Review: Blaue Blume

BB_Digi_2400x2400Blaue Blume – „Syzygy“

„Du musst dir unbedingt Blaue Blume anschauen!“ hatte man mir gesagt. Und das stimmte.

Beim dem SPOT Festival in Aarhus schlurften vier dürre, langhaarige Dänen mit glasigem Blick auf die kleine Zeltbühne. Sie strahlten eine solche Bekifftheit aus, dass man in diesem Moment keinen von ihnen losgeschickt hätte, um Münzen in eine Parkuhr zu stecken – aus Angst, dass übermorgen ein Anruf aus Peru kommt: „Wie bin ich jetzt hier gelandet?“ Aber als sie die Gitarren umgeschnallt und den Bass umgehängt hatten, da verwoben sich alle vier konzentriert zu einem vertrackt-psychedelischen Klangwolkenteppich. Mit Gitarrenlinien wie Wendeltreppen oder Spiralnebeln, mit Bassläufen wie Wasserfällen, zusammengehalten durch einen präzisen Drummer. „So würden Tame Impala in einer rosa Schwerelosigkeit klingen“ dachte ich mir noch, dann machte der Sänger seinen Mund auf. Seine glockenhelle Stimme schien kaum menschlich, viel mehr klang das, was er von sich gab, nach Walgesang. Nur trauriger. Wie ein Wal mit Liebeskummer. Und die Gitarre plick-plinktere das Sonar dazu, der Bass das submarine Blubbern.

Wenn ihr meinen alten Blog auch gelesen habt, kennt ihr die Formulierung „ein Wal mit Liebeskummer“ schon. So habe ich auch Nokilaj Vonsild beschrieben. Ebenfalls Däne, die Stimme von When Saints Go Machine. Und ja, Jonas Smith von Blaue Blume klingt in der Tat sehr ähnlich wie Vonsild. Das kehlige Vibrato, das ist auch sein Markenzeichen. Aber Blaue Blume machen ganz andere Musik als ihre Kopenhagener Stadtkollegen. WSGM bleiben mit klaren, strukturierten Beats am Boden. Blaue Blume heben ab und schweben. Wirklich ein ganz eigener, himmlischer Sound. Guckt euch die Band live an! Ich kann’s nur weitergeben!

Having said that – auch wenn ich das Debütalbum dieser zauberhaften Band ungeduldig erwartet habe (bis dato gab’s nur zwei EPs aus dem Jahr 2014), so würde ich lügen, wenn ich jetzt behaupten würde, dass es keine Schwächen aufweist.

Syzygy Blaue BlumeEins ist klar: Blaue Blume schreiben keine Songs, die mal eben ins Ohr gehen und die man sofort mitpfeift. Ihr Ding, das sind Atmosphären. Soundtracks, die anschwellen und abebben, die dahingleiten und absinken, die sich aufplustern und verpuffen. Was toll ist. Was wirklich richtig toll ist. In Maßen, oder wenn man’s live sieht. Bestimmt auch in anderen Momenten, in denen man sich zur Musik fallen läßt.

Aber dies bedeutet, dass man sich dem Album wirklich konsequent hingeben muss, um es zu genießen. Dies ist keine Platte, die man gut nebenbei laufen lassen kann, während man einen Quiche macht, zum Beispiel. (Ja, gestern gab’s Quiche.) Denn wenn man dieser Platte nicht seine volle Aufmerksamkeit schenkt, dann beginnt sie zu ploddern. Dann liefern ihre ewigen Midtempo-Rhythmen keine Abwechslung. Dann fehlen die Refrains, an denen man sich festhalten kann. Dann fließen die Songs ineinander zu einem Brei, der hübsch und gepflegt, aber unweigerlich langweilt. Dann fällt einem auf, dass man in keinem Moment unbewusst mitsingt – so, wie man’s normalerweise machen würde, während man einen Quicheteig knetet oder Schinken schneidet, und dazu eine Lieblingsplatte läuft.

Was heißt das insgesamt? Zuerst auf jeden Fall, dass Blaue Blume schon zweifellos eine sehr spannende Band sind. Eine Band, die ihren ganz eigenen Sound vorweisen kann, die sich bereits in ihrem eigenen Referenzsystem bewegt und die fähig ist, wirklich himmlische Musik zu machen.

Es heisst aber auch, dass ich „Syzygy“ trotzdem nicht ohne Vorwarnung jedem ans Herz legen kann. Denn manch ein Hörer wird in Gähnstarre verfallen, beispielsweise bei „Tranquil Curtains“, das schon nicht mehr fließt, sondern daliegt wie eine Tümpel. Da kann Jonas Smith noch so lieblich darüber wimmern, da guckt man auch mal auf die Uhr.

Der bisher bekannteste und poppigste Blaue Blume-Song trägt den Namen „In Disco Lights“. Er stammt von der „Beau & Lorette“ EP. Er ist nicht auf den 10 Songs vom Album vertreten. Ich glaube, er wäre eine gute Addition gewesen. Er hätte, irgendwo in der Albummitte platziert, eine andere, konkretere Seite von Blaue Blume zeigen und die zwischenzeitliche Stagnation aufbrechen können. Einen elften Song hätte das Album auch durchaus noch vertragen, glaube ich.

So oder so sind die Kopenhagener eine ganz bemerkenswerte Band – eine, der ich zutraue, dass sie uns in der Zukunft noch bessere Alben kredenzen wird als das noch nicht makellose „Syzygy“.

Ranking Blaue Blume

SKY – Blaue Blume from Kristian Holm on Vimeo.

Blaue Blume from Mads Junker on Vimeo.

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