Review: Mercury Rev

mercury-rev-the-light-in-you22Mercury Rev – „The Light In You“

Es wird niemanden von Euch überraschen zu lesen, dass ich immer schon Nerd war. Ich weiss noch, wie ich kurz nach Weihnachten 1991 zu Hause im Allgäu auf meinem Zimmerboden meine 25 Lieblings-CDs des Jahres 1991 ausbreitete und eine Hitliste aufstellte. „Yerself Is Steam“ von Mercury Rev war Rang 2. (Ich erinnere ich mich nicht mehr, was mein Rang 1 war. Aber „Raise“ war sicher in den Top Ten, „Whirlpool“ sicher auch weit oben, so wie „Leisure“, „Bandwagonesque“, „Loveless“, „The Real Ramona“, „Trompe Le Monde“ und „Just For A Day“. 1991 war ein gutes Jahr. Wow, manche meiner Freunde waren da noch nicht geboren.)
So gerne mochte ich Mercury Rev, diese transzendenten schrägen Vögel, die Symphonien mit dem Staubsauger zu schreiben schienen, dass ich nie zugeben konnte, wie wenig mir eigentlich ihr sperriges zweites Album „Boces“ gefiel, nach dem sie ihren Sänger David Baker rauswarfen (was okay war, denn die besten Songs wie „Car Wash Hair“ oder „Chasing A Bee“ stammten immer schon aus der Feder von Jonathan Donahue und Sean Mackowiak alias „Grasshopper“.) Auch „See You On The Other Side“ konnte ich dann nicht ungekauft im Regal meines CD-Dealers stehen lassen, das war wieder viel besser, aber noch ziemlich verquer und verwirrend.

Aber der große Höhepunkt des Schaffens dieser Band, das war natürlich „Deserter’s Songs“, 1998. Das ist das Album, weswegen man die Band kennt, und zu Recht. Es ist eine der besten zehn Platten, die je gemacht wurde und wenn ihr sie nicht im Plattenschrank stehen habt, stellt euch bitte verschämt in die Ecke – morgen dürft ihr wieder raus, wenn ihr versprecht, es euch anzuhören. Was ihr hören werdet, ist ein Rundumschlag der amerikanischen Musikgeschichte, ein schwelgerischer Sphärentanz, der Gershwin und Walt Disney-Soundtracks in den Kosmos der Flaming Lips beamt.

Mercury Rev konnten „Deserter’s Songs“ bis dato nicht noch mal erreichen. Das lag auch daran, dass „Deserter’s Songs“ aus echter Verzweiflung geboren wurde. Eigentlich hatte die Band sich nach den Misserfolgen von „Boces“ und „See You On The Other Side“ längst getrennt, das aber nie bekannt gegeben, weil sich ja eh niemand mehr interessierte. Grasshopper hatte sich sogar in ein Kloster zurück gezogen, als plötzlich ein Scheck für ein neues Album in den Schoß der Band flatterte. Ja, damals gab’s noch Geld in der Musikindustrie. Virgin-Gründer Richard Branson wollte ein neues Label namens V2 aufbauen und suchte dafür dringend Bands, die schon einen Namen hatten, sei der auch noch so ruiniert.

Mercury Rev, die sich selbst schon abgeschrieben hatten, nahmen an – aber ohne jegliche Erwartungen und Hoffnungen. Sie gruben, in der Annahme, danach nie wieder ein Aufnahmestudio von innen sehen zu können, noch mal in den tiefsten Abgründen ihrer Seele und nutzten das unerwartete Budget, um Instrumente vom Waldhorn bis zur Theremine aufzufahren. Für „Endlessly“ wurde sogar eine Sopranistin wurde engagiert. Niemand war überraschter als die Band selbst, dass das Ergebnis auf solche Begeisterung stieß – der NME kürte „Deserter’s Songs“ zum Album des Jahres 1998.

mercury revDanach waren Donahue, Grasshopper und ihr wechselndes Team von Bandmitgliedern hörbar mit sich selbst im Reinen. Ab jetzt waren ihre Alben zwar immer noch wunderbar bombastisch im „Deserter’s Songs“-Stil – aber sie waren sonniger, ohne Dämonen. Beim Album „The Secret Migration“ (2005) kippte das ins Hippie-eske. Ihr letztes Album „Snowflake Midnight“ (2008) wurde von der Welt nur noch beiläufig wahrgenommen.

„Snowflake Midnight“ ist sieben Jahre her. Die lange Pause deutet an: Wie „Deserter’s Songs“ ist auch „The Light In You“ eine Rückkehr. Wieder waren Mercury Rev in einen Winterschlaf gefallen, wieder war ihre Zukunft ungewiss, wieder wurden sie zwischen den Alben vor existentielle Fragen des Lebens gestellt: In der jüngeren Vergangenheit verlor Donahue durch Hurricane Sandy sein Haus, Grasshopper ist frischgeborener Vater, aber seine Mutter ist an Alzheimer erkrankt.
Es mag billige Hobby-Psychologie oder reine Einbildung sein, wenn man behauptet, dieses Große Ganze in der Musik von Mercury Rev hören zu können. Aber ich sage einfach mal: Mercury Rev klingen wieder so vieldimensional, so ehrfürchtig erstaunt vor der Gewalt des Kosmos, wie sie es seit „Deserter’s Songs“ nicht mehr getan haben.

Mercury Rev, das ist orchestrale Klangmalerei zwischen spinnenwebfeiner Grazilität und Urknall- Wucht, mit Pauken, Glockenspiel, Flöten und Klarinetten. All das gibt’s auf einmal, schon im ersten Song, „The Queen Of Swans“. Das ist dick aufgetragener Popanz, okay, aber den Mut muss man erst mal haben, das so durchzuziehen. Donahue malt hier immer wieder solche Prachtschinken auf überdimensionierten Leinwänden, aber zum Glück schreibt er auch immer wunderbare, schlichte Melodien, Popsongs fast, die bei allem Bombast den Fokus bilden und die luftigen Höhenflüge fest im Song verankern. Dabei gibt es auch Momente wie „Emotional Free Fall“ oder die Single „Are You Ready“, in denen Mercury Rev das Tempo anziehen, Dynamik und Rhythmus in ihre Welt einführen. Das gibt „The Light In You“ ein großes Spektrum – von den Dornröschen-Spieluhr-Klängen in „Moth Light“ bis zum Pauken-und-Bläser-Stampfer „Rainy Day Record“ ist alles geboten.
Also: Wer Mercury Rev bisher nicht auf dem Zettel hatte – was nachvollziehbar wäre, die Band lag schließlich lange genug auf Eis – der sollte diesen orchestralen Sonderlinge mal eine Chance geben, ihn zu überwältigen. Wer die Band lange schon liebt, dem sei gesagt: „The Light In You“ ist zwar kein „Deserter’s Songs“, aber nach langer Zeit mal wieder nahe dran.

mercury rev wert

Mercury Rev – Are You Ready from Bella Union on Vimeo.

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