Vinterview: Primal Scream

Vinterview Primal ScreamWeil im Januar nur wenig neue Releases erscheinen, habe ich angekündigt, ein paar vintage Interviews („Vinterviews“) von meinem alten Blog aus dem Archiv zu holen. Heute: Primal Scream. 

Im März erscheint „Chaosmosis“, das inzwischen bereits elfte Album von Bobby Gillespie und seiner Band. Primal Scream, das sind die ewigen Formwandler, musikalisch zwischen Agit-Punk, Haudrauf-Rock und weggetretener Screamadelica, thematisch zwischen Party-Exzess und wütender Revolution. Ich hatte Bobby Gillespie vor drei Jahren am Telefon, anläßlich des 2013er-Albums „More Light“. Nach dem Break folgt der damalige Text.

Man hat mich vorgewarnt. Bobby Gillespies Glasgow-Schottisch sei kaum zu verstehen. Und dann auch noch am Telefon! Aber: Es klappte, und ganz ohne Verständnis-Probleme.  Noch so ein Ur-Held, endlich an der Strippe. Primal Screams neues Album „More Light“ ist endlich wieder ein experimentelles und ihr bestes seit „Evil Heat“. Und, Holla! Der Mann hat was zu sagen! Der Mann will was mitteilen! Es ist ja leider nicht mehr selbstverständlich, dass Bands das tun möchten.

Einen Zucker, bitte. Einen Zucker. Hi?

Hallo, hier spricht Henning, hey.

Hey, wie geht‘s, alles gut?

Prima, ich hab mich gefreut auf dieses Gespräch! Und jetzt weiss ich sogar schon, dass Du immer einen Zucker in deinen Kaffee nimmst.

Aahaha.

So als kleine Trivia-Information.

Stimmt. Das ist aber auch schon alles. Ich bin jetzt clean, weißt du?

Davon habe ich gehört, ja. Heute also nur noch Kaffee?

Genau. Kaffee. Und einen Zucker.

Das sind aber ja nur Nebeninformationen – dein neues Album geht viel tiefer.

Yeah.

Du warst letzte Woche in Deutschland, da wird man Dir gesagt haben, dass „More Light“ hierzulande ein berühmtes Zitat ist. Es sind Goethes letzte Worte auf dem Sterbebett.

Goethe, ja. Das wusste ich aber gar nicht, als wir das Album so nannten. Erst ein halbes Jahr später habe ich davon gehört. Es war schon Juni, Juli, als mir der Albumtitel in den Sinn kam. Da nahmen wir noch auf und wollten mit dem Mixen anfangen. Es war dann erst so um die Jahreswende, dass ich auf das Goethe-Zitat aufmerksam wurde.

Macht der Titel für Dich auch in diesem Zusammenhang Sinn? Es gibt ja mehrere Deutungen, was Goethe gemeint haben kann. Eine ist, dass er das „Licht“ gesehen hat, von dem Menschen mit Nahtod-Erfahrungen berichten.

Mm-Hmm.

Die zweite ist, dass er mehr „Erleuchtung“ suchte. Dass er sagen wollte: „Ich bin noch nicht fertig mit der Welt, ich will mehr wissen!“ 

Yeah.

Drittens schließlich, ganz trivial: Er wollte, dass jemand den Vorhang öffnet.

Ich glaube, das war‘s. Er wollte ganz einfach nur, dass jemand den Vorhang öffnet.

Nun ist das Zitat hierzulande aber nicht zuletzt deshalb ein geflügeltes Wort, weil man es mit dem Streben nach mehr Wissen verbindet.

Ja, das ist, naja, das trifft jedenfalls eher, weswegen wir die Platte so genannt haben. Außerdem ging es auf der Platte ja auch um so manches sehr düsteres Thema, von dem wir fanden, dass es mehr ins Licht gesetzt werden muss. Dinge, über die die Leute ungern reden, die sie unter den Tisch kehren oder bei denen sie voreingenommen sind. Oder von denen sie einfach nichts wissen, weil sie ihnen verborgen werden. Das kann Persönliches sein, aber das können auch Dinge sein, die die Regierungen tun, die aber in den Medien bewusst ignoriert werden. Es können aber auch Geheimnisse innerhalb von Familien sein, die versteckt werden, Gewalt, Missbrauch. Alles mögliche Böse, das die Leute vor der Welt verstecken, weil sie sich schämen.

Dann wiederum, wenn ich morgens aufstehe, mag ich den Moment, wenn man die Vorhänge öffnet und von Licht überflutet wird. Das mag ich selbst, ich denke, das ist das Schöne an dem Titel, er wirkt auf so vielen verschiedenen Levels, es kann genauso gut um Regeneration gehen.

Es könnte auch um Eure Liveshow gehen, wenn ihr die Laser hoch fahrt.

Genau, das ginge auch! Aber eher nicht. Wir haben sogar schon mal einen unserer Licht-Techniker gefeuert, weil er es auf der Bühne immer zu hell für unseren Geschmack gemacht hat.

Ihr habt „2013“ als erste Single gepickt, was ja bereits für sich ein Statement ist.

Ja.

Wie fasst Du den Song für uns zusammen? Es ist deine Sicht zur Lage der Nation im Jahr 2013, zur Lage des Planeten?

Naja, es passieren sehr viele Dinge in diesem Song, es gibt mehrere Handlungsstränge. Das Hauptthema ist eine Kritik daran, dass in der Kunst, der Mode, der Musik, des Films, sogar des Journalismus, eine Revolution von rechts stattfindet, die niemand anspricht – und gegen die niemand protestiert. Wir leben heute schon wie in einem Science Fiction-Dystopia, die Leute machen einfach nur mit bei dem, was passiert – und es gibt keinen Widerstand. Es gibt keinen kämpferischen Aufruhr, aber auch keine Stimmen aus der Kunstszene, die sagen: „Das geht so nicht!“ Es ist, als wären alle Leute geblendet. Oder ruhiggestellt. Die Künstler sollten doch die Stimme des Volkes sein! Die Kulturschaffenden! Aber sie alle schweigen nur. Vielleicht sind sie alle zu reich? Hierzulande zumindest sieht es so aus, als ob die Künstler alle zum Establishment gehören wollen. Sie nehmen Ehrungen der Queen an! Sie haben Freunde bei der konservativen Partei! Aber Kunst sollte doch von draußen kommen, von den Außenseitern! Klar soll sie auch Teil der Gesellschaft sein, aber sie muss von außerhalb des Establishment kommen. Man hat doch einen Zweck als Künstler – klar soll man seine menschlichen Erfahrungen wiedergeben, aber man muss verdammt noch mal auch Kritik am verfickten System üben!

Darum geht der Song, irgendwie: Über die Massen der Leute, die ruhig gestellt sind, die vollgedröhnt sind nur einfach durch die Kultur – denn heute gibt es keine aufregende Kultur!

Ja, man hat oft den Eindruck, dass Leute, die Dissens äußern, marginalisiert werden.

Marginalisiert, aber auch lächerlich gemacht! Sie werden von der Rechten lächerlich gemacht! Die Leute, die auf die gleichen Schulen gegangen sind wie die Konservativen, sie sind jetzt Zeitungschefs oder Senderchefs, und sie arbeiten für das verdammte System!

Naja, wir kommen halt von den Idealen des Punkrock. Wir glaubten noch an die utopischen Visionen der 60s, wonach die Künste etwas Rebellisches sein sollten. Für uns wird Rock‘n‘Roll auch immer damit verbunden sein. Aber zur Zeit gibt es keinen Sex, keine Gefahr, keine Konfrontation in der Musik! Alle sind sie nur Jasager, gehorsam und da ist keine Gefahr mehr, keine Aufregung. Ich finde ja nicht mal, dass die Leute unbedingt politische Inhalte in ihren Songs haben müssen, aber ich suche wenigstens ein bisschen Wut oder Gefahr oder Konfrontation oder Sex und Drama! Aber alles ist so behäbig!

Darüber wollte ich fragen. Ich meine, natürlich fällt er auf, der Ärger auf Eurer Platte. Und wenn ich nme.com lese, mir fällt auf, dass es immer noch Leute Deiner Generation sind, Jarvis Cocker vielleicht oder Morrissey, die Sachen sagen, an denen man sich reiben kann. Dagegen Two Door Cinema Club oder Bastille – was haben die uns zu erzählen?

(verächtlich) Die haben keine verfickte Meinung! Zu nichts! Und weißt Du was, das hört man in ihrer Musik! Aber wenn Du auf eine Bühne gehst mit einem Mikrophon und das Singen anfängst, dann hast Du doch verdammt noch mal was zu Sagen zu haben! Wenn nicht – was willst Du dann da oben? Um Künstler zu sein, muss man was zu sagen haben! Da muss man der Welt was sagen wollen! Es gibt da Theorien – also ich, Jarvis Cocker, Morrissey, Typen aus meiner Generation, in ähnlichem Alter, plusminus ein paar Jahre, wir sind alle geboren in den 60s und wir wuchsen auf in den 70s. Damals wurdest Du automatisch politisch, durch die Dinge, die abgingen in Großbritannien. Man war polarisiert – der Klassenkampf war sehr offensichtlich, damals. Man musste sich auf eine Seite stellen. Was aber in den letzten Jahren massiv passiert ist, ist dass die jungen Leute entpolitisiert wurden. Die Industrialisierung hat eine Entpolitisierung mit sich gezogen. Unsere Art politischen Protests und unseren Dissens, die scheint es nicht mehr zu geben in der Kultur der jungen Leute.

Ja, die werden einfach abgelenkt. Auf Themen wie Fashion…

Ach, an Fashion bin ich selbst interessiert, ich bin dauernd beim Klamotten kaufen, dafür würde ich niemand kritisieren. Aber es ist so, in unserem Land wird ein echter Klassenkrieg ausgefochten. Von der Koalitionsregierung gegen die Arbeiterklasse. Aber niemand gibt ein Statement darüber ab. Die Leute wissen nicht mal, was da passiert. Weil alle darüber schweigen.

Und diejenigen Künstler, die den Mund aufmachen, werden als schwierige Typen dargestellt.

Oder sogar ausgelacht! Man sagt „Du Möchtegern-Revolutionär!“ Dabei weiss ich, wie viele Leute meiner Meinung sind, und dass viele so denken wie ich.

Glaubst Du denn, sie wird kommen, „die Revolution“? Historisch gesehen, glaube ich, kommen wir dem Punkt immer näher, an dem die Kluft zwischen den Haves und den Have-Nots so immens ist, dass Unruhen losgehen werden wie in Frankreich…

…1968?

Ich dachte sogar eher an die ursprüngliche französische Revolution. Oder an die russische Februarrevolution 1917. Andererseits, vielleicht haben unsere Herren uns tatsächlich so unter Kontrolle durchs Fernsehprogramm etc, dass das Fass erst überlaufen wird, wenn die kleinen Leute wirklich verhungern.

Sie pushen es derzeit wirklich ins Extrem. Ich weiss ja nicht, wie das in Deutschland ist, aber wenn man in die USA guckt und nach Griechenland, und im UK – ich kann ja nur für den UK sprechen – die Einschnitte! Momentan wird gekürzt bei den Sozialleistungen, bei den Schulen, den Krankenhäusern, der Sozialversicherung… das sind alles Schritte, die zur Verarmung der Bevölkerung führen und eine große Anzahl so richtig, richtig armer Menschen schaffen. Es gibt dafür einen Ausdruck: das Prekariat. Eine Klasse von Menschen, die in einer prekären Existenz leben, ohne langzeitig gesicherte Arbeit, nur mit Jobs für zwei-drei Wochen, mit Arbeitgebern, die sie auch nur kurzfristig und ohne Verträge einstellen, so dass die Arbeiter zu große Angst haben, gegen die Bedingungen zu protestieren an ihrem Arbeitsplatz. Sie geben sich mit geringsten Löhnen zufrieden, um nur überhaupt einen Job zu haben, sie werden komplett kontrolliert, und haben Angst, jeglichen Widerstand zu äußern, gegen ihre Lebensbedingungen, gegen ihre Arbeitsbedingungen. In Amerika machen sie das schon seit den 70s/80s, seit Reagan, aber jetzt ist es noch mehr zur Normalität geworden – und ich glaube, das ist Absicht. Man findet Dritte Welt-Lebensbedingungen in der ersten Welt, so ist das.

Inwieweit es Absicht ist, eine Klasse klein zu machen, weiss ich nicht mal. Ich denke, es ist einfach nur Egoismus und Gier von Seiten der Reichen, das fehlende Mitgefühl – und grobe Kurzsichtigkeit. 

Kennst Du die Künstlerin Tracey Emin?

Ja.

Sie ist befreundet mit dem Culture Secretary der Konservativen, Ed Vaizey. Die stellt sich ihn und sagt Sachen wie „Die Konservativen sind besser für die Künste“. Und während sie das sagt, kürzen die Konservativen die Unterstützung für Kunsthochschulen, für Schulen, für alles, das mit Kultur zu tun hat! Jugendzentren, alles was mit Kunst zu tun hat, wird zerstört! Um heute zur Kunsthochschule gehen zu können, muss man schon sehr betucht sein. Leute wie Alexander McQueen oder John Galliano, oder andere Freunde von mir, die in der Modeindustrie arbeiten, sie kamen aus der Arbeiterklasse. Heute könnten sie nicht mehr auf die Kunstschule gehen. In den 80s ging das noch, auch in den 90s. Denn mehrere Labour-Regierungen hatten es möglich gemacht, dass Kinder aus benachteiligten Hintergründen eben doch zur Universität gehen konnten, zur Kunsthochschule gehen konnten. Sie konnten eine gute Bildung bekommen und es kostete nicht viel, die Regierung kam dafür auf, denn der Gedanke war: Am Ende haben wir gut ausgebildete Leute, die durch ihre Arbeit dem Land wieder etwas zurück geben. Sie bereicherten das Land kulturell – aber darüber hinaus machte so jemand wie Alexander McQueen für Großbritannien auch viel Geld. Die Leute achten heute auf britische Mode wegen Leuten wie Alexander McQueen. Und Alexander McQueen kam aus einer Hochhaussiedlung in Stratham, East London. Sein Vater war Taxifahrer. Ein neuer Alexander McQueen von heute würde es sich nicht leisten können, auf die Kunsthochschule zu gehen! Professorin Louise Wilson, eine der Leiterinnen des St. Martins Art College in London, hat mir das persönlich gesagt! Lee McQueen war einer ihrer Schüler, und sie hat mir das gesagt! Sie sagte: Nur noch reiche Schnösel gehen heute auf ihre verdammte Schule! Und deren Arbeit sei abscheulich! Wenn Tracey Emin sich also hinstellt und sagt, die Konservativen seien besser für die Kultur, dann redet sich durch ihren beschissenen Arsch! Es ist entwürdigend! Und ihre Kunst ist eh scheiße!

Was ich immer so verrückt finde: Es gibt doch diesen Happiness-Index. Diese jährlichen Umfragen, in denen man ermittelt, in welchem Land die Leute am glücklichsten sind. Es gewinnen immer die Länder in Skandinavien – Länder mit hohen Steuern, aber dafür großer Gleichheit und sozialer Sicherheit. 

Soziale Demokratie, genau!

Wenn dort, sagen wir, eine junge Frau unerwartet Mutter wird, muss sie sich keine Sorgen machen, weil der Staat sich um sie kümmert. Es gibt ein Sicherheitsnetz für alle. Ich hasse diese Vorstellung der Republikaner in den Staaten – neulich erst sagte einer ihrer Köpfe „Wir erhöhen keine Steuern, denn wir werden den Menschen nicht noch mehr Geld stehlen!“

Ja, das Geld der Reichen stehlen! Die Reichen wollen nicht einzahlen wie alle Anderen, sie sind so gierig und egoistisch! Weisst Du was? Es IST der Klassenkrieg! Marx hat es perfekt benannt, als er es Klassenkampf nannte! Es ist Krieg der Reichen gegen die Armen! Und weißt Du was? Ein verdammtes universelles Klassen-Gewissen, ein universelles revolutionäres Gewissen – das ist es, was wir brauchen!

Ich kriege den Gedanken in meinen Kopf nicht rein, wonach Steuern gestohlenes Geld sein sollen. Es ist Geld, das in einen Pool kommt, von dem jeder wieder abkriegt!

Ja, die verwenden diese feuergefährliche Sprache wie „Steuern stehlen!“ weil sie wissen, dass jemand, der nicht besonders clever ist, sich denken muss: Ja, die Steuern, sie sind mein Geld, das die Regierung mir klaut! Den Leuten ist nicht klar, wo das verdammte Steuergeld hin geht!

Jetzt reden wir hier die ganze Zeit über Politisches, was natürlich auch wichtig ist im Zusammenhang mit Primal Scream. Aber wir reden nicht wirklich über die neue Platte.

Ja, reden wir über die Platte.

Eine Zeile gibt es da aber, die ich noch ansprechen wollte, die hier mit rein spielt. „Explode yourself in protest at the House of Lords“. Das kommt natürlich ganz schön radikal.

Also, der Song nennt sich „Hit Void“. Die erste Strophe ist noch eine Art Lovesong. Eins Lust-Song. In der zweiten Strophe geht der Protagonist dann auf eine Demonstration, und er glaubt, dass ein Art revolutionäres Bewusstsein in der Luft liegt. Aber in der dritten Strophe sind alle nach Hause gegangen, um das Champions League-Finale zu schauen. Das ist das Ende der Demonstration. Was ich damit eigentlich sagen will, ist: Wenn Du was ändern willst, und zwar wirklich, dann brauchst du das revolutionäre Bewusstsein dafür, eine Strategie, du brauchst eine Art von einem politischen Denkprozess, eine Ideologie, eine politische Philosophie. Irgendwo mache ich da auch einen Spaß, weil ich sage: Lies Marx und Engels, oder sei ein Situationist, wie Guy Debord. Man kann auch Extremist sein und sich vorm House Of Lords sprengen, aber was auch immer Du tun wirst, Du musst es gescheit machen. I‘m kinda havin‘ fun, you know.

Aber du bist selbst Fussball-Fan, richtig? Dafür bist Du bekannt.

Oh, ich liebe Fußball! Dagegen ging es nicht, es ging nicht gegen Fußball! Es war mehr so: Als es vor zwei Jahren in die Studentenproteste in London gab, gegen die Studiengebühren, da war lief es so ab: Die Leute kommen an, sie spielen einen Nachmittag lang verrückt, und dann vergessen sie alles wieder. Mein Vater war Politiker, und das ist eine Lebensaufgabe! Aber, also, mit dieser Zeile, da mache ich nur Spaß.

Die Sache ist ja die, es ist sehr schwer, konsequent zu leben. Ich stimme all dem zu, was Du sagst, aber andererseits schreibe ich für das Magazin eines Handelsgiganten.

Aber man muss ja auch von etwas leben! Ich sage ja nicht: Trete der Roten Armee Fraktion bei, oder so was. Das sage ich nicht. Ich sage nur: Ein revolutionäres Gewissen kann nicht zu einer Ware gemacht werden. Revolution kann man nicht kaufen wie einen neuen Fernseher. Aber ich habe dabei auch meinen Spaß mit Wortspielen. Guy Debord, der Sitiuationist, er hat das kommen sehen. Dass die Konsum- und Unterhaltungskultur eines Tages die Leute völlig kontrollieren und ruhigstellen würde. Ihnen das Gefühl geben, sie wären teil des kapitalistischen Systems – während das kapitalistische System sie komplett vergewaltigt, ihre Seelen vergewaltigt! All das Zeug ist in dem Song. Ich mache nur meinen Spaß. Die meiste Zeit hat man doch das Gefühl, dass man seinen Kopf gegen eine verdammte Wand schlägt! „Hit Void“, so fühlt sich das an, fange eine verdammte Revolution an, aber so oft hart man das Gefühl keinen Zentimeter vorwärts zu kommen, man fühlt sich hilflos, das ist der Song. Es geht um Frustration in dem Song, okay?

Ihr arbeitet ja gerne ziemlich listig. Ein Song wie „Walking With The Beast“: Da ist die Musik sehr harmonisch und melodisch, aber der Text extrem tough. Was sind die Gedanken hinter dieser Gegenüberstellung?

Das ist einfach Teil der Kunst. Der Kunst des Songwritings. Es auch mal so zu tun, wie Du es beschreibst. Sehr sanfte schöne Musik zu haben, aber auch ein hartes, dunkles Thema. Die schöne Musik lullt dich ein, sie verführt Dich, sie verzaubert dein Bewusstsein, du fühlst Dich relaxt und abgesichert – bis der Text anfängt. Es ist ja auch so: Wenn du jemandem sanft ins Ohr flüsterst, werden sie genauer auf das achten, was Du sagst. Wenn Du jemanden anschreist, wollen sie nur vor Dir weglaufen. Wir wollen ja was vermitteln, weißt Du?

Dissonanz setzt ihr aber auch gerne ein, wie auf „Relativity“

Ja. Genau. Das ist aber auch ein wirklich wütender, bösartiger, hasserfüllter Song.

Findest Du, das Album hat musikalisch einen roten Faden? Ich würde sagen, es sind brodelnde, moderne Variationen des Blues.

Yes! Das trifft’s sehr genau. Unser Take des Blues, das stimmt.

Ihr habt Euch bei diesem Album wieder ein Stück zurück gearbeitet Richtung „XTRMNTR“?

Finde ich nicht. Ich finde, was wir getan haben, war folgendes: Wir haben die Arbeit, die wir in den späten 80s und den frühen 2000ern gemacht haben, hergenommen, die Zeit, in der wir für Primal Scream eine Art eigene Sprache entwickelt haben – und dieses Mal haben wir sie auf den Punkt gebracht.

Mir macht die Platte jedenfalls sehr viel Spaß, denn meine Lieblings-Primal Scream-Platten, das ist die Troika „Vanishing Point“/“Xtrmntr“/“Evil Heat“

Oh, Danke.

Das waren auch Platten, bei denen Mani in Eurer Band war, der jetzt wieder bei den Stone Roses spielt. Den habe ich zu Eurer letzten Platte gesprochen, und ich sagte damals zu ihm: Eine Zeitlang, da waren Primal Scream wie Real Madrid zur Galacticos-Ära. Auf jeder Position der Beste seines Fachs!

Hahahaha!

Kevin Shields an der Gitarre, Mani am Bass… danach dann Little Barrie als Gitarrist, was war, als hättet ihr den jungen Messi gesignt.

Ja, genau. Auf dem Album spielt Barrie aber nur auf einem Song Gitarre. Die meisten Gitarren auf der Platte sind von Andrew Innes gespielt. Er ist aber auch echt fantastisch. Und Shields, Kevin Shields, er spielt Gitarre auf „2013“ gemeinsam mit Andrew Innes. Aber es stimmt, ich betrachte das wie ein Fußballteam. So sehe ich das.

Okay! Wer ist der Torwart?

Der Drummer ist der Torwart! Darrin Mooney.

Der Bassist ist dann die Innenverteidung?

Ja, Bass und Drums sind die Defensive,  der Keyboarder ist so zwischen Abwehr und Mittelfeld, während die beiden Gitarristen die Flügelstürmer sind. Ich bin natürlich der Mittelstürmer. Ha!

Wie rekrutiert ihr dann die neuen Bandmitglieder, jetzt, wo zum Beispiel Mani weitergezogen ist?

Einfach! Einfach jemand anders finden! Das ist gut! Wir stießen auf Simone Butler, und sie hat eine super Persönlichkeit und sie ist eine großartige Musikerin, es hat super funktioniert, also kriegte sie den Job!

Eure Band besteht heute also aus drei Urzeitmitgliedern und drei relativ Neuen. Ist es das, was die Band frisch hält?

Ja. Es funktioniert auf jeden Fall!

Auf jeden Fall ist es nicht so, dass Ihr Eure Alben nach Fließband abliefert. Jedes Neue ist wieder speziell und anders.

Jajaja! Das ist unser Ansatz! Wir wollen jedes Mal eine Platte machen, die anders ist als die Letzte! Wir wollen uns nicht wiederholen.

In all den Jahren, kam da jemals der Moment, in dem Du „Writer’s Block“ hattest und das Gefühl hattest, bereits alles gesagt zu haben?

Oh ja, schon immer mal wieder. Manchmal sucht man eine neue Art, zu schreiben, etwas Neues, das man sagen kann, und man verliert das Selbstbewusstsein. Damit können aber die Drogen etwas zu tun gehabt haben. So geht es aber wohl jedem mal. Auch wenn Du mit jemandem wie Nick Cave sprichst, würde er Dir bestimmt das Gleiche sagen. Sicher gab es auch bei ihm Zeiten, in denen er dachte: „Oh Gott, ich weiss nicht, worüber ich noch schreiben soll!“ Aber ich suche immer eine neue Art, eine Botschaft rüber zu bringen. Eine neue musikalische Sprache.

Diese Platte veröffentlicht Ihr auf eurem eigenen Label. Was hat das für Implikationen?

Naja, es ist unser Label, aber es wird veröffentlicht durch Ignition, das ist Noel Gallaghers Management Company. Das passt gut, ich bin happy, dass es so gelaufen ist. Wären wir auf der Sony, dann würden wir einfach verschluckt werden.

Habt Ihr Euch denn künstlerische Freiheit zugestanden, haha?

Ja, völlig! Völlige Kontrolle!

Und die Vertragsverhandlungen waren nicht so knifflig.

Nein, gar nicht.

Und das Label sagte gar nicht: „Wir brauchen aber noch eine Single!“

Nein nein, wir machten die Platte und gaben sie dem Label. Da war schon alles fertig.

Ignition übernimmt also praktisch die Rolle des Labels.

Ja, richtig. Und sie sagten die ganze Zeit: „Das ist die Single!“ „Nein, DAS ist die Single!“

Alles klar. Also, ich ritt jetzt gerade auf der Idee herum, dass Ihr Euer eigenes Label habt und dass Euch selbst die Anweisungen geben müsstet, die man von Labels sonst so ungern bekommt. Sollte witzig sein.

Ach so. Also, ich bin happy, das Ignition an Bord ist, das ist alles, was ich sagen kann.

So, meine halbe Stunde läuft so langsam ab – ich beende meine Interviews immer am liebsten mit einer Anekdote. Ich frage gerne nach dem irrsten Gig, den die jeweilige Band je gespielt hat. Ihr könnt ja auf eine lange Karriere zurück blicken, da gibt es eine Menge Shows, aus denen Du aussuchen kannst. 

Yeah, der irrste Gig… meine Erinnerung ist leider nicht so gut. Der irrste Gig…  Shit, Sorry. Ich erinnere mich nur an nicht lange zurück liegende Gigs… wobei, wir haben mal in Leeds gespielt, und die Bühne war genau über der Bar. Die Leute kauften sich ihre Drinks und wir waren genau oben drüber! Das war ein sehr sonderliches Gefühl. Das war in einer Disco, gar kein richtiges Konzert, es war auch keine gute Show. Unser damaliger Gitarrist ist damals ausgestiegen, mitten im Gig. Wobei, eigentlich war das gar nicht so verrückt.

Ach, und einmal waren wir in Japan, so in der Screamadelica-Zeit, 1991. Und da waren diese zwei Mädchen, Freundinnen der Band, sie kamen vorbei und sie brachten Mescalin mit. Die ganze Band nahm was, und vier Mitglieder der Band, die zwei Gitarristen, der Drummer und ich, kamen genau gleichzeitig auf den Trip. Das war ziemlich verdammt psychedelic.

Konntet Ihr den Gig noch spielen?

Aber klar! Hey, ich dachte, ich bin Jim Morrison! Ich weiß aber nicht, wie’s klang. Es klang gut für mich, wir alle guckten uns nur an und waren, so, „WOOOW!“ Ich weiss nicht, die Gitarristen haben vielleicht mit Schlangen gerungen, da liefen heftige, heftige Halluzinationen ab. Fühlte sich aber wie ein gutes Konzert an, ja.

Alles klar. Jetzt wird man uns gleich unterbrechen, wir sind nämlich schon knapp über der halben Stunde. Vielen Dank, das war unterhaltsam und informativ!

Okay!

Alles Gute und viel Erfolg für die Platte!

Vielen Dank, Bye!

Cheers!

SHOWstudio: 2013 – Primal Scream from SHOWstudio on Vimeo.

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