Interview: Ethan Johns

Ethan Johns Opener

Sein Name steht in den Booklets vieler Lieblingsalben. Ethan Johns hat Ryan Adams produziert, Laura Marling, die Kings of Leon und viele mehr. Aber der Sohn der 60s-Producerlegende Glyn Johns ist auch auch als Musiker aktiv und spielte live in den Bands u.a. von Emmylou Harris, Ray Lamontagne, Tom Jones und Crosby, Stills & Nash. Nur eigene Musik, die hat Ethan Johns lange für sich behalten. Das aktuelle Album „Silver Liner“ mit seiner Band The Black Eyed Dogs (inkl. BJ Cole, guit, Nick Pini, b, und Jeremy Stacey, dr) ist erst die dritte Platte des 46jährigen mit eigenen Songs. Diese Platte war mir der willkommene Aufhänger für ein Telefoninterview mit diesem Lieblingsproduzenten.

Hello! Wie geht’s?

Prima, vielen Dank – wie geht’s dir?

Sehr gut.

Ich freue mich auf das Gespräch, denn du hast so viele meiner Lieblingsalben produziert!

Oh, das ist nett! Das hört man immer gern.

Umso interessanter ist es, dich mal als Künstler zu hören – diesmal bist du im Studio auf der anderen Seite der Glasscheibe.

Ja!

Fühlt es sich denn anders an, auf der anderen Seite  dieser Scheibe?

Es ist schon was Anderes – aber nur in einer Hinsicht: Dass es meine Songs sind, und dass ich sie singe. Alles andere ist ziemlich das Gleiche. Zuallererst bin ich eh Musiker, und auf den Alben, die ich produziere, spiele ich auch oft mit. Ich nehme immer sehr großen Anteil an allen Platten, die ich mache. Deswegen ist es auf viele Weisen ähnlich – nur eben die Perspektive, selbst Künstler zu sein, die ist natürlich ganz anders. Weil man sich anders fokussiert.

Wir Außenstehenden fragen uns ja eh immer: Was macht ein Producer denn eigentlich genau?

Ha, genau! Auf diese Frage gibt es so viele Antworten, wie es auf der Welt Produzenten gibt. Jeder Producer ist anders. Und sogar meine Rolle ist bei jeder Platte, die ich betreue, eine andere, sie ändert sich von Tag zu Tag, von Aufgabe zu Aufgabe, von Künstler zu Künstler. Dieser Job ist fast unmöglich zu genau zu beschreiben – weil er aus so vielen verschiedenen Dingen bestehen kann. Es kommt letztlich immer darauf an, was der Künstler bzw. sein Projekt am meisten benötigt – zu diesem bestimmten Zeitpunkt.

Du bist wie der Manager eines Fußballclubs und hast rundum alle möglichen Aufgaben zu erfüllen.

Haha, irgendwie schon. Offiziell ist deine Aufgabe, die Platte zu betreuen. In Wirklichkeit hast du zuallererst eine Verantwortung dem Künstler gegenüber. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass meine Rolle oft ist, aus dem Künstler das beste heraus zu holen und ihn auf vielerlei Art und Weise zu unterstützen. Dabei versuche ich aber immer, zu erspüren, was genau der Künstler erreichen will – und wie wir dort am besten hin gelangen. Und das wiederum kann sich von Projekt zu Projekt sehr unterscheiden.

Ethan Johns - Silver Liner
Ethan Johns – Silver Liner

Das klingt auf jeden Fall nach einem guten Ansatz. Denn man hört ja nicht selten von Musikern, die das Gefühl haben, von einem Producer in eine bestimmte Richtung gezerrt zu werden. Und was du da  beschreibst, ist ja das Gegenteil davon. 

So ist es – und ich glaube, das wichtigste für mich ist, mit dem Künstler ZUSAMMEN zu arbeiten, auf eine möglichst ehrliche Weise. Da muss man wirklich auf einer Wellenlänge sein mit dem Künstler, mit dem man arbeitet. Auch muss man mit dieser Person einen sehr offenen Umgang haben, um am besten zu verstehen, was gefragt ist. Aber niemand weiss immer genau, was zum jeweiligen Zeitpunkt das genau richtige ist. Das ist wiederum das Tolle an Zusammenarbeit, denn dann ist es ein Geben und Nehmen. So lange man regelmäßig mit dem Künstler Rücksprache hält und sicherstellt, dass sie happy sind über das, was gerade abläuft, kann man verhindern, dass man aneinander vorbei arbeitet. Ich bin mir sicher, dass so manche Künstler sich in einem Studio mit Produzenten wieder gefunden haben, bei denen sie sich nie sicher waren, warum es diese Person ist. Für viele Leute ist es ein Lernprozess. Es gibt viele verschiedene Arten, Platten aufzunehmen, verschiedene Producer sind aus verschiedenen Gründen in einem Studio anwesend. Ich kann zum Beispiel mit keinem Künstler arbeiten, an den ich nicht glaube oder den ich nicht respektiere. So ist es sehr schwierig, den Job zu definieren – letztlich ist es sogar eine Aufgabe des Künstlers. Wenn er nicht happy ist damit, wohin die Reise geht, dann muss er oder sie sich melden und sagen: „Ich bin nicht glücklich mit der Richtung!“ Ich glaube jedenfalls, dass jedes Mitglied in einer Band die Fähigkeit hat, auf gute Ideen zu kommen. Auch wenn man manchmal ein paar Tage braucht, bis man die Vorzüge einer Idee versteht, muss gelten: Deine eigenen Ideen müssen nicht grundsätzlich die Besten sein und es gut, eine Offenheit zu bewahren. Platten aufnehmen ist eine schwierige Sache, weil es so viele Möglichkeiten gibt. Und am Ende macht man ohnehin NIE die Platte, von der man dachte, man werde sie machen. Jedenfalls nicht in meiner Erfahrung. Das Geheimnis ist, der Sache die Chance zu geben, sich zu entfalten, und der Inspiration zu folgen. Ein Künstler muss allerdings bereits sehr weit entwickelt sein, um sich zu trauen, los zu lassen und den magischen Dingen eine Chance zu geben, nicht alles kontrollieren zu wollen. Viele Künstler machen sich darüber verrückt, weil sie einem Ideal folgen, das zu erreichen unmöglich ist.

Interessanterweise hatte ich neulich erst einen deiner Künstler am Telefon – ich sprach mit dem Keyboarder von Boy & Bear, die Du gerade aufgenommen hattest.

Oh, ja!

Er sagte mehr oder weniger: Deine Methode ist es, dafür zu sorgen, dass sich jeder im Studio wohl fühlt und so eine Atmosphäre zu kreieren, in der jeder sich gehen lassen kann.

Ja! denn dann, glaube ich, ist Musik am besten. Wenn der kreative Geist sich frei fühlt, das ist der zustand, in dem die magischen Momente passieren! Jedenfalls in meiner Erfahrung – und meinen Geschmack betreffend.

Aber natürlich möchten wir auch über deine Platte sprechen – und was mir als erstes ins Auge fiel, war dies: „Produced, engineered and mixed by Jeremy Stacey“. Du hast all diese Kontrolle an deinen Drummer abgegeben.

Stimmt.

Bist du als Autor an den Songs zu nah dran? Brauchst auch du jemanden, der dich durch diesen Aufnahmeprozess geleitet?

Ja, so ist das. Das trifft es ziemlich genau. Ich finde, es ist sehr wichtig, dass man mit Leuten arbeitet, die man respektiert und denen man vertraut – denn es ist für alle Künstler schwer, eine Außenperspektive auf ihre Songs zu haben. Wie schon gesagt, alles ist Zusammenarbeit. Jeremy und ich kennen uns schon ewig und wir haben auf der Platte gemeinsam gearbeitet. Er hat mir sehr geholfen, auch ein bisschen selbstbewusst zu sein und mich mehr zu trauen, und an Dinge zu glauben, die ich selbst vielleicht ein bisschen vorsichtig betrachtete. Ich schätze seine Meinung sehr und die Art, wie er Musik wahrnimmt. Das war genauso, als ich mit Ryan Adams gearbeitet habe – keine meiner eigenen Platten habe ich selbst produziert, weil ich das Gefühl habe, dass ich Input von außen brauche. Von jemandem, den ich respektiere. Denn ich selbst kann einfach nicht die beste Perspektive haben auf das, was ich tue. Man braucht Leute, denen man trauen kann, wenn man zweifelt oder sich unsicher ist. Diese Leute helfen einem. Sie sagen: Nimm mal etwas Abstand, lass dem Moment die Zeit, sich zu erkennen zu geben. Jeremy war in der Hinsicht großartig. Alles ging ganz schnell von der Hand, wir beide waren auf der gleichen Suche nach der Magie in den Aufnahmen, und mit dem Ergebnis bin ich superglücklich. Ohne ihn hätte ich die Platte nie und nimmer so hingekriegt. Was aber auch für all die anderen Jungs angeht, die auf der Platte mitgespielt haben. Das Ganze war ein sehr freies und sehr gemeinsames… Sich-Ausdrücken von Musikalität. Sie alle können wirklich toll spielen – und ich habe vor ihnen allen einen Riesenrespekt. Deswegen finde ich die Platte selbst interessant – weil diese Jungs sich so eingebracht haben, und wie sie auf die Songs ansprachen. Ich bin sehr dankbar für den Input und die Musikalität von allen, die daran teilgenommen haben. Jeremy hat einen super Job gemacht – die Platte klingt toll. Ich bin dankbar und sehr froh, dass er das gemacht hat.

ethan johns1Was du da sagst, gibt einem wirklich einen Einblick auf deine Arbeitsweise. Man denkt ja: Hey, der Super-Producer, er kennt jedes Knöpfchen im Studio, klar produziert er sein Album selbst! Darum ist es interessant, dass du sagst: Selbst ich brauche Input von außen.

So ist es.

Andererseits – einem BJ Cole sagt man auch nicht, was er tun soll. Das ist übrigens eine Frage, die ich mir notiert habe. Du hast ja in letzter Zeit auch mit Giganten wie Tom Jones und Paul McCartney gearbeitet. Wenn man mit solchen Größen im Studio ist, lassen die sich überhaupt etwas sagen? Die haben schließlich schon alles gesehen.

Oh, so ist es überhaupt nicht. Sie sehen es ganz genauso wie ich: Es wäre doch völlig sinnlos, einen Partner mit an Bord zu haben, wenn man seine Ideen und sein Input nicht auch nutzen würde. Jeder fortgeschrittene Künstler wird respektieren und offen sein für jede Art Input, von jedem Menschen, den er ausgewählt hat, dass er mit im Raum ist. Sowohl Paul und Tom sind sehr offen für alle meine Ideen. Das ist keine Ego-Frage, da will keiner dem anderen imponieren. Das wäre ja auch kindisch – und irgendwie zwecklos. All diese Leute sind gestandene Künstler, und zwar genau deshalb, weil sie in jeder Aufnahme-Situation, in der sie waren, verstanden, dass es ein Geben und Nehmen ist, und dass man immer nur voneinander lernen kann, oder neue Perspektiven aufgezeigt bekommen kann. Das ist, worum es geht beim Musik machen: Ideen hin und her zu werfen und sich gegenseitig anzustacheln.

Ich glaube einfach, wenn ich mit Paul McCartney in einem Studio säße, dann würde ich mir nur die ganze Zeit denken: „Hey, das ist ein ECHTER BEATLE da vor mir!“

Haha, ganz sicher, es ist ein fantastisches Gefühl, mit jemandem im Studio zu sitzen, der ein paar meiner Lieblingsplatten gemacht hat. Aber andererseits: Du bist nicht dort, um zu staunen – du bist dort, um Musik zu machen. Auch Paul ist sehr gut darin, dafür zu sorgen, dass man sich in seiner Nähe wohl fühlt. Er spricht auch gerne und offen über diese Zeiten – er weiss ja, dass die Leute sich dafür interessieren, und er ist stolz auf seine Arbeit mit den Beatles. Er freut sich, wenn man ihn über die Bassline von „Paperback Writer“ fragt. Nicht, dass wir damit viel Zeit verbracht hätten. Wir wollten schließlich neue Musik machen! Ich lernte viel von meiner Arbeit mit Paul – aber ich lerne von jedem Künstler, mit dem ich aufnehme!

Auch das wäre eine meiner Fragen gewesen: Wenn man mit solchen Veteranen wie McCartney oder Jones arbeitet – aber auch mit The Vaccines oder Laura Marling – was nimmt man hinterher für sich mit?

Oh, man nimmt immer was mit. Aus jeder Erfahrung kann man lernen und jede Platte ist anders. Wenn man offen ist und die richtige Einstellung hat, kann man immer etwas lernen. Ich habe noch von jedem Künstler etwas gelernt, mit dem ich arbeitete, sogar von all den Debütalben wie bei Laura Marling. Nur weil jemand 18 ist und seine erste Platte aufnimmt, heisst das doch nicht, dass es nicht irgendwas geben wird, das man mitnehmen kann. Man muss jeden respektieren, mit dem man arbeitet, und ich lasse mich gerne inspirieren. All diese Künstler sind einzigartig und sie alle haben ihre eigene Art, kreativ zu sein. Ich lerne von allen. Keine Frage.

Diese Platte enthält natürlich nun Songs, die du geschrieben hast. Was inspiriert dich normalerweise, einen Song zu schreiben, und worum geht es dir, wenn du einen Song schreibst?

Das ist ne gute Frage. Sie ist ziemlich schwer zu beantworten, aber ich will’s versuchen, so leicht wie möglich zu machen. Allerdings analysiere ich möglichst wenig, wenn ich schreibe. Der Vorgang ist sehr organisch. Was auch immer in meinem Unterbewusstsein abgeht, wenn ich in der richtigen Stimmung oder im richtigen Emotionszustand bin, dann wird die Musik, die ich spiele, etwas beinhalten, was in meinem Kopf ist, oder in meinem Herzen. Es wird dann in dem Song landen – aber es ist nichts, was ich bewusst erlebe. Was die Themenwahl angeht – ich setze mich nicht bewusst hin und sage: Okay, heute schreibe ich über dies oder das. Ich nehme ein Instrument in die Hand – und ich spiele eh immer irgendwas – und wenn der richtige Moment kommt, wird die Musik der Auslöser für einen Fluss von Worten sein. Es ist ein fast tranceartiger Zustand – wenn man wieder zu sich kommt, eine halbe Stunde oder zwei Stunden später, steht da etwas auf der Seite. Was auch immer ich gerade durchmache oder erfahre, diese Dinge finden ihren Weg in die Songs – anders kann ich’s nicht sagen. Ich glaube, da manifestiert sich einfach mein Unterbewusstsein.

Und wenn du so einen Song später noch mal anschaust, geben sie dann ihr Geheimnis frei – oder fragst du dich manchmal selbst: Worüber geht eigentlich dieser Song?

Manchmal dauert es lange, bis zu mehreren Jahren, bis sich ein Song zu erkennen gibt. Manchmal ist es aber auch ganz leicht und offensichtlich. Ein Song wie „The Sun Hardly Rises“ ist zumindest für mich recht durchschaubar. Dann wiederum gibt es Lieder wie „Six And Nines“, wo viele verschiedene Themen ineinander verwoben werden, da ist es schwieriger. Worum es in „Six And Nines“ geht, das wird sich mir vermutlich erst in ein paar Jahren eröffnen. Hehe.

Interessant ist natürlich, dass du schon in einem sehr musikalischen Haushalt groß geworden bist, denn auch dein Vater Glyn Johns ist ein gefragter Produzent. Wie können wir uns das vorstellen – saßen The Who bei euch am Frühstückstisch? Hat dein Vater dich schon zum Produzenten groß gezogen?

Nein, das hat er nicht, haha. Ich denke, die Freunde meines Vaters, das waren natürlich fast alles Musiker, und sie alle waren sehr besondere und liebenswürdige Menschen. Interessiert habe ich mich für Musik schon in sehr jungem Alter – und wann immer ein Musiker im Haus war, dann zog es mich immer zu dieser Person. Ich habe diese Leute dann immer gebeten, mir etwas beizubringen oder etwas zu zeigen. Musik war also immer um mich herum, beziehungsweise: ich hatte immer den Zugang zu Musik. Meine Schwestern wiederum sind gar nicht musikinteressiert. Ich wurde wohl einfach mit diesen Genen geboren, und ich war von Anfang an musikbesessen. Mein ganzes Leben. Ich habe sehr jung angefangen, zu spielen, die Musik hat von Anfang an mein Leben bestimmt. Und dazu kam das Glück, dass ich eben den Zugang zu großartigen Musikern hatte. Ich konnte durch meinen Vater den großartigsten Musikern dabei zuschauen, wie sie Platten aufnahmen.

Hast du eine Anekdote für uns, die uns beschreibt, wie es war, als Sohn eines Producers aufzuwachsen?

Hmmm.. da ist es natürlich schwer, eine Auswahl zu treffen. Es gab so viele Ereignisse! Ronnie Lane hat mich sehr inspiriert, einfach als Type und Künstler. Bernie Leadon war äußerst inspirierend als Musiker, er hat mir sehr viel gezeigt. Auch Andy Fairweather-Low hat mir viel beigebracht – klar, beide sind keine solchen Namen, die jeder kennt, aber beide sind unglaubliche Musiker! Ich glaube, einen Moment, der anzeigt, was für ein Riesenglück ich hatte, ist dieser: Ich war wohl etwa zehn oder elf, und ich spielte damals seit ungefähr 5 Jahren E-Gitarre. Ich war ziemlich fixiert darauf, den richtigen Ton, den richtigen Sound zu finden. Eric Clapton war bei uns im Haus und ich hatte gerade einen neuen Verstärker bekommen. Ich führte ihn ihm stolz vor und zeigte ihm all die Töne, die ich aus ihm heraus holen konnte, und wir führten ein Gespräch über Klang. Dann nahm Eric meine Gitarre – und sofort klang er unverwechselbar nach Eric! Das war der Moment, an dem mir klar wurde, dass das Equipment, auf dem er spielte, gar nicht wichtig war. Die Gitarre war nicht wichtig, der Verstärker war nicht wichtig – nichts von dem war so wichtig wie die Fähigkeit des Musikers, mit seinen Händen den Klang zu schaffen. Das war ein Riesenmoment für mich. Es war etwas, das ich nie vergessen habe. Und es hat mein Leben als Gitarrist verändert. Das ist eine ziemlich coole Story, was? Eine Meister-Lehrstunde von einem der größten Gitarristen aller Zeiten! Mit zehn Jahren!

Ha, so eine Anekdote habe ich mir nur wünschen können!

Na, da hast du sie!

ethan johnsPrima. Du lebst heute in Bath in England, nachdem du 15 Jahre in den Staaten warst. Es muss ja sicher einen Grund gegeben haben, dass du ausgerechnet Bath gepickt hast?

Also, genau genommen Leben wir in einem Örtchen eine halbe Stunde außerhalb von Bath. Der Grund ist ganz simpel: Ich und meine Frau suchten einen Ort, um uns nieder zu lassen und an dem unsere Kinder in die Schule gehen könnten. Wir haben eine Schule gefunden, die uns sehr zugesagt hat. Das war unser Hauptargument. Wir beide waren die Jahre davor ständig unterwegs, und wir beide waren von diesem Ort einfach begeistert. Es zeigte sich aber auch, dass einige sehr gute Aufnahmestudios hier stehen, Peter Gabriel zum Beispiel hat ein Aufnahmestudio namens „Real World“ ganz in der Nähe unseres Wohnorts, in dem man sehr gut arbeiten kann.

Ja, ich weiss, dass du dort mit Boy & Bear warst.

Stimmt, eine ganze Reihe Alben habe ich da in den letzten Jahren gemacht. Wir leben hier seit ca acht Jahren. Abgesehen von den genannten Vorteilen liegt Bath einfach in einem sehr schönen Teil von England. Es bietet dir was, wenn du ein bisschen weltbürgerlich leben willst, in der Stadt gibt as Restaurants aus aller Welt, aber unser Ort ist sehr ruhig und idyllisch auf dem Lande. Aber das wichtigste war die Schule für die Kinder.

So, jetzt bin ich bei 29 Minuten, man wird uns bald unterbrechen. Ich schließe meine Interview immer gerne mit der Frage nach der verrücktesten Show ab, die mein Interviewpartner je gespielt hat. Du hast ja wirklich schon mit vielen Bands gespielt, daher stelle ich mir vor, dass du bestimmt etwas auf Lager hast. 

Hmmm. Die verrückteste Show… das erste, was mir einfällt: Ich war eine Zeitlang Mitglied der Band von Emmylou Harris. Wir spielten irgendwo in Arizona. Das war ein runder Konzertsaal, die Bühne war in der Mitte und sie drehte sich. Die ganze Nacht. Das war echt surreal. Da hatte man ein komisches Gefühl auf der Bühne.

Drehte sich die Bühne so schnell, oder wie?

Das nicht, aber es fühlte sich halt komisch an. Sorry, besonders lustig war das nicht. Lieber erzähle ich von den Highlights, denn da gab es noch mehr. Das 25jährige Jubiläum von Woodstock zu spielen als Mitglied der Band von Crosby, Stills & Nash, das war ein echter Höhepunkt für mich. Das war einer der Momente, an denen man sich fragt: „Wie bin ich denn HIER her gekommen?“ Alleine die Menge von Leuten! Es heißt, es seinen zwischen 500.000 und 750.000 Menschen dort gewesen! Das war natürlich echt was Besonderes, und das dann auch noch mit DIESER Band! Nur schräge oder komische Momente, davon kann ich leider weniger bieten.

Aber ich bin sehr happy mit dem Interview, vielen Dank – jetzt haben wir halt nur sehr viel über deine Arbeit als Produzent gesprochen und gar nicht so viel über die neue Platte, ich hoffe, das ist okay für dich.

Also, wenn du noch Fragen zu „Silver Liner“ hast, dann stell sie bitte! Ich habe nach dir kein Interview und kann noch weitermachen.

Vielen Dank, dann nehme ich mir noch ein paar Minuten – also, was mir aufgefallen ist, ist dass sehr viele Lieder mit sechs, sieben Minuten Länge drauf sind. Das würde dazu passen, was du vorhin gesagt hast: Dass sich jeder gehen lassen kann. Da wird keine Handbremse gezogen und gesagt: So, das kürzen wir jetzt ein. 

Naja, einen Song gibt es, der ein langes Outro hat, bei dem man nicht festgelegt hatte, wie er endet und jeder sich noch mal einbrachte. Stimmt, da gab es sogar mehrere, wo man sich nicht vorher festgelegt hatte, wie das Ende aussehen sollte. Da haben wir uns einfach treiben lassen und aufeinander reagiert, wir haben einfach Spaß gehabt miteinander, auf musikalische Weise. Ob ein Song lang ist oder nicht, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Er ist fertig, wenn er fertig ist. Stimmt aber, meine Songs werden irgendwie länger und länger. Gerade sitze ich an einem Song, der möglicherweise die komplette nächste Platte einnehmen wird. Er hat schon 25 Strophen! Ich glaube, ich werde ihn in einzelne Komponenten aufteilen müssen, in fünf und sechs Teile. Ich weiss noch nicht genau. Ich sitze immer noch dran.

Ein interessantes Experiment wäre es. Interessant ist auch deine Band – eins der Mitglieder ist BJ Cole, der an seinem Instrument ja eine Legende ist.

Ja, denn aus irgendeinem Grund wollte ich unbedingt Pedal Steel Guitar auf der Platte haben. Weiss auch nicht, warum. BJ ist natürlich ein herausragender Musiker. Alle, die auf dieser Platte mitgespielt haben, sind als Musiker sehr freigeistig. Sie sind sehr experimentell und sie können sehr gut auf den Moment reagieren. Man weiss vorher nicht, was man von ihnen kriegt, aber sie alle hören gerne zu und sie antworten gerne auf das, was passiert. Sie spielen nie etwas zwei Mal auf die gleiche Weise und das finde ich super interessant. Dadurch entstehen sehr magische Momente, denn es bei jedem Mal etwas Neues. Ich glaube, dass man diese magischen Momente auch nacherleben kann, wenn man die Musik als Hörer erlebt. Wahrscheinlich eher unterbewusst, aber die Atmosphäre, die dadurch auf der Platte geschaffen wird, ist wirklich interessant. Nick Pini (Bassist aus Laura Marlings Band – Anm.) hat auch genau diese Fähigkeiten, er kommt vom Jazz und ist daher auf diese Art, aufeinander eingehend Musik zu machen, geeicht. Wir vier ergeben eine echt spannende Kombination, deswegen gehören diese Sessions für mich zu den besten, bei denen ich je dabei war. Der Level der musikalischen Fähigkeiten dieser Typen war so enorm, und sie alle waren im Moment gefangen und sie alle gingen so wunderbar auf die Musik ein, das war echt eine umwerfende Session.

Zum Cover wollte ich noch was fragen. Eine Mariachi-Band aus Skeletten – welcher Gedanke steckt hier dahinter?

Ich wollte einen Bandnamen für die Platte. Ich weiss nicht., wie ich auf den Namen Black Eyed Dogs kam – aber diese Typen, irgendwie sind sie für mich alle Gespenster. Denn sie sind alle Legenden, auf ihrem Gebiet, aber die meisten Leute wissen nicht, wie sie aussehen.  Man hat sie alle bestimmt oft gehört und wusste nicht, dass sie es sind. Deswegen sind sie für mich mystische musikalische Gespenster. Da kommt der Name her, „Black Eyed Dogs“ ist im Englischen ein anderer Ausdruck für Gespenster. Darüber sprach ich mit Trevor Moss, einem Singer/Songwriter-Kumpel von mir, der außerdem auch ein großartiger Künstler ist – daraufhin hat er mir das Bild gemalt – und ich fand es einfach perfekt! Es traf echt genau, wie ich die Band sehe!

Okay, jetzt die Frage: Was kommt als nächstes? Darfst du schon verraten, mit wen du gerade arbeitest, wessen Album du als nächstes produzierst? 

Nein, da ist nichts geheim. Im Januar steht meine nächste Produktion an, und das ist eine, auf die ich mich ganz besonders freue: Sara Watkins, von Nickel Creek. Die Watkins Family kenne ich jetzt auch seit vielen Jahren. Sie hat eine neue Band namens „I’m With Her“, drei Frauen, die singen und spielen. Im Januar werde ich mit ihnen die Platte aufnehmen. Da bin ich sehr gespannt drauf!

Da bin ich jetzt auch gespannt!

Such mal online, es gibt eine Radiosession zu hören, die sie für Radio Scotland aufgenommen haben. Wirklich umwerfende Musikerinnen, und auch ihr Material ist wundervoll. Ich kann’s gar nicht erwarten, das wird fantastisch!

Tolle Sache! Vielen Dank für deine Zeit, das war sehr aufschlussreich!

Gerne!

Danke auch noch mal, dass du das Interview verlängert hast!

Kein Problem, es war mir ein großes Vergnügen, mit dir zu sprechen!

Dann freue ich mich auf die kommenden Platten und sage Danke und Bye-Bye 

Thank you, Bye bye

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.