Interview: Violent Femmes

interview Header Violent femmes„Let me go oooo-oon, like a blister in the sun, let me go oo-o-on…“ Das kann jeder sofort mitsingen. Seit 1982 (!) ist „Blister In The Sun“ ein fester Bestandteil der Indie-Sets dieser Welt. Die Band hinter diesem Song hat den Volltreffer ihres Debüts nie wiederholen können, aber dennoch fleißig weiter die 80er und 90er hindurch kantigen Folkpop fabriziert. Dann war irgendwann Schluss für die Violent Femmes. Umso größer die Überraschung, als vor einigen Wochen ein neues Album des Trios auf meinen Schreibtisch flatterte. Noch erstaunlicher: Der knarzige-aufgekratzte Pep, der die Violent Femems immer auszeichnete, ist in den 16 Jahren seit ihrem letzten Album nicht verloren gegangen. Entsprechend habe ich mich um ein Interview mit Sänger Gordon Gano (Mitte) bemüht.

Hallo! Nach 16 Jahren Pause muss die erste Frage natürlich lauten: Warum hat das so lange gedauert?!

Nun ja. Brian Ritchie hat sich nun mal lange Zeit geweigert, neue Lieder von mir einzuspielen. Die 16 Jahre, die du ansprichst, das ist die Zeit, seitdem die letzte Violent Femmes Platte erschienen ist. Aber es ist ja nicht so, dass wir in der Zwischenzeit nichts gemacht hätten. Wir haben ja schon eine Weile wieder miteinander live gespielt. Und es ist nicht so, dass die Lieder der neuen Platte alle erst zwei Jahre alt sind – manche sind uralt, sie lagen nur lange rum. Naja, Brian Ritchie wollte lange nichts Neues aufnehmen, das ich geschrieben habe. Irgendwann hat er seine Meinung geändert. Was jetzt genau der Grund war, warum er sich’s anders überlegt hat? Das müsstest du wohl ihn selber fragen.

Violent-Femmes-We-Can-Do-AnythingSieh an – das ist ja gewissermaßen eine Parallele zu den Pixies. Auch die waren längere Zeit schon wiedervereinigt live unterwegs, aber Black Francis & Co wollten letztlich neue Songs einspielen, nur Bassistin Kim Deal nicht. Nun gut, man hat sich dann letztlich voneinander getrennt. Bei den Violent Femmes war das nicht denkbar, schätze ich.

Das stimmt, denn in einem Duo kann man ja nicht so ein Mitglied zu ersetzen – das sind 50% der Band! Seit es die Violent Femmes gibt, sind der Kern ich und Brian Ritchie. Aber ich habe ja auch zwischenzeitlich andere Sachen gemacht und tue das auch weiterhin.

Stimmt, das habe ich auch gelesen. Wobei die Aufmerksamkeit, die deiner Arbeit entgegen gebracht wird, wenn „Violent Femmes“ auf dem Plakat steht, ja eine ganz andere ist, als wenn da nur der Name „Gordon Gano“ steht. Ich kann mir vorstellen, dass einen das ein bisschen frustrieren kann. Andererseits ist es ja gut zu wissen, dass es für die Violent Femmes immer ein Publikum geben wird.

Das trifft es genau. Der Level an Aufmerksamkeit, der uns entgegen gebracht wird, wenn wir auf etwas „Violent Femmes“ drauf schreiben, der ist einfach ein ganz anderer. Ich meine, alleine schon dieses Interview, das würden wir sicher nicht führen, wenn es nicht unter der Flagge der Violent Femmes liefe. Einerseits ist das schon was, das mich wurmen sollte. Ich weiss: Wenn ich morgen den besten Song schreiben würde, der jemals geschrieben wurde, würde ihn sich vermutlich niemand auch nur anhören, wenn nur mein Name darunter steht. Aber ich habe mich mit der Situation abgefunden und sehe es positiv. Denn die immer noch währende Popularität der Violent Femmes bedeutet ja auch, dass wir irgendwas richtig gemacht haben. Auch wenn die Leute mir nur unter dem Namen Violent Femmes Aufmerksamkeit schenken – es gibt andere Musiker, denen solche Aufmerksamkeit NIEMALS zuteil wurde. Ich habe doch Glück, wenn man’s so sieht.

Vielleicht ist es ja auch so, dass zwischen Brian und Dir doch eine bestimmte musikalische Chemie herrscht? Dass ein Stück zu einem Violent Femmes-Lied wird, weil es von euch beiden gespielt wird?

Ja, das ist in der Tat so. Egal, wie wir menschlich miteinander auskommen, es besteht kein Zweifel, dass da irgendwas passiert, wenn ich Gitarre spiele und er Bass. Die Art und Weise, wie wir uns ergänzen, wie wir spontan improvisieren, das ist einfach etwas, das ich so mit keinem anderen Musiker erlebe. Und das ist auch der Grund, warum all das, was wir zwei zusammen machen, immer irgendwie zu Violent Femmes wird.

Auf dem neuen Album ist diese Energie immer noch ganz offensichtlich. Sollte es nicht so sein, dass man mit dem Älterwerden auch ruhiger wird?

Tja, das heisst es immer, oder? Also, mir geht’s anders. Mein Antrieb, Musik zu machen, der kommt dann, wenn ich wütend bin. Und ich kann mich immer noch prima aufregen, das kannst du mir glauben!

Aber sind die Themen, die du für deine Songs suchst, heute andere? Deine Songs begleiten mein Leben jetzt schon lange, und ich weiss zum Beispiel noch, wie eine Zeile a la „Why cant i get just one screw…“ aus „Add It Up“ mir in meiner Abi-Zeit einen Nerv traf. Heute muss ich sagen, dass ich damit ganz anders umgehen kann.

violent femmesTja, was soll ich dazu sagen – ich beglückwünsche dich dazu, wenn du das jetzt im Griff hast. Mir geht’s anders. Ich habe nicht das Gefühl, dass meine Grantligkeit weniger geworden wäre.

Naja, das ist ja auch die Natur der Dinge, dass ich nicht mehr unter so einem Druck stehe. Ich frage vor allem, weil zum Beispiel „Memories“ nach einem Text klingt, den ein anderer, älterer Typ singt.

Sollte man denken – aber genau dieser Song ist einer der ältesten auf der Platte. Der ist über 25 Jahre alt, geschrieben habe ich ihn schon irgendwann in den 90ern.

Was ja ganz lustig ist: Euer Folksound ist momentan durchaus wieder im Trend. Obwohl ihr Euch ja nie danach gerichtet habt. Aber so, wie eine stehen gebliebene Uhr zwei Mal am Tag die richtige Zeit anzeigt, passt Ihr plötzlich zu einer jungen Gruppe von neuen Indie-Folkbands. Bei dem Song „I Could Be Anything“ mit Banjo und Akkordeon musste ich zum Beispiel an die Bands The Defibulators und Graveyard Train denken. Ich lege in einem Club auf und habe „I Can’t Remember“ schon aufgelegt, im Folkfenster, wenn Mumford & Sons und Co laufen.

Ist das so? Das freut mich zu hören, dass wir in den Clubs noch gespielt werden! Das ist was, das ich bisher noch nicht wusste. Was die anderen Bands angeht, die du nennst – schon zu Zeiten unseres Debüts haben wir uns nie geschert darum, was gerade hip war, Unser Ziel war immer, etwas zu machen, das man zeitlich nicht einordnen kann. Wenn du dir unser Debütalbum anhörst, dann merkst du auch, dass es völlig anders klang als die anderen Sachen, die 1982 raus kamen. Wenn du die Platte hörst, ohne zu wissen, wann sie aufgenommen wurde, könnte sie theoretisch sogar in den 60s oder 50s aufgenommen worden sein – denn es ist einfach nur raue Folk-Musik. Wenn du mir jetzt sagst, dass das gerade wieder im Kommen ist, umso besser.

Du lebst heute in Denver, Brian aber lebt auf Tasmanien. Wie läuft es da mit dem Songwriting? Heute ist es ja wenigstens kein Problem mehr, Files über die Ozeane zu verschicken.

Also, es ist schon seit den Anfangszeiten unserer Band so, dass Brian Ritchie und ich nicht in der gleichen Stadt leben. Wir waren auch nie eine Band, die viel probt. Denn wir fanden immer, dass man Gefahr läuft, Songs zu überspielen. Wir brauchen eine bestimmte Spontanität und müssen uns Raum zum Improvisieren geben, das sind wichtige Elemente bei den Violent Femmes. Entsprechend habe ich nie groß Songs durch die Welt geschickt und wir mussten keine Meetings organisieren. Wir haben vor dem Album eine EP aufgenommen, zu den Aufnahmen bin ich einfach nach Tasmanien zu Brian Ritchie geflogen und wir haben die Songs ohne großes Aufhebens eingespielt. Das Album wiederum haben wir aufgenommen, als wir auf Tour waren, mal in dieser Stadt, mal dort. Wir waren also eh gemeinsam unterwegs.

Wie war’s denn in Tasmanien? Dieser Ort ist auf meiner Bucket List. Naja, auf meiner Bucket List der Dinge, von denen ich weiss, ich werde sie vermutlich eh nie realisieren.

Ach, sag doch sowas nicht! Also, wenn du mehr über Tasmanien wissen willst, musst du echt mit Brian Ritchie sprechen. Er ist derjenige, der es dort so sehr liebt, dass er ein Haus gebaut hat und dort wohnt. Klar, mir hat es sehr gefallen, als ich da war. Trotzdem, der Experte für Tasmanien ist er, nicht ich.

In der Zeit der Bandtrennung habt ihr euch ziemlich gestritten, unter anderem weil du „Blister In The Sun“ für einen Werbespot hergegeben hast. Brian Ritchie hat damals ziemlich vom Leder gezogen. Aber ganz offenbar hat er das heute überwunden? Oder ist das ein Thema, das wieder aufkocht, wenn ihr zankt?

Also, das ist ja damals völlig übertrieben worden. Die Sache mit der Werbung, das war doch nur ein ganz kleiner Punkt in dem Prozess, den Brian Ritchie damals gegen mich angestrengt hat. Aber es waren haltlose Forderungen, die er gestellt hat! Und das Gericht hat mir ja auch in allen Punkten recht gegeben! Was eine gute Sache war. Weil es eine dritte, übergeordnete Partei war, die entschieden hat. So konnten wir auch letztendlich wieder miteinander arbeiten, die Sache war damit geregelt. Naja, der Prozess war also entschieden, wir hatten uns länger nicht gesehen, als das Angebot rein flatterte, ob wir nicht dieses Festival namens Coachella spielen wollen. Es gab ja auch keine schlechte Gage. Damals haben wir uns dann so weit wieder zusammen gerauft, dass wir zu zweit auf die Bühne sind – und ich glaube, keiner von uns hat mit dieser euphorischen Reaktion der Leute gerechnet. Den Leuten hat es so riesigen Spaß gemacht, dass es auch uns Spaß gemacht hat, und dass wir uns vorstellen konnten, sowas nicht nur dieses eine Mal zu machen. Tja, und damit kam der Stein wieder ins Rollen und jetzt sind wir hier. Es war gut, dass der Streit zwischen uns quasi von oben entschieden worden ist. Wobei du von Brian Ritchie vermutlich nie hören wirst, dass er im Unrecht war, Er wird zugestehen, dass das Gericht gegen ihn entschieden hat, das ja. Aber nicht, dass er im Unrecht war.

Uh-oh. Ehrlich gesagt, dass ihr im Rechtsstreit lagt, wusste ich nicht mal. Ich fühle mich jetzt wie ein schlechter Journalist, dass ich das nicht recherchiert habe.

Aber wenn das so ist, bin ich sogar ganz happy! Denn das heisst für mich, dass die Leute diese Sache mit dem Gericht vielleicht tatsächlich nicht so wahrgenommen haben und dass es ihnen in der Tat um die Musik geht.

Es würde ja auch irgendwie die Macht Eurer Musik bezeugen, wenn sie euch dazu bringt, einen solchen Streit ad acta zu legen. Es bezeugt, dass ihr euch beide gegenseitig braucht, damit die Violent Femmes die Violent Femmes sind, und dass diese Musik sich nicht unterkriegen lässt.

Tja, das stimmt wohl. Egal, wie schlecht wir abseits der Musik miteinander auskommen, sobald wir spielen, ist da ein Funke, der nur zwischen uns beiden springt.

Ich finde, was die Violent Femmes immer auszeichnete, ist eine gewisse Aufgekratztheit, eine Nervosität, die in der Musik steckt. Vielleicht ist sie ja das Ergebnis Eurer Spannungen.

Neues Thema. Auch euer neuer Drummer spielt mit den Pinseln. Das bleibt sowas wie euer Markenzeichen.

Ja, das stimmt. In all den Jahren haben wir zwar mehrere Drummer verschlissen, aber wir haben bei allen Wert darauf gelegt, dass sie die Pinsel einsetzen. Man verbindet gepinselte Drums ja immer mit leiser, zahnloser Musik, aber das stimmt überhaupt nicht. Man kann auch mit den Pinseln verdammt Gas geben. Für uns ist es definitiv ein Wiedererkennungsmerkmal.

Auch der Drummer, der uns zuletzt begleitete und das Album einspielte, Brian Viglione, hat uns leider wieder verlassen,um sich um eine andere Band zu kümmern. Aber er hat genau verstanden, worauf es bei uns ankommt. Aber unser nächster Drummer, der wird auch von uns genau gesagt bekommen, dass wir auf diese Art zu spielen Wert legen.

Wir haben angesprochen, dass es euch seit den frühen 80ern gibt – seitdem hat die Musikindustrie einige radikale Veränderungen erlebt. Welche findest du am auffälligsten?

Lass mich das andersrum beantworten: ich werde dir erzählen, was sich für uns NICHT verändert hat: Wir sind immer einfach nur ins Studio gegangen und haben ohne großen Schnickschnack aufgenommen. Fast keine Overdubs, direkter Sound. Das war 1982 so, und das ist heute noch so. Technologien kommen und gehen, aber im Kern geht es bei einer Band um Instrumente – also um Objekte, die es seit Jahrhunderten gibt! Außerdem geht es um die Energie, die entsteht, wenn bestimmte Individuen gemeinsam spielen. Wir haben uns in den 80ern schon nicht darum geschert, was gerade die angesagten Sounds oder die angesagten Studio-Technologien waren. Genauso wenig kümmern wir uns heute darum, was der Rest der Welt macht. Auch wenn du ja gerade meintest, dass das, was wir machen, zur Zeit bei den Leuten grundsätzlich wieder gefragt ist.

Richtig. Über aktuelle Musik wollte ich deswegen sprechen mit dir. Ich wollte wissen, ob du verfolgst, was passiert, und was deine Lieblingsplatte des Jahres 2015 war.

Uh, da erwischt du mich auf dem falschen Fuß. Wenn ich den Hörer auflege, dann fällt mir bestimmt ein: Ach ja, das ist doch die Band, über die alle reden und deren Platte ich letztes Jahr echt super fand! Jetzt aber fällt mir einfach nichts ein. Aber du hast vorhin doch ein paar Namen genannt, sagt doch noch ein paar von den Folkbands, die du angesprochen hast, zu denen wir angeblich passen. Kannst du die noch mal erwähnen?

Also, speziell genannt habe ich The Defibulators und Graveyard Train. Was die Folk-Welle angeht, die ist letztlich nicht zuletzt durch den Erfolg von Mumford & Sons angefacht worden. Was gut und schlecht ist – es gibt sehr miese Bands, die sich ein Banjo umschnallen, um hip zu sein. Aber es gibt auch verdiente Bands wie, sagen wir mal, Old Crow Medicine Show, die nun ein größeres Echo finden.

Schau, mit Old Crow haben wir vor nicht allzu langer Zeit gespielt. Die fand ich in der Tat herausragend gut. Wir haben uns länger mit ihrem Sänger unterhalten, wie ist noch mal sein Name? Ketch! Er ist echt eine super Type.

Erkennst du selbst denn Parallelen zwischen Euch und Old Crow? Findest du, dass ihr richtig eingeordnet werdet, wenn man euch jetzt vergleicht?

Ich kann’s auf jeden Fall nachvollziehen. Hey, ich bin in Minnesota aufgewachsen, unter Akkordeons und Banjos! In Minnesota ist Polka heute noch ein ganz wichtiger Musikstil. Auf unserem zweiten Album findest du einen Song namens „Country Death Blues“. Diese Art ungestümen Folks hat unseren Sound ganz zweifellos geprägt. Ich finde es ja wirklich gut zu hören, dass unser Sound zur Zeit wieder gefragt ist. Das ist was, das ich so nicht wahrgenommen habe.

So, meine halbe Stunde ist um – ich bedanke mich!

Vielen Dank ebenfalls – besonders hat mich gefreut zu hören, dass du unsere Songs im Club auflegst.

Ja, „Memories“ habe ich zuletzt öfter gespielt. Ich hoffe, wir können es auch bald live auf einer Tour hören? Viel Glück und viel Erfolg fürs Album!

Vielen Dank!

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