Review: DIIV

DIIVDIIV – „Is The Is Are“

Glaubt man bestimmten Medien-Berichten, so wird Zac Cole Smith mancherorts als sowas wie der Nachfolger von Kurt Cobain gehandelt. Das kann nicht stimmen, denn das wäre großer, riesengroßer Quatsch. Also, versteht mich nicht falsch, „Oshin“ war ne gute Platte mit ein paar prima Songs. Aber, hey, es war ja wohl kein „Nevermind“. „Nevermind“ war die Platte, die im richtigen Moment das Fass einer ganzen Generation zum Überlaufen brachte. Die Platte, nach der eine ganze Welt nach außen gestülpt war. „Nevermind“ war ein Manifest. „Oshin“? Klang verwaschen und verschlafen. Zac Cole Smith und seine Liebste Sky Ferrara wurden mit Heroin erwischt, okay. Aber das macht sie doch nicht zu Kurt & Courtney?! Wie sensationsgeil seid ihr denn da draußen?

Puh, das ist aus dem Weg. Das musste ich erst mal loswerden. Es ist ja nie so leicht, Bands von ihrem Image zu trennen. DIIV scheinen das verplante-Slacker-Image-Ding manchmal sogar absichtlich zu befeuern.

Die Band, mit der man DIIV gefälligst vergleichen sollte, ist aber natürlich nicht Nirvana.

Sondern das ist The Cure. Schon interessant: The Cures Werk war (ist) so vielfältig, dass Bands sich auf einzelne Alben stürzen können, um ihren Sound zu finden. Es gibt Bands, die klingen nach „The Head on The Door“ und Bands, die klingen nach „Pornography“. DIIV vollbringen das Kunststück, nach einer Cure-Platte zu klingen, die Robert Smith nie gemacht hat: Sie platzieren sich genau zwischen „Three Imaginary Boys“ und „Seventeen Seconds“.

Es ist eine prima Nische, die DIIV da für sich gefunden haben und sie kosten alles voll aus, was diese Nische hergibt. Als da wären: Melodische Simon Gallup-Bassläufe, die oft genug die Melodie tragen. Staubtrockene Drums. Zu den Gitarren: DIIV sind keine Band, die Akkorde durchschwingt. Sie spielen grundsätzlich spiralige One-Note-Achtel-Gitarrenlines, gerne auf zwei Gitarren gleichzeitig, so dass die Gitarenlinien umeinander herum wedeln die die Bänder von zwei rhythmischen Sportgymnastin. Wenn nur eine Gitarre eine Melodie gibt, sorgt die zweite gerne für schimmerndes Feedback.

diiv colezacOkay, der Gesang, der ist entschieden nicht Cure-ig. Wo Robert Smith litt, grummelte und nörgelte, säuselt Zac Cole Smith unbestimmt ins Blaue.  – Whoa, gerade läuft „Yr Not Far“ und es klingt halt dermaßen 1:1 wie ein Outtake aus „Seventeen Seconds“, dass ich mich mal eben selbst unterbrechen muss. Der Bass spielt mit genau dem Helikopter-Effekt, den The Cure auf „Primary“ einsetzen!

Wo war ich? Zacs Gesang. Ehrlich gesagt, ich habe noch nie auf seine Texte geachtet. Sagt er was Wichtiges aus? Er klingt mal nicht danach. Denn Zac nuschelt so! Wer was sagen will, das ihm auf der Seele lastet, wer die Menschheit aufrütteln will, der nuschelt doch nicht? Was ist „Is The Is Are“ eigentlich für ein Albumtitel? Sowas sagt man, wenn man mitten in der Nacht geweckt wird und nicht weiss, wo man ist! Ein Statement klingt anders.

Okay, ich weiss inzwischen: Zach hat die Texte größtenteils auf seinem Entzug geschrieben, und sie befassen sich mit dem Horror seiner Sucht. Persönliches, privates Zeug, das man nicht rausposaunt. So passt es dann doch mit dem Nuscheln: Nuscheln, das ist ja auch was Introvertiertes. Letztlich transportieren die Songs sowas wie ein sehnsüchtiges Gefühl. Zac scheint mit sich selbst zu reden und sich an einen Ort zu wünschen, an dem Harmonie herrscht. Das ist die Emotion, das ich als Hörer mitnehme, und es ist eine schöne, durchaus bewegende Emotion.

Wirklich, diese umeinander tanzenden Gitarrenlines, die stets linear vorwärts drängenden Drums, die wie beim Shoegazing mehr in die Sonne blinzelnd gesummten als gesungenen Melodien, das schwerelose Feedback – das ist einfach schön. Es ergibt Song für Song für Song eine Klangkombination, die meinem praktischerweise von The Cure sehr geprägten Musikgeschmack regelrecht auf den Leib geschneidert ist.

Kommen wir zum Fazit. Es gibt ein paar Dinge, die mich an DIIV weiter stören: Ich erwähnte die meiner Meinung nach deplatzierten Nirvana-Vergleiche, die zur Schau gestellte Attitüde – aber auch die Tatsache, dass manche DIIVs Sound als was Brandneues bejubeln, obwohl die Band sich schon unverschämt bei The Cure 1980 und Shoegazing 1991 bedient, kann einen alten Besserwisser wie mich irritieren.

Aber es gibt eine Sache, da kann ich bei allem Argwohn und allem Abstandhalten einfach nichts dran aussetzen – und das ist die Musik. Auch wenn die 15 Songs und 63 Minuten dieses Albums sicher auf 11 bzw 45 runtergekürzt hätten werden können, ohne dass es wem aufgefallen wäre. Auch wenn die einzelnen Songs sich oft so ähneln, dass sie ineinander verschwimmen – das macht letztlich nichts. Denn „Is The Is Are“ ist ein Album, das eine Stimmung und ein Klangbild kreiert und das sich nicht über die einzelnen Songs definiert. Obwohl so einige Songs für sich famos sind. So ist die Stunde, die man mit „Is The Is Are“ verbringt, eine gute Stunde.

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