Review: Cheatahs

cheatahs-mythologiesCheatahs – „Mythologies“

Mein geschätzter Indie-DJ-Kollege Benny Ruess vom Revolver Club in Hamburg LIEBT die Cheatahs. Hingebungsvoll. Kein Wunder – wie ich ist er zur Wende der 80s auf die 90s mit Indie sozialisiert worden, also zur Zeit der Manchester Baggy Ära sowie des Shoegazing. Wenn wir kreischendes Feedback und sich auftürmendes weißes Rauschen hören, dann ist das für uns kein Lärm. Für uns ist es der Soundtrack der großen Versprechen des Lebens. Wir denken an die letzten Schuljahre, als man sich auf all das freute, das da draußen auf einen wartete. Wir denken an die Mädchen, in die wir im Gymnasium verknallt waren, an Biere am Baggersee und den ersten Sex. Also mir geht’s mal so – und ich unterstelle Benny einfach mal, bei ihm ist es ähnlich. Shoegazing-Gitarren und Säuselgesang sind ein Schlüsselreiz für uns, der uns immer „Hach!“ sagen lassen wird.

Trotzdem konnte ich ausgerechnet den Cheatahs bisher nicht so viel abgewinnen. Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen deswegen, weil Benny die so liebt. Als würde ich was falsch machen. Schließlich: Wenn es eine neue Band gibt, die sich treu ans Shoegaze-Regelbuch hält, dann ist das ja wohl dieses multinationale Quartett (Gesang: CAN / Gitarre: UK / Bass: US / Drums: D), das sich in London gründete. Aber auch wenn sie mich an so viele Lieblingsbands erinnerten, die Cheatahs selbst wurden keine.

Ich habe drüber nachgedacht und bin zu folgendem Schluss gekommen: Jede der Shoegazing-Bands, die ich so liebte, hatte so ihre Eigenheit: Ride waren die Romantiker, die unterm Feedback rosaroten Zuckerwattepop vergruben. Swervedriver waren die grobkörnigen Rocker aus der Mojave-Wüste mit den Halbtonschritten. Slowdive waren die Schwelgerischen, die in Wolkensphären schwebten, in Zeitlupe. My Bloody Valentine waren die Extremisten: Ihre Gitarren waren die schroffsten, aber auch die flüchtigsten, spinnweb-leichten Schleier – und ihre Stimmen zirpten noch leiser als die der anderen. Lush waren erstens Ladies und zweitens die Kristallinen. Interessant übrigens – alle fünf haben sich wiedervereinigt und tourten/touren/werden wieder touren.

Aber auch die anderen Shoegazer hatten ihre distinktiven Merkmale: The Boo Radleys waren die mit den verkappten Candypopsongs (und sie landeten konsequenterweise zu Britpopzeiten ja noch mal in den Charts), Revolver waren die lackiert Glänzenden, Chapterhouse waren die mit den Baggy Shuffle Beats. Sogar die schwedischen Nugazer The Radio Dept klingen unverwechselbar mit ihren pappkarton-dumpfen Beats aus dem Billig-Computer.

CheatahsWozu all die Vorstellungen der einzelnen Bands? Um zu demonstrieren: Dass den Cheatahs das eigene Merkmal fehlt, dass sie selbst individuell und unverwechselbar macht.

Okay, in Sachen Songwriting und ihr Aufbau von Dynamik sind sie ziemlich unorthodox: Sie setzen nicht auf Ohrwurmmelodien und straighte Beats – ihre Gesangslinien folgen eher Treppenläufen in einem Irrgarten und ihre Gitarrenriffs kommen manchmal rein wie ein wuchtiger Seitenwind. Aber auch das gab’s beides schon. Sagen wir’s so: Auf ihrem Debütalbum waren Cheatahs zu 70% Swervedriver, zu 15% MBV und zu 15% eine Grungeband a la Dinosaur Jr. Das ist sehr ordentlich. Aber für mich als jemand, der sowas vor 25 Jahren auf und ab gehört hat, trotz des Nostalgiefaktors zu durchschaubar.

Nun ist es Zeit fürs zweite Album des Vierers. Hat eine spürbare Veränderung, eine Emanzipation, stattgefunden? Swervedriver haben dieses Jahr schließlich ein starkes Reunion-Album hingelegt, da darf man schon fragen: Brauchen wir die Cheatahs noch, wenn die Originale wieder aktiv sind – und das so gut?

Harte Antwort: Ich kann ihr zweites Album vom ersten kaum unterscheiden. Ich habe den Shuffle-Test gemacht – beide Alben in einer Playlist, Zufallsmodus. Ich gab mir die Aufgabe, zu erkennen: Kommt der Song vom ersten Album oder vom zweiten? Und ich lag so oft falsch, dass die Male, als ich richtig lag, als Zufall gelten müssen. Drei Songs ragen trotzdem heraus: „Murikami“, auf dem Cheatahs japanisch singen, „In Flux“ mit seiner Krautrock-Motorik und „Channel View“ als ihr bisher vielleicht prägnantester Ohrwurm.

Was sagt das über „Mythologies“? Mei, wer grundsätzlich einfach auf den Sound des Shoegazings steht, der wird damit sicher trotzdem glücklich, denn verschwommene und staubige Gitarren gibt es hier im Überfluss. Ich für mich muss jedoch sagen, dass die Band die Zweifel, die ich an ihnen hege, mit der neuen Platte nicht ausgeräumt hat. Denn auch wenn die drei starken Tracks als Anzeichen gelten können, dass Cheatahs Potential für mehr besitzen, stehen sie doch auch dafür, dass sie dieses Potential auf den anderen Songs nicht abrufen und die Jungs insgesamt zu sehr auf der Stelle treten. Diese Stelle ist keine schlechte, sicher. Aber man darf schon auch mehr erwarten.

Ranking Cheatahs

Cheatahs – Seven Sisters [Official Video] from PIASGermany on Vimeo.

Signs To Lorelei (Official video) from PIASGermany on Vimeo.

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