wurde. Die zweite Platte, das war die, bei der wir uns plötzlich dachten: Jetzt sind wir eine richtige Band! Jetzt ist das unser Hauptding! Deswegen wollte jeder alle seine künstlerischen Instinkte rein drücken. Aber das ging eben nicht unter einen Hut. Weswegen wir uns erst mal wieder voneinander lösen und unser eigenes Ding machen mussten, um zurück zueinander zu finden und herauszufinden, was wir gut können. Und das ist dieses Poplabor, in dem es um Energie geht und um leicht verständliche Popsongs.

Miike-Snow_Happy-To-YouWie du das sagst, klingt es, als wärst du im Nachhinein eher unglücklich mit der zweiten Platte? Für mich war es eine der Platten des Jahres!

Also, die Platte war schon cool, sie war ein bisschen proggy… aber wir als Typen hatten einfach nicht die beste Zeit. Unsere Beziehung untereinander war strapaziert. Vielleicht war es ja eine prima Platte, aber sie war in ziemlicher Kampf. Die ganze Sache war ein Kampf. Deswegen mussten wir erst mal was anderes machen, um überhaupt wieder Bock auf Miike Snow zu bekommen.

Ich bin ja Riesenfan von Pontus Band Amason.

Cool.

Als du diese Musik gehört hast, dachtest du da nicht: Okay, der macht jetzt sein neues Ding und es ist SO verdammt gut – der kommt nicht mehr zurück!

Ach, nein. Bei mir und Pontus war immer klar, dass wir weiter miteinander Musik machen würden. Bei Christian, da sah es zwischendurch so aus, als ob er vielleicht bei seinem DJ-Ding bleiben würde. Aber Pontus und ich – wir waren gemeinsam auf dem Konzert von Phoenix, als sie 2013 Headliner bei Coachella waren. Als wir dieses Konzert sahen, wurde uns klar, dass wir Miike Snow noch nicht aufgeben wollten.

Das klingt ja dramatisch – als ob ihr tatsächlich davor standet, Miike Snow aufzugeben. 

Tja, so Ende 2013, Anfang 2014, da waren wir uns nicht sicher, was in der Zukunft mit uns passieren würde. So ehrlich muss ich sein. Ein Jahr lang etwa war es unklar.

Ich will aber nicht auf diesen negativen Zeiten rumreiten – denn jetzt ist sie ja da, die dritte Platte, und jetzt sieht alles wieder gut aus!

Das glaube ich schon, ja!

Wann genau habt ihr die Platte denn aufgenommen, wo ihr doch alle beschäftigt wart? Ich meine, Pontus war ja praktisch das komplette letzte Jahr auf Tour!

Also, man kann wohl sagen: Ich habe die halbe Platte mit Pontus in Schweden gemacht, und die andere Hälfte mit Christian in LA. Christian lebt inzwischen in Bangkok, aber Ende 2014/Anfang 2015 lebte er in LA. Das war, als Christian und ich die Platte fertig gestellt haben. Die Arbeit mit Pontus hatte ich davor in Schweden gemacht, an verschiedenen Orten in Schweden, und ein wenig in New York.

Das klingt ja, als wären Pontus und Christian nie im gleichen Zimmer gewesen.

Das waren sie, aber nur vielleicht drei Tage lang.

Klingt nach einer interessanten Art der Zusammenarbeit. 

Yeah.

Aber wenn ihr jetzt auf Tour geht, seid ihr zu dritt?

Also, ich denke, zu dritt werden wir die richtig großen Festivals spielen. Coachella, ein paar TV Shows. Aber das meiste andere werden dann Pontus und ich zu zweit machen.

Ich fand’s interessant, zu hören, dass ihr jetzt über den ganzen Globus verteilt lebt. Vor ein paar Jahren wäre das nicht gegangen: Eine Band, bei der ein Mitglied in Bangkok lebt. Heute schickt man seine emails mit den Soundfiles.

Es ist leichter, aber das gab’s früher durchaus. Bei Queen zum Beispiel lebte Freddie Mercury in Montreaux und Brian May auf dem Land außerhalb Londons. Es ist eine Frage der Mittel. Wir hatten das Glück, dass wir uns leisten konnten, durch die Gegend zu fliegen. Files schicken wir nur sehr ungern hin und her. Unsere besten Momente haben wir tatsächlich dann, wenn wir uns gegenüber sitzen. Ich glaube, fast nichts von uns ist entstanden, ohne dass nicht mindestens zwei von uns zusammen saßen. Ich und einer von den anderen beiden. Oder auch mal Pontus und Christian, ohne dass ich dabei bin – bei der ersten Platte lebte ich noch in New York und konnte es mir nicht leisten, mich mal eben ein paar Monate in Schweden anzusiedeln. Damals kam ich nur rüber, um die Vocals einzusingen und um Texte zu schreiben. Pontus und Christian arbeiteten dann mit den Ergebnissen, während ich abwesend war. Aber wir haben seitdem immer versucht, persönlich anwesend zu sein. Das hat etwas, das man nicht ersetzen kann.

Du schreibst alle Texte? 

So ziemlich, ja.

Wir haben vorhin über „Genghis Khan“ gesprochen. Das ist ein Text, den ich sehr spannend finde. Liebeslieder haben ja normal zwei Spielarten. Entweder sind es unglückliche Songs: Liebe wird nicht erwidert, man ist frisch getrennt, in der Art. Oder es gibt „wir sind happy together“ Songs.  

Yeah.

Aber die Menschen sind ja nun mal viel in Beziehungen, die man auf Facebook als „Es ist kompliziert“ bezeichnen würde. So eine, wie du sie beschreibst. Eine offene Beziehung, in der du trotzdem eifersüchtig bist.

Genau.

Ich finde es halt cool, dass das mal zum Thema eines Popsongs gemacht wird.

Cool. Danke.

Tja. das war jetzt wohl keine richtige Frage. Ich wunderte mich jedenfalls: Warum gibt es nicht viel mehr „Es ist kompliziert“-Songs? Zum Beispiel ein Song wie: „Ich liebe dich, aber ich will meine Kinder sehen und deswegen wirst du damit klar kommen müssen, dass meine Ex regelmäßig auftaucht“

Haha, genau. Also ich glaube, so was komplexes wird durchaus auch behandelt. Vielleicht nicht unbedingt in so knappen Worten. Ich meine, hör die mal Father John Misty an, der beschreibt sehr komplexe Gedankengänge in seinen Songs. Aber als Singer/Songwriter hat er mehr Zeit, das auszubreiten, er kann mehr Worte benutzen. Wenn du das Ganze auf einen Popsong runter brechen willst, dann gibt es da klare Einschränkungen. Die Melodie diktiert die Worte, weit mehr als die Worte die Melodie diktieren. Man muss also in kurzen, knappen Worten sagen, und dann kriegt man kompliziertere Ideen halt nicht so leicht rüber. Die Geschichte mit Genghis Khan, das war einfach aus meinem persönlichen Leben gegriffen. Ich weiss genau, wie ich gerade im Auto unterwegs war, und wie die Sache an mir nagte. Ich spürte die Eifersucht in mir hochsteigen – und ich spürte, dass dieser Instinkt möglicherweise der gleiche ist, der Leute auch dazu bringt, Tyrannen zu werden und ihren Schwanz überall reinstecken zu wollen. Diese Gangster-Mentalität: „Alles hat gefälligst nach meinem Willen zu laufen!“ Tja, ich weiss nicht. In dem Moment kam ich mir einfach wie ein Tyrann vor. Deswegen kam das so aus mir raus.

Das hätte ich fragen wollen: Ob das eine persönliche Erfahrung war, die du da beschrieben hast. Oder vielleicht ein Freund, den du dabei beobachtet hattest…

Nein, das war schon ich selbst.

Aber wenn ich jetzt dein Therapeut wäre, würde ich sagen: Es ist doch gut, wenn dir dieses Verhalten selbst auffällt. 

Ja, haha, genau richtig. Na, die Beziehung hat’s nicht wirklich gerettet. Aber ich habe wenigstens einen Song daraus gezogen.

Und weil die Melodie den Text diktiert, musste es auch Genghis Khan sein. Nicht etwa Alexander The Great.

Stimmt, das hat besser gepasst.

Wir haben über das Video gesprochen. Man sieht’s ja nicht mehr oft, dass ein so aufwändiges Video gedreht wird. Es sieht aus, als hätte es mal wieder so richtig ein Budget gegeben. Vielleicht hat die Produktion auch nur aus wenig viel gemacht, aber: Hut ab!

Ich glaube, letzteres war der Fall! Die haben ihr Geld sehr effektiv eingesetzt. Es sieht viel teurer aus, als es war.

Wie reagiert man in Ländern auf das Video, in denen schwule Beziehungen noch quasi tabu sind? Gab es da Reaktionen aus Russland oder dem nahen Osten?

Naja, ich glaube, die Länder, in denen gleichgeschlechtliche Beziehungen noch verpönt sind, das sind eh nicht die Länder, in denen Miike Snow ein Thema ist. Wäre mir auch egal. Naja, schwule Szenen gibt es überall, auch in den konservativsten Ländern. Man muss halt die guten Typen finden, egal wo. Wenn das Video ein Auslöser sein kann, dass jemandem die Augen aufgehen und er nun jemanden besser behandelt trotz seiner sexuellen Orientierung, dann wäre das super.

Ein anderes Lieblingslied auf der Platte ist „Back Of The Car“. Was fällt dir dazu ein?

Das ist genau der Song, bei dem ich selbst wenig Durchblick habe. Die Nummer habe ich in nur fünf Minuten geschrieben. Du kennst doch „The Passenger“ von Iggy Pop?

Ja, genau.

Es gab diesen Moment, da habe ich mich genau so gefühlt. Es gibt Zeiten im Musikbusiness, wenn man zum Beispiel Promotion macht – da bist du einfach nur der Typ auf der Rückbank. Man fährt dich nach hier, man fährt dich nach da. Zum Flughafen, zum Radiosender. Mich erinnert das an „The Passenger“ – ich glaube, darum geht auch der Text von Iggys Song. Diese Situation, in der man einfach nur herum gefahren wird, wo man selbst die Kontrolle abgibt und den Anderen einfach trauen muss, dass sie einen schon an den richtigen Ort fahren. Man lässt die Dinge geschehen als Passagier und akzeptiert sie so. Das kann man dann im übertragenen Sinne sehen, auch auf eine andere Situation.

Interessant fand ich, dass du gesagt hast, du hast den Song in nur fünf Minuten geschrieben. So schnell kann das gehen?

Ja, der Song war praktisch in fünf Minuten fertig. Aber dann  mussten wir uns natürlich die Struktur überlegen, und dann wollte der Mittelteil nicht funktionieren… wir machten das Ganze in Schweden. Dann hatte noch Raury zugesagt, dass er bei dem Lied mitmacht, aber er hat seinen Beitrag dann nie rüber geschickt. Wir mussten den ganzen Song noch mal umbauen, von Refrain und Bridge umstellen. Das Strukturieren und das Arrangieren, das kann seine zeit dauern. Aber der Song selbst, der Text und die Melodie, können schon in fünf Minuten stehen. Christian brachte zum Beispiel das Klavier ein, das Dr Dre-mäßige Klavier.

Man hat mir gesagt, dass ich pünktlich Schluß machen muss – deswegen komme ich leider schon zur letzten Frage. Das ist der Moment, wo ich immer nach der Anekdote frage. Was war denn die verrückteste Show, die ihr je gespielt habt?

Skelmersdale Public Library in England!

Oookay?

Zu dem Zeitpunkt hatten wir schon etwas länger getourt, wir hatten in den USA einen ordentlichen Bekanntheitsgrad, und die Englandtour stand an. Wir hatten uns schon gewundert, als wir das im Tourplan sahen: Skelmersdale, öffentliche Bibliothek. Keine Ahnung, wie das in den Plan rein kam. Ob unser Agent irgend einen Deal hat mit dem Abgeordneten dieses Landkreises oder so. Jedenfalls, es gab keine Bühne – wir bauten unsere Instrumente auf mitten in dieser Stadtbibliothek in dieser sehr kleinen Stadt, die kein Mensch kennt – nicht mal meiner Freunde aus Großbritannien haben je von Skelmersdale gehört. Ha, und ich erinnere mich an den Auftritt! Die Bibliothek, sie hatte ein großes Fenster zur Straße hin. Da stand ein Mädchen, die hob immer ihr Top und flashte unserem Bassisten ihre Titten. Das war echt der schrägste Gig aller Zeiten. Es muss auch das Irrste gewesen sein, das seit Wochen in dieser Stadt passiert war!

Haha – Ich stelle diese Frage oft zum Schluss – und das muss jetzt das dritte oder vierte Mal sein, dass man mir von einer Show in eine Bibliothek in England erzählt.

No way!! Das MUSS ja immer die gleiche Stadt sein! Die muss einen Abgeordneten haben oder irgendjemand sonst, der einen Einfluß auf die Booking Agenten hat und ihn geltend macht!

Oder die Bibliothek hat ein großes Budget, das von einem Indie-Fan verwaltet wird.

Genau!

Von dem Mädchen, das sein Oberteil zeigt, wurde mir aber bisher noch nicht berichtet. Die habt ihr für euch alleine!

Ha, das war unser Extra!

Okay,  damit bin ich so weit. Vielen Dank und viel Erfolg fürs Album – ich finde es prima!

Danke! Du rufst aus Österreich an?

Nein, aus München. Süddeutschland.

Ah München. Also ob wir da dieses Jahr spielen, weiss ich noch nicht. Aber wir werden beim Melt Festival sein, sag doch Hi, wenn du dort sein solltest!

Okay, falls ich da bin, tu ich das! Du musst Pontus bitte noch meine Gratulation für Amason ausrichten – die Band ist super!

Wird gemacht!

Vielen Dank!

Take care, bye bye!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s