Vinterview: Johnossi

Vinterview JOhnossi

Da im Januar die neuen Releases weiter nur spärlich eintreffen, fülle ich die Website derweil mit „Vinterviews“ aus dem Archiv. Also mit „Vintage Interviews“ von meinem alten Blog, der nicht mehr online ist. 

Noch so jemand, der für dieses Jahr ein neues Album angekündigt hat, das sind Johnossi. Es wird die fünfte Platte von John Engelbert und Ossi Bonde aus Stockholm sein. Ein passender Anlass für mich, mein letztes Interview mit den beiden aus dem Jahr 2013 wieder aufzutischen, das wir anlässlich ihrer damals neuen Platte „Transitions“ führten. Nach dem Break folgt also der Text von vor drei Jahren:

Johnossi, wir wissen‘s, das sind John + Ossi, richtig? Jein. Nach drei Alben lassen die zwei besten Stockholmer Freunde Dritte mit rein in ihre musikalische Beziehung. Dass das am Kern selbst nicht ändert, zeigt ihr viertes Album „Transitions“. Das nämlich macht nahtlos da weiter, wo das famose „Mavericks“ absetzte.

Ich hatte John und Ossi am Telefon, für je 20 Minuten, und nach dem Umbruch könnt ihr lesen, warum sie jetzt weder zu Johnossimathias noch Johnossimartin geworden sind, welche Ängste John so umtreiben und warum Ossi die seinen unter Kontrolle weiss…

John: Hallo!! Wie geht‘s?

Danke, halbgut – heute ist Abgabetag, es herrscht ziemliche Hektik. Aber unser Gespräch wird meine halbe Stunde der Ruhe sein.

Prima.

Ich habe Eure Performance im schwedischen Fernsehen gesehen.

Ja, bei den P3 Awards.

Ihr habt jetzt einen Keyboarder.

Ja, haben wir.

Wie heißt er?

Sein Name ist Mathias Frantzén. Mit Z.

Seid ihr also jetzt Johnossimathias?

Nein, wir sind Johnossi. Und Mathias ist bei uns zwar live dabei, aber er ist kein offizielles Bandmitglied. Er ist ein Musiker für die Bühne, aber die Band, das sind immer noch ich und Ossi.

Habt Ihr Euch davon eingeschränkt gefühlt, dass es bei Euch bisher nur zwei Instrumente gab? Irgendwie war das ja schließlich auch, was Johnossi ausgemacht hat. Dieses „nur-zwei-Typen“-Ding.

Nicht unbedingt eingeschränkt, wir wollten nur diesmal etwas anders machen als sonst immer. Angefangen hat das, als ich die Songs schrieb. Da hörte ich einfach Keyboards, Klavier und andere Tasteninstrumente, so, in meinem Kopf, als ich die Songs schrieb. Und wir sind an unsere Songs immer so herangegangen, dass jeder Song die Chance kriegen sollte, zu, zu… aufzublühen. Wir möchten keinen Song zurück halten. Schon auf „Mavericks“ haben wir auch im Kopf Keyboards gehört, aber uns noch entschieden, sie weg zu lassen, weil es nur ein, zwei Songs waren, wo wir fanden: „Hmm, hier wäre ein Keyboard cool.“ Aber wir haben es eben gelassen. Diesmal aber waren da einfach zu viele Songs, auf denen wir echt Keyboards haben wollten. Also sagten wir: „Das ziehen wir jetzt durch.“

Denn die Regel, dass es bei uns immer nur Gitarre, Stimme und Drums geben sollte, die haben wir ja nie aufgestellt. Es war halt nur bis jetzt für jeden Song die beste Lösung. Diesmal war es dann an der Zeit, es mal anders zu machen. Für uns ist das aber nur ein Pinselstrich von vielen für jeden Song. Die Basis der Songs und der Liveshow sind weiterhin Stimme, Gitarre und Drums. Ich glaube, wenn wir auch einen Bassisten ins Spiel gebracht hätten, dann wäre es was Anderes gewesen. So wie es jetzt ist, hat es Mathias verdammt schwer, mit Ossi und mir mitzuhalten.

Ich finde es richtig, zu sagen: Wir lassen uns nicht zurückhalten durch Regeln, die sich letztlich Andere für uns ausdenken. Dennoch sind die Keyboards für Euch natürlich fast eine radikale Neuerung, die augenscheinlichste auf der neuen Platte. Ist Euch die Entscheidung schwer gefallen?

Nein, gar nicht. Nachdem wir vier oder fünf Songs fertig hatten, von denen wir wussten, die kommen auf jeden Fall aufs Album, da fühlte es sich ganz selbstverständlich an, einen Keyboarder an Bord zu holen. Es war klar, dass es passen würde, und wir sahen darin eine spannende Herausforderung. Außerdem hatten wir einfach Lust drauf, zu sehen, was passiert, wenn man etwas Neues in unsere Welt einführt. Es waren immer nur wir zwei, so mochten wir das, und ich und Ossi sind heute noch eine Stufe besser, in jeder Hinsicht, wir sind bessere Kumpels und unser musikalisches Verständnis, das ist enger als je vorher. Da war es eine Herausforderung, die Frage: Wie bringen wir eine dritte Person in unsere extrem enge Gruppendynamik? Wir wollten uns damit also herausfordern und wir sagten von Platte eins an, dass es bei uns kein Regelwerk gibt. Vielleicht sind wir in der Zukunft mal eine fünfköpfige Band? Man weiss es nicht.

Das hätte ich fragen wollen: Ob du es Dir vorstellen kannst, dass Johnossi eines Tages eine volle Band sein könnten.

Ja, klar kann ich‘s mir vorstellen. Jetzt, im Moment sehe ich‘s zwar nicht wirklich, und ich glaube auch nicht, dass wir das wollen, aber ich weiss es nicht. Wobei, wenn wir dann mal ein Quintett sind und sich wirklich alles fundamental ändert, dann ist es vermutlich besser, einfach eine neue Band zu gründen. Ich glaube also nicht, dass es mal mehr Mitglieder bei Johnossi geben wird, ich denke, wir werden jetzt erstmal so weiter machen für eine weitere Platte, wir drei, vielleicht geht es dann zurück zum Duo? Ich weiss es nicht. Das wird einzig und allein davon abhängen, was die Songs verlangen. Wenn die Songs eine Menge Saxofon fordern, werden wir einen Saxofonisten an Bord bringen müssen.

Ihr könntet auch einen Multiinstrumentalisten suchen, der sowohl Keyboard als auch Saxofon spielen kann. Und der bei diesem Song dann das Keyboard in Ruhe lässt.

Genau! Deswegen passt Mathias sehr gut, denn er ist nicht aufs Keyboard festgelegt. Wenn wir wollen, dass er was Anderes macht, kann er das. Fürs Erste werden es aber Keyboards und Vocals sein – er singt nämlich auch die zweite Stimme, Harmonien und so. Man wird sehen. Wir proben jetzt den nächsten Monat. Er war nämlich nicht mit uns im Studio. Das war jemand anderes, das war Martin Hederos.

Oh! Wow!

Von The Soundtrack Of Our Lives. Wir wollten ihn natürlich zuerst mit auf Tour nehmen, aber The Soundtrack Of Our Lives haben sich ja jetzt getrennt. Und er fand, er bräuchte jetzt einfach mal eine Auszeit vom Touren. Er war jetzt ja praktisch 20 Jahre auf Achse. Aber wir fanden dann ja zum Glück diesen Anderen, und er ist super. Er passt perfekt in die Band. Das ist uns extrem wichtig. Ich meine, klar, er muss gut Keyboard spielen können, aber dass er auch ein netter Typ ist, das ist viel wichtiger. Dass wir als Freunde klarkommen. Es wäre für Ossi und mich unmöglich, mit jemandem eine musikalische Chemie zu entwickeln, den wir nicht lieben.

Bei dem Song „Alone Now“ dachte ich ja erst, das sei ein Banjo. Erst am Ende habe ich erkannt, es ein synthetischer Klang. Aber das Keyboard auf dem Stück klingt sehr banjo-ig.

Stimmt, ja. Auf vielen Songs ist das Keyboard zwar da, aber ziemlich leise im Mix. Es macht dann die Gitarre interessanter, finde ich. Das Piano in der Strophe von „Alone Now“ ist übrigens das ABBA-Klavier. Das Klavier, auf dem „Dancing Queen“ gespielt wurde. Genau das Piano haben wir verwendet, die ganze Platte über!

Das originale? Das war im Studio?

Jaja, genau!
Coool!

Benny Anderssons Piano. das muss ein paar Millionen wert sein.

Habt ihr in Benny Anderssons Studio aufgenommen?

Ja, genau!
Ah. 

So: Was ich ein wenig sonderbar finde – ich meine, wir kennen uns jetzt ein Bisschen…

Ja.

…und ich erlebte dich immer als einen sehr witzigen Typen, immer locker und gut gelaunt – aber dann höre ich deine Platten, und da bist du so… intensiv. Sind das zwei verschiedene Typen? Der John, der auf Tour unterwegs ist, und der John, der in Stockholm sitzt?

Ääh, nein. Das würde ich nicht so sagen. Ich glaube, ich bin so ziemlich der gleiche Typ, immer. Aach, ich meine, ich schreib‘ meine Songs, und in diesen bin ich sehr ehrlich. Ich versuche, wirklich alles rein zu legen in diese Songs. Mich, so viel es geht, grundehrlich auszudrücken. Und wenn ich Musik mache, dann gebe ich alles … ich meine – ich würde nie Musik machen, die witzig ist, verstehst du? Oder die so beiläufig ist, mit links. Die Songs sind für mich eine sehr gute Schleuse, um gewisse Sachen loszuwerden.

Es ist auf jeden Fall eine Dunkelheit da, und eine Schwere. Eine Textzeile wie „Do you remember the time when I loved you much more than you could handle“ aus der Single „Gone Forever“, die fiel mir zum Beispiel auf. Das klingt, als schüttest Du dein Herz aus. Und das ist nicht der John, den ich erlebe, wenn ihn zum Abhängen treffe.

Es FREUT mich aber, dass Du das sagst. Denn ich möchte nicht die ganze Zeit eine negative, schwermütige Person sein! Ich hatte VIELE Probleme und ich habe immer noch welche, mit Angstzuständen, Depressionen und solchen Sachen. Und für mich ist es deshalb sehr wichtig, zu versuchen, jeden Tag zu etwas Positivem zu machen. Das versuche ich bewusst! Ich bin ein sozialer Typ, aber ich bin immer ehrlich. Das ist einfach die Entscheidung, die ich getroffen habe, wie ich mein Leben leben will. Weil ich mir meiner Probleme sehr bewusst bin. Über die Jahre hatte ich echte Probleme, mit Existenzängsten und so etwas. Aber ich schreibe drüber, und ich… ach…

Also, ich wollte Dich mit der Frage natürlich nirgendwo hin führen, wo Du Dich unwohl fühlst und nicht so gerne drüber reden möchtest.

Nein, das ist okay. Ich weiss nur einfach nicht mehr zu sagen als: Ich bin, wer ich bin. Ich weiss nicht, Mann.

Wenn du also gute Laune hast, fällt es Dir dann schwerer, einen Song zu schreiben?

Nein, nein, umgekehrt. Ich kann überhaupt keine Songs schreiben, wenn ich depressiv bin. Dann hasse ich alles, dann will ich alles nur hinschmeißen. Dann mag ich keine Musik, dann mag ich GAR nichts. Aber ich will mich gut fühlen, wenn ich mich schlecht fühle. Und wenn ich mich gut fühle, dann kommt die Inspiration zu mir, und dann schreibe ich Songs.

Vorhin hast Du gesagt, Du kannst nichts schreiben, das leichten Herzens ist. Aber einer Eurer bekanntesten Songs ist natürlich vom ersten Album „Man Must Dance“. Den habe ich immer als sehr leichtfüßig empfunden.

Da stimme ich zu, der Song ist so. Aber dieser Song, der fühlt sich sehr weit weg an von meinem heutigen Ich. Einen Song wie diesen, den würde ich niemals mehr schreiben, heutzutage. Und wenn ich ehrlich sein soll, mir hängt der Song zum Hals raus. Ich mag ihn nicht, und ich finde, dass er in keinster Weise repräsentiert, wofür Johnossi heute stehen. So waren wir vor neun Jahren vielleicht, so lang ist das her. Länger! Geschrieben habe ich ihn ja noch zwei Jahre vor der Bandgründung, also ist der Song elf Jahre alt! Es war einer der allerersten Songs, die ich überhaupt in meinem Leben geschrieben habe. Und wir sind heute eine andere Band. Ich bin ein anderer Typ.

Ein jeder Mensch verändert sich ja in elf Jahren. 

Genau, ja.

Worüber ich mich dann doch wundere, ist – ich weiß zum Beispiel, du bist ein großer Fan der Fleet Foxes.

Stimmt.

Als Einfluss hört man sie nicht bei Euch. Ich habe mir folgendes gedacht: Wenn ich Euer Producer wäre… also, ihr habt auf dem Album immer diese verzerrten, lauten Gitarren, und dafür gibt es bestimmt einen Grund. 

Ja…

Wenn ich nun Euer Producer wäre, ich würde trotzdem sagen: So, heute nimmst Du die Akustische in die Hand! Nur um zu sehen, was passiert.

Ja…

Oder vielleicht ein Banjo, weil wie das Instrument vorhin angesprochen haben. Wir nehmen eins mit sechs Saiten, dass Du dich nicht umstellen musst… ich höre dich seufzen, du hast da ü-ber-haupt keinen Bock drauf, was?

Naja… also, wir HABEN ja alle möglichen Versionen ausprobiert. Wir haben ja jeden Song auf alle erdenklichen Arten und Weisen gespielt, klar haben wir im Studio auch Akustik-Versionen gemacht. Und klar, das klingt schon gut. Aber auf lange Sicht wird das langweilig werden. Es gibt zum Beispiel eine Akustikversion von „Gone Forever“, das wird vielleicht eine B-Seite. So was haben wir durchaus gemacht. Es ist gut, das in der Schublade zu haben. Aber das ist ja auch voll langweilig für Ossi. Wenn ich die Akustikgitarre spiele, was soll er denn dann machen?

Ihr könnt ihm doch allen möglichen Percussion-Shit besorgen. Steeldrums, Glockenspiele. 

Vielleicht, wenn wir älter sind und todmüde und wenn wir nicht mehr rocken wollen, sondern nur noch sanft sein wollen – dann können wir gerne fünf Platten in der Art machen. Akustisch, und leicht, und sanft. Aber für jetzt, so fühle ich das, haben wir noch genug Energie in uns. Und meine Faszination für die verzerrte, laute Gitarre und für wilde Drums, die hat noch nicht nachgelassen. Ich bin immer noch wie ein Kind, was die Gitarre angeht. Ich bin immer noch mit voller Leidenschaft dabei und immer noch davon angezogen. Und ich spiele sowieso so viel Gitarre, zu Hause, die ganze Zeit. Und ich schreibe jeden Song, jeden einzelnen, zu Hause, auf der Akustikgitarre. Ich schreibe jeden Song zuerst mal sehr langsam. Auch „Gone Forever“ war mal eine Ballade. Aber dann haben wir den Song ausprobiert, in unserem Proberaum, und da fanden wir – wie überhaupt bei neun von zehn Songs, die wir da ausprobieren – dass es viel mehr Spaß macht, alles aus dem Song heraus zu dreschen und ihn lauter und lauter zu machen.

Es ist ja auch sonderbar, dass ich Dir jetzt irgendwie erzählt habe, was ich an Eurer Platte anders machen würde – obwohl ich sie doch natürlich super finde, wie sie ist, und ich Johnossi doch mag für das, was sie sind! 

Aber wenn ich meine Fragen aufschreibe, dann notiere ich mir halt immer, welche Fragen ich mir selber stelle, wenn ich die Songs höre. Und auffällig ist halt, dass ihr zu Beginn eine recht breite Gitarrensound-Palette hattet, während die letzten beiden Alben sich sehr ähnlich anfühlen. Okay, diese hat das Keyboard, aber die Emotionen betreffend, die ich als Hörer empfange, würde ich sagen: Sie ist nah verwandt mit „Mavericks“. Ich kann mich aber natürlich irren. Vielleicht hast Du die Alben ja in zwei völlig verschiedenen Mindsets geschrieben?

Nö… ich würde hier mit dir zustimmen. In mehrerer Hinsicht. Aber ich denke, es ist trotzdem wichtig, dass jeder Hörer sich seine eigene Interpretation daraus zieht. Ich meine, ich habe keinen Antworten-Zettel für unsere Musik. Ich weiss nur, was sie für MICH bedeutet. Und wenn wir damit erst mal durch sind, wenn sie aufgenommen ist, dann lassen wir sie einfach los. Und jetzt, wenn ich sie mir anhöre, versuche ich, sie wie ein Hörer wahrzunehmen, nicht als Bandmitglied.

Was ich mir schwierig vorstelle.

Ja, aber ich versuche das. Und ich sage das, weil wir versuchen, Musik zu machen, wie ich sie selbst gerne hören würde. Ich will Johnossis größter Fan sein, verstehst Du? Andernfalls… ich meine, ich soll diese Lieder über Jahre spielen, dafür muss ich die Musik, die wir machen, wirklich lieben. Und um an diesen Punkt zu kommen, muss ich wirklich ehrlich zu mir selbst sein über die Sachen, die wir machen.

Um aber zurück zur Frage zu „Mavericks“ zu kommen: Ich glaube, es ist einfach eine natürliche Entwicklung, der nächste Schritt nach „Mavericks“. Auf der Platte sind wir auf etwas gestoßen, das wir noch weiter ausloten wollten. Vielleicht sind wir bei der nächsten Platte damit durch, ich weiss es noch nicht.

Der Song „Everywhere (With You, Man)“ – geht der über Ossi?

Am Ende, glaube ich, ging der Song tatsächlich über die Band. So ziemlich. Muss er aber nicht. Er könnte über jede Art Freundschaft oder Beziehung gehen. Es ist jetzt aber das erste Mal – ich meine, wir sind jetzt bei unserem vierten Album, und jetzt ist es zum ersten Mal so, dass uns wirklich klar geworden ist: Das ist das, was wir mit unserem Leben anstellen! Wir sind in einer Band, und wir touren, und das werden wir den Rest unseres Lebens machen. Bei den ersten beiden Alben war‘s mehr so: „Oh Shit, wir sind jetzt auf Tour – was wird sich hieraus wohl entwickeln? Vielleicht wird es nie klappen mit der Band!“ Aber nach „Mavericks“, da haben wir zum ersten Mal auf alles zurück geblickt, und es war okay. Deswegen auch der Albumtitel „Transitions“. Jeder lebt in einem Übergangszustand in die Zukunft, die ganze Zeit. Und es sind diese Übergänge, in denen man sich entwickelt. Viel passiert in diesen Zwischenräumen. Zwischen „Mavericks“ und dieser Platte sind eine Menge Dinge mit uns passiert – nicht, dass man es wirklich bemerkt, während es passiert, aber wenn man dann darauf zurück blickt, dann kann man sagen: „Sieh an! DAS ist passiert.“

Und jetzt gibt man mir Zeichen, dass ich aufhören muss und dass Ossi übernimmt!

Alles klar! Mach‘s gut, danke, es war mal wieder ein großes Vergnügen!
Ja, take care! See you soon!

(pieps)

Hallooooo?

So, hier spricht Ossi!

Hallo Ossi, wie geht‘s!
Prima, und Dir?

Ganz gut – ich hab‘s schon John gesagt, hier im Büro herrscht heute Deadline-Hektik, aber dieses Interview jetzt ist meine halbe Stunde zum Durchschnaufen.

Oh, aber habt ihr die Deadline jetzt durch?

Leider nein, die Deadline ist heute abend. Wir sind eigentlich ganz gut in der Zeit, aber leider ist es ja oft so, dass sich ein Problem erst auf den letzten Drücker zeigt und man plötzlich noch was löschen muss.

Verstehe. Meine Schwester arbeitet nämlich auch bei einem Magazin, drum kenne ich die Problematik von Deadlines. Die Hektik und all das.

Naja, es sieht aber ganz gut aus. So, du wirst jetzt ein paar Fragen abkriegen, die ich auch John stellte. Die große Änderung auf dieser Platte ist natürlich, dass ihr hier zu dritt seid.

Ja, das kann man wohl so sagen, ja. Naja, für uns war das eigentlich ganz natürlich. Wir hörten uns die Songs durch, als sie sich entwickelten, und wir, naja, wir hörten Klavier, wir hörten Keyboards. Also fanden wir, dass wir das positiv aufnehmen sollten und etwas draus machen sollten, anstatt es zu lösen, indem wir die Gitarre oder die Drums ändern. Es war sogar richtig angenehm befreiend, als uns das klar wurde, dass wir ja schließlich tun können, worauf wir Bock haben. Dass wir einfach ein weiteres Paar Hände mitmischen lassen konnten und ein Piano, dass wir das ja einfach tun konnten. Das war wirklich eine gute Sache, das hat uns viel Schwung gegeben. Und klar, dass wir dann auch noch Martin Hederos kriegen konnten – ich meine, wir kennen ihn und wissen, was er kann, und wir waren ziemlich aufgeregt, als wir ihn anfragten. Als er zusagte, wussten wir gleich, dass wir auf der richtigen Spur sein würden. Was die Synthesizer-Arrangements anging, haben wir ihm ziemlich freie Hand gelassen. Andererseits haben wir ihm sozusagen die Hände auf den Rücken gebunden, denn was wir nicht wollten, war der alte Sound. Nicht diese organischen Orgeln, die er normal spielt – wir wollten einen Synthesizer-Sound. Während er ja mehr gewohnt ist, all diese vintage Geräte zu spielen. Deswegen, denke ich, war es für ihn genauso eine Herausforderung. Aber das Endergebnis war dann viel, viel besser, als wir zu hoffen gewagt hatten, als wir erstmals die Idee hatten, diese Sounds ins Spiel zu bringen. Ich glaube aber auch, dass jemandem, der die Platte hört, nicht sofort ins Auge springt, dass man da jetzt Klavier und Synthies hören kann. Soo viel ist es jetzt auch nicht. Es ist ja nicht so, dass das Piano plötzlich alles an die Wand spielt. Trotzdem, für uns ein großer Schritt.

Ich habe auch zu John gesagt: Vom Gefühl her ist die Platte nicht weit weg von „Mavericks“.   

Ja. Ich glaube, kreativ gesehen sind wir immer noch in dieser Welt. Wir waren noch nicht durch mit dieser Art, Musik zu machen und uns auszudrücken. Doch, sehe ich voll ein, wenn jemand dieses Gefühl hat. Wir mögen glauben, wir würden was ganz anderes machen, aber mit „Mavericks“ haben wir doch für uns unser Universum gefunden, und innerhalb dieses Universums haben wir noch einiges Unerledigtes zu tun.

Ich meine, klar klingt sie nicht 1:1 nach „Mavericks“. Aber in Eurer Discographie ist es auf jeden Fall der nächste Verwandte.

Ganz definitiv. Wir haben jetzt vier Alben, und dies hier und „Mavericks“ kommen aus dem gleichen Universum. Die ersten zwei Alben waren mehr so die Wegweiser, dass wir zu etwas unterwegs waren, da probierten wir verschiedene Dinge, bis wir plötzlich bei „Mavericks“ landeten. Andererseits, man weiss nicht, vielleicht landet das fünfte Album ganz woanders als diese zwei.

Euer letztes Album ging ja in Schweden durch die Decke, richtig? Ich meine, davor wart ihr hier fast bekannter als zu Hause. Und jetzt seid ihr in Schweden eine von den richtig, richtig großen Bands!

Ja, also, ich glaube, wir sehen es nicht wirklich so, aber… stimmt schon, wir kriegen das mit, aber wir sind immer noch die gleiche Band. Wir funktionieren wie früher, und wir machen immer noch unsere kleinen Schritte vorwärts. Ja, eine Menge Dinge sind passiert mit dem letzten Album, das heißt aber nicht, dass wir uns jetzt unter Druck gefühlt hätten – denn immer etwas mehr erreichen als beim letzten Mal, das wollten wir ja immer schon und so lief das ja bei uns immer.

Druck wäre jetzt gar nicht das gewesen, an das ich gedacht hätte. Ich würde das Gegenteil denken: Ein gewisser Erfolgs-Level, der gibt einem doch eine Sicherheit und einige Freiheiten, die man nicht hatte, als man sich als Band nur okay über Wasser hielt.

Genau! Aber nach dem Druck fragen sie jetzt alle in Schweden! Druck haben wir nie gespürt. Außer dem Druck, unter den man sich selbst immer setzt, wenn man eine neue Platte machen will und vor einem leeren Blatt Papier sitzt. Dann kriegt man die Panik und fragt sich: „Was sollen wir machen?!“ Dann redet man aneinander hin und sagt „Oh Shit!“ Aber wenn man nicht das Gefühl hat, die Energie zu haben, diese Sache anzugehen, sollte man‘s lassen. Wir wissen mittlerweile, wie schwer es ist und was es für eine Herausforderung ist. Aber wenn man erst mal losgelegt hat und ins Rollen kommt, und man merkt: „Hey, das entwickelt sich zu etwas!“, dann geht‘s. Und John und ich, wir haben ja immer schon gut miteinander arbeiten können. Man braucht also erst ein Bisschen, aber man kommt an den Punkt, wo man das Selbstbewusstsein kriegt, und dann kann man alles auf sich zukommen lassen.

Auf Eurer Website habt ihr ein kurzes Statement stehen zur neuen Platte – und da stand unter anderem „2012 war das Ende einer Ära für die Welt und für Johnossi“. Da frage ich mich natürlich: Welche Ära hat für Euch geendet?

Ich weiss gar nicht, ich glaube, das war als eine Art Witz gedacht. Weil alle gerade über die Maya-Sache redeten, als wir das schrieben. Ich meine, für uns ist ja irgendwie jedes Album auch eine neue Ära. So ist das bei uns. Ich glaube, John hat gesagt: Wir haben angefangen, auch ein bisschen zu reflektieren über das, was wir früher so gemacht haben. Und wir waren auf Tour, machten Platten, gingen auf Tour, auf Tour, auf Tour. Wir haben nie mal inne gehalten und auch mal zurück geschaut, uns vielleicht auch mal auf die Schulter geklopft und gesagt: „Hey, das war doch gar nicht so schlecht bisher“. Es war, als wären wir immer unterwegs mit 200 Sachen, auf der Vorspultaste. Aber jetzt ist uns klar geworden, dass wir etwas erleben, das wirklich, wirklich fantastisch ist, John und ich. Darüber haben wir nachgedacht und jetzt haben wir auch das gute Gefühl, dass das was wir machen, auf einem sehr, sehr soliden Fundament steht. Ich glaube, deswegen ist es für uns in gewisser Weise ein Neubeginn, wir haben all diese Geschichte und all das, was wir schon getan haben, in unserem Rücken.

Irgendwie bringt mich das Plattencover zum Grinsen, mit seinen zwei Hotelbetten.

Ja!

Also, für was steht es?

Nun, für uns steht es für eine Menge Dinge. Erstens, natürlich, das Offensichtliche: Hotelbetten. Eines für mich und eines für John. Das ist natürlich eine Situation, in der wir oft, oft waren. Aber auch ein Hotelzimmer selbst steht für mich immer für einen Übergang, und die Platte heißt ja „Transitions“. Da ist das Fenster, durch das Licht einfällt. Da ist der dunkle Schrank. Irgendwas passiert immer in einem Hotelzimmer. Die Betten sind natürlich ein Symbol für den Schlaf – auch diese Welt ist sehr wichtig für uns, physisch wie psychologisch. Aber das ist halt das, was ich sehe in diesem Bild, und da ist es wie bei den Lyrics – wir möchten es niemandem ausbuchstabieren, jeder sollte auf seine Weise reagieren bei dem Bild. Für mich jedenfalls hat das Bild diese Bedeutungen.

Was mich amüsiert, irgendwie – das könnten ja einfach zwei Hotelbetten sein. Aber weil es Eure Platte ist, ist klar: Ein Bett ist für John, und eins für Dich.   

Stimmt. Total.

Okay. Diese Platte hat ein paar richtige Popsongs, finde ich. Die Keyboardmelodie von „Gone Forever“ ist ein echter Ohrwurm, „E.M.“ ist in meinen Ohren auch eine Single…

Da bin ich deiner Meinung. Dieses Poppige, das hatten wir schon immer, das liegt an den Melodien. Damit fangen wir auch immer an, erst nach den Melodien geben wir den Songs einen heavy Hintergrund, oder vielleicht einen leiseren. So wird ein Song dann vielleicht eher folky oder härter. Ich finde, dass auch „Everywhere (With You Man)“ echt sehr poppig ist, aber auch er hat das Element, das ihn darüber hinaus bringt. Wir spielen die Instrumente ja immer noch ganz schön hart und verzerrt. Diese Kombination habe ich immer geliebt: Popmelodien, aber hart gespielt.

Noch was aus dem Begleittext eurer Website: „Exitement, doubts, creativity and angst“

Ja.

Braucht ihr also diese Dinge, eine gewisse Spannung, um kreativ zu sein?

Ha, nein, ich glaube, das brauchen wir nicht. Ich glaube, da geht es um das, was ich vorhin angesprochen habe: Diese Anfänge, wenn man die ersten Hürden überwinden muss. Manche mögen das: „Cool, alles ist ungeschrieben, wir fangen bei Null neu an“ – aber uns macht das immer ein bisschen nervös, und das ist dann ein Auf und Ab, denn wenn man gerade kreativ ist, dann glaubt man oft: „Hey, das ist gerade super!“ aber dann hört man sich‘s an und sagt „Oh Mann, das ist alles scheiße!“. Ein ewiges Auf und Ab. Kreativität hat bei uns sehr viel mit Emotionen zu tun. Wir haben aber auch immer versucht, diese Emotionen auch in die Musik zu übertragen. Das haben wir auch schon woanders gesagt: Wir versuchen nicht, einen Song nach etwas Bestimmtem klingen zu lassen, aber er soll sich nach etwas Bestimmtem anfühlen. Deswegen versuchen wir, die Emotionen, die wir beim Musikmachen erleben, in die Songs einzuarbeiten.

Okay, aber der Punkt kommt doch sicher, an dem Ihr merkt: „Hoppla, das wird gerade richtig gut!“

Ja! Klar, aber ich würde sagen, der kommt erst, wenn man wirklich im Studio ist und aufnimmt. Und man steckt halt wirklich so, so tief drin in der Musik, wenn man sie schreibt und macht, dass es echt schwer ist, dieses Gefühl „Yeah! Das wird was!“ zu kriegen. Denn bis man tatsächlich fertig ist, ist man eben nicht fertig. Wenn das Endresultat prima ist, dann bin ich happy, aber wenn man noch mittendrin ist, dann weiss man noch nicht: „Vielleicht wird das jetzt scheiße!“ Ich bin wirklich extrem fokussiert, wenn ich Musik mache, und in dieser Zeit kann ich nicht happy sein. Der Punkt, an dem ich merkte: „das wird wirklich, wirklich gut“, das war erst ganz kurz vor Ende der Aufnahmen, würde ich sagen.

Noch eine Zeile von der Website: „the struggle to create something meaningful“. Klar, jeder will, dass das, was er macht, auch etwas bedeutet, aber weil ihr‘s hier hervorhebt: Was zeichnet denn bedeutsame Musik für Dich aus? Oder, vielleicht ist es leichter, umgekehrt zu fragen: Wann wäre Musik nicht bedeutsam?

Ich denke, das hat viel hiermit zu tun: Wenn wir die Songs aussuchen, die letztlich aufs Album kommen, bevor es so richtig losgeht und das Produzieren und alles los geht, dann haben wir da eine Auswahl, aus der wir aussuchen können. Klar, wie du sagst, jeder will etwas mit Bedeutung schaffen. Bei uns, denke ich, geht es darum, mehr zu machen als nur einfach gute Songs zu schreiben. Vielleicht ist das etwas, das nur für John und mich etwas zu bedeuten hat, aber die Songs, sie müssen bei uns einfach einen gewissen Nerv treffen, und tun sie das nicht, kommen sie nicht aufs Album.

Meine 20 Minuten werden bald um sein, aber eine Sache musst Du mir natürlich noch erzählen. Wart ihr inzwischen Fallschirm springen? Davon hattest Du bei unserem letzten Interview nämlich erzählt: Dass John Dich zum Fallschirmspringen überreden / zwingen wollte.

Ja, das haben wir inzwischen gemacht.

Ihr habt es gemacht?! Bloody Hell, du musst erzählen, wie‘s war!

Fürchterlich war‘s! Wir hatten ein paar Shows in LA, deswegen waren wir da für zehn Tage oder so, und schon als wir ankamen, meinte John, dass es für mich eine Überraschung gäbe. Da habe ich schon geahnt, dass das nichts Gutes wird. Ein paar Tage später fuhren wir dann raus auf dieses Flugfeld, zogen unsere Gerätschaften an, gingen hoch in diesem beschissenen Flugzeug – es war schrecklich. Ernsthaft jetzt, aus einem funktionierenden Flugzeug springen, wer macht denn sowas?! Was aber lustig war, war dass John letztlich viel mehr Schiss hatte als ich. Ich habe entschieden, dass ich diesen Moment jetzt einfach positiv erleben wollte. Dass ich diesen Typen, mit denen ich sprang, vertrauen würde. John war glaube ich viel, viel panischer als ich es war.

Und, was hast Du als Erfahrung mitgenommen?

Dass ich es nicht noch mal machen muss! Und dass meine Ängste mich nicht kontrollieren.

Mm-Hm.

Das war letztlich der einzige Grund für diese Aktion. Ich möchte nicht, dass meine Gefühle und Ängste über mich befehlen, ich will der sein, der die Kontrolle hat über sie.

Denkst Du, dass dies irgendwie auch seine Auswirkung aufs Schreiben und Musikmachen bei Euch hat?

Eine Einwirkung hat‘s schon, wir reden ja auch viel über Gefühle in der Musik. Aber vor allem ist das einfach was, was jeder mal tun sollte, um sich als Persönlichkeit weiter zu entwickeln. Um zu wissen, dass man nicht stehen bleibt. Dass es was mit dem Job und der Musik zu tun hat, würde ich nicht sagen. John und ich versuchen nur einfach hin und wieder, so etwas zu unternehmen. Aber das hat echt nur mit unserer Freundschaft zu tun, auch Dinge zu erleben, die mit der Musik nichts zu tun haben.

Naja, aber die Musik hat ja letztlich viel mit Euren Persönlichkeiten zu tun.

Ja…

Und insofern spiegelt sie so etwas ja vielleicht dann doch wieder?  

Vielleicht, natürlich, meinetwegen. Kann sein. Aber das ist schon echt weit hergeholt für mein Empfinden. Aber klar, ich habe gesagt, dass die Musik für uns was extrem persönliches ist.

Jetzt wird mir gesagt, dass ich zum nächsten Interview muss.

Alles klar, vielen Dank! Dann hoffentlich auf bald!
Ja, nice talking to you! Bye!

Johnossi – Gone Forever from folke film on Vimeo.

Johnossi – For a Little While from Olivia Kastebring on Vimeo.

Johnossi – Into The Wild – Live at Nalen from Bollmedben Film on Vimeo.

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