Review: Deportees

Deportees – The Big Sleep

Sowas wie die Deportees sollte es eigentlich gar nicht mehr geben. Heute bleibt doch niemand mehr unentdeckt, wozu gibt’s schließlich das Internet? Wie kann es sein, dass eine Band, die in ihrer Heimat – immerhin Schweden, kein weisser Fleck auf der Musiklandkarte – zu den Top-Kritikerlieblingen gehört und deren Drummer für ihre Liveshows von Phoenix(!) rekrutiert wurde, auch elf Jahre nach ihrem Debüt keinen gescheiten internationalen Deal hat? Obwohl ihr bisheriges Schaffen herausragend ist, vor allem ihre letzten zwei Alben „Under The Pavement, The Beach“ (2009) und „Islands & Shores“ (2011)? Werden sie das mit ihrem fünften Album endlich gerade rücken?

Nun, ich befürchte nicht. Auch „The Big Sleep“ wird nicht die Platte, die Deportees endlich international etabliert. Denn um international was zu reissen, braucht man einen Hit. Aber Hits, das ist nicht die Währung, in der die Deportees bezahlen.

Klar, sie haben in ihrer Karriere schon Knaller wie „Champagne Eyes“ oder „Missing Me, Missing You“ geschrieben. Melodien, die sofort ins Ohr flutschen. Aber ihre Herangehensweise an Gitarrenpop, die ist grundsätzlich eher subtil. Die Brüder Peder (Gesang) und Anders Stenberg (Gitarre), Keyboarder Mattias Lidström und Drummer Thomas Hedlund schreiben die Art Songs, die erst beim fünften, sechsten Hören greifen. Sie fahren kein mitreissendes Tempo und nutzen keine fetten Rhythmen, um den Hörer abzuholen. Sie packen den Hörer nicht am Kragen und schütteln ihn nicht durch.

Die Qualität des Quartetts aus dem Kleinstädtchen Vindeln bei Umeå ist ihre Sorgfalt. Hier sitzt jeder Ton. Achtet mal auf die Gitarren von Anders Stenborg: Wie nuanciert der spielt, wie er die Klänge so akkurat pickt, wie ein Maler seinen Farbton! Es ist eine Taktik, die die Band auch bei den Keyboards und den Drums verfolgt, ebenso, wenn sie mal Bläser einsetzt. Jeder Song ist letztlich ein wolkiges, atmosphärisches Klangkonstrukt. Aber es sind Songs, die man sich erst mal erhören muss. Denn wenn man nicht aufpasst, wird es passieren, dass sie an einem vorbei schleichen. Dass man die Lieder einfach nur als unspektakulär dahin plätschernde Songs zwischen Indie und Gitarrenpop wahrnimmt.

Auch ich bin fast wieder drauf reingefallen. Beim ersten Durchlauf des Albums war ich regelrecht enttäuscht. Auch mir ging es so, dass ich zuerst dachte, diese Platte sei ja wohl ein bisschen müde geraten und komme nicht in die Gänge. Zum Glück weiss ich inzwischen, dass man den Deportees immer ein bisschen Zeit geben muss. Ich bin jetzt beim siebten Durchlauf und in der Tat, die Songs, sie entfalten ihre Wirkung. Auch die Balladen.

„Out Pretending“ ist ein passender Einstieg in die Deportees-Welt. Ein Schleicher, der still zu stehen scheint und erst nach zwei Minuten zu brodeln beginnt. Dann ist er auch schon vorbei, just, als man darauf wartet, dass er loslegt. Aber los zu legen, das wäre die erwartete Lösung. Sowas machen Deportees nicht. Statt dessen kommt der nächste Song „Dark Horse“, um mit großformatigem Klangbild auf der Spannung aufzubauen.

deporteespicEs folgt „Love Me Like I’m Gone“, die erste Single der Platte und vielleicht ihr offensichtlichster Ohrwurm. Eigentlich ein Song mit dem Zeug zum Hit, wäre der Rhythmus etwas flotter. Mein Highlight ist „Terrible Machine“, dieser Song basiert auf einer Gitarrenloop, die leicht verstimmt klingt und dadurch zum Hinhörer wird. „Born To Be Loved“, gleitet im Midtempo dahin, „A Shelter And A Storm“ bremst wieder fast bis zum Stillstand ab. Bleiben nur noch zwei Songs auf diesem kurzen Album: „Hard Rain“ und „Terror“, mit 129 bzw 131 bpm erstaunlicherweise die zwei flottesten Lieder der Platte. Erstaunlich insofern, als man im Tracklisting ja normal nicht so vorgeht. An den Schluss stellt man normal die Balladen. Andererseits, klar, Fetzer sind dies nicht. Wir reden hier von den Deportees, also sind dies zwei subtil-melancholische Gitarrenpopsongs, die halt nur ein kleines bisschen schneller fließen.

Ich sagte bereits, man wird diese Platte öfter hören müssen, um sie zur Entfaltung kommen zu lassen. Trotzdem denke ich, es ist kein Schnellschuss, wenn ich feststelle, dass „The Big Sleep“ zwar sehr gelungen ist, aber an seine zwei Vorgänger nicht heran kommt. „Islands & Shores“ war viel variantenreicher, „Under The Pavement, The Beach“ hatte mehr emotionale Tiefe. Ich weiss nicht, ob Anders Stenberg damals gerade von seiner Freundin verlassen worden war, aber auf dem 2009er-Album, da sang er auf eine Weise von Trennungsschmerz, die extrem nachvollziehbar und mitnehmend war. Auf den anderen Deportees-Alben scheint es bei den Texten jedoch eher darum zu gehen, im Song gut zu klingen, als Inhalte zu übermitteln.

Nun gut. Auch wenn die Deportees schon stärkere Alben in ihrer Diskographie vorweisen können, ist dies immer noch feinsinniger Gitarrenpop auf enorm hohem Niveau. Seid wie gesagt vorgewarnt: Dies ist keine Platte, auf der ein Feuerwerk abgeschossen wird – es ist das Prinzip der Deportees, sich niemandem aufzudrängen und eher unspektakulär daher zu kommen. Manch einer wird die Platte daher vielleicht einfach nur langweilig finden. Aber wer für sowas empfänglich ist, der kann dies als zart auf der Zunge zergehendes Schmankerl geniessen.

deportees wert

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