Review: The Cactus Blossoms

You're DreamingThe Cactus Blossoms – „You’re Dreaming“

Wenn es um Retro-Sounds geht, ist es immer eine Gratwanderung: Was ist authentisch, was ist the real thing – und was ist nur eine unoriginelle Kopie, ein Abklatsch? Klar, die Übergänge können dabei fließend sein und oft genug hängt diese Beurteilung auch vom Rezipienten ab. Manchmal aber kann es keine Zweifel geben, dass jemand nicht nur die Formalien, sondern auch den Spirit einer Ära mit seiner Musik einfängt. Aus St.Paul, Minnesota, kommt ein Duo, dem niemand, niemand diese Authentizität absprechen wird.

Jack Torrey und Page Burkum sind, trotz der verschiedenen Nachnamen, ein Brüderpaar. Brüder sind es auch, an denen sie sich orientieren: Brothers mit Namen Louvin oder Everly.

Der Plan der beiden war nie, im Musikbusiness Fuß zu fassen. Längst aus der Mode geratene Country-Musik aus der Zeit vor den Sixties – das ist ja nicht gerade der Sound, dem die Talentscouts der Labels hinterher jagen. Aber es ist der Sound, der die zwei faszinierte, und für den ihre genetisch verwandten Stimmen wie geschaffen waren.

Erste Konzerte als Duo, auf denen die zwei mehr oder weniger obskure Originale nachspielten, führten zu regelmäßigen Auftritten im „Turf Club“ von St. Paul. Die Shows sprachen sich herum und je mehr Lieder die zwei coverten, umso mehr gingen ihnen diese Lieder in Fleisch und Blut über – so sehr, dass mit der Zeit mehr und mehr Eigenkompositionen im Set unterbrachten, die das Publikum von den Originalen aus den 50s nicht unterscheiden konnte.

Zwei Alben haben die beiden auf kleinen Labels eingespielt, „The Cactus Blossoms“ (2011) und „Live at the Turf Club“ (2013) – Alben, auf denen sie noch zumeist Covers spielen. Auf ihrem dritten Album nehmen die Brüder nun die nächste Stufe und präsentieren uns ihre Originale.

cbsProduziert wurde „You’re Dreaming“ von JD McPherson – auch so eine Koryphäe, was Klänge aus der Vergangenheit angeht. Mc Pherson ist Fan: Nachdem die Cactus Blossoms eine Show für McPherson als Vorband bestritten hatten, nahm er sie gleich auf die komplette Tour mit. Sein Name garantiert, dass hier alles Rock’n’Roll-Luft aus den 50ern atmet. Nur das fehlende Knistern und Knacken einer Vinyl-Scheibe verrät, dass „You’re Dreaming“ eine Platte aus dem Jahr 2016, nicht etwa 1959 ist.

Nun kann man sich streiten, ob das was Gutes ist. Ob ein so exakter Nachbau des Sounds einer vergangenen Ära, so filigran und liebevoll er auch sein mag, ins Jahr 2016 gehört, oder ob man nicht lieber gleich die Originale hören sollte. Ich sage: Mir fällt zur Zeit niemand ein, der sich außer den Cactus Blossoms so auf diesen Sound spezialisiert hat, und diese akribische Restauration und Pflege einer musikalischen Tradition macht’s dann doch wieder auf seine Art und Weise originell.

Wichtiger: Alben stehen und fallen immer, IMMER mit ihren Songs – und die Lieder der Cactus Blossoms gehen fein so ins Ohr wie die Klassiker, mit denen sie sich messen. Dabei haben’s mir besonders die flotteren Mitschnips-Rock’n’Roll-Nummern wie „Change Your Ways Or Die“ oder „Stoplight Kisses“ angetan. Aber auch die Balladen machen mich happy – einfach weil die Gesangsperformance der Brüder mit ihren ineinander verschmelzenden Stimmen so brillant ist. Fazit: Der Style mag 60 Jahre alt sein, aber 2016 ist „You’re Dreaming“ einer der frischesten Sounds, die man seinen Ohren gönnen kann.

Cactus Bloss

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