Review: School Of Seven Bells

SVIIBSchool Of Seven Bells – SVIIB

Betrachten wir mal eben nur die Musik, ganz von der Story dieses Albums getrennt. Da haben wir mit School Of Seven Bells eine Band, die seit drei Alben wunderbaren Shoegaze-Pop macht, hypnotisch und treibend, erhaben und schwebend. Von Album zu Album haben Benjamin Curtis (Ex-Secret Machines) und Alejandra Dehaza (sowie auf den ersten zwei Alben ihre Zwillingsschwester Claudia) dabei ein Scheit mehr ins Feuer gelegt. „Alpinisms“ (2008) war ein toller, vielversprechender erster Wurf. Mit diesem Debüt nahm das damalige Trio sofort Platz im Pantheon des Dreampop ein – die Platte bot den mächtigen, transzendenten Wucht-Gaze der Secret Machines mit elektronischen Sprenkseln, durch das Schwesternpaar an der Spitze aufgehellt mit einer femininen, katzengleichen Grazie. „Disconnect From Desire“ (2010) formte den Sound konkreter aus, was zwei Jahre Später mit „Ghostory“ (2012) noch weiter gelang, obwohl das gerne als „SVIIB“ abgekürzte Trio nun zum Duo geschrumpft war.

School Of Seven Bells kamen der Sache also immer näher, aber eins fehlte noch: Der richtige Knalleffekt, der Hit, der ihr Potential auch wirklich zu 100% ausschöpfte. Man konnte sich zu School Of Seven Bells immer super bewegen – aber der Song, der einen an den Haaren und mit Mörderbass auf den Dancefloor zog, der fehlte. Man konnte zu School of Seven Bells immer super träumen – aber der Song, der einen in gleißende Trance versetzte und wegbeamte, der blieb aus. Aber man ahnte immer: Die KÖNNEN das! Doch noch blieben sie immer ein bisschen zu vage, ein bisschen zu verschwommen, ein bisschen zu kraftlos, um die letzte Barriere zu durchbrechen.

Sagen wir’s so: Man wartete darauf, dass Curtis und Dehaza endlich ihr „Hurry Up, We’re Dreaming“ hinlegten. Vor diesem Album waren M83 eine Lieblingsband der Shoegazer und darüberhinaus ein Geheimnis – nach „Midnight City“ und „Wait“ waren sie Chartstürmer und gefragte Komponisten in Hollywood.

Ende des Jahres 2012 unterstrichen School Of Seven Bells ihr Potential noch mal mit der EP „Put Your Sad Down“. Nie waren sie der Reibe- und Schmirgelpop-Perfektion so nahe gekommen wie auf diesen fünf Songs.

Deswegen darf ich mit Freude, Erleichterung und Begeisterung verkünden: Endlich haben sie’s geschafft! „SVIIB“ ist das Album, das wirklich alles ausreizt, was man dieser Band zutraute. Es ist rauschende, pumpende, aber auch ultimativ zugängliche Breitwandmusik.

Beispiele? „Ablaze“ ist endlich die Nummer, die zum Klang der vielbeschworenen cathedrals of sound den Dancefloor FRISST. „On My Heart“ mit seinen kühl-distanzierten Sprechgesang-Strophen und seinem versöhnlichen Refrain ist ein grandioser Popmoment mit prägnanter Eigendynamik. „Open Your Eyes“ ist ein bewegendes Liebeslied voller Trost. „Music Takes Me“ ist ein Song, der vom GROOVE zum Dream kommt, nicht umgekehrt! „This Is Our Time“ schließlich ist genau die Hymne, mit der so ein Album abschließen muss – da darf man sogar Vergleiche zu den Schweden Kent anstellen, bekanntlich DIE Könige des letzten Songs. (Will sagen: „This Is Our Time“ hat die Grandezza vom Schlage „747“, „Det Finns Inga Ord“ oder „Den Andra Sidan“. Kent-Fans wissen, wovon ich spreche und laden sich in dieser Sekunde „SVIIB“ runter.)

Ja, dieses Album ist der Triumph, auf den School Of Seven Bells immer zusteuerten.

SVIIBSo viel also zur Musik – aber man kann bei diesem Album natürlich die unendlich traurige Entstehungsgeschichte nicht ausblenden.

Benjamin Curtis lebt nicht mehr. Im Februar 2013 wurde bei dem Gitarristen ein aggressiver Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Trotz intensiver Behandlung starb Ben zehneinhalb Monate später in New York im Krankenhaus.

Ben und Alejandra waren auch ein Paar – zum Zeitpunkt der Diagnose jedoch nicht mehr. Gerade deshalb spricht wohl nichts mehr für die Kraft ihrer Musik, als dass die beiden beste Freunde blieben und weiter gemeinsam Songs schrieben, als ihre Beziehung vorbei war. Die beiden erlebten sogar einen kreativen Höhenflug – aus den Liedern spricht eine Innigkeit und eine Fürsorge füreinander, auch nach der Trennung. „Open your eyes love, cause you’ve been sleeping, it’s getting hard to bear watching you all alone. I know your heart is broken and you’ve been weeping and I’ve been waiting here silently for too long“ singt Alejandra – und der Moment, in dem aus „You’re afraid you’ll fall in love again“  ein bestärkendes „You’ll fall in love again!“ wird, das ist einer dieser Augenblicke, in denen Pop dem Hörer einfach nur das Herz auswringt. Erst recht in dem Wissen, dass die so versöhnlich besungene Trennung der Beiden eine ewige sein sollte. Dass Alejandra und Ben es zum Zeitpunkt, als sie diese Lieder schrieben (nur „This Is Our Time“ stammt aus der Zeit nach der Diagnose), nicht wissen konnten. So erhalten Zeilen wie „There was a You before me, there was a Me before you, and that’s the way it goes“ oder „You don’t have to worry on my heart – With me your love’s safe“ (beide aus „On My Heart“) oder „There’s no one who deserves real love a thousand times more“ („A Thousand Times More“) noch einmal ganz neue Prägnanz, die die Tränendrüsen Überstunden machen lässt..

Während seiner Therapie arbeitete Benjamin wie besessen an der Musik, und als er das Krankenhaus nicht mehr für Studiobesuche verlassen durfte, war er fürs letzte Lied „This Is Our Time“ wenigstens per Skype vom Krankenbett aus dabei. Nach seinem Tod brachte Alejandra es monatelang nicht über Herz, sich den Bändern zu widmen. Erst als sie nach Los Angeles zog, New York, wo an jeder Straßenecke die Erinnerungen lauerten, den Rücken kehrte, wagte sie sich daran, „SVIIB“ mit Producer Justin Meldal-Johnson (M83) fertig zu stellen. Es wurde das beste Denkmal, das sie Benjamin hätte setzen können.

„This is our time, and our time is indestructable.“

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