Review: Timo Räisänen

Timo sjunger TedTimo Räisänen – „Timo sjunger Ted“

Es gab mal eine Zeit, da hat Timo Räisänen ein Album pro Jahr veröffentlicht. Zwischen 2005 und 2008 war der ehemalige Gitarrist des schwedischen Superstars Håkan Hellström regelrecht im Schaffensrausch. Da legte er nicht weniger als vier Longplayer hin, ein jeder ein Tischfeuerwerk voller Indiepop-Knallbonbons. Nun aber sind fast vier Jahre verstrichen seit seinem letzten Werk „Endeavour“  (2012) – und zurück meldet er sich ausgerechnet mit einem Cover-Album?

Bevor wir aber über einen möglichen Writer’s Block lamentieren, lasst uns angucken, wen Timo Räisänen hier covert. Schweden, die den Vornamen „Ted“ hören, wissen wer gemeint ist, so wie ein Ami weiss, wer mit Elvis gemeint ist. Es ist Ted Gärdestad, eine faszinierende, tragische Figur des Scandi-Pop.

ted gärdestad albumTed Gärdestad, geboren 1955, war ein musikalisches Wunderkind. Seinen ersten Song schrieb er im Alter von sechs Jahren, mit acht trat er erstmals im schwedischen Fernsehen auf. Als er 15 war, klopften er und sein großer Bruder Kenneth in Stockholm an die Tür des Verlags Polar Musik (wo auch Björn Ulvaeus und Benny Andersson arbeiteten, später ABBA) und erhielten einen Vertrag. Ted komponierte, Kenneth schrieb die Texte dazu. 1972 erschien Teds Debütalbum, er sollte die kommenden Jahre über in Schweden ein Star bleiben – auch wenn er, seiner Jugend wegen, vor allem als Teenie-Idol galt. Je älter Ted wurde, desto mehr wehrte er sich dann auch gegen diese Wahrnehmung. Er versuchte, international Fuß zu fassen, doch war seinen englischen Alben der späten 70s nur bescheidener Erfolg gegönnt. Auch seine Teilnahme am Grand Prix D’Eurovision mit dem Song „Satellit“ im Jahr 1979 endete nur auf dem enttäuschenden Platz 17 (von 19). Als seine Platten in den frühen 80ern selbst in Schweden nur noch gerade so die Charts ankratzten, zog sich Ted vom Musikbusiness zurück. Er war gerade mal 25.

Es folgten ein paar Jahre abseits der Öffentlichkeit, in denen Ted Zwangsstörungen ausbildete und schizophrene Phasen erlebte. Aber in den frühen 90s wurden seine Hits der 70s in Schweden wieder entdeckt und als unterbewertete Klassiker neu evaluiert. Nach einer gefeierten „Best Of“-Platte veröffentlichte Ted im Jahr 1994 wieder neue Musik, landete neue Hits, tourte wieder und alles schien sich bereinigt zu haben. Umso größer die Bestürzung, als Schweden im Juni 1997 erfahren musste, dass Gärdestad sich vor einen Zug geworfen hatte. Offenbar hatte sich der Sänger nie aus dem Griff seiner psychischen Probleme befreien können. Ted wurde nur 41 Jahre alt.

Bei aller Tragik – was für eine Geschichte! Wollte man diese Karriere verfilmen, es wäre der Stoff für eine ganze HBO-Serie! Kein Wunder, dass Gärdestad in seinem Heimatland eine legendäre Figur ist. Schade wiederum, dass der Rest der Welt diesen Namen kaum kennt.

Es ist nicht zu erwarten, dass Timo Räisänen letzteres mit dieser Platte ändern kann. Es ist ja nicht so, dass er Weltstar wäre. Timo wird mit dieser Platte den Namen Gärdestad international höchstens einer eingeweihten Indie-Gemeinde näher bringen. In Schweden wiederum kennt man Gärdestad eh, da ist es eher Räisänens Umsetzung der Songs, die interessiert. Doch aus beiden Gründen lohnt es sich, sich dieser Platte zu widmen.

timo pressfotoErstens: Die Songs, die Timo hier präsentiert, sind wunderbar. Man sagt ja immer „So was schreibt man heute nicht mehr!“ – aber es ist ja so! Sowas schreibt man heute nicht mehr! In den Seventies gab es gewisse Stilmittel, die man einsetzte, die man zur Zeit nicht einsetzt. Die Songs waren komplexer aufgebaut, die Melodien ebenfalls. Vieles war einfach unschuldiger und süßer. Vielleicht kitschiger, ja, vielleicht brauchte man den Abstand, um die Seventies später aus einer Distanz betrachten zu können und die Spreu vom Weizen zu trennen. Jedenfalls fällt beim Hören sofort auf: Es sind meisterliche Kompositionen, die Gärdestad damals hervor brachte.

Das Grundmaterial, mit dem Timo Räisänen hier arbeitet, hat also schon mal höchste Qualität. Jetzt die Frage: Was macht er draus?

Er macht durchaus eine Indie-Platte draus. Was man, angesichts der Tatsache, dass Timo das Album mit dem Göteborg Wind Orchestra aufnahm, einem 22-köpfigen Bläserensemble aus Flöten Oboen, Waldhörnern, etc erst mal nicht denken sollte. Aber wenn man die Gärdestad-Originale aus dem 70s (von denen ich mir inzwischen einige angehört habe) mit den neuen Versionen vergleicht, kann man trotz Orchester sagen: Timos Aufnahmen klingen direkter. Die Gärdestad-Uraufnahmen leiden manchmal, wenn man so will, unter der 70s-Tendenz zur popanzigen Überproduktion. Alles ist glatt gebügelt. Bei Timo aber ist nicht alles perfekt, und das hilft.

Was nicht zuletzt an Timo, dem Sänger liegt. An seiner Stimme. Ich habe Timo bisher nie so als Sänger wahrgenommen. Der Typ ist schließlich ein meisterlicher, virtuoser Gitarrist, der schon als Teenager Preise gewann und auf seinen Alben immer den perfekten Sound zwischen sanftem Zupfen, groovy Lick und Radau-Riff fand. Seine Stimme hat er da weniger im Griff, die überschlägt sich schon mal, wimmert und knödelt. Aber, das ist das Erstaunliche: Genau deswegen transportiert Timo sehr viel Gefühl. Gerade WEIL seine Stimme auch mal bricht, einen Purzelbaum macht oder knapp neben dem Ton liegt, lädt sie die Melodien umso mehr mit Zärtlichkeit, Lust und Hurra-Jubel auf.

Das Orchester ist dann übrigens nicht weiter vorne im Mix als Timos zahlreiche Gitarren, und vereinzelt verzichtet Timo auch ganz auf die Bläsertruppe. Das Ergebnis sind pfiffige, abwechslungsreiche Arrangements, die immer noch unmittelbar bleiben.

Und damit steht am Ende dieses Albums eine Win-Win-Situation.

Denjenigen, die – wie ich – Ted Gärdestad bisher nicht oder kaum kannten, ist eine interessante Geschichte und ein prima Künstler nahegebracht worden. Wir lernen Lieder kennen, die bezaubernde Melodiebögen schlagen. Mal verbeiten sie fröhlich sonnigste Laune („Satellit“ oder „Viking“), mal sind es herrliche Balladen („Helena“, „För Kärlekens Skull“), manchmal sind es große Hymnen – wie zum Beispiel „Come Give Me Love“, für mich der Höhepunkt des Albums. Nina Persson (The Cardigans) gibt hier Timos ideale Duettpartnerin.

Wer wiederum bereits großer Gärdestad-Fan ist, der sollte der Art, wie Timo sich die Gärdestad-Songs zueigen macht, eine Menge abgewinnen können.

So oder so also eine ganz wundervolle Platte.

Ranking Timo

Timo performt Ted:

Ted Gärdestad 1974 im SWE-TV (ab 1:40 spielt Ted „Viking“)

Ted Gärdestad 1993

Timos Britwoch-Klassiker „Sweet Marie“ (2008)

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