Review: Weeping Willows

Tomorrow Became TodayWeeping Willows – „Tomorrow Became Today“

Es gibt eine wahre Geschichte der Band The Alarm. Im Jahr 2004 hatten die Waliser, früher umjubelte Chartstürmer, genug davon, dass man sie mittlerweile als „zu alt“ abschrieb. Für ihre neue Single nannten sie sich „The Poppy Fields“ und ließen sich im Video zur Single „45 rpm“ von einer jungen Band spielen. Es wurde ihr erster UK-Hit seit Jahren. Als sie sich zu erkennen gaben, guckten so manche dumm aus der Wäsche.

Es ist nicht so, dass die Weeping Willows so etwas nötig hätten. Nein, daheim in Schweden wird Sänger Magnus Carlson und seiner Band würdevolle Referenz erwiesen. Seit fast 20 Jahren gehören sie dort zu den festen Größen der Szene und mit ihrem opulent-schwelgerischen Retro-Sound sind sie über jeden Zweifel erhaben. Aber im Rest der Welt ist halt nie wirklich etwas passiert mit dieser Gruppe – und es wird wohl schon deshalb nicht mehr stattfinden, weil sie schon zu lange dabei sind. Ein Tobias Jesso Jr, der kann mit einer gezielten Retro-70s-Songwriter-Platte auch bei Pitchfork & Co seinen Hype generieren, weil er eben Ende 20 ist und als Newcomer präsentiert werden kann. Aber die Weeping Willows – Männer Ende 40 in Anzügen mit sieben Alben auf dem Buckel? Die wird einem niemand mehr als hot new shit andrehen wollen.

Kann ich trotzdem jemanden dafür begeistern, sich die Herren mal anzuhören? Ich werde es zumindest versuchen.

ww broken promise landDa muss ich mal wieder weit ausholen. Das erste Weeping Willows-Album „Broken Promise Land“ fiel mir 1998 in die Hände, da war es in Schweden schon seit ein paar Monaten ein Hit. 1997/98 waren keine guten Jahre für die Musik – auf der Insel hatte man sich vom Britpop abgewandt und in den USA waren entsetzliche Nu-Metal-Bands wie Limp Bizkit das heiße Ding. „Broken Promise Land“ war daher ein absolutes Kuriosum. Diese sonderlichen Stockholmer schmierten sich Brillantine ins Haar und widmeten sich einem vergessenen Sound der 50s und 60s: Musik aus der Zeit noch vor den Beatles, bombastische Balladen, aufwändig mit Orchester eingespielt. Ihr Sänger schmetterte seine Melodien, wie es Roy Orbison, Perry Como oder Paul Anka getan hätten. Gleichzeitig hatten diese Lieder eine spukige, melancholische Atmosphäre – man assoziierte es nicht nur mit Bombast-Kitsch, sondern auch mit Twin Peaks-Bedrohung, als lauerte da was Böses hinterm Samtvorhang. Dass eine brandneue Band mit sowas um die Ecke kam, das war schon abgefahren. Dass dann noch die Songs, von der Band selbst geschrieben, so gut waren, dass sie bereits wie Klassiker klangen – das war einfach nur beeindruckend.

ww into the lightOkay, das war also der Anfang in den späten 90ern. Seitdem sind die Weeping Willows mit Unterbrechungen in Schweden aktiv. Sie haben in der Zeit gezeigt, dass sie umwerfend variabel sind: Auf ihrem dritten Album „Into The Light“ (2002) legten sie die Streicher beiseite und machten eine 80s-Pop-Platte, ohne ihre charakteristische Melancho-Atmosphäre zu verlieren. „Presence“ (2004) war dann mehr Brit/Indiepop, „Fear And Love“ (2007), produziert von Andy Bell (Oasis, Ride), war größtenteils akustisch und folky. Nach sieben Jahren Pause kam 2014 das Comeback „The Time Has Come“, wieder im ursprünglichen, orchestralen WW-Sound. Auch „Tomorrow Came Today“ spielt nun wieder in dieser Klangwelt. Auch hier werden wieder Geigen gestrichen und gezupft. Steelguitars jaulen, Glockenspiele pingen und Kastagnetten klacken.

Einwurf: Ich sehe ein, wenn jemand sagt: „Indie, das bedeutet für mich, dass Gitarren reinbrezeln und die Bassistin Achtel spielt! Die Weeping Willows sind für mich kein Indie! Das ist viel zu langsam, bombastisch und erwachsen!“
Okay, Point taken. Aber für mich bedeutet Indie halt was anderes. Für mich sind die Weeping Willows eine Indie-Band, weil sie, jegliche Trends außer Acht lassend, erstens ihr eigenes Ding gefunden haben, zweitens dieses Ding konsequent durchziehen und weil sich sich dabei drittens unverwechselbar gemacht haben.

So. Beobachten wir doch mal am neuen Album, was die Band kann.

weeping willowsDer Titelsong ist mal gleich ein Schmachtfetzen sondergleichen. Streicher, Piano, Pizzicato und ein flehender Magnus, der eine Liebe retten will: „Tomorrow became today, all the joy turned into pain, tomorrow became today, that’s how easy love can change“ – wundervoll tränenreiches Pathos, großes Kino.

Die Weeping Willows sind auch große Musikkenner, drum ist das Anhören ihrer Platten immer auch ein fröhliches Zitateraten. So mutiert „Angels Sing For Us“ unter Steelguitar und Vibraphon ein immer mehr zum Tribut an The Velvet Undergrounds „Waiting For the Man“, während „Wait For Love To Grow“ The Style Council ca zur „My Ever Changing Moods“-Zeit so liebevoll und akkurat nachahmt, dass Paul Weller selbst sich beim Hören wohl wundert: „Ist das jetzt von mir oder nicht?“
Immer wieder entdeckt man solche Momente: Die Gitarren und Streicher im Refrain von „Go Find You Happiness“ deuten ELO an, Ryan Adams’ „Answering Bell“ spiegelt sich in der Strophe von „I’d Do Anything For You“. Das ist kein Kopieren, das ist ein gewitztes Jonglieren und spielerisches Neu-Assoziieren ausgewählter Elemente der Pophistorie.

So. Was wir hier also vor uns haben, ist eine erfahrene Band aus Ausnahmemusikern, die vielschichtige Arrangements, wie man sie heute oft nur noch in Las Vegas-Shows hört, aus dem Ärmel schüttelt. Eine Band, die ihr Können auch einsetzt, um Musikliebenden kleine Referenzen zu präsentieren, mit dem sie dem Kenner quasi zuzwinkert: „Hey, wir beide wissen, wem wir hier huldigen.“ Erwähnt werden muss auch einmal mehr Frontmann Magnus Carlson – der Mann hat einfach Gold in der Kehle. Das alles macht „Tomorrow Became Today“ zu einer Platte, die für den Musikfreund einen wunderbaren Ohrenschmaus darstellen sollte – solange er kein grundsätzliches Problem hat mit dem schwermütigen Pathos, der immer die erste Grundeigenschaft der Weeping Willows bleiben wird.

Ranking Weeping Willows

My love is not blind – Weeping Willows – video teaser from Made In Here on Vimeo.

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Damit ging’s los: „Broken Promise Land“ (1997)

Die erste Single vom zweiten Album „Endless Night“ (1999)

Wohl ihr größter Hit: „Touch Me“ von „Into The Light“ (2002)

von „Presence“ (2004)

im finnischen TV 2014 – ein Hank Williams-Cover

von „Fear And Love“ (2007)

von „The Time Has Come“ (2014)

Ja sieh mal einer an! Ein komplettes Konzert, von 2014, mit dem Symphonieorchester Göteborg!! Mein vielleicht liebstes Lieblingslied der Weeping Willows gibt’s bei Minute 49:00, nämlich „Sunny Days“

Weeping Willows | GSO & Christoffer Nobin from Göteborgs Symfoniker on Vimeo.

Ein Gedanke zu „Review: Weeping Willows“

  1. coole rezi/bericht. bin selbst schon jahrelanger fan und denke CDs wie die endless night sind absolute Klassiker in Sachen gut gemachter skandinavischer pop!!

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