Review: Suede

Suede_Night_ThoughtsSuede – „Night Thoughts“

So. Heute aber. Lange genug hat’s gedauert.

Das Suede-Album ist seit dreieinhalb Wochen draußen, aber erst heute komme ich endlich dazu, es auch richtig anzuhören. Es nicht nur mal nebenbei laufen zu lassen, sondern mich der Platte so richtig zu widmen. Texte mitlesen, Kerzen anmachen, ein feines Gläschen geniessen dazu.

Man hat die Platte ja ziemlich gefeiert. Ihre beste seit „Dog Man Star“ sei dies, wird geschrieben. Ganz ehrlich? „Dog Man Star“ ist gar nicht mein Lieblings-Suede-Album, auch wenn es als Skrileg gilt, das zu sagen. Ich mochte ich die künstlichen pop-Suede immer etwas lieber als die aufgeplusterten. Anyway. Lassen wir’s auf uns zukommen.

Oha. Los geht’s mit dramatischen Streicher, wie sie seit „Attack Of The Grey Lantern“ kein Album mehr eröffnet haben. Bombastik pur. Aber auch etwas, das man sich trauen muss. „When You Were Young“ singt von der Unschuld. „When you are young, there is nothing right and nothing wrong. You will play in the maze, till your mother, she calls you away“ schmachtet Brett Anderson, und man ahnt schon: Die Zeiten, in denen das Labyrinth des Lebens ein Spielplatz war, den man mit großen Augen auf sich einwirken ließ und den man mal eben so verlassen konnte, weil Mama in den Hafen ruft, die sind vorbei. Ein starker, schicksalsdräuender Anfang.

Er leitet direkt über in die erste Aussenseiterhymne. Aussenseiterhymnen, das war immer schon eine Spezialität von Suede. Song zwei heisst entsprechend in typisch Suede’scher Subtilität: „Outsiders“.

„Outsiders“ hat einen packenden Beat und Gitarrist Richard Oakes läßt seine Gitarre so aufjaulen, dass Bernard Butler bestimmt wieder zähneknirschend zuhause hatet. Denn Oakes beweist hier, was er ja eigentlich niemandem mehr beweisen muss: Dass er Butler nach „Dog Man Star“ nicht nur kompetent ersetzte. Sondern dass er wirklich was drauf hat. Der Text? Zwei Verzweifelte, die in einer tristen Welt die Liebe suchen. Sie finden? Sich gegenseitig. Immerhin. Ob das was Gutes ist oder was Schlechtes, lässt Anderson offen. Tendenz: Schon okay. Gönnt es euch, Outsiders!

suede klein 1Next: „No Tomorrow“. Ein Glamrock-Stampfer, wie er im Buche steht. Allerdings, der Refrain deutet eher auf Depression: „Fight the sorrow, come there’s no tomorrow.“ Chirpy this isn’t.

An dieser Stelle ein kurzer Einwurf: Suede machen zwischen den Songs keine Pausen. Während der eine Song noch ausläuft, setzt der nächste schon ein. Das ist ein gelungener Schachzug, der für eine Ganzheitlichkeit des Albums sorgt.

„Pale Snow“. Mehr ein Interludium als ein Song. Keine Strophen, kein Refrain, sondern drei Parts, keiner davon ein Ohrwurm. Man sollte „Pale Snow“ wohl als das Vorspiel zu „I Don’t Know How To Reach You“ betrachten: Über sechs Minuten Herzschmerz. Der Moment, an dem man ein Beziehung, um die man gekämpft hat, aufgibt. Resignation und Schmerz. Im wiederholten „I never thought it would happen“  höre ich ein Echo von „I’ve seen this happen in other peoples lives, now it’s happening in mine.“

„What I’m Trying To Tell You“ zieht das Tempo wieder an. Die Nummer hat fast den Hüftschwung von „The Beautiful Ones“! Aber auch die Traurigkeit von „Stay Together“. Irgendwie schon stark, wie sich Suede so vollständig innerhalb ihrer eigenen Koordinaten bewegen können. Man könnte mosern „Da ist ja keine Fortentwicklung“, aber ich glaube, es ist umgekehrt: Da ist eine Konsistenz.

„Tightrope“ – und Zeit, dass ich noch was verrate: Suede-Balladen waren nie meins. Balladen mag ich am liebsten, wenn sie zärtlich und flüchtig sind. Das waren Suedes Balladen nie. Die tragen immer Skischuhe. Brett Anderson flüstert nicht. Er muss immer schmettern, das ist ein Naturgesetz. So ist mir auch die „Es ist kompliziert“-Nummer „Tightrope“ zu dick aufgetragen.

Da hat „Learning To Be“, noch so ein Schleicher, den ich als „Ich kann halt doch nicht ohne dich“-Song deute, doch gleich mehr Subtilität.

Jetzt: „Like Kids“. Die Nummer kennen wir schon, es war eine der Vorab-Singles. Ein echter Powerriegel. Eine der großen Suede Singles, forever. Okay, vielleicht kein „Beautiful Ones“ – aber mindestens auf dem Level von „Electricity“. Hier geht’s um die Euphorie des Frischverliebtseins, hier wird über rote und gelbe Ampeln gefahren, denn „nothing matters like this moment.“ Das ist einfach richtig gut und es erzielt genau die Wirkung, die es erzielen will. Da sind Könner am Werk. Hihi: Im Refrain gibt’s Misheard Lyrics: Bei „Oh, we hold it all in our fist, like kids, like savages!“  höre ich immer „Sandwiches“ statt „Savages“. Jetzt, wo ich euch das erzählt habe, wird’s euch auch so gehen. Sorry, hehe.

suede klein 2„I Can*t Give Her What She Wants“ behandelt für mich ein mal mehr eine längere Beziehung an dem Punkt kurz vorm Ende. Dazu fällt mir auf: Habe ich nicht überall gelesen, Brett Anderson sänge jetzt übers Familienleben und die Kinder bzw die Ängste und Verantwortungen, die das mit sich bringt? Es soll ja so sein, aber ich habe diese Interpretation noch nicht aus den Texten heraus gelesen. Was wohl mein Fehler sein muss. Anyway, für diesen Song gilt, was auch für „Tightrope“ galt.

„When You Were Young“ greift noch mal das Streicherthema vom Anfang auf (Hey, „Attack Of The Grey Lantern“ lässt schon wieder grüßen) und gibt eine Reprise des Refrains von Track 1. Ich finde es gut, dass Suede das machen. Denn das gibt dem Album schon einen Zusammenhalt und macht es zum Gesamtbild

„The Fur And The Feathers“ ist schließlich der pompöse Abschluss, den man von einem Suede-Album erwarten darf. Es ist Bretts große Liebesballade: Auch wenn er „the thrill of the chase“ betont und seiner Holden erzählt, dass es auch das Erobern-Wollen war, das damals der Auslöser gewesen sein mag, singt er doch „I know that there’s a meaning beyond the flesh / Well, I’ve found some different feeling In the grip of your caress“ Es geht heute um mehr als den Sex, Baby, um den es damals ging, heißt das.

So. Das hat sich gelohnt. Denn ich habe dieses Album in den letzten Wochen vier, fünf mal nebenbei gehört und war nicht so überzeugt. Okay, ich freute mich über die knackigen Popnummern, ich fand die Balladen aber zäh. Aber wenn man sich gerade morgens fertig macht und zwischen Zähneputzen und Schlüssel suchen durch die Küche springt, kann man eine Platte, die auch noch „Night Thoughts“ heisst, natürlich nicht richtig würdigen. Jetzt, glaube ich, kann ich das besser. Zumindest habe ich das Album nun in seiner Gänze mal wahrgenommen und so auf mich einwirken lassen.

In vielerlei Hinsicht ist „Night Thoughts“ ein typisches Suede-Album. Es liefert die typisch bunten Indieglam-Popsongs, zu denen man die Federboa schwingen kann (wenn auch heute vielleicht schwarz eingefärbt) und es liefert die sentimentalen Schmachtfetzen. Suede haben die Position, an der sie sich 24 Jahre nach ihren ersten Titelseiten befinden, ja nicht von ungefähr. Sie haben sie sich erarbeitet, weil sie verdammt gute Songs schreiben können. Komplexe Kompositionen mit Bridges und Middle Eights, mit evokativer Gitarrenarbeit, mit satten Rhythmen, die prima im Ohr hängen bleiben. Als eine Sammlung solcher Songs ist „Night Thoughts“ besonders gelungen. Einerseits, weil die Songs ohne echten Durchhänger auf dem höchsten Suede-Level stattfinden und zweitens, weil sie gemeinsam durch übergreifende Sound- und Themenwahl eine Einheit bilden.

Ist es nun ihre beste Platte, seit Bernard Butler ausstieg? Ach, das ist doch eine etwas alberne Frage. Suede 2016 bedeuten, das liegt in der Natur der Sache, etwas anderes als Suede 1993. Sie sind elder statesmen und Familienväter, nicht mehr die sexuell aufregenden Durchstarter.  Dafür haben sie sich Relevanz und Glamfaktor bewahrt und Respekt und Würde erarbeitet.

Ranking suede

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s