How much is the fish? 300€!

So. Heute mal ein paar Worte über ein Thema, das mir schon länger auf der Seele liegt.

Gestern nämlich kam eine email ins Büro anlässlich der kommenden Tournee von Scooter. Aber es geht nicht um Scooter, um Himmels willen.

Es geht um folgendes: Man kann bei dieser Tournee Tickets in vier Kategorien kaufen: Das „normale“ Ticket. Das „Gold“-Ticket für 150€. Das „Platin“-Ticket für 200€. Und das „Titan“-Ticket für 300€.

Als Wahnsinns-Specials gibt es: Sicht auf die Show vom VIP-Podest, „Early Entry“ (man darf als Erster in die Halle) und 10% Merch-Nachlass (Gold-Ticket). Dazu kommen Poster, Meet & Greet mit Scooter inkl. Selfie-Schuß (Platin) sowie on top Extra-VIP-Pass, Autogrammkarte und „man erlebt 5 Songs direkt von der Bühne aus“ (Titan-Ticket)! Na super. 10% weniger fürs eh überteuerte Hoodie bezahlen, und die Halle als erster betreten dürfen, was für ein Luxus – endlich darf man länger auf die Show warten als alle Anderen!

Aber es geht nicht darum, dass Scooter (die vermutlich mit dieser Aktion selbst herzlich wenig zu tun haben und wenn überhaupt, nur einen Vorschlag eines Managements abnickten) hier ihre treuesten Fans schröpfen für einen minimalen Gegenwert. Das tun sie nämlich nicht. Auf die treuesten Fans zielen diese Angebote gar nicht ab.

Diese Angebote, die sich ausbreiten und die es auch schon bei diversen Festivals gibt (es werden inzwischen ganze Sektionen für Extrapreis-Passinhaber abgetrennt), richten sich nicht an Musikfans. Sondern an die Leute, denen es scheissegal ist, für ein Ticket 300€ zu bezahlen. Weil sie sich’s aus der Portokasse leisten können – und weil sie sich mit dem gemeinen Volk ungern einen Raum teilen. Es geht um das berühmte 1%. Der Teil der Gesellschaft, der einfach so viel Asche hat, dass Geld schon kein Zahlungsmittel mehr ist, sondern eine Absperrungsmaßnahme. Eine Grenze, die man zwischen sich und die Allgemeinheit baut. Hier wir, dort ihr. Hier kommt ihr nur rein mit: Geld.

Es ist aus Sicht der Tourneeveranstalter und Musiker ja sogar nachvollziehbar, dass so agiert wird. In Deutschland ist es wohl noch nicht so krass wie in den USA und im UK, aber wir äffen ja immer gerne nach, was dort passiert. Bernie Sanders zitierte erst diese Tage wieder in der Debatte der Präsidentschafts-Kandidaten der US-Demokraten, dass in den USA heute ein Promille der Bürger genauso viel besitzt, wie die unteren 90 Prozent.

Das heisst: Wenn man als Veranstalter also Geldpools anzapfen will, hat man in den USA (neben den 9,9 Prozent, die wohl noch sowas wie eine Mittelklasse ausmachen) zwei gleich große Pools zur Auswahl: Zum Einen uns Normalos, die breite Masse der Kleinen, die mit ihrem Gehalt von Monat zu Monat lebt und denen man für ein Konzert nur eine bestimmte Summe abverlangen kann. Dann ist da aber zweitens ein genau gleich großer Pool an Geld, der aber von einer ungleich winzigeren Clique verwaltet wird. Bisher zahlten diese Leute auf Konzerten gleich viel wie alle, was ja fast Verschwendung ist. Diesen Leuten, die ein x-Faches besitzen, muss man doch auch ein x-Faches abnehmen können – genau so wie es 30.000$-Handtaschendesigner oder Jetski-Hersteller tun und Steuerbehörden nicht. Ergo: „Titan“-Tickets mit VIP Pass und Sonderbehandlung und damit der Versicherung für den Käufer, was Besseres zu sein als die breite Masse!

Man kann argumentieren, dass es verschiedene Preisklassen immer schon gab – auch in der Oper gibt es die teure erste Reihe und billigere hintere Kategorie, im Flieger gibt’s ebenso Business Class und Holzklasse, auch im Fußballstadion gibt’s Stehplätze, Haupttribüne und mittlerweile auch VIP-Logen. VIP-Logen gab’s im Konzert halt bisher nicht, und jetzt wird ihr Äquivalent eingeführt. Statt Loge VIP-Podest und kurzer Aufenthalt am Bühnenrand. What’s the problem?

The Problem is, mich nervt’s einfach. Ist das noch Rock’n’Roll? Sollten Konzerte nicht irgendwie Gleichmacher sein, wo man gemeinsam Musik erlebt und scheissegal ist, ob neben dir ein Sohn vom Chef oder eine Kassiererin steht?

Ich sehe ein, es wäre dumm von den Agenturen und Veranstaltern, ja Vernachlässigung, diese Einnahmequelle nicht anzuzapfen. Man muss ja pro Show nur 20 „Titan“-Tickets á 300€ verkaufen und hat damit leichte 6.000€ extra gemacht. Scooter sind nicht die ersten, die VIP-Pässe verkaufen, nur diejenigen, die mir ins Auge sprangen. Garantiert werden sie auch nicht die letzten sein, ach was, jetzt geht’s erst richtig los! Im Left Shark-Kostüm für einen Song mit Katy Perry auf der Bühne hampeln für 5.000€, wie wär’s?! Oder zu Rihanna nach der Show mit unter die Dusche für 100.000€! (Klar trägt sie einen Taucheranzug, das stand so im Vertrag, aber hey, hier dein Glas Champagner!)

Ich bin pessimistisch, was die Wahrscheinlichkeit angeht, diese Entwicklung zu stoppen – die Wurzel des Problems ist ein gesellschaftliches. Die sich weiter öffnende Schere zwischen arm und reich, die uns in Geldadel und Plebejer aufteilt. So wird Geld also in Zukunft auch auf Konzerten die Funktion einer roten Kordel einnehmen, die Besucher in erste und zweite Klasse separiert.
Hurra!

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