Vinterview: Shout Out Louds

Vinterview Shout Out LoudsEs ist Januar – da kommen einfach wenige Platten raus. Aber damit hier trotzdem was passiert, grabe ich im Archiv und krame in den kommenden Tagen ein paar vintage Interviews („Vinterviews“) hervor, die beim Umzug vom alten Blog auf den neuen verloren gingen.

Neulich präsentierte ich meine 16 Gründe, um sich aufs Indie-Jahr 2016 zu freuen (siehe unten). Einige der Bands, deren Namen dort fallen, habe ich auf dem alten Blog gesprochen – nehmen wir das doch zum Anlass, die Gespräche wieder abzustauben.

Die Shout Out Louds zum Beispiel traf ich das letzte Mal mit Aufnahmegerät, bevor ihr letztes Album „Optica“ erschien. Dieses Jahr soll der Nachfolger kommen, also erlauben wir uns doch den Rückblick auf meinen Stockholm-Besuch im Januar 2012.

Hurra, da ist es, das vierte Album der Shout Out Louds! „Optica“ ist so prima geworden, wie man es sich gewünscht hat. Verspielt, freundlich und irgendwie sonnig – was nicht zuletzt daran liegt, dass unsere fünf Freunde sich das Ziel gesetzt haben, „Licht in Musik zu übersetzen“. Aber davon sollen uns Adam Olenius und Carl von Arbin selbst erzählen.

Bitterkalt ist‘s in Stockholm. Ich soll Adam und Carl fürs Interview im Fischrestaurant „B.A.R.“ auf der Halbinsel Blasieholm treffen, aber ich bin früh dran und laufe noch ein bisschen durch die Gegend. Es ist später Nachmittag, aber lange schon stockdunkel. Wie immer um diese Jahreszeit in Stockholm, wir sind schließlich im Norden. Ich spaziere den Nybrokajen entlang, man kann die Lichter der Prachtallee Strandvägen sehen und wie sie sich im Wasser des Hafens spiegeln. Ein bildhübsches, farbiges Spiel aus Dunkelheit und Licht. Licht und Dunkelheit, das ist ja auch das Thema der neuen Shout Out Louds-Platte, fällt mir ein, und in einem Moment wie diesem macht es völlig Sinn, die Connections zwischen Musik, Rhythmik, Tönen sowie Farbe, Licht und Schwarz auf der anderen Seite zu deuten.

Adam und Carl treffen vor der B.A.R. ein, doch die Musik, die dort läuft, ist zu nervig. Wir entscheiden, einen anderen Ort aufzusuchen und gehen erst mal in den Proberaum, der nur wenige Häuser weiter liegt. Dieser sieht nicht anders aus als all die Proberäume von Hobbybands, die ich so kenne. Eng ist‘s und muffig, eher ungemütlich, Asam drängt nach draußen, „wir sind schon den ganzen Tag hier unten, ich muss was Anderes sehen.“ Also entscheiden wir, wieder weiter zu ziehen in die Bar eines Hotels ums Eck, aber nicht ohne dass ich ein paar Fotos des kleinen Kellers gemacht habe.

So, jetzt sind wir in der Hotelbar. Vorwarnung: Wir labern schon die ganze Zeit über dies und das, ein typisches Frage-Antwort-Interview wird dies also nicht. Als ich mein Aufnahmegerät anschalte, erzählt Carl gerade…

Carl: …gestern war ich im Kino. „Amour“ von Michael Haneke. Irgendwie ein depressiv machender Film. Und sehr lang.

Aber das ist schon irgendwie typisch Shout Out Louds, oder?

(Die zwei gucken mich fragend an)

Naja, weil es halt kein Action-Thriller ist. 

(Adam lacht)

Es ist ein Kunstfilm.

Adam: Klar, es ist ein Kunstfilm. Aber so heavy und depressiv wie Haneke sind wir ja wohl nicht.

Ja, klar. Kennt ihr Michael Hanekes gefaketen Twitter-Account? Der ist wahnsinnig witzig. Er macht sich da immer lustig über Terrence Malick, weil er weniger Palme D‘Ors hat. Da schmeisst man sich weg.

Adam: Ich hab ein bisschen Angst vor seinen Filmen, auch wenn ich ihn sehr mag. Die letzten zwei habe ich nicht geguckt.

Ich selbst hab nicht mal einen gesehen. Eben weil sie als so heavy gelten. Aber es sind halt Arthouse-Filme. Und ihr seid schon irgendwo eine Arthouse-Band, oder? Wenn man das vergleicht mit anderen? Das habe ich auch mal geschrieben, über Eure letzte Platte: Oasis zum Beispiel, die stehen für Selbstbewusstsein, vielleicht sogar übertriebenes Selbstbewusstsein oder welches, das fehl am Platze ist. Denn sie sangen „Tonight I‘m a rock‘n‘roll star“ noch bevor sie jemand kannte. 

Adam: Verstehe.

Die Shout Out Louds dagegen, sie stehen für mich für Zweifel. Für Verwunderung, sich-Hinterfragen, vielleicht Unsicherheit?

Adam: Nicht als Band, aber in unseren Texten vielleicht. In unserer Art, uns mitzuteilen. Unsicherheit…?

Carl: Vielleicht ist es eher ein Eskapismus.

Adam: Ja, schon. Also, ich finde nicht, dass ich… Okay, in meinen Texte, da stimmt das mit der Unsicherheit. Mit den Zweifeln. Oder den Mängeln, den Fehlern. Aber auch wenn da Unsicherheit ist, finden sich auch so einige gewagte Statements in meinen Texten. Und das Selbstbewusstsein wächst mit jeder Platte. Sicher werden wir in den nächsten Jahren trotzdem nicht das gleiche Ego haben, um die gleichen Zeilen zu benutzen wie Oasis. Da ist es mehr eine Einstellungssache als ein Gefühl. Aber du hast durchaus recht. Wir zeigen recht viel von uns selbst, wir sind sehr offen, was unsere Emotionen angeht. Oasis vielleicht nicht, haha.

Es ist eine gewisse Verletztlichkeit, die vielleicht auch eine bestimmte Art Hörer anspricht, während Oasis auch einen anderen Typ ansprechen. Okay, ich mag beides… aber vielleicht bin ich auch einfach so komplex! (das ist ein Witz, klar?!)

Carl: Willkommen im Club, Mann.

Adam: Komplexität, das ist unser Wort! Naja, sie haben ein so großes Publikum, da wird es nur einen kleinen Teil ihrer Fanbase geben, der sich speziell auf diesen Aspekt konzentriert. Für die meisten ihrer Fans sind sie einfach eine gute, freche Rock‘n‘Roll-Band. Uns sehen bestimmt auch ein paar Leute einfach nur als Rock‘n‘Roll-Band. Mei. Wir sind… eine Band.

Jetzt hast du gesagt, ihr werdet selbstbewusster. Das, finde ich, kann man an der Musik der neuen Platte hören. Sie klingt, als hättet ihr jetzt volle Kontrolle über die Musik. Womit ich sagen will: Nichts gegen die erste Platte, ich liebe sie, aber ein bisschen wirkte sie ein glücklicher Unfall. Als hättet ihr mal drauf los gespielt und das, das dabei heraus kam, war gut. 

Adam: Ja.

Diesmal klingt es, als hättet ihr ein viel klareres Bild davon, was ihr machen wollt, und dass ihr das jetzt konkret in die Tat umsetzen könnt.

Adam: Absolut. Es ist die erste Platte, die wir selbst produziert haben, und die erste, über die wir zu 100% Kontrolle hatten. Es ist die Platte, bei der wir sehr viel Zeit hatten, um uns eine Vorstellung darüber auszudenken. Nach der Tour zum „Work“-Album spielten wir noch ein paar Konzerte in Spanien, Portugal und Italien. Davor buchten wir vier Tage in einem Studio gemeinsam mit Johannes Berglund, der unserer Co-Produzent auf dieser Platte war. Da hatten wir noch keine Vision vom neuen Album, da wollten wir eigentlich nur Spaß haben und diese Vision entwickeln. Das Selbstbewusstsein kam dann sehr schnell, denn es lief so gut in diesen ersten vier Tagen im Studio, wie von selbst, von Anfang an. Irgendwie war das einfach alles sehr kreativ, und alles, was wir in den letzten zehn Jahren so gemacht hatten, war wieder da. Von da an konnten wir anfangen, den Traum zu bauen, sozusagen.

Das macht Sinn für mich. Ich erkenne in dem Album sehr viel von der Zweiten („Our Ill Wills“) wieder, aber schon auch von der dritten und der ersten. 

Adam: So empfinde ich das auch, aber vor allem gefallen mir die neuen Wege, die wir einschlagen. Speziell, was die Produktion angeht. Wir haben für uns einen, naja, nicht gleich psychedelischen, aber einen kreativeren Raum geschaffen. Licht war das Schlüsselwort, die Musik sollte hell sein und farbenfroh. Wenn man von der Sonne geblendet wird, oder wenn man am Morgen die Jalousie hochzieht – dieses Gefühl, wenn man innerlich warm wird, wenn auch deine Laune geblendet wird.

Carl: Dieses überwältigende Gefühl. Etwas, das dich einfach packt und hochzieht.

Ja, Bebban hat zu dem Thema dieses wirklich gute Presseinfo geschrieben. Da schreibt sie sehr klar und nachvollziehbar darüber, was Licht bei Schweden auslöst. Wobei trotzdem die Frage bleibt: Wie übersetzt man Licht in Musik?

Carl: Licht ist wie Liebe.

Adam: Aufgeregtsein. Kreativität. Wie übersetzt man das in Klang? Ich glaube, alle waren einfach in dieser guten Stimmung, und das ist, warum die Platte so wurde. Auch wenn das Ganze in einem Keller gemacht wurde und das Studio nicht unbedingt ein sehr schickes Studio ist. Es ist ja nicht so, dass wir einen Ausblick aufs Archipel hatten. Wir mussten da unten unser eigenes Licht, unseren eigenen Raum schaffen. Aber die Energie war da, deswegen kam auch all die gute Laune und das Licht in unsere Songs. Deswegen klingen sie so verspielt.

Gibt es einen bestimmten Klang, eine bestimmte Note oder Frequenz, die ihr mit Licht assoziiert?

Carl: Hehe, also, man kann ja keinen Lichtknopf drücken, wie in einem Hotel. Einen Lichtschalter gibt‘s nicht. Vielleicht sind es Schichten, aus Kontrasten, oder Widersprüchen? Zu wissen, man sollte eine gewisse Richtung nicht entlang gehen, aber man macht‘s trotzdem, und dann landet man irgendwo, wo man noch nie vorher war. Macht das Sinn?

Irgendwie schon. Als du das mit den Schichten und Kontrasten gesagt hast, zum Beispiel. Wenn man rotes Licht und grünes Licht übereinander legt, kriegt man weisses Licht. 

Carl: Stimmt, ja.

Adam: Wenn du jetzt nach bestimmten Klängen suchst – wir haben viele Keyboards auf dieser Platte verwendet, aber auch Gitarren, die wie Keyboards klingen. Und umgekehrt, Keyboards, die wie Gitarren klingen. Und wir haben uns Images gesucht: „Dieser Song soll wie ein Sonnenuntergang klingen“, oder „Dieser Song ist ein Flugzeug, das auf einem fernen Airport landet.“ Solche Vorstellungen. „Ein Auto, das durch die Nacht fährt“. So haben wir gearbeitet, und das mag ich sehr. Wir haben also sehr bildlich gearbeitet, und wir wollten, dass die Songs nach hellem Licht klingen, diese Energie sollten sie haben. Wir haben auch immer Fragen gestellt: Entspricht dieser Song dem, was wir wollen? Hat er das? Hat er diese Energie, diese Power? So haben wir uns vorher nie in Frage gestellt.

Carl: Wir haben uns nie vorher so gepusht. Es sollte so richtig aufblühend und reichhaltig klingen.

Adam: Ja, reichhaltig.

Carl: Wirklich wie ein Sonnenstrahl, der auf eine Lupe trifft. Damit kann man etwas anzünden, das ist die Kraft des Lichts.

In den Zusammenhang passt das Cover sehr gut. Die Kontraste, die hellen Buchstaben auf dem dunklen Körper.

Carl: Diese Projektion. Dass etwas auf sie projeziert wird.

Adam: Sie wird quasi berührt von den Händen des Lichts, sozusagen. Hoppla, hehe, also natürlich nicht unanständig. Sie wird berührt von der Musik.

Hast Du mir bei unserem letzten Interview in München, das war mit den Serenades, nicht erzählt, dass auf jedem Lied ein Instrument zu hören ist, das auf der Platte nur bei diesem einen Lied auftaucht?

Adam: Auf dieser Platte? Auf „Optica“?

Carl: Wovon redet ihr? Über die Shout Out Louds?

Adam war in München für die Serenades, zu dem Zeitpunkt arbeitetet ihr schon an der neuen Platte, und er hat darüber gesprochen.

Carl: Und dieses „Ein Song/ein Instrument“ galt für das neue Album?

Adam: Ich weiss nicht, ich erinnere mich nicht.

Ich bilde mir ein, du hättest so was gesagt. Aber vielleicht habe ich da ja was falsch verstanden. Dass jeder Song ein charakteristisches Instrument haben sollte.

Adam: Na, dann muss ich wohl meine Meinung geändert haben.

Zum Beispiel ist da die charakteristische Flöte auf…

Adam: … mehreren Songs.

Aber nicht immer die gleiche Flöte, richtig? Es gibt jedenfalls keinen klaren, einheitlichen Sound auf der Platte, wie es ihn auf „Howl Howl Gaff Gaff“ gab, jedenfalls der schwedischen Version. Da waren die Gitarren immer sehr ähnlich eingestellt.

Adam: Ja, die war noch sehr einfach, sehr debüt-mäßig. Jetzt hatten wir mehr Zeit, mehr Gerätschaften, ich kaufte dieses Keyboard, das wir viel verwendeten, weil wir wirklich viele gute Klänge darauf fanden.

Carl: Wir waren so lange dort, und Johannes hat 400 Knöpfchen, die wir alle ausprobiert haben.

Adam: Wir haben 400 Knöpfchen probiert.

Carl: 400 verschiedene Knöpfchen, haha, wir waren einfach so lange dort. Wir konnten einfach unsere Grenzen pushen.

Habt ihr dieses Gehör, dass ihr den Unterschied erkennen könnt, den jedes dieser Knöpfchen macht?

Carl: Aber klar doch. Dafür haben wir sie ja, all die Knöpfchen.

Adam: Dafür hatten wir ja Johannes.

Das finde ich nur recht faszinierend. Vor ein paar Jahren war ich mal in dem Schuppen, der damals Mando Diaos Probe- und Aufnahme-Raum war. CJ war der Knöpfchendrücker.  Samuel trommelte vor sich hin und CJ saß vor dieser Wand aus Reglern und drehte mal hier und mal da und er wusste genau, was er tat – aber für mich war kein Unterschied zu erkennen.

Adam: Ja, du und ich, wir hören aufs Gesamtbild und das scheint für uns okay zu sein. Aber ein Soundengineer, der hört auf die Details der einzelnen Frequenzen, fast wie ein Hund, und er kennt all die Knöpfe. Das ist natürlich auch eine Übungssache. Wenn ich das auch hören könnte – ich weiss nicht, ob das was für mich wäre. Das würde mich vom Gesamtbild vielleicht zu sehr ablenken. Aber sicher ist: Wir können jetzt mehr im Studio, wir kennen es besser, und wir wissen klarer, was wir wollen und wie wir dort im Studio hin kommen. Es ist schon ein anderer Level.

Ich mag die Songs. Ich glaube, die Platte könnte bis jetzt meine Lieblingsplatte von Euch sein.

Adam: Die jetzt? Danke!

Was mir gefällt, ist dass so viele Popsongs drauf sind. Ihr wisst ja, ich bin ein Popkid.

Adam: Wir haben an Dich gedacht, dieses Mal!

Ja, da sind so viele Songs dabei diesmal, die man im Atomic auflegen kann!

Adam: Au klasse! Ja, wir haben davon geredet, dass wir alles weiter pushen wollten. Wenn ein Song sich zum Popsong entwickelte, dann sollte er auch echt ausufernd und verspielt klingen. Dafür sollte ein dunklerer Song wie „Destroy“ oder ein relaxter Song wie „Circles“ auch entsprechend mehr danach klingen. Ich denke, wir haben jeden Song weiter in seine Richtung geschoben. Was eine Reaktion aufs „Work“-Album war. Das war sehr schwarzweiss. Dieses ist sehr farbig. Ich glaube, diese Energie, die wollten wir wieder rein holen.

Carl: Bei der letzten war ja auch das Cover schwarzweiss. Dieses Mal wird‘s digital.

Adam: Ich weiss aber nicht, warum es poppiger wurde. Ich denke… na, ich weiss nicht.

Als du die Serenades-Platte gemacht hast, hast Du mir von den Regeln erzählt, die ihr aufgestellt hattet. Gab‘s hier auch Regeln?

Carl: Ihr hattet Regeln?

Adam: Wir hatten Regeln. (gespielt aufgebracht) Hast du denn gar kein einziges Interview gelesen? Ja, wir hatten Regeln. Willst Du sie wissen?

Carl: Yea.

Adam: Eine Regel war… ääh…

Carl: „Redet nicht über die Regeln“?!

Eine war: Ihr singt immer zu zweit.

Adam: Genau.

Zweitens: Kurze Lieder. Und sonnige Lieder, oder frohsinnige. 

Adam: Genau, es sollten keinerlei zynische Elemente darin sein. Sie sollten auch in etwa die gleiche bpm-Geschwindigkeit haben. Wie ein Manifest. Wenn du aber fragst, ob diese Platte ein Manifest hatte?

Hätte ja sein können, dass Du anhand der Serenades-Platte gesehen hast: So ein Manifest macht Sinn, wir machen jetzt für uns auch eins.

Adam: Ich denke, wir hatten gar keine Regeln oder Vorgaben. Wir sind jetzt schon so lange zusammen, da sind unsere Regeln vermutlich schon vor zehn Jahren aufgestellt worden. Und das ist halt einfach, wie wir zusammen arbeiten.

Carl: Die Regel lautet: Regeln ignorieren! Es gab keine. So war‘s, wirklich! Wir haben dieses Element von hier, und dieses von da, und wir pushen uns, auch mal ganz woanders hin zu gehen als zuvor. Das war zumindest der Ansatz.

Adam: Also, ich denke mal, zu unseren Anfängen, in unserem ersten Monat als Band – da hatten wir keine Regeln, aber wir hatten all diese Gespräche: „So wollen wir klingen!“ Dieses Naive, das wollten wir haben. Aber wir haben auch nicht so viel drüber geredet, wir sagten nur: Das ist, was wir mögen. Und ich und Ted und Carl, wir hatten diese Drummachine und fingen an, Songs zu schreiben. Und wir sagten dann: „Okay, das mögen wir.“ Und so lief es weiter, von da bis an den Punkt, wo wir heute sind. Man bringt einfach alles ein, das man mag. Die Regeln in den Serenades hatten wir ja vielleicht auch, weil es eben nicht die Shout Out Louds waren. Weil das ja was Anderes sein sollte. Deswegen brauchten wir die Regeln. Um Raum zu schaffen.

Findest du das nicht nett, dass, auch wenn Ihr Euch in der Zeit so verzweigt habt, das Ergebnis so typisch Shout Out Louds bleibt?

Adam: Das passiert, weil wir halt so eine starke Einheit sind. Und so guten Geschmack haben, hihi. Daran denke ich, liegt das. Weil wir von Anfang an eine so gute Basis hatten. Wie unsere Persönlichkeiten ineinander verschwimmen.

Ich würde das unterschreiben, dass Eure Persönlichkeiten für eine Band etwas Besonderes darstellen. Hast Du das Gefühl auch manchmal, bei Festivals zum Beispiel, dass ihr Musik aus anderen Beweggründen macht als andere Bands?

Carl: Also, das ist wirklich schwer zu sagen.

Ich meine, es gibt schon die Bands, die sich erkennbar gründeten, weil sie Mädels beeindrucken wollten. Oder die die Bühne suchen, weil sie die Bewunderung brauchen.

Adam: Naja, wenn man Musik macht oder Kunst generell, will man auch zu einem gewissen Grad bewundert werden. Zumindest will man Feedback auf das, was man tut – aber natürlich kommt es immer darauf an, wie sehr man das zeigt.

Habt ihr das also nur sehr gut versteckt bisher?

Adam: Genau! Also, natürlich stand ich mit meiner Gitarre vorm Spiegel, als ich 14 war! Natürlich war Bandmitglied sein so etwas, wie Teil eines Clubs oder einer eigenen Welt zu sein. Ich glaube, jede Band, die auf einem Festival spielt, hat einen ähnlichen Traum, aber nur andere Arten, ihn auszudrücken. Und wir treffen definitiv Bands, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie uns ähneln. Wir wollen ja genauso spielen, und wir wollen wir selbst sein. Ich denke, die Unterschiede zu anderen Bands sind nicht groß. Es kommt nur auf die Jacke an, die man trägt.

Carl: Ich glaube, dass nicht mal wir fünf die gleiche Vorstellung, den gleichen Traum haben. Was am Ende dabei heraus kommt, ist dann der Wille der Gruppe. Wir wollen auf Leute zugehen, und das kann man auf verschiedene Weisen machen.

Es gibt euch jetzt zehn Jahre, richtig?

Adam: Als Band sogar schon etwas länger, aber die erste EP erschien vor zehn Jahren.

Ist die Band zu dem geworden, was Ihr Euch damals erhofft habt? Oder dachtet ihr von vornherein nicht, dass es so langlebig sein würde?

Adam: Ich denke, als wir angefangen haben und dann tatsächlich eine Platte machen konnten, da haben wir nur den Moment genossen. Und als wir dann noch eine machen konnten, war es genauso. Es wäre ja auch albern, zu sagen: Wir machen nur eine Platte! Vor allem, wenn man Ideen hat und Dinge ausprobieren will, wenn der kreative Funke da ist. Wir haben schon über unser „Our Ill Wills“ Album geredet, als wir noch „Howl Howl Gaff Gaff“ getourt haben, und wir redeten über „Work“, als wir noch „Our Ill Wills“ tourten. Ach, ich bin einfach happy, dass wir immer noch gute Freunde sind, und dass uns weiter gute Songs einfallen, dass wir immer noch was Neues schaffen und wir immer noch begeistert bei der Sache sind. Ich weiss nicht, ob die zehn Jahre das gebracht haben, was wir uns vorgestellt haben – aber ich weiss, dass ich sehr happy bin damit, wo wir gerade stehen.

Das mochte ich ja damals schon so, als ich mit Euch die Woche in Deutschland unterwegs war. Dieses Gefühl, dass ihr eine Gruppe Freunde seid, die gemeinsam etwas erlebt, als wäre es ein gemeinsam Urlaub, oder so.

Adam: Ja, genau so war‘s auch, und manchmal ist es immer noch so. Okay, heute wird uns leichter langweilig. Aber andererseits gibt es sie auf jeden Fall, diese Momente. Zum Beispiel, dass es morgen für Carl, Bebban und mich nach Berlin geht – wir freuen uns schon voll darauf, zu dritt unterwegs zu sein, zu Essen, uns auch mal zu betrinken, einfach Freunde zu sein und Spaß zu haben. Klar wird es auch viel Arbeit sein, aber dieses Bauchgefühl, das haben wir trotzdem.

Ihr bleibt gleich eine ganze Woche, richtig?

Carl: Montag bis Samstag.

Weil ihr dermaßen gefragt seid in Deutschland!
Adam: Jaha!

Ich dachte schon, vielleicht dreht ihr ja auch ein Video oder macht andere derartige Sachen. Aber dann wären ja auch Ted und Eric dabei.

Adam: Ted ist gerade in Hawaii.

Carl: Er macht unsere US-Promo, haha.

Adam: Ja, haha!

Von Hawaii aus.

Adam: Genau. Ich glaube, wir werden viele Fotosessions haben in Berlin. Unser Zeitplan sieht aus wie der von Mariah Carey. Aber das wird schon okay sein alles. Es wird Spaß machen in Berlin, und wir haben ja auch ein bisschen Freizeit.

Eine Sache, die Bebban schrieb, war, dass Ihr vor dem Studio saßt und Euch über Kometen unterhalten habt. Irgendwie hat mich das interessiert, hier nachzuhaken.

Adam: Das war, als wir uns über das Artwork unterhalten haben, als es darum ging, diese Idee mit dem Licht in etwas zu übersetzen, dass man auch erfassen kann. Wir sind dann in die Bücherei und haben uns viel ausgeliehen über Satelliten und Kometen und Sonnen. Es gab auch ein paar Aspekte in ein paar Texten, die dann aber letztlich nicht auf dem Album landeten, wo es um den letzten Tag auf der Welt ging. Was würdest du tun, wenn die Kometen kommen? Das hatte eine Weltuntergangs-romantische Szenerie.

 

Ich mag es, dass ihr fürs Plattencover in die Bücherei geht und Euch Fachliteratur ausleiht. Da sieht man mal, wie viel Gedanken hinter einem Cover stecken können! Wir, wir sehen das und sagen: „Mei, ein Cover halt“. Oft nimmt man nicht wahr, welche Theorie dahinter steckt.

Adam: Da reden wir gerne drüber, uns ist das durchaus wichtig. Klar will man‘s auch nicht übermäßig verkomplizieren, klar sollen die Leute auch einfach nur etwas fühlen, das zur Musik passt. Aber damit das klappt, muss man von unserer Seite aus vielleicht viele Gedanken reinstecken. Damit sich der Kreis schließt. Wobei wir darüber oft reden, es sollte nicht zu…

Carl: … nicht zu konzeptmäßig vielleicht? Nicht zu steif, irgendwie.

Adam: Genau.

Carl: Eine Naivität sollte erhalten bleiben, die hoffentlich rüberkommt. Natürlich mögen wir es, wenn da ein Konzept ist, das sollte aber nicht zu betont sein, es muss lebendig bleiben, es muss die Verbindung aufbauen.

Shout-Out-Louds-OpticaDas Schöne ist: Man kann das Cover ja trotzdem auch einfach nur als Cover betrachten. Mann muss Euch nicht jede um Ecke gefolgt sein, um den Ort zu schätzen, an dem Ihr angekommen seid.

Adam: Vielleicht ist es manchmal sogar besser, wenn man das nicht weiss. Wir haben es ja auch letztlich nicht zu kompliziert gemacht. Licht! Und so.

Ich mag die Platte sehr. Ich höre sie die ganze Zeit, seit sie mir vorliegt. Aber das, was mir schwer fällt, ist Fragen darüber zu stellen. Wir kennen uns vielleicht schon zu lange. Gibt es textlich einen roten Faden? Situationen und Beziehungen, das scheint er für mich zu sein. „Glasgow“ zum Beispiel scheint über eine Situation zu gehen, die Euch passiert ist.

Adam: Ja, stimmt.

Ich mag die Zeile, in der du lallst. Das ist witzig.

Adam: Das hat sich im Studio so ergeben, da fiel es uns ein, aber es passte zum Text. „Glasgow“ war erst der Arbeitstitel, aber dann hat es funktioniert und blieb so. Der Text findet in einer Art alkoholgetränkten Traumwelt statt. Das Ganze stammt von einen Abend, in Glasgow. Ich und Ted und unser Tourmanager waren abends unterwegs, und wenn sie die Kneipen dicht machen, geht es unglaublich zu.

Carl: Ich war auch dabei.

Adam: Du warst dabei?

Carl: Ich weiss noch, wir gingen in diesen Club, und all diese Leute kamen uns entgegen und kotzten draußen. Und wir so: Uuuuh!

Adam: Es ist, als wäre es die letzte Party auf der Welt, nur an jedem Wochenende.

Carl: Carpe diem. Nur mit Party. Mach Party, als müsstest du morgen sterben.

Na, was werden die Glasgower sagen? Das der Song über ihre Stadt ausgerechnet übers Saufen geht?

Carl: Ach, die werden sogar stolz sein darauf!

Adam: Ich habe mal ein Interview mit Arab Strap gelesen und darüber, wie sehr Alkohol da oben einfach zum Leben gehört. Irgendwie faszinierend ist das schon.

In Glasgow war ich noch nicht. Ich war mal mit einem Kumpel in Dublin unterwegs, nach einem Konzert, und auch da war es abends so, dass man das Testosteron in der Luft spüren konnte: Man dachte sich: Ich halte hier besser mal den Ball flach, denn hier wird man schnell eine aufs Maul kriegen. 

Adam: Ja, stimmt. Das gibt‘s, dass man diese Aggro spürt. Im „Glasgow“-Song geht es aber nicht um diese Feindschaft. Der findet nur innen drin im Kopf von jemandem statt. Was ja manchmal ein echt schöner Ort ist.

Obwohl die Platte unter dem Motto „Licht“ gemacht wurde, habt ihr ausgerechnet den langsamsten und dunkelsten Song der Platte, „Blue Ice“, als Teaser ausgewählt.

Adam: Yeah. Wobei, „Destroy“ ist eigentlich noch dunkler.

Ja? „Destroy“ kam mir gar nicht so dunkel vor. Okay, ich habe noch nicht so auf den Text geachtet, aber das Lied hat doch die nette Flöte und kommt doch ganz flott in die Gänge. „Blue Ice“ bewegt sich, wie sich Teer bewegt.

Carl: Haha, ja.

Adam: Sentimental gesehen ist „Blue Ice“ dunkler. Es berührt mehr eine Gefühlsseite. Mit der Produktion funktioniert der Song aber sehr gut. Wir wollten, dass es der erste Song ist, mit dem wir uns zurück melden, weil der Song noch aus den allerersten Studio-Sessions stammte. Obwohl er immer aus relativ wenigen Elementen bestand, klang er immer so voll. Von Anfang an klang der Song gut. Wir fanden einfach, es sei eine gute Tür, um mit ihr dieses Album zu öffnen. Ich bin happy, dass wir mit einem langsamen Song begonnen haben, der eine andere Seite des Albums zeigt.

Wenn ich bei einem Label arbeiten würde, würde ich halt nur sagen: Eine Band sollte mit einem Knall zurück kommen. Wie im Comic durch die Wand ins Bild springen: „Yeah! We‘re back!“ Und ihr klopft so schüchtern an: „Och, ja, wir sind übrigens auch wieder da…“

Adam: Ich verstehe, was Du meinst.

Carl: Aber wir müssen uns ja auch wohl fühlen dabei.

Der Song ist ein Grower. Es ist ein guter Song. Ich verstehe, warum man ihn als Band mag. Aber er ist halt langsam. Wenn man ihn zum 20sten Mal hört, sagt man: Hoppla, der Song hat wirklich was. Es ist nicht der Song, der dich umbläst, Whoosh! Aber – so sind eben die Shout Out Louds.

Adam: Ich mag das ja auch, wenn eine Band einen mit einem neuen Song umhaut. Aber es gibt uns jetzt zehn Jahre, wir können jetzt auch mal etwas langsam aufbauen. Klar, „Walking In Your Footsteps“, der Song hat mehr Power. Etwas mit so viel Power haben wir lange nicht mehr gemacht, etwas, das so reichhaltig, regelrecht abenteuerlich klingt.

Die Nummer hat einen Pophook.

Adam: Für viele Leute wird das der erste Song sein, den sie hören. Aber ich verstehe, was du meinst. Aber wir wollten es halt dieses Mal anders machen.

Und Du bist der Künstler, nicht ich.

Adam: Genau. (grinst) Und deswegen arbeitest du bei keiner Plattenfirma.

Vielleicht hätte ich ja all die richtigen Entscheidungen getroffen.

Adam: Bestimmt.

Ich bin aber nun auch mal verdorben. Unser Magazin ist nun mal das eines großen Ladens. Und ich bin verdorben vom Auflegen. Als DJ möchtest du eine unmittelbare Reaktion der Menge auf deinen Song. Wenn die ausbleibt, bleibt der Song nicht im Set. Wenn man an den Song total glaubt, probiert man es vielleicht trotzdem noch ein, zwei Mal, aber wenn er jedes Mal die Tanzfläche leer macht, werde ich ihn wohl nicht mehr einsetzen. 

Carl: Ist das die Story von „Blue Ice“, haha?

„Blue Ice“ habe ich noch gar nicht gespielt. Der Song wird dem Dancefloor einfach nicht gerade helfen.

Adam: Da stimme ich zu, der Song ist nicht für den Dancefloor. Es könnte vielleicht ein Rausschmeißer sein. Aber er ist nicht für die Disco gedacht. Naja, man trifft als Band so seine Entscheidungen, die müssen ja nicht immer richtig sein.

Wären wir heute in Berlin als eines der vielen Interviews, die ihr nächste Woche dort führt, dann hätte uns wahrscheinlich schon vor einiger Zeit der Kollege von der Plattenfirma unterbrochen.

Adam: Wie spät ist es denn jetzt?

Carl: Ich muss tatsächlich jetzt los, ich habe noch nicht gepackt für Berlin.

Adam: Ich auch nicht.

Dann vielen Dank fürs Gespräch und dass Ihr Euch für mich Zeit abseits der offiziellen Termine genommen habt! 

Adam: Gerne!

Carl: Wir sehen uns dann in München, ja?

Shout Out Louds – Blue Ice from Ted Malmros on Vimeo.

Shout Out Louds "Walking In Your Footsteps" from Ted Malmros on Vimeo.

Shout Out Louds – Illusions from Merge Records on Vimeo.

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