Review: Hinds

HindsHinds – „Leave Me Alone“

Es geht schon los. Einer meiner Langzeit-Indie-DJ-Buddies schimpft bereits bitter über die Hinds. Spanische Gören, die nicht mal ihre Instrumente richtig im Griff haben? Was ja noch okay wäre, aber dass sie trotzdem seit Monaten irre Presse kriegen? „Diesem Hype laufe ich nicht hinterher“ sagt er. Wobei unausgesprochen mitschwingt: „…und wer’s tut, der ist manipulierbar und hat keine Ahnung“.

Damit wird er natürlich gefährlich nah den Typen ähnlich, über die die vier aus Madrid sich gerne lustig machen. Verbohrte Männer, die wohl Angst bekommen, wenn Mädels in ihre Domäne einbrechen und dabei auch noch die Konventionen ignorieren.

Es schwingt immer Sexismus mit, wenn es um das Girl-Quartett geht. Zum Einen, weil die Frage „Wenn die Liveshows dieser Band legendär schlecht sind, warum all die Aufmerksamkeit?“ gerne folgendermaßen beantwortet wird: „Muss wohl sein, weil’s Mädchen sind.“ So nach dem Motto: Musikjournos, die die gut finden, glauben wohl, da könnten sie eine abkriegen. Schon bitter, dass im Jahr 2016 immer noch so gedacht wird.

Aber genauso wird von Hinds-Anhängern auch umgekehrt argumentiert: Nach dem Motto: Wer die Band nicht gut findet, der hat wohl ein Problem mit Frauen. Nicht mit Hinds Musik oder ihren Songs. Nein, der/diejenige kommt wohl nicht damit klar, dass Mädels hier ihren Spaß haben und ihr Ding machen. Auch ein Totschlagargument, das, welches der Sache nicht gerecht wird.

Wie können wir uns bei einer so aufgeladenen Platte von all der Vorab-Diskussion lösen? Ist es noch möglich, dieses Album wirklich nur anhand seiner Songs zu besprechen?

Naja. Reden wir zuerst mal über das Instrumente-Beherrschen-Dingens. Richtig, diese Platte klingt weniger „tight“ als Schülerband Nummer fünf beim Abi-Fest. Aber ist das was Schlimmes? Ich jedenfalls darf mich jetzt nicht beschweren. Denn wenn Bands aus Melbournes Dolewave-Umfeld ähnlich holprig durch ihre Lieder stolpern, die Twerps beispielsweise oder Lower Plenty, dann finde ich doch auch, dass es zu ihrem Sound dazu gehört. Dass dies das Zeichen einer gewissen Ungeniertheit ist, einer Ehrlichkeit. Das es den Charme einer verwuschelten Frisur und eines Schlafanzugoberteils am Morgen in der Küche hat.

Diese Ungestelltheit, das ist etwas, das die Hinds so konsequent vermitteln, dass man es manchmal fast rüber kommt, als werde es aggressiv als ihr Selling Point eingesetzt. Ich meine, schaut euch das Albumcover an: Vier Mädels, die ein Majorlabel mit aufwändigen Aufnahmen und Photoshop zu Beinahe-Models aufgebrezelt hätte, zeigen sich in labberigen Outfits auf einem Schnappschuss, wie er auf einer Privatparty entstanden sein könnte. (Auf einem anderen Blatt steht, dass gerade deswegen jede Einzelne für uns Indie-Boys natürlich hotter – und erreichbarer – aussieht, als eine Girlgroup es je könnte. Möglicherweise war dieses ach-so-ungestellte Photo viel schwerer zu stellen war als jede Studioaufnahme. Andererseits, wozu die Paranoia? Warum sollte es nicht einfach ein ‚echter‘ Schnappschuss sein?)

Hinds squareWo war ich? Ich wollte darüber schreiben, dass diese Mädels ihre Lieder also extrem hölzern spielen, dass das aber okay ist. Dass es sogar ihr Stilmittel ist. Virtuose Beherrschung der Instrumente hat man seit Mitte der 70er nicht mehr verlangt. Seit es Punk gibt oder Drumcomputer, ist Perfektion am Instrument kein Kriterium mehr.

In einer Beziehung aber doch: Zu den Hinds kann man nicht tanzen. Ich werde ihre Lieder in der Indiedisse garantiert nicht auflegen. Auf dem Dancefloor ist einfach ein gewisser Druck gefragt, den Hinds nicht machen. Auch, weil ihre Songs durchsetzt sind mit Breaks und Tempowechseln.

Damit sind wir schon bei den Eigenheiten dieser Band. Ihr Songwriting ist nämlich durchaus komplex. Erstens wegen der angesprochenen Breaks in den Songs – Intros, Strophen, Refrains sind selten aus einem Guss, sondern aus einzelnen Parts kombiniert. Und das manchmal richtig clever und überraschend.

Was die Hinds außerdem zu den Hinds macht, ist die Sache mit den zwei Sängerinnen. Carlotta Cosials und Ana García Perrote teilen sich das Mikro – wobei, genauer gesagt, sie teilen es oft eben nicht. Sie singen gerne versetzt zueinander. Das hat eine interessante Wirkung, denn manchmal kommt es rüber, als widersprächen sie sich. Oder als wollten sie zwei verschiedene Stimmen zum gleichen Thema ausdrücken – so wie im Zeichentrick Engelchen und Teufelchen auf der Schulter sitzen und Pro und Contra argumentieren. Was dann wiederum zur Folge hat: Wenn sie dann doch mal gemeinsam singen, wirkt es, als bestärken und bestätigen die zwei sich gegenseitig.

Wovon singen sie, die Hinds? Wenn ich das richtig verstanden habe und das so plump sagen darf: Von Mädelsthemen. Da wird ein „Bad Boy“ gleichzeitig belächelt und doch spannend gefunden („Garden“). Beim Typen aus „Fat Calmed Kiddos“ ist’s genauso: „Texting me while you were drunken – but I don’t mind, whatever makes you happy makes me fine“. Auf „Warts“ werden sie bitchy, die Hinds – da wird eine Rivalin zur Hexe erklärt: „She always burns her warts. Don’t let her waste your smile, don’t let her curse your eyes.“ 

Ich glaube, ich peile jetzt, warum man die super finden kann. Das ist so ein Lena Dunham-Ding. Eine weibliche, reale Perspektive, inklusive Augenzwinkern. Auf den ganzen Beziehungsscheiss, aber irgendwie auch auf die Gesamtsituation. In Form von vergnüglich hingestöpselten, absichtlich nicht perfekten Indiepop-Songs.

Daraus ergibt sich auch: Es ist nicht für uns Jungs gemacht. Wir sollten uns da fast raushalten. Denn wenn wir unsere Schablonen drauf ansetzen, kommt am Ende halt nur sowas raus wie: „Die können nicht spielen“. Oder „Die eine sieht voll gut aus!“ Was beides natürlich am Thema komplett vorbei geht. Andererseits, sogar die Hinds super zu finden, ist für uns Boys fast irgendwie unangebracht. Denn vielleicht wir finden Hinds dann charmant und putzig, was ganz schlimm gönnerhaft wäre. Oder wir sind am Ende die gütigen Frauenversteher. Nicht weniger patronising.

Also, was steht am Ende, wenn man versucht, beides zu umschiffen? Eine Platte, die musikalisch eine ungelenke Rumpeligkeit in drolligen Janglepop umdeutet. Die zweifellos ihre Durchhänger, aber auch genauso zweifellos ihre prima Momente hat.

Vor allem aber ist dies ein Album bzw eine Band, deren Stärke viel weniger ihre Sounds sind, als das, für was es/sie steht: Für eine aufgeweckte, schnodderige, selbstbewusste Girliness zwischen Pyjamaparty und Zickigkeit .

Hinds Ranking Hinds

2 Kommentare zu „Review: Hinds“

  1. Danke für deine Sicht der Dinge(r)!
    Kaum eine Band verwirrt mich derzeit so, wie die „Hinds“. Ich mag die Songs, ich mag ihr „Wir sind Pete Dohertys Töchter“-Image, aber ich kann ihr Geschrammel nur in ganz speziellen Situationen oder Momenten hören. Hin- und hergerissen bin ich, ob ich auf das Konzert der „Hinds“ will. Neeeeeiiiin, weil sie so unglaublich schlecht sind. Jaaaaaa, weil ich so gerne mal mit ihnen feiern möchte. Ich halte es hier einfach wie die Hunde, wenn die sich nicht entscheiden können, schlafen sie einfach ein.

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    1. Danke fürs Feedback, freue mich immer drüber! Ich habe mich auch noch nicht entschieden, ob ich mir das Konzert der Hinds in München anschauen möchte. Man ginge mal wieder mehr wegen des Event-Charakters als wegen der Musik. Wird wohl eine Frage der Tagesform.

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